... und traue niemandem!

Caren Herald saß noch lange, nachdem die Ermittler gegangen waren in ihrem Atelier und grübelte vor sich hin. Man hatte ihr wohl nicht umsonst Details mitgeteilt, die die Polizei bisher herausgefunden hatte. War sie eine Verdächtige? Natürlich, wahrscheinlich wurden alle im Haus verdächtig. Aber warum hatte man gerade sie heraus gepickt? Weil ihr dieses ehemalige Lagerhaus in Soho gehörte und sie sich nicht gleich bei der ersten Vernehmung als Besitzerin zu erkennen gab? Nun, dafür hatte sie eine Erklärung geliefert. Hatte sie sonst irgendetwas getan oder gesagt, was den Verdacht stärker auf sie als auf die anderen gelenkt hatte?

Unruhig stand sie vom Sessel auf und durchsuchte die Schubladen nach Zigaretten. Warum hatte sie auch so dringend gefragt, wann der Tatort freigegeben würde? Das war in jedem Fall ein Fehler gewesen! Nervös rauchte sie eine Zigarette nach der anderen und rannte förmlich auf den Gang als sie hörte, wie Ellen Marble ihr Atelier aufschloss. „Ellen!"

Als sie ihre Erzählung über den Besuch der Cops beendet hatte, seufzte Caren laut auf. „Ich weiß nicht, was wir jetzt tun sollen!"

Ellen goß noch einmal Kaffee nach und setzte sich wieder auf das Sofa in ihrem Atelier, wo eigentlich ihre Aktmodelle sonst immer in Positur lagen. „Da fragst du mich auch zu viel. Ich denke, wir müssen einfach abwarten, was passiert. Aber vorsichtig sollten wir sein, das meinte Tom auch schon zu mir..."

„Wie geht es Tom denn? Ich habe ihn schon lang nicht mehr gesehen, kommt er gar nicht mehr hier vorbei?", fragte Caren und zwang sich zur Ruhe.

„Jetzt wo der ‚Ripper' nicht mehr da ist, wird er mich abends vielleicht mal wieder abholen. Nach der Prügelei wollte ich einfach nicht mehr, daß er vorbeikommt. Das war mir zu viel, wenn du mich fragst!" Ellens Lachen klang trocken und falsch. Zwar hatte ihr Freund Tom White sich nur mit dem ‚Ripper' geschlagen, um Ellen zu „beschützen", aber ihr lag Gewalt genau so wenig wie Caren. Zwar war Ellen kurz darauf zu ihrem übereifrigen Beschützer gezogen, aber zuvor gab es unendliche Diskussionen – zwischen dem Paar, zwischen den Kommune-Mitgliedern und natürlich mit Rudolph Kowalski, dem ‚Ripper'.

Caren nahm ihre Freundin in den Arm und streichelte deren Rücken. „Ja, das war für uns alle zu viel..."

Ellen straffte sich und fragte: „Und? Bist du immer noch dabei oder wird aus der Aktion heute Abend nichts?"

„Wie kannst du das nur von mir denken?", entrüstete sich Caren, „Natürlich bin ich dabei! Ich habe die Sachen doch schon längst besorgt!"

Es war schon weit nach elf Uhr abends, als Robert Goren und Alex Eames beschlossen, daß es keinen Sinn mehr hätte, an diesem Abend noch alles über die Künstler in Erfahrung zu bringen. Sie schoben die Akten beiseite und wollten gerade das Büro verlassen, als Gorens Telefon klingelte. Fast widerwillig ging er ran: „Ja, Goren..."

In der nächsten Minute entgleisten ihm sämtliche Gesichtszüge. „Wir sind gleich da!", sagte er in den Hörer und legte auf.

Eames seufzte: „Und wo werden wir gleich sein?"

„Auf einem überfüllten Polizeirevier in der Nähe der 5th Avenue, wo man unsere Verdächtigen festhält, nachdem sie ein Bad genommen haben." Er grinste. „Sie haben mehrere Flaschen Schaumbad in einen Brunnen gekippt und Badenixen gespielt, um gegen die Oberflächlichkeit der Welt und besonders der 5th Avenue zu protestieren!"

„Wieso ahne ich, daß dir das auch gefallen würde?" Eames rollte mit den Augen und zückte den Autoschlüssel.

„Weil du meine Partnerin bist und mich ganz gut kennst!", entgegnete Goren und grinste noch breiter. Nun, er hätte nicht in einem Brunnen gebadet, aber er hatte sich schon oft versucht vorzustellen, wie viel Schaum entstehen würde, wenn man Waschpulver in einen hineingeben würde.

Als sie auf dem Revier ankamen, saßen die Künstler kichernd und in Decken gehüllt auf einer Bank und unterhielten sich angeregt mit den Streifencops. Die meisten fanden die Idee auch witzig, aber es war nun einmal Erregung öffentlichen Ärgernisses und damit eine Straftat.

Eames fragte gleich bei der Revierleitung nach, wie jetzt mit den frisch Gebadeten verfahren werden würde, während Robert Goren sich zu den nassen Truppe gesellte. „Machen Sie so etwas öfter? Ja, das tun Sie. Jeder von Ihnen hat eine Akte mit verschiedenen Bagatellen. Wie kommt man auf die Idee, die Teilnehmer eines Fleischerkongresses mit fauligem Gemüse zu bewerfen?" Er setzte sich mit auf die Bank, direkt neben Caren Herald und lächelte verschmitzt. „Oder die Sache mit dem Anketten an ein zum Abriss freigegebenen Theaters? Und das mitten im Winter... das muß kalt gewesen sein!"

„Tja. Heute war es auch nicht viel wärmer!", sagte Caren und lachte.

„Ja, ich bin dafür, daß die Stadt ihre Brunnen beheizen sollte! Da friert man sich ja sonstwas bei ab!", grölte Dan Follet und erntete Gelächter.

„Sie treten für Ihre Überzeugungen ein, das bewundere ich!", sagte Goren amüsiert und fuhr eisig fort: „Aber sind Ihre Überzeugungen auch so stark, daß Sie dafür morden würden?"

Das Gelächter verstummte sofort und Caren Herald wich Gorens Blick aus. Es war ihr unangenehm, wie er sie anstarrte. „Hören Sie, diese Aktion war schon lange geplant, ich weiß wirklich nicht, was Sie von uns wollen..."

„Das Geständnis des Mörders würde mir reichen." Goren lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, ohne Caren Herald aus den Augen zu lassen.

„Okay, wir sind keine braven Kinder. Aber Mörder sind wir auch nicht!", ließ sich Ken Brown vernehmen und die Gruppe stimmte mit Kopfnicken zu. Nur Caren starrte auf den Boden und rührte sich nicht. Es gab einen Mörder unter ihnen.

Auf dem Weg nach Haus schob Robert Goren verschiedene Gedanken und Gefühle vor seinem geistigen Auge hin und her. Wie konnte jemand, der so viel Sinn für Humor bewies auch gleichzeitig ein Mörder sein? Außerdem mochte er diese Menschen. Sie waren ein bißchen wild, wichen bewusst vom Gängigen ab und spielten Streiche wie kleine Kinder. Kleine Kinder, kleine Streiche, große Kinder, mörderische Streiche? Er hatte in seinem Berufsleben schon Vieles erlebt, aber selten behagte ihm der Gedanke so wenig, daß einer seiner Verdächtigen wirklich ein Mörder sein sollte. Und nicht nur einer, eher zwei.

Einige Stiche waren eindeutig mit links ausgeführt worden. Aber kraftvoller, als es ein Rechtshänder tun konnte. Wieder andere Stiche waren schwach ausgeführt worden und es gab auch eindeutige Beweise für einen Rechtshänder als Täter. Waren es vielleicht wirklich alle zusammen gewesen? Wie beim „Mord im Orientexpress", an den er zuerst gedacht hatte? Acht Nachbarn, acht Stichwunden.

Alex hatte gemeint, das sei viel zu auffällig um ernsthaft in Betracht zu kommen. Ihrer Meinung nach hatten sie es mit zwei intelligenten Tätern zu tun. Aber auch intelligente Täter neigten dazu, dumme Fehler zu machen. Andererseits war der Zeitpunkt der Party wirklich gut gewählt gewesen, um einen Mord zu begehen. Es war so viel los gewesen, daß es niemandem aufgefallen wäre, wenn die Künstler einer nach dem anderen ins Atelier verschwunden wären, um dem ‚Ripper' den Dolch in den Leib zu rammen.

Sie hatten immer noch nicht herausfinden können, warum das Opfer noch so spät in seinem Atelier war. Auf seinem Handy waren mehrere Anrufe aus dem Büro seines Agenten eingegangen und der Agent selbst, Mr Johnathan McUre, hatte auch zugegeben, an dem Tag mehrmals mit dem Opfer telefoniert zu haben. Es ging wohl um eine geplante Ausstellung, für die noch mehr Werke gebraucht wurden, als der Maler bisher geliefert hatte.

Blieben noch die Ermittlungen wegen des Dolches. Ein Dolch „Commander", hergestellt von der Firma „Colt". In jedem Waffengeschäft konnte so einer gekauft werden, ohne Vorlage eines Ausweises. Die Tatwaffe war schon älter und recht abgenutzt gewesen, keiner der bisher befragten Händler hatte sich erinnern können, so einen Dolch an einen der Künstler verkauft zu haben. Aber wenn die Anschaffung schon einige Jahre zurücklag, war das auch nicht verwunderlich.

Immer wieder stellte Goren sich die Frage, wer einen Dolch kaufen würde, wo es doch so eine riesige Auswahl an anderen Messern gab, die den gleichen Zweck erfüllen konnten. Was war so ungemein wichtig daran, daß die Klinge zweischneidig war? Es war eine ungewöhnliche Waffe, passend für einen ungewöhnlichen Menschen. Einen Künstler zum Beispiel.

So kam er nicht weiter. Robert Goren war wütend, weil er keine plausiblen Antworten auf seine Fragen fand. Außerdem wurmte es ihn, daß er seine Verdächtigen so sympathisch fand. Diese Nacht schlief er noch schlechter, als sonst schon.

TBC