Kapitel 4: Rebecca
Darren hatte den ganzen Tag über allerlei Merkwürdiges zu sehen bekommen, da war Rebeccas Kostümschneiderei in einem der Wohnwagen eine Oase der Ruhe. Er begann sich in der Nähe des einzig normalen Mädchens recht wohl zu fühlen.
Rebecca hatte ihm Kleidung besorgt, denn Darren hatte nichts weiter, als den schwarzen Anzug, in dem er beerdigt worden war.
Darren war froh, etwas anderes anziehen zu können.
Bei dem Anblick des schwarzen Anzuges, bekam er eine Gänsehaut.
Außerdem war er noch voller Erde, denn der Vampir hatte darauf bestanden, dass er sein eigenes Grab wieder zuschaufelt.
Darren betrachtete sich gerade im Spiegel, Rebecca hatte ihm eine rote Lederjacke gereicht, die ihm besonders gut gefiel, da ging die Tür des Wohnwagens auf und Mr Crepsleys Studentin kam herein.
Sie schloß rasch die Tür hinter sich und blinzelte einen Moment, als würden ihre Augen vom Sonnenlicht schmerzen und sie wäre nun froh, wieder im Zwielicht zu stehen.
Sie trug den roten Mantel des Vampirs unter dem Arm, den Mr Crepsley gestern abend noch getragen hatte, und wand sich aufgeregt an Rebecca.
„Rebecca, du musst mir helfen…"
Sie stockte, als sie Darren bemerkte.
Da Darren nicht wusste, wie er sie begrüßen sollte, trat einen Moment Schweigen ein.
Gillian sah aufgelöst und gereizt aus.
Sie beschloß Darren zu ignorieren, da ihr Anliegen wichtiger war, und hielt Rebecca den Mantel unter die Nase: "Sieh mal. Ich bekomme diese Flecken nicht heraus."
In ihrer Stimme schwang ein Hauch Panik mit.
Rebecca blieb ruhig. „Zeig mal her, das kriegen wir hin."
Sieh nahm der Studentin den Mantel des Vampirs ab und hielt den Stoff unter eine Lampe. „Was ist das? Blut?"
„Ich weiß, wie man Blut weg bekommt", schnaubte Gillian verächtlich.
„Nein, es ist Lehm und Erde. Ich hab versucht, es heraus zu reiben, aber das hat es nur noch schlimmer gemacht."
Nervös fuhr sie sich durch ihr langes Haar
„Ich glaube, ich hab da was". Rebecca ging mit dem Mantel nach hinten und suchte nach einem Fläschchen in einer Kiste.
Gillian sah ihr nach, warf dann einen Blick aus dem Fenster. „Es wird bald dunkel!", sagte sie aufgebracht zu niemand bestimmten, und trat nervös von einem Fuß auf den anderen.
Ihr Blick traf Darrens.
Sie schnaubte Darren an: "Was habt ihr drei Tage lang gemacht? In der Erde gegraben?"
Darren grinste: "Genau."
Seine Antwort schien ihr zu missfallen.
"Wenn Rebecca fertig ist, bringst du den Mantel rüber in Master Crepsleys Zelt. Ich erwarte dich da."
Ohne ein weiteres Wort rauschte Gillian hinaus.
Darren runzelte ärgerlich die Stirn.
Er rutschte von der Kiste und ging hinüber zu Rebecca, die schon fleißig mit einem Tuch über den Stoff rieb.
Darren sah ihr zu.
„Es ist gleich weg, kein Problem."
Rebecca sah zu ihm hoch, als wolle sie ihn beruhigen.
Darren verstand die Aufregung nicht. "Es ist doch nur Dreck, was macht die so eine Panik."
Rebecca hielt inne und sah Darren ein wenig besorgt ins Gesicht. „ Sie möchte wohl nicht, das Mr Crepsley wütend auf sie ist. Hier."
Sie drückte ihm den Mantel in die Hand. „Alles raus."
„Danke." Darren sah auf den Stoff.
Der Mantel war abgetragen und alt, und er hatte mehr als ein paar Flecken.
Darren hatte nicht den Eindruck, dass der Vampir sich wegen solcher Kleinigkeiten aufzuregen pflegte.
„Diese Gillian. Wer ist das eigentlich?"
Darren fragte sich schon die ganze Zeit, was eigentlich eine Vampirstudentin war. Genauso wie er sich fragte, was ein Vampirassistent war. Er hatte sich bisher nur noch nicht getraut, zu fragen.
Rebecca zögerte. „Sie gehört nicht zum Cirque. Sie dient Mr Crepsley."
„Ist sie ein… Vampir?"
Darren hatte schon mitbekommen, dass die meißten Mitglieder des Cirques über Mr Crepsley Bescheid wussten.
Manche hatten Angst vor ihm.
„Nein, aber sie soll einer werden, er bildet sie aus."
Darren glotzte sie überrascht an.
Larten Crepsley hatte Blut mit ihm getauscht, und er, Darren, war nun ein Halbvampir.
Gillian war mit Sicherheit auch eine Halbvampirin; sie konnte bei Tag herumlaufen wie er. Crepsley bildete sie also zum Vampir aus.
Was bedeutete das?
So wie es aussah, bediente sie den Vampir.
Würde Darren jetzt in den nächsten Wochen die Unterwäsche des Vampirs waschen müssen?
Darren stand auf und nahm den Mantel.
"Ich mach mich dann mal auf die Socken, bevor mein Herr und Meister erwacht."
Er grinste ironisch.
Darren Shan verließ den Wohnwagen und marschierte vorbei am Käfig des Wolfsmenschen Richtung Zelt des Vampirs.
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