Die Geschwister Gisborne

Kapitel 4:

„Also, worüber willst du reden?", fragte Kate, als sich die Schlafzimmertür hinter ihnen schloss. In dem kleinen Raum standen zwei Betten und in deren Mitte ein kleiner Tisch, genau vorm Fenster, durch welches man eine gute Aussicht auf York hatte.

„Du weißt worüber ich reden will", meinte Robin, ging auf das Bett zu, welches sich an der linken Zimmerwand befand und setzte sich auf die Kante, während die Blonde wenige Schritte von ihm entfernt stehen blieb. Sie hatte ihre Arme in die Hüften gestemmt und sah Robin herausfordernd an.

„Wenn es darum geht, dass ich eben vielleicht ein wenig unhöflich zu dem Mädchen war, dann gebe ich dir Recht. Ich habe wohl etwas überreagiert und werde mich nachher bei ihr entschuldigen. Schließlich ist es nicht ihre Schuld das du mit jedem weiblichen Geschöpf flirten musst, das dir über den Weg läuft!"

„Siehst du! Genau das ist der Grund, warum das mit uns beiden keine Zukunft hat. Ich bin nicht die Art von Mann, die du dir wünschst", entgegnete Robin zwar ruhig, aber bestimmt.

Ihre Augen weiteten sich und ihre ganze Statur wurde plötzlich stocksteif. Sie ließ die Arme zu beiden Seiten sinken. „Was willst du damit sagen?"

„Kate. Es ist vorbei. Das mit uns beiden meine ich."

Für einen Moment setzte Kates Herzschlag aus. Sie sah Robin fassungslos an, doch dann verengten sich ihre Augen zu Schlitzen und sie meinte felsenfest überzeugt: „Das meinst du nicht ernst. Du bist einfach nur sauer und willst mir drohen."

„Ich bin nicht sauer, aber meine Entscheidung steht fest und ich werde mich auch nicht mehr umstimmen lassen", brachte Robin beinahe monoton hervor.

Kates Körper erfüllte auf einmal so ein bedrückendes, flaues Gefühl. In ihrem Kopf versuchte sie das Gesagte zu verarbeiten. Es war vorbei? Einfach so? Nach allem was sie für Robin getan hatte? Nachdem sie ihr gesamtes früheres Leben für ihn aufgegeben hatte? Und weswegen? Nur weil sie unfreundlich zu einer Wirtin war?

„Wegen eben? Ein winziger Fehler und du willst mich wegwerfen, als wäre ich Unrat?"

„Nein Kate, nicht nur wegen eben. Du bist doch ständig eifersüchtig, wenn ich mit irgendwelchen Frauen rede", meinte Robin kopfschüttelnd.

„Ich habe nichts dagegen, wenn du mit anderen Frauen redest! Ich habe etwas dagegen, wenn du versuchst sie zu bezirzen und mich alleine deswegen von dir zu stoßen, ist grausam Robin!" Ihre Lippen waren zu einer schmalen Linie verzogen, ihre Augen wurden glasig und ihr Körper bebte leicht.

„Aber das ist nun mal meine Art. So bin ich eben. Deswegen meinte ich ja, dass ich nicht die Art von Mann bin, die du dir wünschst und ich möchte keine Frau haben, die mir ständig Vorwürfe macht!"

„Und das entscheidest du ganz alleine? Was ist mit mir? Habe ich denn gar kein Mitspracherecht? Ich kann mich ändern. Ich werde mich bemühen nicht mehr so eifersüchtig zu sein", brachte sie nun beinahe flehend hervor. Ihre Lippen begannen leicht zu zittern und über ihre Wangen liefen erste Tränen.

„Nein Kate, ich will nicht das du dich für mich änderst. Du bist wunderbar, so wie du bist, aber...", er geriet ins Stocken und starrte auf seine Hände. So schwer hatte er sich das nicht vorgestellt. Bei den Frauen, mit denen er bisher etwas hatte, war er einfach immer in den frühen Morgenstunden verschwunden, bevor sie überhaupt wach wurden. Aber das hier war Kate und nicht irgendjemand.

„Aber was?" Die Verbitterung war aus ihrer Stimme deutlich herauszuhören.

„Aber ich liebe dich einfach nicht so, wie du es verdienst."

„Also war es das? War das alles? Dafür habe ich alles geopfert? Jegliche Hoffnung auf eine Familie?"

„Du kannst immer noch eine Familie haben", versuchte Robin sie zu beschwichtigen und hob den Kopf. „Du bist eine wunderschöne Frau Kate. Es gibt gewiss viele Männer, die sich freuen würden dich zu ehelichen." Leider waren das genau die falschen Worte gewesen.

„NUR NICHT DU, WIE?", fuhr sie ihn mit tränenerstickter Stimme an. „Du als Mann hast leicht reden. Bei euch sagt niemand etwas, wenn ihr vor der Ehe schon bei anderen Frauen gelegen habt! Aber mich wird man der Unzucht bezichtigen! Ich besitze weder meine Jungfräulichkeit, noch eine Mitgift, oder auch nur ein Heim. All das habe ich um deinetwillen aufgegeben!"

Robin stand vom Bett auf und wollte ihr tröstend die Tränen von den Wangen wischen, aber sie schlug seine Hand unwirsch beiseite. „FASS MICH NICHT AN!"

„Kate, ich..."

„GEH MIR AUS DEN AUGEN!", schnitt sie ihm das Wort ab. Sie bebte am ganzen Körper. Ob vor Wut, oder Trauer, dass wusste sie selber nicht so genau. Sie fühlte sie verraten und betrogen. Die Welt verschwamm vor ihren mit Tränen gefüllten Augen.

„Na gut, wie du willst", sagte Robin nur und verlies das Zimmer. Nein, das wollte sie nicht! Sie wollte nicht, das er ging, sondern dass er seinen Fehler einsah und sie um Vergebung bat, doch sie hörte wie sich seine Schritte immer weiter entfernten.

„MISTKERL! LÜGNER!", fluchte sie und schritt auf die Tür zu, um ihm nachzueilen. Dann besann sie sich aber eines Besseren. Was würde es nützen? Er hatte sich offensichtlich bereits entschieden, ganz gleich was sie sagte. Mit einem Schluchzen lehnte sie sich mit dem Rücken an die Tür und sank an dem glatten Holz hinab. Dort saß sie nun, wie ein Häufchen Elend, während Robin wahrscheinlich schon nach der nächsten Eroberung Ausschau hielt. Sie war so dumm gewesen, auf ihn hereinzufallen! Ihre Fingernägel krallten sich so tief in ihre Handflächen, dass sie rote Halbmonde hinterließen und ihre Wangen waren von Tränen benetzt. „Ich bin so dumm gewesen!", schallt sie sich selber und schlug ihren Hinterkopf zwei Mal gegen die Eichentür, bevor sie ihr Gesicht in ihren Händen vergrub und einfach nur weinte. Sie hatte nichts mehr! Ihr ganzes Leben war ein einziger Scherbenhaufen!

Robin setzte sich indessen wieder zu den anderen an den Tisch. Seine Mine war ernst, als er nach dem Bierkrug griff, den er eben zurückgelassen hatte. Der Hüter des Sherwood Forests nahm einen Schluck. Das Gebräu schmeckte schal.

„Wo hast du Kate gelassen?", fragte Much. „Hattet ihr einen Streit?"

Frustriert, stellte Robin den Bierkrug wieder ab. Taktgefühl war noch nie die Stärke seines Freundes gewesen. „Ich würde das jetzt gerne nicht in der Öffentlichkeit besprechen."

„Also ja", stellte der Rotschopf fest. „Keine Sorge, sie liebt dich. Was auch immer vorgefallen ist, dass wird schon wieder."

Robins Mundwinkel verzogen sich zu einem freudlosen Lächeln. „Wir haben uns getrennt", meinte er nur.

„IHR HABT WAS?", entfuhr es seinem ehemaligen Diener. Unter anderen Umständen hätte Robin wahrscheinlich gelacht. Es sah auch recht ulkig aus, wie ihn Much mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund anstierte.

„Soll das heißen, du hast dich von ihr getrennt, oder sie sich von dir? Ich meine, ihr habt ja wohl kaum in ein und demselben Moment gesagt, das ihr Eure kleine Liaison beenden wollt", meinte Archer.

Robin stöhnte. „Ich denke, das geht niemanden etwas an."

„Hm, da du relativ gelassen aussiehst gehe ich Mal davon aus, das du den Schlussstrich gezogen hast", stellte Archer fachmännisch fest.

„IST DAS WAHR?", fragte Much schockiert.

„Der Abend wird immer besser", säuselte Isabella und grinste selig.

„Du scheinst das wirklich zu genießen", stellte Archer mit einem kritischen Blick fest.

„Aber natürlich. Er hatte mit mir zusammen immerhin schon eine gemeinsame Zukunft geplant und mich dann für dieses unerträgliche Biest verlassen", meinte Isabella nonchalant, als würde sie über das Wetter reden. Mit diesem Geständnis gab sie sich nicht wirklich eine Blöße, denn immerhin wusste von den hier Anwesenden jeder davon, außer Archer. Der es sich anscheinend in den Kopf gesetzt hatte, den fürsorglichen Bruder zu spielen. Aber vielleicht könnte sie sich dies zu Nutze machen.

„Wirklich?", verwundert sah Archer zwischen seiner Schwester und seinem Bruder hin und her. Die beiden waren zwar nicht miteinander verwandt, aber dafür mit ihm. Irgendwie war das schon eine merkwürdige Kombination. Plötzlich verfinsterten sich Archers Gesichtszüge.

„Du hast Isabella einfach so sitzen lassen?", kritisierte er Robin auf einmal scharf. Dieser sah ihn ungläubig an.

„Ja, natürlich habe ich das. Sie ist geisteskrank", rechtfertigte sich der geübte Bogenschütze.

„Sie ist meine Schwester!", ereiferte sich Archer.

Guy lachte freudlos. „Ja ganz Recht. Pass besser auf, dass sie dir nicht ebenfalls ein Schwert in den Rücken rammt, denn so verfährt sie mit Brüdern."

„Stört dich das gar nicht, dass Robin die Ehre unserer Schwester besudelt hat?"

„Welche Ehre?", entgegnete Guy mit einem Schulterzucken.

„Du bist wirklich der Letzte von dem ich mir so etwas anhören muss. Wenn ich mich recht entsinne, hast du hier in York im Kerker gesessen, weil du mit einer verheirateten Frau geschlafen hast. Also komm mir nicht mit irgendwelchen Moralpredigten", meinte Robin abwehrend.

„Kein Wunder das Isabella dich so sehr hasst. Wusstet ihr davon?", fragte Archer in die Runde. Schulterzucken und leichtes Kopfnicken waren die einzigen Antworten, die er darauf erhielt. Lediglich Little John meinte: „Es war die vernünftigste Entscheidung, die Robin je getroffen hat. Kate ist ein anständiges Mädchen, was man von Isabella nicht behaupten kann. Ich verstehe nur nicht, wie du Kate so etwas antun kannst! Was hat sie denn verbrochen, um solch eine Behandlung zu verdienen?" Mit zusammengezogenen Augenbrauen musterte er ihren Anführer kritisch.

„Das wüsste ich auch gerne", pflichtete Much ihm bei.

„Ist dir bewusst, in welche missliche Lage du sie damit bringst?", fragte Bruder Tuck anklagend.

„Ach, wenn es um Kate geht, werdet ihr alle zu Heiligen, aber wenn meine Schwester die Leidtragende ist, dann kümmert das niemanden. Ich glaube ich brauche jetzt etwas Stärkeres zu trinken", meinte Archer, schob den Bierkrug von sich Weg und schritt auf den Tresen zu.

Guy sah ihm kopfschüttelnd nach.

„Und ich brauche jetzt frische Luft", meinte Robin und erhob sich ebenfalls von seinem Platz. Er konnte Little Johns, Bruder Tucks und Muchs verurteilende Blicke nicht länger ertragen. Doch sein ehemaliger Diener, lies ihn nicht so leicht davon kommen.

„Ich auch!", behauptete er und folgte Robin nach draußen.

„Ich sehe nach Kate", brummte Little John, woraufhin auch er sich vom Tisch erhob. Zurück blieben nur noch die beiden Gisbornes und Bruder Tuck. Keiner von ihnen sagte ein Wort, bis der Geistliche des Schweigens überdrüssig wurde und meinte, dass er sich Schlafen legen würde. Daraufhin verschwand auch er.

„Wir sollten häufiger so eine hübsche, kleine Reise unternehmen. Meinst du nicht auch?", fragte Isabella sichtlich zufrieden mit sich und der Welt. Guy fixierte sie nur kühl, würdigte diese Frage jedoch keiner Antwort.

Indessen standen Much und Robin draußen an der frischen Nachtluft, etwas abseits der Taverne. „Wie kannst du ihr das nur antun?", fuhr Much ihn an. „Ist sie auf einmal nicht mehr gut genug für dich?"

„Das hat damit nichts zu tun. Ich liebe sie nur einfach nicht, wie sie es verdient hätte. So gebe ich ihr wenigstens die Chance jemanden zu finden, der ihre Gefühle angemessen erwidert."

Muchs Mundwinkel verzogen sich nach unten. Drohend fuchtelte er mit seinem Zeigefinger vor Robins Gesicht herum. „Weißt du was? Jahrelang habe ich mitangesehen, wie du den Frauen das Herz brichst und nie etwas gesagt. Aber das hier geht zu weit. Das ist nicht irgendeine Frau. Es ist Kate! Deinetwegen habe ich auf sie verzichtet!"

„Verzichtet? Sie hat dich doch überhaupt nicht gewollt Much!"

„Und wenn schon. Irgendwann hätte sie meine Gefühle vielleicht erwidert, wenn du dich nicht dazwischen gedrängt hättest."

„Dazwischen gedrängt? Sie hat sich mir regelrecht an den Hals geworfen."

„Aber ich hatte sie zuerst gesehen. Ich hatte zuerst mein Interesse an ihr Kund getan. Du wusstest wie ich für sie fühle und dennoch hast du sie mir weggenommen", warf Much ihm wutentbrannt vor. „Und jetzt weint sie sicherlich!"

„Du hast Recht. Es war vielleicht nicht richtig von mir eine Beziehung mit ihr anzufangen, da ich wusste wie du für sie empfindest. Aber du bist auch kein Unschuldslamm Much!"

„Was willst du damit sagen?", verlangte dieser zu erfahren, reckte dabei den Kopf in die Höhe und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Was ist denn mit Eve? Sie hat deinetwegen ihre Stelle am Hof aufgegeben und für dich ihr Leben riskiert. Hast du ihr nicht versprochen nach ihr zu suchen, sobald wieder Gerechtigkeit herrscht?"

„Das..., das ist etwas vollkommen Anderes. Wir waren nie wirklich zusammen. Ich meine, wir haben uns lediglich geküsst", versuchte Much sich zu verteidigen. „Außerdem reden wir hier nicht über mich, sondern über dich!"

„Versuch dir das ruhig einzureden. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass sie irgendwo sehnsüchtig auf dich wartet, während du sie schon vollkommen vergessen hast und Kate hinterher lechzt. Also wag nicht mir irgendwelche Vorwürfe zu machen!"

„Weißt du was ich mir gut vorstellen kann? Das du irgendwann ganz alleine sein wirst, weil du es dir mit allen Menschen denen du etwas bedeutest verscherzt hast!", mit diesen Worten drehte Much ihm den Rücken zu und marschierte großspurig davon. Robin rollte daraufhin lediglich mit den Augen, holte tief Luft und blies sie wieder aus. Much konnte manchmal so eine Nervensäge sein. Er führte sich beinahe so auf, als hätte Robin mit ihm Schluss gemacht, anstatt mit Kate. Als er später ins Gasthaus zurückkehrte, kam Little John gerade wieder die Treppe herunter und musterte Robin kritisch, sagte aber kein Wort. Er schritt einfach an ihm vorbei und setzte sich zu Archer und Much an die Bar. Am Tisch saßen nun nur noch die beiden Gisbornes, wobei sie sich gegenseitig gekonnt ignorierten. Robin ging auf sie zu und ließ sich neben Guy nieder. Dieser blickte ausdruckslos zu ihm auf.

„Willst du mir auch noch irgendetwas vorwerfen?", zischte Robin ihn an. Irritiert wölbten sich Guys Augenbrauen. Es sah so aus, als hätte er nicht die geringste Ahnung wovon Robin da sprach. Hatte er denn von all dem Ärger nichts mitbekommen? Guy war wirklich nicht die hellste Kerze auf dem Kuchen, aber das störte Robin nicht.

„Ach vergiss es", meinte er nur und stieß Guys Bein unterm Tisch, mit seinem Knie an. „Du bist schon in Ordnung." Nun sah der Gisbornespross noch viel verwirrter drein. Isabella grinste Robin indessen schadenfroh an. Sie genoss ganz offensichtlich den Zwist, der zwischen den Outlaws herrschte. Sie sollte sich lieber nicht zu früh freuen. Morgen war der Streit sicherlich schon vergessen. Zumindest glaubte Robin das, doch er sollte sich irren. Kate weigerte sich am nächsten Morgen ihr Zimmer zu verlassen, dass sie sich notgedrungen mit Isabella teilte. Sie hatte eigentlich mit irgendeiner fiesen Bemerkung, der anderen Frau gerechnete, aber ihr kühles, herablassendes Lächeln, war eigentlich noch viel schlimmer. Als Little John an ihre Tür klopfte um sie zu holen, behauptete Kate, dass sie sich wohl eine Erkältung eingefangen hätte und lieber im Bett bliebe. In Wahrheit wollte sie Robin einfach noch nicht gegenüber treten. Little John ahnte natürlich, dass Kate nicht wirklich krank war, aber er war so taktvoll nichts zu sagen. Er hatte gestern Abend versucht sie zu trösten, als er sie vollkommen aufgelöst, in ihrem Zimmer vorgefunden hatte. Einigermaßen war ihm dies sogar gelungen. Zumindest waren ihre Tränen versiegt, auch wenn sie sich innerlich hohl fühlte. Das würde sie Robin niemals vergeben!

Indessen saßen die Outlaws unten in der Taverne an einem der Tische und beratschlagten, wie sie weiter verfahren sollten. Zu dieser frühen Stunde, war außer ihnen noch niemand unten in der Schenke. Sie saßen wieder an derselben langgezogenen Tafel vom vorigen Abend. Bei Tageslicht sah das Etablissement etwas schäbig aus, aber über die Zimmer im oberen Stockwerk konnte man sich nicht beklagen, auch wenn sich die Männer jeweils zu dritt ein Zimmer teilen mussten. Schließlich war es nicht sicher, wie lange sie hier bleiben würden und daher war es von Vorteil mit Archers ergaunertem Geld sparsam umzugehen. Die Stimmung an diesem Morgen war gedrückt. Much, Little John und Bruder Tuck warfen Robin immer wieder tadelnde Blicke zu, während sich Archer demonstrativ neben seine Schwester gesetzt hatte. Diese wiederum begrüßte die Entwicklung der Dinge. Ihr Halbbruder erinnerte sie zwar an den Fehltritt ihrer Mutter und er nahm seine neue Rolle als Bruder anscheinend ein wenig zu ernst, aber immerhin hatte sie nun einen Menschen, der auf ihrer Seite stand. Das könnte sie vielleicht irgendwann zu ihrem Vorteil nutzen. Guy war der einzige, der Robin keine Vorwürfe machte. Was interessierte ihn diese Kate, oder Isabellas gekränkter Stolz? Er verstand nicht, warum die anderen solch ein Aufheben darum machten.

„Du Little John, gehst am besten die Ouse entlang und fragst die Händler, ob sie irgendetwas von diesem Arthur a Bland gehört, oder gesehen haben. Much, du hörst dich auf dem Markt um. Bruder Tuck kann dich begleiten. Guy übernimmt die Handwerker, ich schaue noch einmal in den Schenken nach und du Archer..."

„Wieso entscheidest du eigentlich alleine darüber?", fiel sein Bruder Robin ins Wort. „Haben wir gar kein Mitspracherecht? Ich denke, das Ganze ist vergeudete Zeit! Während wir hier nach diesem Mistkerl suchen, hätten wir ebenso gut im Sherwood Forest bleiben und einen Steuertransporter überfallen können. Geht es dir eigentlich wirklich noch um das Geld für die Armen, oder nicht viel mehr um deinen Ruf, als der unbesiegbare Robin Hood? Hast du Angst es könnte sich herumsprechen, dass dieser Gauner dich über den Tisch gezogen hat?", fragte Archer provokant.

„Mir geht es nicht nur darum die Truhe, die dieser Arthur gestohlen hat zurückzuholen, sondern diesem Schuft das Handwerk zu legen. Schließlich hat er nicht nur uns getäuscht. Aber ich zwinge niemanden dazu mir zu helfen. Wenn ihr Archers Meinung seid und das Ganze für Zeitverschwendung haltet, könnt ihr ruhig in den Sherwood zurückkehren. Ich bleibe in jedem Falle hier und schnappe mir diesen Kerl! Selbst wenn ich jeden Stein auf der Suche nach ihm umdrehen muss!", ereiferte sich Robin. Wenn sie seiner überdrüssig waren, sollten sie doch ruhig verschwinden. Er kam auch alleine zurecht.

„Genau das meinte ich gestern Abend! Ständig stößt du die Menschen, denen du etwas bedeutest von dir! Habe ich dir irgendeinen Grund gegeben, um an meiner Loyalität zu zweifeln? Ich mag zwar dein Verhalten gegenüber Kate nicht gutheißen, aber du bist immer noch mein bester Freund", meinte Much, wobei er mit der Faust auf den Tisch schlug.

„Ich bleibe auch hier. Ich bin einmal fort gegangen, als du diesen Gisborne bei uns angeschleppt hast und sofort bist du in die Schlinge geraten! Ich werde denselben Fehler nicht noch einmal begehen, selbst wenn du manchmal unausstehlich sein kannst", schloss Little John sich dem Rothaarigen an.

„Ich mag zwar nicht gutheißen, was gestern Abend vorgefallen ist, aber wer ohne Sünde ist werfe den ersten Stein", zitierte Bruder Tuck aus der Bibel. „Ich stehe dir weiterhin zur Seite."

„Ich bleibe ebenfalls hier, auch wenn das wahrscheinlich niemanden interessiert. Aber das Essen ist besser, als im Wald und immerhin habe ich hier ein ordentliches Bett. Ach ja und um mich dem Kanon anzuschließen, ich bin ebenfalls sehr enttäuscht von dir", brachte Isabella plötzlich neckend hervor. Sie schien das Ganze äußerst amüsant zu finden.

„Wenn du bleibst, dann bleibe ich auch", verkündete Archer. Daraufhin sahen alle abwartend zu Guy hinüber, der als einziger noch nichts gesagt hatte. Dieser zuckte nur mit den Schultern und meinte schroff: „Was schaut ihr mich so an? Ich hatte nie vorgehabt mich eurer kleinen Meuterei anzuschließen."

„Gut, dann wäre das geklärt", sagte Robin und warf Guy einen dankbaren Blick zu. „Ich würde vorschlagen, wir machen uns jetzt auf die Suche nach diesem Betrüger. Um die Mittagsstunde treffen wir uns hier in der Taverne und tauschen uns darüber aus, was wir in Erfahrung bringen konnten."

„Und was ist jetzt mit mir und Isabella?", fragte Archer.

„Was soll mit euch sein? Eben hast du mir noch vorgeworfen, dass ich über eure Köpfe hinweg entscheiden würde. Es liegt an euch, ob oder wo ihr nach ihm suchen wollt."

„Wenn das so ist", brachte Archer kühl hervor und erhob sich von seinem Platz. „Komm Isabella."

„Was bin ich? Ein Hund?", nörgelte diese, stand aber dennoch auf und folgte Archer hinaus. Er war ein Ärgernis, aber immerhin nicht so eine Plage, wie die übrigen Outlaws.

Auch die anderen machten sich auf den Weg, während Kate im Bett lag und ihre angebliche Krankheit auskurierte. Wobei sie sich tatsächlich nicht wohl fühlte. Ihr war übel und sie hatte so ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend, als hätte sie etwas Falsches gegessen, was aber lediglich von ihrer Trauer herrührte. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sich auf ihrem Zimmer zu verkriechen, denn hier hatte sie keinerlei Ablenkung und musste ständig an Robin denken. Zum ersten Mal konnte sie Isabellas Groll auf ihn nachvollziehen. Sie überlegte bereits, ob sie nicht einfach von hier verschwinden und woanders ihr Glück versuchen sollte. Aber es war nicht leicht sich als Frau durchzuschlagen, besonders nicht wenn man als vogelfrei galt. Außerdem behagte ihr die Vorstellung alleine zu sein, ganz und gar nicht. Anderseits quälte sie allerdings auch der Gedanke, Robin Tag für Tag gegenübertreten zu müssen. Wenn sie bliebe, würde sie ihn wohl oder übel irgendwann mit einer anderen Frau zusammen sehen und sie wusste nicht, ob sie das verkraften könnte. Wie hielt Isabella das nur aus? Wahrscheinlich rührte da ihre zynische Art her. Sie war nicht immer so gewesen. Kate hatte Isabella zwar noch nie wirklich leiden können, aber sie konnte sich erinnern, dass die Frau bei ihrer ersten Begegnung keineswegs verbittert, oder gar grausam gewirkt hatte. Zumindest hatte sie versucht das Feuer zu löschen, nachdem Prinz John die Dorfkirche samt einer Hochzeitsgesellschaft in Brand stecken lies. Dennoch hatte Kate in ihr nur die Schwester von Sir Guy of Gisborne gesehen, dem Mann, der ihren Bruder auf dem Gewissen hatte. Hinzu kam noch brodelnde Eifersucht, weil Robin Isabella mehr Interesse entgegengebracht hatte, als ihr selbst. Eigentlich verwunderte sie das nicht sehr, denn immerhin war sie nur ein gewöhnliches Bauernmädchen, während Isabella genauso wie Robin adligen Geblüts war. Alleine deswegen passten sie schon viel besser zusammen. Dazu kam noch Isabellas unleugbare Schönheit. Ihre blasse Haut, das samtigbraune, wallende Haar und die kristallblauen Augen, waren Grund genug sie zu beneiden und gleichzeitig dafür zu hassen. Was hätte Kate nicht darum gegeben, um so auszusehen wie sie. Und dennoch hatte auch Isabella den berühmtberüchtigten Frauenheld Robin Hood nicht halten können. Kate merkte wie ihr wieder Tränen in die Augen stiegen und ihre Sicht verschwamm. Wie hatte sie nur glauben können, dass es bei ihr anders verlaufen würde? Die Stunden verstrichen und gegen Mittag, fanden sich die anderen Outlaws wieder unten in der Taverne ein.

„Wir haben ihn!", verkündete Much stolz.

„Ihr habt ihn? Wo?", fragte Archer, wobei er ungläubig eine Augenbraue anhob.

„Na ja, wir haben ihn noch nicht geschnappt, aber wir wissen jetzt wo er sich aufhält", erklärte der Rotschopf.

„Du meinst wohl wir glauben zu wissen, wo er sich aufhält", verbesserte Bruder Tuck ihn mit einem nachsichtigen Lächeln.

„Gut zugegeben, wir sind uns nicht vollkommen sicher, aber was wir gehört haben klang ganz nach ihm. Einer der Markthändler, so ein riesiger Mann mit Schnauzbart, ich glaube er war sogar noch größer als John, hat Tuck und mir irgendwelche Gewürze verkaufen wollen…"

„Komm zur Sache Much", unterbrach Robin ihn, bevor sein ehemaliger Diener, ihm noch die ganze Lebensgeschichte dieses Händlers erzählte.

„Das wollte ich ja gerade, wenn du mich nicht unterbrochen hättest dann…", Little John stieß dem Rotschopf mit dem Ellbogen in die Seite.

„Du sollst zur Sache kommen", brummte er.

„Ja doch! Also, dieser Händler hat erzählt, dass gestern ein Mann mit einem Ochsenkarren an seinem Stand vorbeigekommen ist. Er trug zwar keinen Bart, aber den könnte er sich gegebenenfalls geschoren haben. Man erzählt sich, dass er im Moment beim Sheriff of York zu Gast sei. Angeblich ist er ein ehemaliger Kreuzritter, der im Kampf verwundet wurde. Er soll vom König für seine Verdienste reichlich entlohnt und nach England zurückgeschickt worden sein. Aber das glaube ich nicht! Wieso sollte der König ihn mit einem Vermögen ausstatten, während er dich mit leeren Händen heimschickt? Schließlich verdankt der König dir sein Leben und er hat immer gesagt, dass du ihm einer der Liebsten bist, Master. Ich glaube die ganze Geschichte ist erlogen. Klingt das nicht sehr nach dem Mann den wir suchen? Ein Hochstapler, der ein großes Vermögen mit sich herumschleppt und auf einem Ochsenkarren hierher kam?"

„Du hast Recht, dass hört sich ganz nach ihm an. Dummer Weise ist er ausgerechnet beim Sheriff zu Gast, der unseren letzten Besuch in York gewiss nicht so schnell vergessen hat. Wir können nicht einfach an die Tür klopfen und sagen, dass wir mit Arthur a Bland reden möchten. Ich würde daher vorschlagen, dass wir ihm irgendwo auflauern."

„Oder wir bahnen uns heimlich einen Weg ins Burginnere", schlug Archer vor.

„Zu riskant", widersprach Robin. „York Castle ist gut bewacht und die Soldaten kennen gewiss noch unsere Gesichter."

„Hat uns das jemals davon abgehalten in Nottingham Castle einzudringen?"

„Nein, aber das ist auch etwas vollkommen Anderes. Immerhin kenne ich dort jeden Winkel und weiß welche Gänge kaum bewacht werden. Das trifft auf York Castle nicht zu", erklärte Robin. „Außerdem wissen wir noch nicht einmal, wo er in dem Gemäuer sein Quartier bezogen hat. Wenn sie uns schnappen, werden sie dich, Guy und mich auf jeden Fall hängen lassen. Die anderen höchstwahrscheinlich auch, weil sie uns damals zur Flucht verholfen haben."

„Klingt einleuchtend", meinte Little John. „Also warten wir vor der Burg, bis dieser Mistkerl sich blicken lässt."

„Das ist wohl das Beste. Er wird sich ja nicht ewig darin verkriechen."

„Und wenn er aus der Burg kommt, was dann?", fragte Archer. „Sobald er uns sieht, wird er doch sicherlich die Flucht ergreifen, oder die Wachen auf uns hetzen. Und wem werden die Soldaten wohl eher glauben? Vergiss nicht, dieser Schwindler genießt das Vertrauen des Sheriffs."

„Wir müssen ihm halt unauffällig folgen und sobald er alleine ist schnappen wir ihn uns!"

Gesagt, getan. Wenig später hatte sie sich unter die Bettler gemischt, die vor der Burg um Almosen flehten. Damit niemand sie erkannte, trugen sie lange, abgetragene Kutten, die sie von irgendwelchen Wäscheleinen entwendet hatten. „Die bringen wir aber nachher zurück", beharrte Bruder Tuck, der es nicht richtig fand, dass sie nun auch von den Armen stahlen. „Natürlich bringen wir die zurück", beschwichtigte ihn Robin.

Sie harrten schon eine ganze Weile vor den Toren aus, als Isabella plötzlich stöhnte: „Ach, ist das langweilig. Wenn man die Leute über den großen Robin Hood und seine Bande von Vogelfreien reden hört, könnte man meinen eurer Leben wäre das reinste Abenteuer, aber in Wahrheit ist es ziemlich fade."

„Pscht, bist du wohl leise! Was ist wenn dich jemand gehört hat und nun weiß das wir hier sind?", schalt sie Much. „Wer hat eigentlich entschieden das diese da mitkommt?" Mit gerümpfter Nase und heruntergezogenen Mundwinkeln, wies der rothaarige Outlaw mit einer leichten Kopfbewegung in Isabellas Richtung.

„Hätten wir sie etwa bei Kate lassen sollen? Das hätte ihr gerade noch gefehlt", schnaubte Little John.

„Nein, natürlich nicht", meinte Much daraufhin kleinlaut, der natürlich auch nicht wollte, dass die arme Kate den Gemeinheiten dieses Biestes ausgeliefert war. Was hatte sein Master nur jemals an dieser Isabella gefunden? Es war Much einfach unbegreiflich. Aber er verstand Robin ohnehin meistens nicht. Wenn er das Glück gehabt hätte, so eine umwerfende Frau wie Kate für sich zu gewinnen, hätte er sie für alles Gold der Welt nicht hergegeben.

„Ich glaube da kommt er", mit diesen Worten sorgte Bruder Tuck dafür, dass sich ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Tore richtete und tatsächlich, da kam ein Ochsenkarren herausgefahren. Doch der Mann, der auf dem Kutschbock saß, hatte mit dem alten Herren, den sie vor wenigen Tagen zur Hilfe geeilt waren, kaum noch Ähnlichkeit.

Er trug prunkvolle Kleider, die irgendwie nicht zu dem alten, klapprigen Ochsenkarren passen wollten und der Bart fehlte, wodurch er wesentlich jünger wirkte. Zwar nicht so jung wie Robin, Much, oder Archer, aber er war wahrscheinlich so in Little Johns Alter. Er schaute sehr selbstzufrieden drein und würdigte die Bettler, die den Burggraben säumten keines Blickes. So übersah er auch die Outlaws, welches sich unter die Mittellosen gemischt hatten.

„Na dann wollen wir mal", sagte Robin und auf seinem Befehl hin nahmen sie in einigem Abstand die Verfolgung auf.

Fortsetzung folgt