Und weiter geht's!

Viel Spaß!


„Hier!"

Überrascht hob sie den Kopf. Sirius stand über ihr und hielt ihr eine Schüssel mit dampfendem Inhalt entgegen. Ein kurzer Blick sagte ihr, dass es sich um Nudelsuppe handelte.

„Danke!"

Sie nahm die Schüssel und stellte sie neben sich auf den Couchtisch. Ihr Blick lag immer noch auf Remus. Es lag jetzt ungefähr eine Stunde zurück, dass dieser Dumbledore wieder verschwunden war und Sirius hatte sich ein Shirt von Remus übergezogen und war irgendwann kurz in der Küche verschwunden, während sie gesäubert und umgezogen hatte. Remus lag immer noch reglos und leichenblass auf der Couch und schlief, jedoch ohne das prophezeite Fieber. Wie sie ihn da so sah, musste sie wieder daran denken, wie sie vor nicht allzu langer Zeit gemeinsam im Wald gewesen waren…


-Rückblick-

Sie trottete über die feuchte Erde, zwischen jungen Kiefern und hohen Eichen hindurch, folgte dem Plätschern des Baches und fand ihn schließlich an der Stelle, die er ihr gezeigt hatte. Er hatte sich recht schnell von seiner Krankheit erholt und ihr dann wie versprochen den Bach gezeigt.

Und er hatte nicht gelogen, es war ein wunderschönes Fleckchen Erde. Das klare Wasser schlängelte sich in sanften Kurven über Kies und Waldboden. Die Sonne schien durch das junge Grün der Bäume und ein großer Baumstamm lag umgestürzt neben dem Bachlauf. Moos wuchs darauf.

Genau auf diesem Stamm saß Remus gerade und starrte ins plätschernde Wasser. Leise kam sie näher und als er sie bemerkte, rutschte er ein Stück. Das Bild, das sich ihr bot, fesselte sie auf der Stelle. Die Sonne schien in schrägem Winkel durch die Bäume und ihre Strahlen brachen sich funkelnd im Wasser, so dass der Bach wie ein kleiner Strom funkelnder Diamanten aussah.

Sie bemerkte nicht, dass er sich ihr zugewandt hatte und über ihre Faszination lächelte.

Das… das ist wirklich atemberaubend schön!" staunte sie leise und ehrfürchtig.

Ja… das ist es in der Tat." murmelte er ebenso leise, doch ihr fiel nicht auf, dass er nicht den Bach betrachtete, sondern sie selbst und ihr Haar, das im schrägen Licht wie ein Wasserfall aus purem Gold aussah.

Irgendwann wandte sie ihren Kopf zu ihm und war überrascht, dass er sie ansah. Ein schüchternes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus und sie senkte die Augen. Ihr Herz schlug schneller. Sie verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Sie saß doch nur hier, neben Remus, ihrem Herbergsvater sozusagen.

Und ihrem Retter.

Und einem tollen Mann.

Nach einer Weile sah sie wieder auf, sein Blick schien in die Ferne gerichtet zu sein und so betrachtete sie sein Gesicht. Die strahlenden Augen, die so faszinierend bernsteinfarben funkelten. Seine weichen Lippen, die meistens zu einem Lächeln verzogen waren. Die grauen Strähnen, die ihn älter machten, als er war.

Er musste ihren intensiven Blick gespürt haben, denn er sah sie an.

Sie konnte später nicht erklären, was über sie gekommen war, doch in diesem Moment übernahm ein anderer Teil ihrer Selbst das Handeln. Sie näherte sich ihm und als ihre Lippen die seinen berührten, schloss sie die Augen. Genoss die Wärme seiner Nähe, das Gefühl dieser zarten Haut auf der ihren. Vorsichtig tastete sie mit ihrer Zunge und er öffnete sich ihr ein wenig.

Nur um sie im nächsten Augenblick fest an den Schultern zu packen und von sich zu schieben. Ein bisschen übereilt sprang er auf, wäre beinahe gestürzt. Seine Wangen waren gerötet, seine Augen starr auf sie gerichtet und eine Art unterschwellige Angst lag darin.

Sie konnte ihn nicht länger ansehen.

Ich… es… es tut mir leid… ich wollte nicht… ich weiß nicht, was da über mich gekommen ist. Ich wollte dir nicht zu nahe treten… ich…"

Schon gut." Seine Stimme klang irgendwie kühl, nicht so wie sonst. „Ich gehe dann schon mal vor. Es wird langsam Zeit, sich ums Abendessen zu kümmern."

Dann hörte sie nur noch seine schnellen Schritte und sah zu, wie er sich rasch entfernte.

Was war da nur gerade passiert?

Was war in sie gefahren?

Und er hatte es doch gewollt am Anfang. Was war dann geschehen?

Was hatte ihn so überstürzt davonstürmen lassen?...


Eine Frage, die sie auch jetzt noch nicht vollständig beantworten konnte.

„Er wird schon wieder! Er ist hart im Nehmen." sagte Sirius zuversichtlich und beruhigend.

Ryanna nickte nur leicht. Dumpf nahm sie wahr, wie Sirius sich in einen Sessel setzte und sie beobachtete.

„Wie geht es dir?" fragte er sanft.

Verwirrt blickte sie auf. Seit diese zwei Gestalten aus dem Kamin wieder weg waren, hatten sie nicht geredet und jetzt fragte er sie, wie es ihr ging, wo doch Remus verletzt neben ihm lag. „Mir?" gab sie irritiert zurück.

Seine schwarzen Augen suchten einfühlsam und dennoch neugierig ihren Blick. „Ja, dir! In den letzten zwei Stunden ist viel passiert. Verdammt viel, und ich meine jetzt nicht unbedingt die Tatsache, dass Remus sich verletzt hat. Du hast Dinge gesehen und erlebt… es muss doch sicher totales Chaos in deinem Kopf herrschen. Vielleicht kann ich dir helfen, ein bisschen Ordnung hineinzubringen."

Sie konnte sich nicht sagen, woran genau es lag, aber dieser ihr völlig fremde Mann wirkte in diesem Moment so Vertrauen erweckend, so unerschütterlich wie ein Fels in der Brandung, etwas, woran man sich festhalten konnte. Und solch einen Halt konnte sie gut gebrauchen.

„Es… es ist eigentlich kein richtiges Chaos… mehr eine Art… völlige Leere. Ich hab das Gefühl, dass nichts mehr so ist wie zuvor. Ich komme mir vor, als wäre ich in eine Art Märchen gefallen und könnte einfach nicht wieder hinaus."

Ihr Blick glitt wieder über Remus und verweilte in seinem blassen Gesicht. Zärtlich streichelte sie seine Wange. „Und vielleicht will ich das auch gar nicht mehr, nicht, wenn es bedeutet, ihn ebenfalls zurückzulassen."

Sie konnte Sirius' Lächeln nicht sehen, ebenso wenig wie das freudige Glitzern in seinen Augen, was vermutlich gut war, denn es hätte sie nur verwirrt.

„Wie kann es sein, dass so etwas existiert? Dass es Hexen und Zauberer tatsächlich gibt? Das sind doch alles Märchen, nichts weiter als Geschichten."

„Uns Magier gibt es schon seit undenkbar langer Zeit und vor vielen hundert Jahren, da lebten wir frei und ungezwungen mit den Nichtmagiern zusammen. Doch über die Jahre wuchsen Angst und Furcht und nährten Vorurteile und Feindschaft. Sicher waren wir nicht ganz unschuldig, zu jeder Zeit gibt es Menschen, die ihre Macht missbrauchen. So wurden wir gejagt und getötet und wir schlugen zurück. Es entbrannte ein Krieg und es gab viele Opfer auf beiden Seiten, ehe sich die Oberhäupter beider Seiten friedlich einigten. Die Magier sollten sich verstecken, sollten separat von all den Nichtmagiern leben und jeder schwor dem anderen, dass die Angriffe damit zu Ende seien. So errichteten wir unsere Welt, die sich mit der euren schneidet, in ihr existiert und doch verborgen bleibt. Deshalb gibt es die Geschichten, es sind Überlieferungen aus alten Zeiten."

Fasziniert lauschte Ryanna diesen Worten. Es kam ihr vor, als würde sie einem alten Spielmann auf einem Mittelaltermarkt lauschen, der den Kindern Geschichten erzählt. Und doch war es keine Geschichte, es war Realität. Sie hatte die Beweise dafür gesehen, es gab keinen Grund mehr, an dieser Tatsache zu zweifeln. Aber es galt andere Dinge zu klären, Dinge, die ihr persönlich wichtig waren.

„Wer bist du? Wer waren diese beiden vorhin? Und wer genau ist Remus eigentlich?" Ryanna brauchte Antworten.

Sirius blähte Zeit schindend die Backen und ließ sich in seinem Sessel zurücksinken. „Was hat dir Remus über sich erzählt?"

„Nicht viel, und jetzt am Schluss, dass er ein Zauberer ist. Sonst nichts, wieso fragst du?"

„Nur so…" Doch sein Abwinken kam ihr zu plötzlich, zu abrupt. Auch glaubte sie, einen Moment etwas in seinem Blick aufblitzen zu sehen. Instinktiv spürte sie, dass da noch etwas lauerte, etwas, dass sie noch nicht wusste, aber von Bedeutung zu sein schien. Das würde sie später schon noch in Erfahrung bringen.

„Hat er Hogwarts mal erwähnt?"

Ryanna überlegte: „Diese Schule?"

Sirius nickte. „Wir sind dort beide zur Schule gegangen, in derselben Klasse. Wir sind seitdem sehr gute Freunde. Er war immer für mich da, wenn ich ihn brauchte. Er ist so eine herzensgute Seele." Ryanna stimmte ihm lächelnd. „Albus ist der Direktor von Hogwarts, ein mächtiger Zauberer und sehr weiser Mann. Und Poppy ist die Heilerin der Schule."

„Ihn verbindet wohl viel mit dieser Schule…" mutmaßte Ryanna, der es irgendwie seltsam erschien, dass man sich, wenn man Hilfe brauchte, an die Lehrer von damals wandte.

„Ja, in der Tat. Uns alle verbindet viel mit dieser Schule. Und Remus ganz besonders. Er hat dort einmal unterrichtet. Du solltest etwas von der Suppe essen, nicht dass sie kalt wird."

„Oh, die hatte ich ganz vergessen. Noch mal danke."

Schweigend aß sie etwas. Sirius trank Kaffee. Obwohl die Situation kaum absurder sein konnte, so verspürte sie dennoch keine Angst. Sie war in vertrauter Umgebung, sie war bei Remus, hatte also eine Wahl getroffen und sie spürte, dass es die richtige war, und ein Freund von Remus war bei ihr und leistete ihr an seinem Krankenbett Gesellschaft. Angenehme Gesellschaft wohlgemerkt.

Als sie fertig gegessen hatte, wandte sie sich wieder Remus zu und nahm seine Hand in die ihre. Beunruhigt zog sie die Stirn in Falten und gewahrte dann auch die ersten Schweißtropfen auf seiner Stirn. Eine kurze Berührung von Remus' Gesicht reichte aus, um ihren Verdacht zu bestätigen und ihre Sorge erneut zu schüren.

„Sirius, er bekommt Fieber, er ist schon ganz heiß!"


-Rückblick-

… „Kennst du ‚Hast du, hast du nicht?'?" fragte sie ihn grinsend.

Er runzelte die Stirn. „Nein, hab ich noch nie gehört. Was ist das?"

Nun ja…" Sie zögerte einen Augenblick. „Es ist eine Art… Spiel."

Nach der Sache am Bach war ihr Abendessen recht still verlaufen, doch offenbar hatte er entschieden, dass nie etwas geschehen war und zauberte nach dem Essen, als sie bereits vor dem warmen Kamin am Boden saß, die Hände neben sich in den weichen, wuscheligen Teppich gegraben, und die Wärme genoss, eine Flasche Rotwein und zwei Gläser hervor.

Dieser Abend kann ein wenig Auflockerung gebrauchen. Und ganz nebenbei ist dieser Wein ein hervorragender Tropfen." hatte er dazu gesagt.

Schon nach einem Glas merkte sie, wie ihr der Alkohol zu Kopf stieg. Sie trank sehr selten und immer nur sehr wenig, mit dem Effekt, dass sie jedes Glas gleich doppelt merkte. Doch Remus sollte wieder einmal Recht behalten, der Wein schmeckte vorzüglich. Und so leerten sie langsam und genießerisch die Flasche, und schon hielt der Alkohol sie in ihren Fängen. Remus holte noch eine Flasche und sie hatten gerade ihr erstes Glas davon ausgetrunken.

Ihre Unterhaltung war mit der Zeit lebhafter geworden, durchzogen von alkoholisiertem Gekicher und langsam beginnenden Schwierigkeiten bei der sauberen Artikulation. Auch Remus war auf den Boden gewandert und lehnte locker an der Couch, die Beine ausgestreckt. Und Ryanna war froh zu sehen, dass sie nicht die einzige war, die gut angeheitert war. Denn wenn sie das nicht gewesen wäre, wäre sie nie auf diese kindische Idee mit diesem Spiel gekommen.

Aha, und was für ein Spiel? So wie du grinst, isses jedenfalls nicht ganz koscher." meinte er scherzhaft.

Schuldig blickte sie zurück. „Durchschaut. Es is ganz einfach. Ich sag was, was ich in meim Leben schon mal gemacht oder nich gemacht hab und wenn für dich und dein Leben genau dasselbe gilt, dann musst du `n Schluck trinken." Sie zuckte die Schultern. „Normalerweise macht man des natürlich inner größeren Runde und mit was Hochprozentigem, aber wer hat behauptet, dass man das nich auch stilvoll mit Rotwein machen könnte?"

Remus sah sie von der Seite an, seine Augen waren zwar schon glasig vom Alkohol, aber sein Blick war dennoch scharf und durchdringend, er grinste wissend und nickte leicht. „Soso, da ham wir's also. Du willst mich aushorchen, richtich?"

Und wieder hatte er sie durchschaut. Sie war neugierig und sie wusste doch so wenig von ihm. Sie legte den Kopf etwas schief und blickte ihn kokett von unten herauf an. Ein verschmitztes Grinsen zierte ihre Lippen und ihre Wangen waren vom Wein leicht gerötet. Alles in allem bot sie in diesem Augenblick einen unwiderstehlichen Anblick.

Vielleicht?"

Diesem Anblick konnte er nichts entgegensetzen. Ergeben ließ er die Schultern sinken.

Nun gut, aber ich sollte dazu vielleicht die Gläser auffüllen, oder was sollen wir sonst trinken?"

Gesagt getan. Mit dem vollen Glas ließ er sich zurück auf den Teppich sinken und sah sie erwartungsvoll an.

Okay, fangen wir langsam an. Ich war als Kind `ne grauenhaft schlechte Schülerin."

Gut, dann bin ich ja wohl dran." grinste er.

Oh, ja, eingebildet is der Herr ja wohl gar nich, was Streberchen?"

Neidisch?" fragte er neckend zurück. „Aber ich bin jetz dran. Mal sehen, du willst ja offenbar unbedingt was über meine Schulzeit wissen. Ich war in `nem Internat."

Sie trank nichts, sah ihn nur komisch an. „Wirklich?" fragte sie ehrlich erstaunt, ehe sie zum Grinsen und Kichern anfing. „Na da musstest du ja `n Streber werden. Okay, da kannst du sicher nich mithalten. In meinen besten Zeiten hab ich mindestens einmal die Woche nachsitzen müssen."

Einmal?" prustete er vergnügt, dann trank er einen Schluck Wein. „Sag mal, muss ich für fünfmal Nachsitzen in einer Woche Spitzenwerk jetz mehr trinken, oder reicht `n Schluck?"

Ihr Mund klappte auf. „Nein, das glaub ich nicht. Du? So`n Lausbub? Ach komm schon. Was hast du denn alles angestellt?"

Nicht ich allein. Wir war`n vier, vier Jungs, alle `n bisschen verrückt und mit viel zu viel Ideen. Jeden Tag stand `n neuer Streich auf`er Tagesordnung, manchmal hat's die Lehrer erwischt, manchma andre Schüler und manchma uns gegenseitich."

So ging das immer weiter. Sie lachten viel und unterhielten sich, jeder kam zu seinen Schlucken Wein und sie erfuhren beide mehr über den anderen. Sie fragten sich quer durch alle Lebensbereiche und Ryanna kam es manchmal so vor, dass Remus ihr irgendwie ausweichend antwortete und manchmal kurz davor war, etwas zu sagen, was er nicht sagen sollte und gerade noch mal die Kurve bekam. Doch dank Alkohol nahm sie das nur vage wahr und vergaß es auch genauso schnell wieder. Irgendwann waren sie wieder in der Schule angekommen.

Ich hab ma `ner Lehrerin unter`n Rock geschaut." sagte sie ernst.

Remus zog erstaunt die Augenbraue hoch. „Und was wolltest du da?"

Ich war sechs, inner ersten Klasse un unsere Lehrerin, Mrs. Rubenfiller, ging immer so komisch un ich dacht mir, des muss an ihrer Unterhose liegen. Und dann dachte ich wohl, ich sollt mir des ma anschauen und wenn ich was find, ihr sag`n, wie se des Problem umgehn kann."

Remus prustete ungehalten los vor lachen und hätte dabei beinahe seinen Wein verschüttet. Er bekam sich gar nicht mehr ein.

Hey, ich war jung und wusst`s nich besser. Un außerdem wolltich ihr doch nur `s Leben erleichtern."

Dieser Satz heizte Remus nur noch mehr an und es dauerte eine ganze Weile, bis er sich wieder beruhigt hatte. Seufzend wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht. „Herrlich, wirklich herrlich! `S muss an ihrer Unterhose liegn… wirklich köstlich!"

Haha, wie wärs, wenn sich der werte Herr ma vom Lachanfall wegbewegt un mir antwortet?" fragte sie gespielt gekränkt. Eigentlich konnte sie sich selber ein Lachen kaum verkneifen. Sie konnte sich ja nicht mehr an die Geschichte erinnern, aber als ihre Mutter ihr das erzählt hatte, wäre sie vor Peinlichkeit zuerst fast im Boden versunken, bis sie gelernt hatte, es von der humorvollen Seite zu sehen.

Stimmt. Sorry." Er fixierte ihren Blick und erhob feierlich sein Glas, ehe er einen Schluck trank.

Sie kniff die Augen zusammen und spitzte ihren Mund. „Aha! Jetz schuldest du mir `ne Erklärung!"

Tuich?" fragte er unschuldig. „Bitte. Ich hatt die Aufgabe für`n Streich `ne kleine Schlange zu besorgen, natürlich `ne vollkommen harmlose. Dummerweise ist se mir beim Mittagessen entwischt und ich sah noch, wie se unterm Esstisch der Lehrer verschwand. Ich habs geschafft – frag mich nich wie – ungesehen untern Tisch zu kriechen, immer der Schlange nach. Und dann fand ich se auf`m Fuß meiner Lehrerin, Professor McGonagall. Ich wollt grad nach ihr greifen, da schlängelt sich des Mistvieh an ihrm Bein hoch. Ich greif also schnell unter ihrn Rock und erwisch des Vieh sogar, dann is se schreiend aufgesprungen und hat mich unterm Tisch hervorgezerrt. Vonner Schlange hat se nix gemerkt und ich hatt sie auch schon inner Tasche verschwinden lassen. Also dacht sie, ich hätt se angegrabscht. Sie hat mich vor der versammelten Schule zur Sau gmacht und mir unzüchtiges Verhalten vorgeworfen. Vielleicht sollt ich erwähnen, dass ich 16 war?"

Ryanna hatte irgendwann während der Erzählung ihr Glas zur Seite gestellt und kugelte sich jetzt den Bauch haltend am Boden. Die Geschichte war einfach zu absurd. Keuchend blieb sie direkt neben ihm liegen und sah ihn vom Boden aus an.

Du hast `ner Lehrerin untern Rock gegriffen?" fragte sie glucksend. „Wegen `ner Schlange? Nein, das kannnich sein. Du bindest mir`n Bären auf!"

Trotzdem lachend erhob sie sich auf alle Viere und kam ganz dicht an ihn heran, die eine Hand legte sie auf seine Schulter, die andere stütze sie am Sofa ab. Nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt sah sie ihm direkt in die Augen, als würde sie darin etwas suchen. Sie roch seinen Rotwein-verhangenen Atem und spürte die Wärme seiner geröteten Wangen.

Das glaub ich dir nich!"

Da rutschte ihre Hand vom Sofa ab und sie verlor, betrunken wie sie war, völlig das Gleichgewicht und fiel gegen ihn. Dummerweise hatte er – unvorbereitet, wie er war – auch keinen festen Halt und kippte unter ihrem Gewicht zur Seite, wo er am Boden liegen blieb, sie direkt auf ihm.

Sie kicherte und stützte sich auf seiner Brust ein wenig hoch. Ihre Gesichter waren nur Millimeter voneinander entfernt. Sie spürte seinen schnellen Atem direkt unter ihrem Körper.

Ihr war bewusst, dass sie wohl besser aufstehen sollte, auch wenn sie nicht mehr genau sagen konnte, wieso eigentlich, doch sie hätte es eh nicht gekonnt. Seine Augen fesselten ihren Blick. Keine Chance, sich abzuwenden. Als sie sprach, klang ihre Stimme wieder völlig klar und seltsam heiser.

Hast du jemals jemanden geküsst, obwohl du wusstest, dass du es besser nicht tun solltest?"

Sein Blick ließ ihre Augen ebenfalls nicht los und seine Stimme klang genauso rau wie ihre, als zwei leise Worte über seine Lippen kamen.

Ja. Jetzt."

Da fühlte sie eine Hand in ihrem Nacken und im nächsten Augenblick waren seine Lippen auf den ihren. Ihre Zungen suchten einander und als sie sich fanden, war es wie ein elektrischer Schlag. Und wie fließender Strom das nun mal so an sich hatte, konnten sie die Verbindung nicht mehr so einfach lösen. Ihre Hände wanderten durch seine Haare, während seine die Linien ihres Gesichtes nachzeichneten und ihren Rücken hinabglitten.

Schon bald wurde das Duell ihrer Zungen immer leidenschaftlicher und ihre Hände suchten sich Wege unter ihre Kleidung.

Dumpf, irgendwo in ihrem Hinterkopf, war sich Ryanna bewusst, dass das hier ohne den Wein nie passieren würde, doch das war egal, wirklich egal. Im Moment, da zählte nur Remus!

Ehe sie sich versahen, lag ihre Kleidung über den Teppich verstreut. Ihre Hände streichelten über seine nackte Haut, dicht gefolgt von ihren Lippen, die seinen Körper erforschten. Sie entdeckte an der Außenseite seines linken Oberschenkels eine große, hässliche Narbe, sah aus wie ein Tierbiss, doch so schnell, wie sie diese gefunden hatte, war sie für den Moment auch schon wieder vergessen.

In dieser Nacht gab es nur sie beide, das Knistern des Kaminfeuers und die vom Alkohol enthemmte Leidenschaft…


Kaltes Wasser spritzte ihr entgegen und benetzte ihre Kleidung und ihre Unterarme. Schnell und leise fluchend drehte sie den Wasserhahn etwas zurück und ließ das Wasser in eine Schüssel laufen. Ihre Gedanken waren nicht ganz bei der Sache gewesen, sondern bei Remus.

Seit knapp drei Stunden schwächte das Fieber seinen Körper und dieser Trank, den Sirius ihm tropfenweise einflößte zeigte bisher noch keine Wirkung. Anfangs hatte Sirius sie damit beruhigt, dass das Mittel sicher bald wirken würde und Nachschub unterwegs war. Doch vor einer Stunde war ihnen das Serum ausgegangen. Remus' Fieber wurde schlimmer, er wälzte sich unruhig im Schlaf, sein Körper stand regelrecht in Flammen, doch niemand erschien, um ihnen das versprochene Medikament vorbeizubringen. Vor einer Weile hatte Sirius noch mal über den Kamin mit Dumbledore gesprochen und seitdem lief er unruhig und sichtlich besorgt im Wohnzimmer auf und ab.

Ryanna hatte diese Untätigkeit nicht mehr ausgehalten. Deshalb war sie jetzt hier und holte Wasser. Sie wollte das Fieber auf herkömmliche Weise bekämpfen, mit einem kalten Umschlag auf der Stirn und Wadenwickeln. Sie griff sich eine größere Menge Geschirrtücher und klemmte sie sich unter den Arm, ehe sie die recht volle Schüssel balancierend zur Küchentür schritt.

Da vernahm sie aus dem Wohnzimmer Stimmen. Sirius sprach mit jemandem. Also war endlich jemand gekommen. Während sie sich abmühte, die Klinke mit ihrem Ellbogen herunterzudrücken lauschte sie den Stimmen. Auch wenn sie durch die Tür hindurch nur wenig hörte und die leise Aussprache alles noch mehr verschleierte, kam ihr die fremde Stimme doch irgendwie vertraut vor. Die Tür ging endlich auf und sie trat ein.

Augenblicklich ruckte der Kopf des Fremden in die Höhe und ein kalter Blick aus dunklen Augen traf sie völlig unvorbereitet. Der Mann war ziemlich blass und etwa so alt wie Sirius und Remus, sein kinnlanges schwarzes Haar hing ihm fettig und strähnig vom Kopf. Sein Gesicht wirkte distanziert und unfreundlich, seine Adlernase verlieh ihm ein tückisches Aussehen und diese kalten Augen taten ihr Übriges. Zusammen mit seiner steifen, geraden Haltung in seiner rabenschwarzen, wogenden Robe wirkte er ziemlich Angst einflößend.

Eine Angst, die Ryanna nicht fremd war. Das wallende, schwarze Gewand weckte Erinnerungen, die sie jetzt nicht gebrauchen konnte. Abrupt blieb sie stehen und starrte den Fremden an. Langsam und mit finsterem Blick wandte sich der Fremde Sirius zu.

„Was macht sie noch hier?" fragte er leise, aber so eindringlich und autoritär, dass seine dunkle Stimme jeden Winkel des Zimmers zu erreichen schien.

Diese fünf Worte reichten vollkommen aus. Niemals würde Ryanna diese Stimme vergessen, die Stimme des Maskierten. Erschrocken und voller Furcht riss sie die Hände hoch und sprang einen Schritt zurück. Klirrend prallte die Schüssel auf den Boden und zerbrach in tausend Teile, Wasser ergoss sich auf Boden und Teppich, doch niemand beachtete es.

„Oh mein Gott… er ist es… Sirius… er ist es…" stammelte sie angsterfüllt und gleichzeitig verwirrt. Was hatte dieser Kerl hier zu schaffen?

Unschlüssig schaute Sirius zwischen den beiden hin und her, bis sie an seinem Gesicht erkannte, dass ihm ein Licht aufzugehen schien. Doch schon Sekunden später blickte er verkniffen drein. „Shit." fluchte er leise, aber herzhaft. „Ryanna, bitte, hab keine Angst…"

„Was hat sie hier zu suchen, Black? Sie sollte schon längst wieder dort sein, wo sie hergekommen ist! Und wieso ist ihr Gedächtnis noch intakt?" Ärger klang aus der Stimme des Fremden.

Ryanna gewahrte diese Szene mit einem Blick. Die beiden kannten sich. Sirius kannte den Mann, der sie vor mehreren Wochen fast zu Tode geängstigt und durch den Wald geschleppt hatte. Geschockt riss sie die Augen auf und taumelte solange zurück, bis sie gegen eine Wand stieß. War Sirius gar nicht wirklich Remus' Freund? Wollten die beiden ihm etwas antun? Oder steckte Remus gar mit ihnen unter einer Decke?

Nein, nein, das konnte nicht sein!

„Was… was geht hier vor?" verlangte sie mit zittriger Stimme zu wissen.

„Das wüsste ich auch gerne!" fügte der Fremde eisig hinzu.

„Halt die Klappe, Snape!" zischte Sirius den Fremden an, dann wandte er sich Ryanna zu und trat ein paar Schritte auf sie zu.

Völlig verunsichert und immer noch voller Angst wich sie an der Wand entlang vor ihm zurück. Sie fühlte sich wie ein eingesperrtes Tier, das von Menschen umringt war, die ihm Böses wollten. Wäre Remus nicht gewesen, wäre sie vermutlich schon längst einfach zur Tür hinausgelaufen und nicht mehr stehen geblieben, bevor sie nicht in einem Dorf gelandet wäre. Aber Remus war hier und sie wollte ihn nicht einfach so diesen beiden hier überlassen.

Instinktiv tasteten ihre Hände um sich, in der Hoffnung, etwas zu finden, was sie als Waffe benutzen konnte. Da ergriff ihre Hand eine kleine, gläserne Obstschale. Ohne zu zögern packte sie diese, leerte den Inhalt mit einem Ruck aus und schlug das Glas gegen die Wand. Zurück blieb eine große, ausgezackte Glasscherbe, die sie drohend vor sich hielt.

„Keinen Schritt weiter!" fauchte sie ihm wild entschlossen entgegen.

Sirius stoppte sofort. Sein Zauberstab lag auf dem Tisch und wenn er die Scherbe nicht gleich zu fassen bekam, konnte sie ihn damit übel zurichten.

„Für so was hab ich jetzt wirklich keine Zeit! Ich werde mit Albus sprechen, Black, sei dir dessen versichert! Ach, und viel Spaß noch!" Mit diesen erst genervten, dann drohenden und schließlich ironischen Worten verließ der Fremde, der Maskierte, durch den Kamin das Zimmer.

„Er ist weg, du kannst die Scherbe weglegen." versuchte Sirius sein Glück.

Ryanna zog eine Augenbraue hoch. „Du bist doch noch hier, oder?"

„Ryanna bitte, ich will dir doch nichts tun! Das hätte ich schließlich schon längst tun können. Und auch Snape will dir nichts Böses, auch wenn er das nicht ganz so offen zeigt, wie andere."

Erst skeptisch, dann vollends von einer Lüge überzeugt, meinte sie sarkastisch: „Aber klar, und deshalb läuft er nachts in Vermummung im Wald herum, trifft sich mit zwielichtigen Gestalten, nimmt mich als Geschenk von meinem Entführer entgegen, zerrt mich durch den Wald, erzählt mir Lügen und greift mich dann mit diesem Zauberstab an. Am Schluss willst du mir wohl noch weismachen, er wollte mir das Leben retten, was?"

„Eigentlich… hat er das wirklich… Hör mir zu, Ryanna, es…"

Da vernahmen sie beide ein leises, aber gequältes Stöhnen. Sie sahen sich kurz an, dann schien vorerst alles vergessen. Ryanna ließ die Scherbe achtlos fallen und lief um die Couch herum an Remus' Seite, ebenso wie Sirius, der seinem Freund über die heiße, schweißfeuchte Stirn strich, woraufhin seine unruhigen Bewegungen etwas nachließen.

„Hast du das Medikament?" fragte Ryanna hastig und besorgt.

Sirius nickte und griff sich eine Phiole vom Tisch. Ryanna sah, dass der Inhalt mit der bisherigen Phiole identisch war. Er verabreichte Remus zehn Tropfen, dann wandte er sich an Ryanna. Sie las in seinen Augen soviel Sorge und Aufrichtigkeit, dass sie sich unwillkürlich fragte, ob sie ihm nicht Unrecht getan hatte?

„Alles, was ich will, ist, dass Remus wieder völlig gesund wird. Ich liebe ihn wie einen Bruder und gerade deshalb würde ich keine Tränke für seine Heilung von jemandem entgegennehmen, dem ich nicht vertraue. Snape ist ein Arschloch und es ist kein Geheimnis, dass wir beide uns nicht ausstehen können, doch er kämpft für dieselbe Sache wie wir und er ist der Beste in seinem Fach – dem Tränkebrauen. Glaub mir, Ryanna, ich will weder Remus noch dir etwas antun."

Er meinte es ernst, todernst, das sah sie in seinem Blick.

Langsam nickte sie. „Okay, ich… ich glaube dir… doch das ändert nichts daran, dass dieser Snape – so hieß er doch, oder? – mich quasi entführt und angegriffen hat. Ich traue ihm nicht und ich habe Angst vor ihm."

„Wenn du willst, kann ich versuchen, dir die Situation ein wenig zu erklären." bot er ihr an.

„Kannst du mir dann auch erklären, wieso ich eigentlich hier bin? Was in jener Nacht noch passiert ist und wie ich ausgerechnet hierher zu Remus kam?" Sie brannte darauf, Antworten darauf zu erhalten.

Sirius nickte.

Sie warf einen Blick auf Remus, der vor Schweiß glänzend und flach atmend neben ihr lag. Es schmerzte sie, ihn so leiden zu sehen und sie machte sich schreckliche Sorgen um ihn. Sirius und diese Ärztin waren so zuversichtlich, doch sie selbst fühlte kaum etwas von dieser Zuversicht. Sie sah nur ihren Remus, der litt, dessen Bein fürchterlich verletzt war und der von hohem Fieber geschüttelt wurde.

Sie traf eine Entscheidung.

„In Ordnung. Erklär es mir, aber erst später. Zuerst sollten wir uns um Remus kümmern. Das kühle Wasser und die kühlen Wadenwickel werden ihm sicher gut tun."

Sirius nickte wieder. Ryanna erhob sich, sie wollte eine neue Schüssel holen, doch Sirius rief sie zurück.

„Warte."

Er hob seinen Zauberstab und im nächsten Moment fügten sich Obstschale und Schüssel wieder zusammen, flogen zur Kommode und auf den Couchtisch und zum Schluss trocknete das gesamte Wasser völlig ein und in der Schüssel plätscherte frisches. Es war herrlich kühl.


Okay, alle Rechtschreibfehler und seltsamen Wortkreationen in dem langen Rückblick-Abschnitt gehen auf meinen mehr oder weniger geglückten Versuch zurück, zwei lallende, gut angeheiterte Personen zu schreiben.

Lasst mich eure Meinung wissen!

lg

Bella