Viertes Kapitel

Alexis' POV

Die Zugfahrt war absolut langweilig. Wir fuhren fast eine Stunde lang. Wir hatten uns Kopfhörer in die Ohren gesteckt und redeten nicht. Katie spielte auf ihrem Handy und ich saß stillschweigend auf meinem Sitz bis ich irgendwann eingeschlafen war. In der Nacht zuvor hatte ich kaum schlafen können. Zu viele Gedanken wirbelten in meinem Kopf.

Kat weckte mich„Alex, wir sind da."

Ich nickte verschlafen und wir holten unsere Koffer.

Wir stiegen aus und riefen uns ein Taxi. Ich sagte dem Taxifahrer die Adresse. Nervös strich ich mir zum gefühlten zehnten mal die Haare auf die andere Seite.

„Jetzt hör doch mal auf so nervös zu sein!"fuhr Kat mich an„Du weißt doch, dass ich auch immer nervös werde, wenn jemand nervös ist!"

„'Tschuldigung, dass ich mir Sorgen mache."murmelte ich vor mir hin.

Sie schnaubte nur beleidigt.

„Wir sind da."sagte der Fahrer, als er anhielt. Wir stiegen aus, holten unsere Koffer, wobei der Fahrer uns freundlicherweise half.

„Das macht 15 $."meinte er. Ich nickte und gab ihm das Geld. Dann fiel mir noch was ein.

„Wissen Sie, wo der nächste Einkaufsladen ist?"fragte ich ihn.

Er zeigte in eine Richtung„Da lang und dann rechts."

Freundlich lächelte ich ihm zu„Danke. Tschüss."

„Tschüss."Er fuhr los.

Ich drehte mich um und sah mir das Haus an. Es war in einem milden Grauton angestrichen und hatte scheinbar zwei Etagen. Wir schleppten unsere Koffer die drei Treppenstuffen zur Wohnungstür hoch. Ich nahm den Schlüssel aus dem Blumentopf, der davor stand, und schloss auf. Da war eine kleine Couch, ein alter Fernseher und ein Esstisch mit fünf Stühlen. Eine Tür ging zur Küche ab. Links daneben ging eine Treppe nach oben. Ein Keller gab es anscheinend nicht.

„Oben sind wahrscheinlich unsere Zimmer."sagte ich in die angespannte Stille des Hauses.

„Wetten unsere Zimmer sind total klein? Vorausgesetzt wir bekommen ein eigenes."fügte sie hinzu.

'Mir wäre es lieber, ein gemeinsames Zimmer zu haben.'dachte ich still 'Sicherlich haben die Typen ein eigenen Schlüssel.'

Ich verbat mir diesen furchterregenden Gedanken und schleppte mein Koffer und eine Tasche (Ich brauchte eben soviel Platz und ich konnte nicht so gut Koffer packen...) nach oben.

Der kleine Flur war in einem Lachston gehalten. Es gab zwei Türen.

Für eine Sekunde schloss ich die Augen und atmete tief durch. Erst dann ging ich in das erste Zimmer. Dort stellte ich alles ab und ließ mich aufs einzige und ziemlich kleine Bett im Zimmer fallen. Mein Arm legte ich über meine ermüdeten Augen.

Dann rumpelte es, als Katie ihren Koffer hoch trug.

„Oh, das ist doch wohl nicht euer Ernst!"rief sie plötzlich, als sie vor dem anderen Zimmer stand. Ich stand wieder auf und sah, wie meine Schwester vor ihrem Zimmer stand.

Verwirrt kam ich zu ihr und sah in das andere Zimmer. Wo ich ein Bett und ein Schrank erwartet hatte, standen eine Toilette, ein kleines Waschbecken, eine Waschmaschine und ein Trockner.

Nicht. kapitelüberschrift

Wahr.

'Was tu ich jetzt? Was tu ich jetzt?'fragte ich mich.

Die Antwort war so einfach, dass ich mir wünschte alles wär so leicht.

„Geh in das Zimmer mit dem Bett."wies ich sie an.

„Und wo schläfst du?"fragte sie verwirrt.

Gute Frage...

„Auf dem Sofa oder so. Ich lass mir schon was einfallen."beruhigte ich sie.

Also packte ich meine Sachen weg und ließ Katie rein.

Auf dem Esstisch lag wieder ein Umschlag. Darin stand, dass wir auf die Saint – Lennox Schule gehen würden, dass unsere Schulkleidung im Schrank sei und wir die Schulbücher da bekommen werden. Außerdem stand da nicht nur unser gefälschter Lebenslauf, sondern auch die Tagesabläufe unserer Opfer. Ach, und falls jemand fragte, unser Vater war Pilot und unsere Mutter Managerin eines großen Unternehmens. Beides Jobs, wo man viel verreisen musste. Wir waren hierher gezogen, weil unsere Oma gestorben war. Unser Vater stammt ursprünglich aus London, aber dann hat er Mom kennengelernt und zog zu ihr in ein kleines Dörfchen.

Dann gab es noch ein Telefon mit sicherer Leitung, über dem 'mein Boss' anrufen konnte, dreihundert Dollar und ein Busplan zur Schule. Gleich morgen mussten wir dahin.

Ein paar Stunden später wälzte ich mich auf dem Sofa hin und her. Wie sich herausgestellt hatte, konnte ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, meine kleine Schwester allein in ihrem Zimmer zu lassen. Also musste ich mir irgendwas anderes überlegen. Ich nahm die Decke und zwei Kissen, und legte mich vor ihrer Tür hin.

Überraschenderweise schlief ich schnell ein.

Nächster Morgen...

„Alex, hast du hier etwa geschlafen?!"weckte mich eine Stimme irgendwann.

Blinzelnd sah ich meiner Schwester ins Gesicht und nickte.

„Man, dann ist es ja ernster, als erwartet."murmelte sie vor sich hin.

„Ich hab ein steifen Nacken."jammerte ich und legte die Hand an die schmerzende Stelle.

„Na los, Schwesterchen, steh auf."meinte sie. Bildete ich mir das ein oder war da so ein liebevoller Ton in ihrer Stimme?

Neee...

Ich ließ mich hochziehen und gemeinsam gingen wir runter.

Wir waren gestern noch einkaufen gewesen, also hatten wir genügend zu essen. Wir aßen schnell unser Frühstück und machten uns fertig. Im Schrank waren unsere Schuluniform. Ein weißes Hemd, eine marin rote Krawatte, mit einer blauen Jacke, die mir etwas zu klein war, eine dunkle Leggins und einen Rock.

Ich zog meine Lieblingsstiefel dazu an und Kat ihre schwarzen Snickers.

„Warum muss man überall Schuluniform tragen?"hörte ich meine Schwester fragen und schmunzelte.

Dann noch schnell ins Bad und wir waren fertig.

Mit dem 200'er Bus, den wir fast verpasst hätten, fuhren wir zur Saint – Lennox Schule. An der Clifford Haltestelle stiegen zwei Kinder ein, die ich sofort wiedererkannte. Justin und Emily de Villiers.

Ihre Uniform sah aus wie unsere, nur das er natürlich eine Hose trug. Ich sah krampfhaft nicht zu ihnen und stupste Katie an, als sie wirklich auffällig zu ihnen rüber sah.

„Du bist total auffällig."zischte ich ihr leise zu.

„Würde ich nicht machen, wenn ich alles wüsste."gab sie im gleichen Tonfall zurück.

Ich schnaubte„Doch, würdest du."

Der Bus hielt und wir stiegen aus.

Nach gefühlt stundenlangen Durchfragen („Verdammt, warum war diese Schule so riesig?") fanden wir das Sekretariat.

Die Empfangsdame sah auf„Hallo, seid ihr die Campals?"fragte sie. Ich war wirklich überrascht, als ich bemerkte, dass ihr Lächeln aufrichtig war. Ihr wisst gar nicht, wie viele Menschen ihr Lächeln vortäuschten. So wie ich grad.

„Genau. Hallo. Tut mir leid, dass wir zu spät dran sind, aber die Schule ist so groß, wir hätten uns fast verlaufen."

Sie lächelte amüsiert„Ja, die Neuen verlaufen sich hier öfters, aber man gewöhnt sich dran. Hier sind eure Stundenpläne und eure Schließfachnummern. Wenn ihr rechts zurück geht, findet ihr sogar einen Gebäudeplan, damit ihr euch nicht verläuft."fügte sie mit einem Zwinkern hinzu.

„Danke. Auf Wiedersehen, Miss Johnsen."verabschiedete Katie sich schmunzelnd.

„Tschüss, Kinder, viel Spaß!"rief sie uns hinterher.

„Wie kann man in der Schule bitte Spaß haben? Vor allem am ersten Schultag."fragte ich leise, als wir draußen waren.

Kat zuckte mit den Schultern„Ein typischer Erwachsenen Spruch halt. Sie werden es nie lernen."

Mit sie waren natürlich die Erwachsenen gemeint. Dann trennten sich unsere Wege.

„Sei vorsichtig, Katie. Geh mit keinen Fremden weg"Hier verdrehte sie die Augen„und freunde dich mit du weißt schon wen an. Ich weiß, dass du das schaffst."ermutigte ich sie.

„Du willst, dass ich mit mit Voldemort anfreunde?"fragte sie gespielt schockiert, bevor sie wieder ernst wurde„Keine Sorge, wir schaffen das schon."

Ich nickte und ging meines Weges.

'Keine Sorge, wir schaffen das. Wir sind doch die drei Muskeltiere!'hörte ich die Stimme meines Bruders sagen.

'Alle für einen...'

'...Und einer für alle!'beendete er meinen Satz.

Dann kam ich am Klassenzimmer an.

11b

Frau Honey

Wie niedlich! Honey. Ich mochte die Lehrerin schon jetzt!

Ich klopfte. Von drinnen ertönte ein mehrstimmiges Herein. Schluckend ging ich rein. Knapp 25 Augenpaare verfolgten mich, als ich mit sicheren Schritten auf die Lehrerin zuschritt. Miss Honey hatte helles braunes Haar, das ihr in Locken herabfiel. Sie hatte ein schlichtes dunkelblaues Top an, einen Rock und eine gemusterte Strumphose. Ihr Rock ging bis zu den Knien und ihre Strumpfhose hatte dunkelrote Rosen mit Ranken abgebildet. Trotz der dunklen Frabe sah sie sehr nett aus.

Schnell informierte ich sie, dass ich hier neu war, bevor sie sich an die Klasse wendete.

„Guten Tag, ich bin Miss Honey. Klasse, das ist Alexis Campal. Sie ist neu auf unserer Schule. Ich erwarte von euch, dass ihr sie gut aufnimmt und..."hier schwafelte die Lehrerin noch etwas von gutem Zusammenhalt, aber das war mir dann doch zu nervig, das alles aufzuschreiben„Alexis, könntest du ein bisschen was von dir erzählen?"

Obwohl es mehr eine Aufforderung war als eine Frage nickte ich„Äh, also ich bin Alexis, aber die meisten nennen mich Alex. Ich bin grad neu hergezogen. Ich habe eine kleine Schwester, in meiner Freizeit mache ich Bogenschießen, Parkour und ... ja, das wars eigentlich auch schon."Ich lächelte verlegen, denn ich hasste es, vor so vielen Leuten zu reden.

„Wer könnte ihr alles zeigen?"fragte da auch schon die Lehrerin.

Die meisten Mädchen meldeten sich, aber auch ein paar Jungs. Insgeheim lächelte ich. Anscheinend hatte ich schon ein paar Verehrer, aber Justin meldete sich nicht. Er schien mir auch nicht der Typ für so etwas. Seine Haare lagen nah an seinem Gesicht und seine smaragdgrünen Augen schienen noch mehr zu strahlen als auf dem Bild. Eigentlich sah er total süß aus.

Er saß sehr entspannt. Entweder war er sehr selbstbewusst, arrogant oder interessierte sich nicht für mich.

Hoffentlich nur ersteres.

„Holiday, würdest du das machen?"fragte Miss Honey und sah eine Blondine an.

Innerlich fing ich an zu grinsen. Das war doch Holiday Bertelin. Die Kusine von Justin. Perfekt!

Sie nickte. Die Lehrerin bedeutete mir mit einer Handbewegung mich neben ihr zu setzen, denn passenderweise war neben ihr auch ein Platz frei.

Ich setzte mich mit einem leisen 'Hi' neben sie.

„Hi."flüsterte sie zurück.

Nach der Stunde zeigte sie mir die Schule.

„Das hier ist die Mensa. Ich würde dir raten, dein eigenes Essen mitzunehmen. Das hier schmeckt wie vom Boden aufgesammelt."sie verzog ihr mit Sommersprossen überdecktes Gesicht.
„Klingt ja lecker."kommentierte ich ironisch.

„Hm, wir haben wirklich eine tolle Schule. Welche Spindnummer hast du?"fragte Holly.

Ich überlegte kurz„Äh, ich glaub, es war 241."

Sie lächelte„Echt? Das ist ja fast neben meinem! Warte, ich zeig dir deinen Spind."Wir gingen nebeneinanderher durch die vielen Flure der Schule.

„Wie könnt ihr euch nur nicht verlaufen?"fragte ich sie, um die Stille zu brechen.

Sie lachte„Das lernst du noch! Als ich neu auf die Schule kam, war ich zweimal zu spät, und ich stand plötzlich auf der Mädchentoilette."

Ich stimmte in ihr Lachen mit ein.
Somit war das Eis gebrochen und sie erzählte mir noch mehr peinliche Geschichten von ihr, ihrem Kusin und ihrer Kusine(Sehr interessant, aber unbrauchbar).

Nachdem sie mir gezeigt hatte, wo mein Spind war, sagte sie plötzlich„Die Stunde fängt in ein paar Minuten an. Ich hab leider eine andere Stunde als du. Wir sehen uns in der nächsten Pause."

Ich nickte„Bye!"rief ich ihr hinterher, bevor sie im Schulgedrängel verschwand. Die Blondine hatte mir den Raum, wo ich meine nächste Stunde hatte schon gezeigt, also kannte ich den Weg. Zumindest theoretisch den Weg auch noch wirklich zu finden, war ne ganz andere Sache.

Ich stand immer noch am Spind. Ich sah an meine Tür vorbei und erblickte Justin. Er verabschiedete sich von seinen Freunden mit einem lächerlichen Kinderhandschlag. Was haben Jungs bloß immer mit Handschlägen?

Spontan kam mir eine Idee, als er in meine Richtung lief. Kurz bevor er hier war, knallte ich meine Spindtür zu und lief gegen ihn. Unsere Bücher, die wir in den Händen hielten, fielen runter.

„Oh, Mist, tut mir leid. Ich bin so tollpatschig."entschuldigte ich mich. Wir knieten uns hin, um unsere Bücher einzusammeln.

„Schon gut."meinte er nur„Ist ja nichts passiert."

Ich sammelte meine Bücher wieder ein.

„Du bist doch die Neue, oder? Alex."fiel ihm auf.

Ich lächelte gespielt schüchtern„Ja, stimmt. Äh, und du bist...?"

„Justin de Villiers."stellte er sich vor.

„Ah, dann bist du Holly's Kusin."

Er nickte und wollte etwas sagen, doch die Schulklingel unterbrach ihn.

„Wo hast du jetzt?"fragte er.

„Raum 41."antwortete ich.

Er lächelte charmant„Da hab ich auch. Ich zeig dir den Weg."

„Cool."