Jeder Mensch hat sein eigenes Schicksal, weil jeder seine eigene Art zu sein und zu handeln hat.
- Johann Gottfried von Herder (1744-1803)
Ginny starrte frustriert an die Wand, während sie wartete, dass die Treppe anhielt. „Idiot", murmelte sie vor sich hin. An wen sie dachte, war wohl überflüssig zu erwähnen.
Er war ein Mistkerl – ein feiger, intriganter und egoistischer Mistkerl! Sie konnte wirklich froh sein, dass sie bisher kaum etwas mit ihm zu tun hatte. „Ich rede, wie ich möchte, Creevey, also schweig, wie es dir angemessen ist." Wenn sie nur daran dachte …
Doch jetzt durfte sie ausbaden, was er begonnen hatte. Sie hatte zwar den Zauberstab zuerst gezückt und war auch nicht unschuldig an der Sache beteiligt gewesen, aber er hatte sie überhaupt erst dazu aufgefordert – es war also seine Schuld.
„Ginny?"
Sie sah hoch und erkannte Colin am Treppenabsatz stehen, seine Schultasche über der Schulter. Neugierig musterte er sie, ein schräges Lächeln auf den Lippen. „Colin!", rief sie aus und sprang die letzten Stufen hinauf. „Wie geht's dir?"
„Glaubst du etwa, Malfoy könnte mich so einfach umhauen – und dann auch noch mit einer lächerlichen Ganzkörperklammer? Also ehrlich, Ginny, etwas mehr Vertrauen", antwortete er. „Aber ist bei dir alles in Ordnung?"
„Ja, oder na ja, eigentlich … eigentlich nein." Grimmig strich sie sich durch die Haare. „McGonagall hat uns Nachsitzen für heute Abend aufgebrummt. Und das alles nur wegen diesem nervigen … Mistkerl!" Sie war so wütend, ihr viel nicht einmal eine andere Beleidigung ein.
„Der Kopflose Nick hat mal zu mir gesagt 'Vieles Kopflose ist oft nicht ganz so aussichtslos, wie man denkt', obwohl ich das bei Malfoy bezweifle …"
Ginny verzog zustimmend das Gesicht zu einer Grimasse. „Ich wette, man könnte einen ganzen Aufsatz über seine schlechten Eigenschaften schreiben …"
„Mach dir keinen Kopf. Er ist ein Slytherin, ein Snob und grundlegend ein Malfoy, mehr kannst du wohl nicht erwarten."
„Du hast wohl Recht", erwiderte Ginny grinsend, wobei ihre Laune sich sofort verbesserte. Colin schaffte es immer wieder, auch die negativsten Dinge in ein anderes Lichtfeld zu rücken. Und das ganz einfach damit, dass er ihr richtig zuhörte und aufrichtig interessiert war. Manchmal beneidete sie ihn fast darum. „Hast du den Aufsatz für Verwandlungen schon? Wenn ich heute nachsitzen muss, schaffe ich das wohl nicht mehr selbst."
Colin nickte. „Mhm, den hab ich vorhin während des Frühstücks gemacht."
„Dann sollte ich ihn vielleicht doch nicht abschreiben …"
„He!" Colin stürzte auf sie zu, doch da war Ginny seiner Kitzelattacke schon ausgewichen und lachend in einen Gang geflohen.
ooooo
'Todesfall in London – Todesser womögliches Opfer?' lautete die Überschrift der Titelseite des Tagespropheten, den Ginny beim Mittagessen las. Nachdem die Stunden Pflege Magischer Geschöpfe für sie (zwangsweise) ausgefallen waren, hatte sie sich etwas früher in die Große Halle begeben. Allerdings konnte sie den Artikel nicht zu Ende lesen.
„Was hast du dir dabei gedacht, Ginny?"
Der Tagesprophet in ihren Händen raschelte, als sie ihn senkte und direkt in das Gesicht ihres Bruders blickte. „Ron", begrüßte sie ihn möglichst gelassen. „Was ist los? Gibt es irgendein Problem, von dem ich wissen sollte?"
Direkt neben ihrer Bank ragte Ron auf und fixierte sie mit demonstrativ verschränkten Armen. Er war in Begleitung von Hermine, die sich jetzt neben Ginny niederließ. Von Harry war keine Spur zu sehen.
„Er hat kein Problem", meinte Hermine nun und blinzelte ihren festen Freund herausfordernd an. „Nicht wahr, Ron?"
Der temperamentvolle Weasley schnaubte. „Und ob ich ein Problem habe!", fauchte er. Ginny wappnete sich bei seinem Tonfall sofort innerlich gegen die Beschuldigungen, die zu neunundneunzig Prozent gleich aus seinem Mund kommen würden. Es lag in Rons Natur, erst einmal alles auf die anderen zu schieben und es so zu drehen, dass er damit auch noch Recht hatte.
„Was hast du dir dabei gedacht?", wiederholte er seine vorherige Frage. „Ich meine, es ist Malfoy! Du hättest auf Creevey hören sollen und zum Unterricht gehen – aber was machst du? Du duellierst dich mit ihm! Und als ob das nicht genug wäre – er ist ein Todesser, Ginny! Er hätte dich übelst verletzen können! Was glaubst du, wie begeistert Mum die Nachricht von McGonagall aufnehmen wird, dass du dich in eine solche verdammte Gefahr gebracht hast! Zumal es nicht schon idiotisch genug von ihr ist, ihn überhaupt wieder aufzunehmen! Malfoy gehört hier nicht her, er sollte jetzt seinem Vater in Askaban Gesellschaft leisten. Ich verstehe dich einfach nicht!"
Ginny verengte die Augen zu Schlitzen und kniff ihren Mund zu einer hauchfeinen Linie zusammen, um so länger ihr Bruder auf sie einredete. Hermine, die wohl schon ahnte, dass in ihr wiedermal das berühmte weasleysche Temperament hochkochte, sprang auf und drückte ihn auf die Bank. Sachlich sagte sie: „Ron, du führst dich albern auf. Hätte Malfoy dich herausgefordert, dann wärst du sofort auf ihn losgegangen, da kannst du Ginny doch nicht dafür verantwortlich machen, wenn sie sich verteidigt. Außerdem solltest du dir vielleicht in Erinnerung rufen, dass er das jetzt auch ausbaden muss."
„Ja, aber mit meiner kleinen Schwester!", schnauzte Ron trotzig und deutete anklagend an den Slytherintisch, wo Malfoy sich gerade einen Teller mit dampfender Lasagne volllud. Den Hass in den blauen Augen ihres Bruders hätte Ginny auch aus zehn Metern Entfernung gespürt.
Hermine seufzte und setzte schon zu einem diplomatischen Kompromiss an, da kam ihr Ginny zuvor. „Ach Ron, halt die Klappe! Ich bin nicht deine 'kleine Schwester', die du ständig beschützen musst. Ich kann gut auf mich alleine aufpassen! Außerdem ist das ja wohl kaum meine Schuld, dass Malfoy so ein Arsch ist und mich provoziert", knurrte sie, schlug ihre Zeitung zu und faltete sie zusammen, noch während sie aufstand. „Ich glaube, ich lese die woanders weiter. Schönen Tag noch, Ronnie."
Kochend stolzierte sie aus der Halle, doch Ron konnte sie leider nicht überhören, der ihr mürrisch hinterherrief: „Aber du hättest dich nicht von ihm provozieren lassen müssen!"
Sie würdigte ihn keines Blickes mehr.
ooooo
„Draco! Erde an Draco! Hörst du mir überhaupt zu?!", erkundigte sich Pansy Parkinson neben ihm und der Blonde schreckte auf.
Gereizt drehte er sich zu der Slytherin um. „Was ist?", schnarrte er unfreundlich.
„Ich habe dich gerade gefragt, ob du schon weißt, mit wem du zu Slughorns Weihnachtsfeier gehst", sagte sie und beugte sich ein Stück vor, um verführerisch mit den Wimpern zu klimpern. Zumindest hielt sie das wohl für verführerisch, aber Draco fand immer, dass sie dabei wie eine Zirkusnummer aussah, aufgrund des übertrieben dick aufgetragenen Lidschattens. Gespielt schüchtern lächelnd fuhr sie fort: „Ich wollte mich anbieten, falls du noch niemanden hast …"
Draco wich verärgert zurück und löste ihre Finger von seiner Krawatte. „Ich weiß ja nicht einmal, wieso der alte Kauz plötzlich beschlossen hat, mich zu so etwas Idiotischem einzuladen, ich bin ja nicht einmal in seinem komischen Klub. Und Pansy, sollte ich überhaupt dorthin gehen, wärst du sicher die Letzte, die ich mitnehmen würde. Geh mir also nicht auf die Nerven."
„Aber Draco!", säuselte sie und er sah einen gefährlichen Funken hinter ihrer nahezu perfekten Maske des unschuldigen, dummen Mädchens aufblitzen.
„Hast du nicht gehört, Pans?", mischte sich plötzlich eine gelangweilte Stimme ein, die von Blaise kam, der sich nun zwischen Pansy und Draco quetschte. „Du sollst verschwinden – mach 'nen Schnatz, Parkinson!" Mit einer kalten Handbewegung scheuchte er Pansy davon, die sich mit einem „Pff" tatsächlich wieder zu ihren Freundinnen an das andere Ende des Tisches gesellte, die sie sofort umgaben wie Niffler einen Haufen Galleonen.
Blaise reichte über den Tisch und schnappte sich ein Brötchen. „Also, Draco, wir sind schon sehr lange Freunde und ich finde-"
Draco rollte mit den Augen. Heute war nicht sein Tag und er hatte auch so kein großes Maß an Geduld übrig. Er war immer noch verstimmt wegen der Sache mit Weasleys Schwester. „Lass den überflüssigen Teil gleich weg, Blaise, und sag einfach, was du wirklich willst", forderte er also gereizt.
Der Latino lächelte ihm schalkhaft zu und rückte endlich mit der Sprache heraus: „Erzähl mir alles! Und du weißt, Draco, mit alles meine ich alles bis ins schmutzigste Detail …" Blaise ließ seine Augenbrauen anzüglich auf und ab wandern, was Draco missbilligend verfolgte.
„Bitte?", meinte er desinteressiert und wischte sich mit einer Servierte elegant über den Mund (wie er das schaffte, konnte er selbst nicht genau sagen).
„Natürlich, dass du mit Weaslette eine kleine Nachsitzpartie absitzen darfst. Was ist es denn? Besenkammer oder doch Slughorns Klassenzimmer?"
Draco ließ sich Zeit mit der Antwort und trank einen Schluck von seinem Kürbissaft, bis er das Glas absetzte und sich wieder seinem neugierigen Freund zuwandte. Es machte ihm immer Spaß, Blaise wissbegieriges Gemüt auf die Folter zu spannen, besonders, wenn es um etwas ging, bei dem er richtig falsch lag. Genau das sagte Draco ihm jetzt: „Ich muss dich leider enttäuschen, Zabini, aber nur völlig verzweifelte Leute würden etwas daran interessant finden, mit Weaslette in einer Besenkammer oder einem Klassenzimmer festzusitzen. Ich weiß nicht, wie du auf die Idee kommst, dass sich da überhaupt irgendetwas Schmutziges ereignen könnte. Und abgesehen davon weiß ich nicht einmal, was McGonagall von uns will."
„Verstehe ich nicht", gab Blaise verstimmt zu und als der Blonde nicht antwortete, schnauzte er ungeduldig: „Jetzt spann mich nicht auf die Folter, Draco!"
„Wenn du es unbedingt wissen möchtest … McGonagall hat zu uns gesagt, dass wir uns später unten vor der Küche treffen sollen. Wahrscheinlich müssen wir irgendetwas sauber machen."
„Oh …", sagte Blaise enttäuscht und schwang sich seine Tasche über die Schulter, wobei er noch sein Brötchen vertilgte – in einem Bissen. „Lass uns gehen. Trelawney bringt uns wahrscheinlich um, wenn wir dieses Mal wieder ihre mysteriöse Einleitungsrede verpassen …"
ooooo
Der Wahrsageunterricht war, wie nicht anders zu erwarten, langweilig. Die reinste Folter für alle, die schon ausgeschlafen hatten.
Draco belegte den Kurs auch nur aus zwei Gründen (darunter natürlich nicht der Unterricht selbst). Erstens war es das einzige Wahlfach, bei dem keiner des Trios dabei war, da Weasley und Potter es abgewählt hatten, als sie zurückkamen. Und zweitens war es auch der einzige Unterricht, bei dem er die ganze Zeit abschweifen konnte, ohne, dass Lehrer ihn wegen eines abwesenden Blickes zurechtstutzten. Wenn Professor Trelawney diesen Blick sah, dann meinte sie immer gönnerisch, dass er wohl gerade eine Verbindung zu seinem inneren Auge hatte. Aus unbegreiflichen Gründen hielt sie ihn für ein Genie der Wahrsagekunst.
Er und Blaise ließen sich auch diese Stunde an einem der runden Tische im hinteren Teil des Turms nieder, wo besonders wenige der parfümierten Tücher hingen und es ein Fenster gab, das man gut aufreißen konnte, falls Draco wieder einschlummerte. Wahrsagen war der einzige Unterricht, bei dem er manchmal aus Langeweile einschlief, selbst bei Geschichte der Zauberei starrte er lieber Löcher in die Luft, als seine Deckung aufzugeben.
Professor Trelawney begrüßte ihre Klasse jetzt wie üblich mit ihrer nebligen, einschläfernden Stimme und einer Rede über die Wichtigkeit des inneren Auges um die wahre Kunst des Wahrsagens ausüben zu können. Draco und Blaise lauschten ihren Worten – Draco langsam einnickend, Blaise verzückt.
Er begeisterte sich sehr für Professor Trelawney. Er nahm sie ernst, wie er jeden Lehrer ernst nahm, doch trotzdem, oder gerade deshalb, genoss er es sehr, sich über sie zu amüsieren, obwohl es auch nicht im Gemeinen war. Stattdessen hatte Draco selbst sogar oft den Eindruck, dass sein Freund sie eigentlich für eine witzige Person hielt. Wieso auch immer. Aber es ging hier um Blaise, das war schon Grund genug, wie er inzwischen guten Gewissens sagen konnte
So ging die Stunde voran, bis Trelawney irgendwann wie aus dem Nichts vor ihrem Tisch auftauchte. Sie hatten bis eben an einer Arbeit gesessen, bei dem sie sich gegenseitig die Tarotkarten legen und die Ergebnisse interpretieren sollten. „Mr Malfoy", sagte sie mit ihrer rauchigsten aller Stimmen.
Er blickte zu ihr hoch – ein Glück, dass sie nebenbei auch noch eine Schwäche für ihn hatte. „Professor Trelawney?", fragte er höflich.
„Ich wollte mal Ihre Arbeit betrachten, lassen Sie sich bitte nicht stören", bat seine Lehrerin und blinzelte ihm hinter ihren stark vergrößernden Brillengläsern zu. Wäre es nicht Professor Trelawney gewesen, er hätte schwören können, dass sie kicherte.
Draco nickte ihr freundlich zu – nebenbei, er fand, dass er einfach ein fantastischer Schauspieler war – und rollte mit den Augen, als er Blaise wieder zugewandt saß. Der Slytherin grinste und meinte so interessiert wie möglich, während er sich über die Karten beugte, die Draco gezogen hatte: „Also, was haben wir denn da? Aha. Den fliegenden Hippogreif, die im Mond tanzende, verbrennende Hexe und den … verhafteten Drachen?"
Trelawney räusperte sich betont und schüttelte mit der Zunge schnalzend den Kopf. „Da steht versteinerter Drache, Mr Zabini."
„Oh, Sie haben Recht", stimmte Blaise ihr zu und verbesserte schnell seine Übersetzung. Das Problem an den Tarotkarten von Professor Trelawney war nämlich immer, dass nicht nur die Karten völlig andere waren, als beispielsweise die, die Muggel benutzten, sondern, dass sie auch mit Runen gekennzeichnet waren. „Also, dann hast du den versteinerten Drachen, Draco. Hm … sehen wir mal, was das bedeutet."
„Ich an Ihrer Stelle würde noch eine Karte ziehen – der versteinerte Drache und der fliegende Hippogreif widersprechen sich nämlich. Der Hippogreif steht für Freiheit und Leichtsinnigkeit, der versteinerte Drache für Sehnsucht, unerfüllte Wünsche und die Unvollkommenheit", riet die Professorin ihm und rückte ihre Perlenketten und Schleier zurecht, als sie wohl glaubte, dass Draco von den Karten abgelenkt war.
„Nun gut, dann noch eine. Hier, zieh", forderte Blaise und hielt ihm erneut den Kartenstapel hin. Wahllos fischte er eine heraus und hielt sie seinem Freund hin. Der Slytherin legte sie ordentlich neben die anderen drei, doch in diesem Moment keuchte Professor Trelawney überrascht auf.
Dramatisch stützte sie sich auf Dracos Stuhllehne und wischte sich über die Stirn. „Professor?", kam es sofort von einer Gryffindor, die besorgt aufstand und zu Trelawney eilte, um sie zu stützen. Draco erinnerte sich nicht ganz an ihren Namen, aber es war etwas in die Richtung von Lavendel Brownie oder dergleichen. „Geht es Ihnen gut?", fragte sie und half der Professorin auf einen Stuhl.
Blaise und Draco wechselten einen spöttischen Blick und rollten synchron mit den Augen – wieder.
„Ja ja, Liebes", antwortete Trelawney jetzt und tätschelte abwesend Lavendels Hand. „Es ist nur", sie sah auf Dracos Karten und dann bedeutungsvoll zu ihrer Schülerin, „Mr Malfoy hat die Karte der jungfräulichen Veela …"
Lavendel und ihre Freundin Patil keuchten auf, während die nun auf die Gruppe aufmerksam gewordenen Schüler ratlos dreinschauten.
„Und was bedeutet das?", fragte Blaise und unterdrückte offenbar ein Lachen ob der Ernsthaftigkeit der drei Frauen. „Bedeutet das, dass Draco einsam sterben wird oder was? Denn Jungfrau ist er wohl kaum noch. Oder, Draco?"
Draco grinste süffisant. „Wie sieht es denn bei dir aus, Zabini?"
Professor Trelawney schüttelte wütend den Kopf. „Nein, Mr Zabini, das bedeutet es nicht. Es ist nur, dass diese Karte sehr selten in Verbindung mit dem Hippogreif und dem Drachen gezogen wird, die sich ja schon widersprechen. Und wenn man die Veela dann mit der Hexe verbindet, dann …" Plötzlich wieder ganz gefasst wuselte Trelawney aufgeregt und mit einem strahlendem Lächeln nach vorne, um dann mit einer weiteren Karte in der Hand zurückzukommen. Darauf abgebildet war ein großer, in Flammen stehender Phönix, der seine Flügel wie zu den Seiten eines Herzens ausgebreitet und den Kopf ergeben gesenkt hatte. „Sie haben die gleiche Bedeutung wie diese Karte. Allerdings wird der Phönix nie gezogen. Die einzige Karte, die in allen Aufzeichnungen seit ihrer Erschaffung nie gezogen wurde!"
Parvati Patil starrte ihre Lehrerin gebannt an. „Aber Professor Trelawney, Sie meinen doch nicht, dass Malfoy … ich meine … es ist Malfoy, Professor!"
„Kann uns jetzt einmal jemand aufklären?"
Trelawney, Patil und Lavendel drehten sich gleichzeitig mit denselben Mienen zu den beiden Slytherins um. Misstrauisch nahm Draco zur Kenntnis, dass sie ebenfalls alle identisch weit die Augen aufgerissen hatten – nun ja, zumindest, wenn man Trelawney die Brille abgenommen hätte.
„Mr Malfoy", begann Trelawney und rieb sich grinsend die Hände, was nun wirklich gruselig aussah, „Ihre Karten können nur eines bedeuten, es ist praktisch unwiderruflich." Begeistert stimmten Parvati und Lavendel in ihr furchterregendes Grinsen ein und mit dem Klingeln der Schulglocke, die das Ende des Unterrichts verkündete, fuhr die Professorin für Wahrsagen fort: „Das bedeutet, dass Sie in naher Zukunft Ihrer wahren Liebe begegnen werden!"
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„Ich wette, diese alte Hexe hat das geplant! Ich sag es dir, die hat es auf mich abgesehen! Langsam frage ich mich, ob Umbridge nicht Recht hatte, sie vom Schloss zu verbannen – die Frau hat doch keinerlei Fachkompetenz. Nicht, dass Wahrsagen überhaupt irgendetwas mit Fachkompetenz zu tun hätte, man sollte es am besten gleich ganz abschaffen!", schimpfte Draco beim Abendessen immer noch und warf einen zornigen Blick auf den Lehrertisch. Dort saß, vor sich hin schwafelnd, eine allein essende Trelawney, die ihm immer wieder ein wissendes Lächeln schenkte. Sie missverstand da eindeutig etwas.
Blaise klopfte ihm nicht wirklich mitfühlend auf die Schulter. „Wenigstens scheint sich die Nachricht wie gewohnt schnell zu verbreiten. Pansy hat mich zumindest vorhin schon gefragt, ob du irgendwelche Andeutungen gemacht hättest … Oh, und eine Zweitklässlerin ist in Ohnmacht gefallen, als Theodore ihr das erzählt hat."
„Theodore Nott ist ein Idiot", fauchte Draco genervt und spießte etwas zu energisch eine Bratkartoffel auf.
„Und du auch, immerhin ist das die reinste Goldgrube. Ich wette mit dir, dass so gut wie jedes dieser Mädchen dir jetzt noch begeisterter als sonst hinterherlaufen wird. Früher hättest du zu einer Gelegenheit wie dieser nicht Nein gesagt", entgegnete sein Freund spöttisch.
„Ich brauche so ein Gerücht sicherlich nicht für diese Zwecke, Blaise. Ich will momentan nur meine Ruhe und allein Parkinson reicht mir eigentlich auch für ein ganzes Leben", erwiderte Draco düster.
„Du bist hoffnungslos."
„Und du hast offenbar zu wenige Verabredungen. Fang endlich etwas mit Astoria an oder lass es, aber nerv mich nicht. Wenn es nach mir ginge, könntest du sie alle haben – und Trelawney und ihre verdammte jungfräuliche Hexe dazu …"
Blaise seufzte. „Es war eine jungfräuliche Veela", korrigierte er den Blonden. „Außerdem möchte ich nichts mit Astoria anfangen, ich weiß nicht, wie oft ich das noch betonen muss. Wir sind Kindheitsfreunde, das heißt nicht, dass wir automatisch etwas füreinander empfinden! Und ist dir aufgefallen, dass du in den letzten Minuten, ach, den ganzen Tag über, öfters 'verdammt' gesagt hast, als die letzten Jahre zusammen?"
„Du zählst den Tag nicht mit, an dem Potter sein tolles Trimagisches Turnier gewonnen hat", sagte Draco und lehnte sich zurück. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr stellte er fest, dass er in zehn Minuten losmusste, um Professor McGonagall vor dem Porträt mit der Obstschale zu treffen – mit Weasley. Vielleicht würde er extra etwas trödeln. Dieser verdammte Tag war wirklich nicht seiner.
„Ja, aber das war berechtigt. Und wer weiß", nachdrücklich strich sich Blaise durch die dunklen Haare, „vielleicht ist das Ganze nicht so schlecht, wie du es dir vorstellst, und es ist wirklich deine große, wahre Liebe dabei …"
„Lass mich in Ruhe und geh mit deinen romantischen Gedanken woanders hin. Oder nein, weißt du was? Ich gehe. Grüß dein einsames Bett von mir", höhnte Draco und stieß Blaise gegen die Schulter, sodass er fast auf den kleinen Erstklässler gekippt wäre, der neben ihm saß. Dann stand er auf und machte sich auf den Weg aus der Großen Halle.
