Ab jetzt gibt's jede Woche ein neues "Pitelchen".
Wünsche Spaß gehabt zu haben!
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Der Vormittag im Hause Black zog sich zäh dahin wie ein Kaugummi. Die meisten der Besucher und Bewohner waren mit sich selbst, mit Geschenken und dergleichen beschäftigt und fanden kaum Zeit füreinander. Remus lag schon seit dem Frühstück auf dem Sofa vor dem größten Kamin in einem großen Wohnraum, in dem er es besonders behaglich fand. Einige schlichte Bücherregale, befüllt mit sehr unterschiedlicher Literatur, doch das meiste weniger Sachbuch, sondern mehr Lyrik und Prosa, nahmen den Hall von den hohen Wänden. Statt plappernder oder über Schlammblüter lästernder Gemälde hingen hier ein paar angenehm sommerliche Landschaftsbilder, ergänzt durch wenige, silbrig schimmernde Kerzenleuchter neben den Tür- und Fensterrahmen, ein großer schwebte unter der Stuckdecke. Eine Weile hatte er sich hier von Heinrich Heines Wintermärchen in Versen wiegen lassen, jetzt lag das kleine, in einfache Pappdeckel gebundene Buch auf seinem Gesicht und versteckte seinen nachdenklichen Blick vor eventuellen Besuchern. Der Vorfall am Frühstückstisch wollte ihn nicht so richtig loslassen. Er begriff einfach nicht, wie Severus Snape für alle Weasleys, für Hermine Granger, ja sogar Sirius Black und Harry Potter hatte in irgendeiner Art gute Worte finden können, doch er selbst schien da ein ganz und gar unbeschriebenes Blatt in Rosemarys Erinnerungen. Alles des Erzählens Relevante, was er über ihn erzählt zu haben schien, war dieser Fluch. Diese kleine, fiese Gemeinsamkeit mit dem Mädchen. Mehr nicht. Mehr war an Remus Lupin nicht interessant genug für diesen arroganten, überselbstsicheren, schmierigen,... ja, was überhaupt? Wer genau war Severus Snape denn nun? Das erschien Remus schon seit Jahren als eine sehr müßige Frage. Die Rolle des düsteren Tränkemeisters im Orden, bei Voldemort, in der Welt. Sie war unklar, auch, wenn Dumbledore das Gegenteil behauptete.
In ihrer Schulzeit war der unansehnliche Slytherin mit den langen fettigen Haaren Remus nur durch seine Reibereien mit Sirius und James aufgefallen, auch wenn so manche Streitereien vielleicht eher von seinen Freunen, als von Severus selbst ausgegangen waren. Sicherlich war er nie um einen Fluch, um eine herablassende Bemerkung oder eine bissige Beleidigung verlegen gewesen, aber...
Remus seufzte ratlos und die Seiten voller Heinereime flatterten über seiner Unterlippe und kitzelten ihn am Bart. Das dieses hoffnungsvolle Mädchen so einen deprimierenden Gedankengang in ihm auslösen würde, hatte er nicht vorher gesehen. Aber vielleicht konnte er aus ihrem Wissen noch mehr schöpfen, als monatlich seine Ration Wofsbanntrank. Er hatte nie erfahren, ob Severus noch Familie hatte. Daran glauben konnte er nicht, denn er erinnerte sich, dass Lily in ihrem letzten Schuljahr nach einem Vollmond zu ihm gekommen war, mit einer Kanne heißer Schokolade. Ihre Augen waren rotgrün gewesen und ihr Lächeln ein wenig gezwungen. Ihre Worte hatte er, wie jedes ihrer Gespräche, sehr genau im Kopf: „Mit mir ist alles gut. Es ist nur...", ihr Seufzen hallte noch in seinen Ohren nach, „Du musst versprechen, es den andern Jungs nicht zu erzählen, ja? Es ist Severus... seine Mum ist gestorben." - „Schnief-? Oh..." - „Ja ich,... es ist schlimm. Aber er lässt mich jetzt... naja, er redet gar nicht mehr."
Zwar hatte Remus nie besonders viel Acht auf die Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Schülern gegeben, dennoch war ihm durchaus klarer als Sirius oder James gewesen, dass Lily etwas wichtiges an Severus finden musste. Eine Verbindung hatte. Doch von diesem Tag an, war es schlechter geworden. Konnte es tatsächlich sein, dass er sich nach ihrem Streit, nachdem das rothaarige Gryffindormädchen sich wütend von ihm abgewandt hatte, niemandem mehr anvertraut hatte?
Remus selbst war es immer schwer gefallen, Freunde zu finden. Er war von Natur aus eher ein schüchterner Typ und sein Handycap hatte nicht gerade seinem Selbstbewusstsein weiter geholfen. Dennoch hatte er es auch nach James, nach Sirius und... irgendwie auch Peter geschafft, Kontakte zu knöpfen. Der Phönixorden war für ihn seine neue Familie. Ja, er wollte es selbst kaum glauben, aber es hatte sich sogar eine Frau in ihn verliebt.
Bis vor ein paar Stunden hatte er geglaubt, dass Severus im Gegensatz zu ihm selbst ein vereinsamter Misanthrop war, der selbst nicht so recht wusste, auf welcher Seite er nun stehen sollte. Doch das Auftauchen seiner – quasi - Pflegetochter hatte alle diese Meinungen unbegründet und grundsteinlos zurückgelassen. Dieses Mädchen hatte Jahre lang mit diesem Mann zusammen gelebt. Und wenn er es richtig verstanden hatte, dann war er ihm gegenüber äußerst offen- und treuherzig gewesen. Von jemandem, der Severus so gut kannte, würde Remus Lupin sich gern eines besseren belehren und seine zweidimensionale Vorstellung des Tränkemeisters abnehmen lassen.
Wenig später sah Remus sich im neuen Zimmer Rosemarys um und staunte nicht schlecht. Sie hatte sich im Nu ein kleines Labor eingerichtet, in einem Regal verschiedene Ingerdienzien aufgereiht, in Nähe des Fensters einen Gaskocher unter einem kleinen Kessel platziert und auf dem zerschrammten Sekretär von Sirius verschiedene gläserne Instrumente wie einen großen Reagenzglashalter und zwei Stapeln verschieden großer Petrischalen untergebracht. Sie selbst polierte im Momen eine kupfern glänzende Dolchklinge, bis sie im Licht der Wintersonne schimmerte und legte sie, ihren Besucher fast verlegen musternd, bei Seite.
„Ich habe schon zu Hermine gesagt, die Ausstattung ist recht bescheiden. Aber sie reicht gerade für den Wolfsbann aus. Mit dem wollte ich eben beginnen."
„Oh, ich verstehe!", Remus trat nun interessiert ein wenig näher, „Da wollte ich dir ohnehin gerne ein wenig über die Schulter schauen... also, nur wenn es dir nichts ausmacht."
Der blond verstrubbelte Kopf nickte ihm zu und zeigte nur lächelnd auf den alten Lehnstuhl vor dem Sekretär.
„Setz dich doch dorthin. Ich kann schon verstehen, das du ein gesteigertes Interesse an der Herstellung des Tranks haben musst. Wenn du genau aufpasst, kannst du es auch sicher bald selbst gut genug."
Remus setzte sich wie ihm geheißen war und lache kurz durch seine Zähne auf: „Weißt du, ich habe da nicht so viel Hoffnung. In der Schule war ich wirklich miserabel in Zaubertränke. Mein erster Vielsafttrank war so katastrophal zusammen gestellt, dass-" „- er am Ende nichts als glasklares Schwefelwasser war.", vervollständigte Rosemary seinen Satz wie automatisch. Aha.
Alarmiert sah Remus in ihren Nacken, während sie von ihm abgewand begann, Schwarzwurzeln zu zerhacken. Sie wusste mehr. Sie kannte diese Schulanekdote.
„Rosemary..." - „Einfach Rose, ja?", warf sie leichtfertig ein und lies die ersten Zutaten ganz sanft in das köchelnde Flussquellwasser knapp über dem Boden des Kessels gleiten.
„Also gut, Rose... Sag, warum hast du nur so wenig über mich erzählt? Da unten, beim Frühstück."
Sie schwieg. Sie hackte. Sie rührte.
„Hat er dir denn wirklich nichts weiter über mich erzählt? Nur, dass ich der Werwolf bin? Mehr nicht?", Remus bemerkte erschrocken, dass sein Tonfall beinahe verzweifelt klang.
Das blonde Mädchen stierte eine Weile in die tiefen ihres Kupferkessels, warf einige Dinge hinein, die stark an Insektengebeine erinnerten und ähnelte selbst dabei ihrem Pflegevater umso mehr. Irgendwann schien sie sich jedoch durchgerungen zu haben, und sah zu Remus, der nicht mehr als einen Fuß von ihr entfernt saß, und sie bittend anschaute.
„Wie du vielleicht bemerkt hast...", sie räusperte sich, was mit ihrer hohen Kinderstimme sehr seltsam klang, „...habe ich über alle sehr... sehr positive Dinge erzählt. Davon war nichts gelogen, ehrlich. Aber ich habe schon sehr deutlich... naja... herausgefiltert. Ich wollte doch niemanden beleidigen..."
Remus sackte in sich zusammen und sah sie resigniert an:
„Meinst du damit, über mich hat er wirklich gar nichts weiter erzählt? Nichts wahres?"
Rosemary schüttelte leicht den Kopf und nahm sich ein paar weiterer Trankzutaten an.
„Nein. Er war auch über dich sehr... ehrlich. Leider war sein Urteil trotzdem... naja, nicht besonders...nett, weißt du?"
„Soll das heißen, sogar über Sirius sagt er etwas Gutes, aber mir bringt er nach wie vor nur Hass und Verachtung entgegen?"
Er hatte gar nicht aufspringen wollen. Aber irgendwie machte ihn der Gedanke immer noch rasend. Das konnte er nun wirklich nicht begreifen. Das wollte er gar nicht verstehen.
„Was hat er über mich gesagt? Ich will das jetzt wissen, bitte", sein Tonfall war nun harsch, vielleicht strenger und düsterer, als er es gewollt hatte. Mit einem leisen Platschen ließ das Mädchen ein Knäuel in den Trank fallen, was stark an einen Hasenfuß erinnerte und seufzte:
„Remus Lupin. Der Werwolf. Gar nicht so ein schlechter Arithmathiker, dem dummer Weise nichts wichtiger ist, als von anderen gemocht zu werden und allen zu gefallen, völlig egal, was er dafür tun oder nicht tun muss."
