Kapitel 3
Sirius hatte frei, demnach saß sie mutterseelenallein vor ihrem Mittagessen und grübelte. Seitdem sie das letzte Mal mit ihrem Mann geschlafen hatte waren schon wieder vier Tage vergangen und er hatte sich wie immer kaum blicken lassen. Einfach so. Er hatte sie unter der Dusche sitzen lassen und gekotzt und also sie heraus gekommen war, da war er fort gewesen, sodass sie zu Sirius' geflohen war.
„Hey.", sie sah auf in das hübsche Gesicht von Alan. „Ist hier noch frei?"
„Uh – ja.", brachte sie mit einem etwas erzwungenen Lächeln hervor. „Ja, setzen Sie sich nur.", forderte sie ihn auf. Er belohnte die positive Antwort mit einem breiten Strahlen und setzte sich ihr gegenüber.
„Sie sehen traurig aus.", bemerkte er, während er seinen Stuhl vor zog. „Wieder Ärger mit ihrem Freund?", darauf konnte sie nur noch nicken. „Was ist passiert?"
„Das kann ich Ihnen nicht erklären. Nur mit Handpuppen.", er grinste ein bisschen.
„Sehr amüsant, danke.", dieses Mal huschte ein etwas ehrlicheres Lächeln über ihr Gesicht und er grinste darauf. „Ah, sehen Sie – das gefällt mir schon besser.", meinte er.
„Was?", fragte sie ahnungslos.
„Sie haben gelächelt.", wieder musste sie lächeln. „Ein so hübsches Gesicht sollte nicht so finster drein schauen.", erklärte er ihr sanft, dabei streichelte er flüchtig über ihre Wange. „Also, raus damit: Was beschäftigt Sie?", seufzend sah sie sich um. Sirius war natürlich nicht da, aber sie hatte das Gefühl, dass man sie beobachtete, auch wenn er nicht da war, um sie zu beschützen. Tatsächlich hatte James gesagt, Moody würde sie schon schützen lassen.
„Es geht um meinen besten Freund.", fuhr sie mit ihrer Halb-Lüge/Halb-Wahrheit fort. „Er...", tja. Wie erklärte sie das, ohne ihm alles zu erzählen. „Er bereitet mir momentan Kopfschmerzen. Er ist einfach so – so... Ich weiß auch nicht, sein Job vereinnahmt ihn so sehr und bringt ihn in Gefahr und ich mache mir einfach solche Sorgen um ihn.", brach es also endlich aus ihr heraus. „Ich erkenne ihn gar nicht mehr wieder..."
Nicht einmal, wenn er nackt war. Nicht einmal, wenn er mit ihr schlief. Er hatte ihr noch nie weh getan, nicht einmal, als sie es ausprobieren wollten, um zu sehen, ob es Spaß machte, wenn es schmerzlich prickelte (daran war der Versuch gescheitert: James war schlicht und ergreifend einfach nicht dazu in der Lage gewesen, seiner Frau körperliche Schmerzen zuzufügen). Aber vor vier Tagen, in der Nacht, nachdem er jemanden direkt vor ihren Augen erwürgt hatte, da hatte er ihr sehr weh getan. Und danach hatte er sie einfach sitzen lassen. Tränen schossen in ihre Augen, als sie wieder daran dachte, dass er sich seitdem nicht mehr bei ihr hatte blicken lassen, vermutlich von Schuld und Scham vor ihr geplagt. „Haben Sie ihm noch einmal angeboten, mit Ihnen darüber zu reden?", fragte er nach.
„Nein.", gab sie bedrückt zu. „Das heißt, ich habe versucht, mit ihm zu reden, aber darauf haben wir nur immer noch mehr gestritten.", fügte sie schulterzuckend hinzu. „Er redet mit Sirius darüber."
„Verletzt Sie das?", sie schüttelte ihren Kopf. „Was ist dann das Problem?"
Jetzt rollte eine dicke Träne über ihre Wange. „Ich vermisse ihn einfach, schätze ich. Wir haben immer über alles geredet, bevor-", sie stockte. James wusste es sicher nicht zu schätzen, wenn sie einem fremden Mann erzählte, was er tat. „Bevor er so schwierig wurde.", beendet sie bedrückt.
„Okay.", machte Alan. „Was vermissen Sie an ihm?", hakte er dann genauer nach. Sie seufzte tief.
Was genau vermisste sie an James? „Sein Lachen.", flüsterte sie schließlich. „Und – und den Blick in seinen Augen, wenn er mich angeguckt hat. Und seine Kochkünste. Und mit ihm zu tanzen.", er nickte verstehend.
„Haben Sie ihm schon einmal mitgeteilt, dass Sie das an ihm vermissen?", sie zuckte mit ihren Schultern.
„Ich... Ich habe es versucht, aber wir haben nur wieder gestritten.", wiederholte sie. Er seufzte leise, dann beugte er sich ein wenig zu ihr vor.
„Haben Sie sich wieder mit Sirius vertragen?", fragte er vorsichtig.
Sie dachte an die letzte Begegnung mit Sirius, beziehungsweise an die letzte private Begegnung mit Sirius, nachdem ihr Mann einen anderen Mann umgebracht hatte. „Uh – es geht so.", flüsterte sie beschämt.
„Also... Lily, hätten Sie Lust, heute Nachmittag mit mir Kaffee trinken zu gehen? Sie sehen so aus, als bräuchten sie gerade einen Freund.", meinte er mitleidig. Eine zweite Träne löste sich aus ihren Augen. Sollte sie? Sollte sie lieber nicht? Unsicher musterte sie ihn. Seine Augen waren recht weit geöffnet, er durchbohrte sie mit seinem Blick ein bisschen, woraufhin sie erzitterte.
„Ja, sehr gerne, Alan.", antwortete sie schließlich unsicher und ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus. Es war deutlich zu spüren, dass sie nicht sollte. Sie fühlte sich schlecht, beinahe so, als würde sie James betrügen, wenn sie sich mit Alan traf. Aber auf der anderen Seite hatte er deutlich gesagt: Ein Freund. Alan war nur ein Freund, das war ja fast, als würde sie sich mit Sirius oder Remus auf einen Kaffee treffen.
„Also-", seine Augen leuchteten jetzt ein bisschen auf. Tatsächlich kam das dem Blick sehr nahe, mit dem James sie immer angesehen hatte und mit einem Mal strahlte sie sogar richtig. „Super! Dann – dann warte ich auf Sie, unten am Empfang.", sie nickte lächelnd.
„Wollen wir nicht das 'Sie' lassen?", fragte sie ihn ein bisschen unsicher. Er biss sich vor Freude auf die Unterlippe und nickte.
„Gerne, Lily.", im Nachhinein fragte sie sich schuldig, ob ihre Reaktion ihn dazu ermutigt hatte, denn er streichelte wieder über ihre Wange, dann sprang er auf, beugte sich über den Tisch und küsste sie auf die Wange. „Dann sehe ich 'dich' später.", meinte er andächtig, ehe er wieder ging.
Verlegen sah sie ihm hinterher.
„Was war das denn?", erschrocken fuhr sie herum.
„W – was?", hakte sie nach. Alice setzte sich zu ihr.
„Du hast ja mit ihm geflirtet!", warf sie ihr vor. „Lily, du bist verheiratet, du kannst nicht einfach so mit anderen Männern flirten!", in diesem Moment erschien ihr Mann Frank und setzte sich ebenfalls zu den beiden, die sofort verstummten.
Lily fühlte Neid in sich aufflammen, als Frank seine Ehefrau küsste und ihr ein Tablett vor die Nase stellte, auf dem ein überladener Teller stand. „Hier, meine süße Mrs Longbottom!", grinste er.
„Danke, Mr Longbottom.", grinste sie zurück, dann traf Lily ein vorwurfsvoller Blick, als wäre es ganz alleine ihre Schuld, dass sie gerade ihren Mann nicht in der Nähe hatte, damit sie zu vier hätten essen können. „Wie geht es James, Lily? Ich habe ihn schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen...", bemerkte sie spitz. Frank zog seine Augenbrauen herauf, als er ihren Ton hörte.
„Nun, ich auch nicht.", schnaubte sie zurück. „Wenn du ihn siehst, dann richte ihm doch meine Grüße aus.", damit griff sie nach ihrem Tablett und stand wieder auf.
Sie war noch keine fünf Schritte entfernt, da hörte sie die beiden reden. „Es scheint, als hätten die beiden Eheprobleme.", sagte ihre sogenannte Freundin.
„Alice!", ermahnte ihr Mann sie. „Das geht dich nichts an."
„Ich habe James ja gesagt, dass sie sich wieder umentscheiden wird, aber er wollte ja noch vor uns heiraten.", fügte sie hinzu.
„Du weißt nicht, ob die beiden Probleme haben.", wollte er seine Frau wieder beruhigen.
„Es war klar, dass es nicht halten würde, sie ist viel zu sprunghaft für ihn.", sie nahm sich vor, nie wieder ein Wort mit Alice zu wechseln! Sie hatte ja keine Ahnung, wie das war, wenn man jeden Abend alleine Zuhause einschlafen musste, unwissend, ob der Ehemann noch lebte oder jetzt endlich tot war, damit man von seinen Qualen erlöst war! Eigentlich wollte sie es nicht, trotzdem warf sie nach dem letzten Kommentar einen wütenden Blick nach hinten.
Alice' und ihr Blick trafen sich und Mrs Longbottom wurde knallrot. „Sie hat dich gehört!", schnaubte Frank. Damit drehte sie sich endgültig um und verließ die Cafeteria.
Sie war schrecklich nervös. Das alles fühlte sich nach einem Date an und sie wusste nicht, ob sie nicht doch lieber einfach nach Hause gehen sollte. Sie hatte schon ewig kein Date mehr gehabt, das letzte Mal vor – uhm – drei Jahren mit James, einem Mann, von dem sie wusste, dass er sie schrecklich gern hatte und in den sie sich genauso Hals über Kopf verliebt hatte. Die Fronten waren geklärt gewesen und das hatte alles einfacher gemacht. Sie waren bis nach Hogsmeade spaziert, hatten in der heulenden Hütte gegessen, ein Butterbier mit James' Freunden getrunken und waren wieder zurück spaziert. Sie hatte gefroren und er hatte ihr seinen Schal geliehen und nach ihrer Hand gegriffen.
Sie hatten ganz viel gelacht und die ganze Zeit geredet und etwa Mitte des Weges, da hatte er sie das erste mal geküsst.
Jetzt stand sie am Empfang und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie sollte kein Date haben, so viel war klar, sie verhielt sich völlig irrational! Sie hatte in den Umkleiden geduscht und sich besonders sorgfältig angezogen, damit sie ein bisschen hübscher aussah und ihre Haare frisiert. Gerade, als sie sich entschieden hatte, doch besser zu gehen, erschien Alan. Er sah atemberaubend gut aus, wirklich, trug schwarze Jeans und ein blaues Hemd und ihre Handinnenflächen wurden feucht, als er sie sah und aus der Ferne bewundernd anstrahlte. Dabei zeigte er beinahe alle seiner perfekten Zähne. „Hey!", grüßte er. „Tut mir Leid, ich wurde aufgehalten."
„Kein Problem, du bist pünktlich.", beruhigte sie ihn sofort. Das war die Wahrheit, er war pünktlich. Er küsste ihre Hand zur Begrüßung, dann verhakte er seinen Arm mit ihrem.
„Dann ist ja gut.", scherzte er ein bisschen. „Also, können wir?", sie nickte hastig, sich sicher, dass ihre Wangen mindestens Siedetemperatur erreicht haben mussten. „Ich kenne ein nettes, kleines Café, direkt hier um die Ecke.", erzählte er weiter, als sie nichts sagte.
„Mh.", machte sie bedrückt. Das alles fühlte sich schrecklich falsch an. Sie war eine verheiratete Frau, sie sollte das wirklich nicht tun. Sie hätte nach Hause gehen und auf ihren Mann warten sollen. Aber der Gedanke blieb einfach, dass er ja eh nicht nach Hause kam. Und dass es ihn sicherlich eh nicht interessierte, was sie so trieb, da sie sich ja eh nie sahen.
Und er würde es auch nicht heraus finden. „Was ist?", fragte Alan sie.
„Ich – uhm... Nichts."
„Es ist Sirius, nicht wahr?", überrascht sah sie auf. „Er mag mich nicht und er fände es auch nicht lustig, wenn er wüsste, dass – na ja... Dass ich mich mit dir anfreunden will.", sie musste wieder aus unerklärlichen Gründen lächeln.
„Nun, zum Glück ist es nicht Sirius' Entscheidung, mit wem ich mich anfreunde und mit wem nicht.", meinte sie. Er grinste leicht.
„Ja, zum Glück.", wieder küsste er sie auf die Wange. „Warum kann er mich nicht leiden?"
„Keine Ahnung.", log sie.
„Es liegt doch nicht daran, dass ich euch unterbrochen habe, oder? Ich meine-", er räusperte sich. „Ich kenne einfach nicht so viele Leute hier und... Und ich mache nur recht schwer neue Freunde. Ich dachte einfach, ich riskiere es mal und versuche, Kontakt mit euch aufzunehmen.", sie zuckte mit ihren Schultern.
„Es ist doch egal, was Sirius denkt, oder?", er hätte sie umgebracht, wenn er gewusst hätte, dass sie Arm in Arm mit Alan zu einem Café ging, wo er sie dann sicherlich einladen wollen würde. Sie war sich einfach so unsicher, was sie tun sollte. „Ich meine, er ist selber auch nicht gerade gut darin, neue Freunde zu machen.", schnaubte sie dann.
„Achso?", hakte er nach. „Wieso?"
„Du erstellst doch nicht heimlich Profile von uns, oder?", grinste sie plötzlich, woraufhin er lachte.
„Nein, nein. Ich bin nur an meinem Umfeld interessiert, ich meine... Ich finde das alles schrecklich interessant.", erklärte er ihr. „Also, wieso macht er nur schwierig neue Freunde?"
„Ich sollte dir das nicht erzählen.", erwiderte sie nun und wies ihn damit etwas deutlicher ab. Er nickte langsam.
„In Ordnung.", gab er zurück. Eine ganze Weile schwiegen sie. „Siehst du – bist du schon einmal hier gewesen?", sie lächelte, als er auf das kleine Café deutete. Ja, sie war während ihrer Ausbildung (und vor ihrer Hochzeit) häufig dort mit James gewesen. Dann hatten sie zusammen gefrühstückt oder sich nach der Arbeit dort getroffen und geknutscht und Kaffee getrunken.
„Ja.", flüsterte sie. Er hielt ihr die Tür auf und bestellte zwei Kaffee, während sie ihre Jacke auszog. Lächelnd stellte er eine dampfende Tasse vor sie und setzte sich ihr gegenüber. Die Bedienung (sie erkannte sie von früher) starrte sie an, dann ging sie zu ihrer Kollegin und begann aufgeregt mit ihr zu tuscheln. Seufzend wandte sie sich ihrer Begleitung zu.
„Was?", fragte er wieder.
„Sieh mal – Alan...", begann sie unsicher. „Ich – ich muss dir etwas erzählen und das ist wirklich sehr peinlich, okay?", er nickte nur auffordernd. „Ich – ich sollte nicht hier sein.", gestand sie letztendlich.
„Wieso?", hakte er nach.
„Sieh mal – ich – ich bin bereits vergeben. Und ich weiß nicht, wie es auf dich wirkt, wenn ich mit dir hier bin.", flüsterte sie verlegen. Er seufzte leise.
„War ja klar, dass du schon jemanden hast.", meinte er letztendlich schulterzuckend. „Ich meine... Wer würde sich eine schöne Frau wie dich entgehen lassen?", sie fuhr über ihr Gesicht. „Es ist dein 'bester Freund', nicht wahr?", sie nickte schließlich ehrlich. „Du hast so über ihn geredet, als wäre da mehr.", erklärte er.
„Es tut mir Leid, ich hoffe, ich habe dich nicht irgendwie – uh – ich hoffe, ich habe keine falschen Signale gesendet.", Alan lächelte ermutigend.
„Gar nicht, Lily.", beruhigte er sie. „Dass du jemanden hast und ich dich bewundere bedeutet noch lange nicht, dass wir keine Freunde sein dürfen, oder?", sie strahlte jetzt plötzlich wieder. Alan brachte sie dazu, das schlechte was momentan die ganze Zeit wie eine Regenwolke über ihr hing, einfach mal eine Weile zu vergessen und wieder wie früher zu sein. Normal zu sein.
„Nein, gar nicht!", meinte sie glücklich. „Ich wäre sehr gerne deine Freundin!", er gluckste ein bisschen. Über den Tisch hinweg streichelte er wieder über ihre Wange, sodass sie einen Moment wieder ein schlechtes Gefühl hatte, dann fiel ihr wieder ein, dass er wusste, dass sie vergeben war und das demnach wohl rein platonisch meinte. Sirius streichelte ständig über ihre Wange oder ihre Haare und er hatte sie sogar ein paar Mal geküsst (etwas, was James trotzdem es nur 'Sirius' war, nie gerne gesehen hatte).
„Also, Lily, wo kommst du her?", fragte er nun, um ein Gespräch anzufangen. Sie strahlte breit und ließ sich einfach darauf ein.
Als sie nach Hause kam war es bereits dunkel draußen. Die Tage wurden wieder kürzer und sie konnte irgendwie nicht so richtig verstehen, wie der letzte, schöne Sommer schon wieder vorbei sein konnte. Sie wusste noch, wie sie mit James in Kingston an der Themse gelegen und gegrübelt hatte. Geheim-Kommando ja, Geheim-Kommando nein? Lieber eine Familie gründen und in Frieden leben? Lieber dem Orden der Phönix beitreten? Sie hatten unendlich viele Ideen und Optionen gehabt, James hatte lange Gespräche mit Dumbledore geführt und die Tests für das Ministerium gemacht, die er einfach alle bestanden hatte! Sogar den, in dem ein Seelenheiler in seinen Kopf eingedrungen war, um die schlimmsten Szenarien durchzuspielen, inklusive einer hässlichen Version, in der er Lily ermordet – oder eher noch geschlachtet – in ihrem Ehebett gefunden hatte.
Aber jetzt verlor er den Verstand. Sie fragte sich, was passiert war, dass er plötzlich den Halt verlor. „Wo warst du?", erschrocken fuhr sie herum. Dort saß er, ihr Mann, im dunklen Wohnzimmer, sie konnte seine Brillengläser im Licht des Flurs reflektieren sehen.
„Warum sitzt du hier im Dunklen?", fragte sie stirnrunzelnd. Als sie im Wohnzimmer das Licht anschaltete, da zuckte er und kniff seine Augen zusammen. Er saß auf der Couch, völlig übernächtigt und mit tiefen Ringen unter seinen blutunterlaufenden Augen. Seine Haut war weiß wie die Wand hinter ihm, in seiner Hand umklammerte er ein Glas Whisky, das weit über das normale Maß hinaus gefüllt war.
„Ich weiß, wo du warst.", stöhnte er.
„Ach ja?", hakte sie nur nach.
„Ja.", machte er. „Du warst mit einem anderen Mann unterwegs.", knurrte er dann ein wenig. Sie zog ihre Augenbrauen herauf. „Schwarze Haare, hochgewachsen, schlank, ordentlich gekleidet, Alan McCarthy, sechsundzwanzig Jahre, Seelenheiler im Mungos seit gut zwei Wochen.", erklärte er ihr dann.
„Und woher weißt du das alles?", fragte sie ihn bissig.
„Du hast Angst gehabt und ich habe dir gesagt, Moody hat zugestimmt, dich beschützen zu lassen.", gab er wütend zurück.
„Du lässt mich beschatten?", er verdrehte seine Augen, sein Zeigefinger klopfte jetzt ungeduldig gegen das Glas und machte dabei Geräusche.
„Beschützen.", korrigierte er sie. „Um dann dabei heraus zu finden, dass du neuerdings mit irgendwelchen Typen in das Café gehst, in dem wir mehr als die Hälfte unserer Ausbildung verbracht haben.", schnaubte er dann abfällig.
„Und mein unerkannter Beschützer hat dir so viele Details erzählt?", fragte sie ihn.
„Er beherrscht eben keine Okklumentik.", knurrte er, woraufhin sie rot wurde. „Nicht so wie du, die es mal von Snievellus beigebracht bekommen hat und mir hier was vom Pferd erzählen könnte, ohne dass ich sie durchschaue.", jetzt verschränkte sie ihre Arme.
„James-"
„Er hat dich angefasst.", unsicher suchte sie James' Blick, aber er starrte nur zu ihren Schuhen. „Er – er hat dein Gesicht gestreichelt und dich zum Abschied auf die Wange geküsst.", der Gedanke daran allein schien ihn zu plagen. „Und du hast ihn gelassen."
„Kannst du deinen Vorwurf vielleicht mal genauer definieren?", fragte sie ihn jetzt biestig.
„Hast du was mit ihm?", fragte er aufgebracht zurück.
Obwohl sie mit der Frage gerechnet hatte, verletzte sie sie zutiefst. Einfach durch und durch, es tat so weh, dass er dachte, sie hätte sich einfach einen neuen gesucht. Sie hätte ihn 'ersetzt', als würde er ihr nichts bedeuten. „Denkst du, du bist mir so gleichgültig?", er zuckte mit seinen Schultern.
„Du hast ihn gelassen. Du hast mit ihm geflirtet und mit deinen Haaren gespielt.", hatte sie? Sie konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, was sie getan und wie sie wann reagiert hatte. „Hast du was mit ihm? Du hast nicht geantwortet.", bemerkte er beinahe beiläufig.
„Nein, ich habe nichts mit ihm, James, ich bin verheiratet.", ermahnte sie ihn. „Auch wenn ich nichts davon spüre, außer den Ring an meiner Kette, den ich nie tragen darf, weil alle Welt versuchen wird, mich umzubringen, sobald sie heraus finden, dass ich mit James Bond verheiratet bin.", er zuckte zusammen, als sie den falschen Nachnamen benutzte.
„Ich – uhm... Ich finde, du übertreibst.", murmelte er.
„Finde ich gar nicht. Gerade vor ein paar Tagen dachte ich, hätte dort hinten eine Leiche gelegen.", schnarrte sie zurück. Er stöhnte.
„Lily-"
„Und du hast dich seitdem nicht einmal mehr blicken lassen! Dir ist das alles total egal und total unwichtig! Dich interessiert es nicht, dass du mir unter der Dusche weh getan hast und dann einfach abgehauen bist, ohne dich auch nur zu verabschieden!", jetzt drehte er sein Gesicht ab, damit sie ihn nicht ansehen konnte. „Dann lässt du mich beobachten wie ein freakiger Stalker und lauerst mir hier im Dunkeln auf, um mir haarsträubende Vorwürfe zu machen!", fügte sie hinzu.
„Ich lasse dich weder beschatten noch beobachten, ich lasse dich beschützen, weil ich Angst habe, dir passiert etwas.", knurrte er.
„Du hast keine Ahnung, was 'Angst' ist! Du weißt ja immer, wo und mit wem ich gerade bin, nicht wahr? Greifst an dein Ohr und dann hörst du das neuste Update, was ich aushecke und was ich anhabe und ob ich meine Haare anfasse oder nicht! Ich sitze Abend für Abend hier vor dem Kamin und frage mich, ob du jemals wieder kommst oder ob du jetzt immer bei Sirius schläfst und warum er mir nicht einmal sagt, dass du bei ihm bist!", warf sie ihm vor.
„Ich war nicht bei Sirius.", antwortete er sofort, um seinen besten Freund zu entlasten.
„Wo bist du dann gewesen, James?", fragte sie abgebracht. „Du hast dich vier Tage nicht blicken lassen, ich habe mir Sorgen gemacht! Aber das ist dir ja egal! Dir ist egal, dass mein Leben vorbei ist, wenn sie dir irgendwann mal aus einem Schilf fischen!", er schüttelte seinen Kopf.
„Ist es mir nicht.", flüsterte er tonlos.
„Wo warst du, wenn du nicht bei Sirius geschlafen hast?", fragte sie ungeduldig nach. Er seufzte.
„Ich habe versucht, das Nest zu finden.", erwiderte er schließlich mit belegter Stimme. „Aber ich bin gescheitert und sie haben mich geschnappt. Dann habe ich zwei Tage in einem finsteren Loch verbracht bis eine der Wachen kam, um mich zu meiner Hinrichtung zu holen.", er seufzte tief. Innerlich sah sie wieder, wie er diesen Mann umbrachte. „Dann – uhm... Dann habe ich eine weitere Nacht in einem Wald verbracht, unter einem Wasserfall. Moody hat mich nach Hause geschickt, als ich ihm eben meinen Bericht abgeben wollte. Meinte, ich sollte mal einen Tag Pause machen, ich sähe scheiße aus.", er räusperte sich verlegen.
„D – du...", sie stöhnte. „Sie haben dich geschnappt?", fragte sie dann nach.
„Was denkst du, warum würde ich nicht zu dir zurück nach Hause kommen?", das kommentierte sie nur mit einem Schnauben. „Lily, es war nur ein einziges Mal, dass ich absichtlich nicht zu dir nach Hause gekommen bin, okay, nur das eine Mal! Ich wollte uns eine Pause gönnen, wir haben so viel gestritten in der letzten Zeit.", erklärte er ihr seufzend.
„Stimmt ja gar nicht, du bist ja nie hier.", gab sie zurück.
„Aber jede Sekunde, die ich hier war haben wir gestritten. Lily, komm schon, ich weiß, dass das alles gerade nicht ideal ist-", sie schnaubte wieder.
„Nicht ideal?"
„Lily, ich liebe dich!", sie sah ihn überrascht an. „Komm schon, guck nicht so! Hast du vergessen, was ich für dich empfinde? Du bist meine Ehefrau, ich liebe dich abgöttisch.", ihr stiegen Tränen in die Augen, sodass er seufzend seinen Kopf schüttelte.
„James, bitte geh nicht mehr auf diese Missionen.", bat sie ihn jetzt. „Bitte hör auf damit, kannst du nicht wieder als normaler Auror arbeiten?", er seufzte tief. „Bitte. Ich habe schreckliche Angst um dich."
„Das geht nicht.", flüsterte er tonlos. „Das – das geht einfach nicht, ich bin so nah dran!"
„So nah dran, hingerichtet zu werden!", erinnerte sie ihn. „Und wenn du nicht hingerichtet wirst, dann richtest du dich dafür selber zugrunde! Du isst nicht mehr, du schläfst nicht mehr – dieser... Dieser 'Blick' in deinen Augen, als wärst du nur noch eine leere Hülle...", zählte sie beunruhigt auf. Er seufzte.
„Süße, egal, was ich von hier an tue, ich komme nicht sauber aus dieser Sache heraus, es sei denn, dieser Voldemort-Spinner ist endlich erledigt. Wenn ich jetzt versuche, mich zurück zu ziehen, werden sie mich jagen und dich dazu. Alles, was ich versuche, ist dich zu schützen, mein Liebling.", erklärte er ihr geduldig. „Sieh mich an.", bat er.
Sie sah auf. „Was?"
„Liebling, sieh mir direkt in die Augen und sag mir, dass du nichts für ihn empfindest.", bat er sie, dabei zitterten seine Finger. Sie seufzte leise.
„James!", ermahnte sie ihn wie einen kleinen Jungen.
„Bitte.", stöhnte er. „Bitte. Der – der Gedanke, dass du – dass du ihn...", er stöhnte zutiefst erschüttert, also hockte sie sich direkt vor ihn und fuhr mit beiden Händen durch seine Haare.
„James, da ist nichts!", schwor sie ihm. „Nichts und 'gar nichts'!", erklärte sie dann entschieden. Er nickte nervös und stöhnte erneut.
„Okay.", machte er. „Okay.", sie sahen sich kurz an.
„Du solltest jetzt schlafen.", sagte sie ernst. Er nickte seufzend. „Was?"
„Ich glaube nicht, dass ich weit komme.", flüsterte er.
„Wieso?", fragte sie ihn liebevoll.
„Mh.", machte er seufzend, dabei trank er seinen Whisky aus. „Ich glaube, ich bin betrunken.", sie schüttelte stumm ihren Kopf. „Das – uh – das war nicht der Plan, ich wollte dir nicht betrunken auflauern und mit dir streiten.", stöhnte er letztendlich. „Ich habe das Gefühl, ich kann einfach nichts mehr sagen, ohne das wir mehr streiten.", sie setzte sich jetzt vorsichtig auf seinen Schoß und schlang ihre Arme um ihn. „Es tut mir Leid."
„Was tut dir Leid?", fragte sie ihn besorgt.
„Alles. ...ich weiß, was ich hier gerade aufs Spiel setze. Dich und – und unsere Ehe und unsere Zukunft.", sie seufzte leise, als er das sagte. „Und es tut mir Leid, Lily. Ich liebe dich. Ich würde eher sterben, als dich einfach aufzugeben, aber – ich – ich komme nicht mehr aus dieser Sache heraus. Oder ich weiß einfach nicht, wie.", stöhnte er. Wieder streichelte sie durch seine Haare und küsste seine Schläfe dann zärtlich.
Da war der Blick wieder. Sie liebte diesen Blick, den Blick vollkommener Hingabe und Verehrung. Der Blick, den sie so sehr vermisste. „Und – und dass ich dir weh getan habe. Ich weiß einfach nicht, was in mich gefahren ist.", stöhnte er kopfschüttelnd. „Es tut mir so Leid."
„Liebling, du solltest jetzt ins Bett gehen.", meinte sie wieder. „Komm, ich helfe dir.", er räusperte sich, als sie aufstand und ihn hoch zog.
Es ging nur langsam, weil er so schwer war und ein paar Mal den Halt verlor, aber dann hatte sie ihn endlich ins Schlafzimmer gehievt. Er fiel auf ihr Ehebett und fuhr über sein Gesicht. „Ist das nicht eine Schande?", fragte er sie.
„Was meinst du?", fragte sie.
„Dass ich trinken muss, um dir sagen zu können, was ich für dich empfinde.", erklärte er. „Ich denke es immerzu, du bist der einzige Gedanke, der mich antreibt, alles, was ich tue, tue ich nur aus Liebe für dich, aber wenn wir reden – wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, dann streiten wir immer nur.", sie schob seine Schuhe von seinen Füßen und bemerkte dabei, dass er wahrscheinlich nicht einmal duschen gewesen war. „Ich kriege die Worte einfach nicht über die Lippen, ich will dir so vieles sagen, aber stattdessen streiten wir.", seufzend zog sie auch seinen schmutzigen Umhang und das Hemd aus. Ausnahmsweise kein Blut, so fiel ihn nebenbei auf.
„Es ist so schwierig, weil du so wenig schläfst.", erwiderte sie. „Liebling, du musst noch duschen gehen.", erklärte sie ihm.
„Wieso kann ich nicht schlafen?", fragte er zurück.
„Weil du eben gesagt hast, du hast unter einem Wasserfall geschlafen. Du wirst dir den Tod holen, seine Socken sind noch nass.", ermahnte sie ihn. „Ist dir nicht kalt?"
„Nein, gar nicht.", sie nickte verstehend. Alkohol, also wirklich.
„Komm, James, geh duschen.", forderte sie ihn auf. Tatsächlich gehorchte er, richtete sich mühselig auf und begann, sich selber zu entkleiden. Lily setzte sich nur auf das Bett und musterte ihren nackten Ehemann. Er war so breit geworden. Natürlich waren das alles Muskeln, aber trotzdem schien es ihr nicht normal, dass er so dermaßen breit war. Muskulös war schon fast nicht mehr der richtige Ausdruck dafür. Als er sein Shirt über den Kopf zog, da konnte sie genau sehen, wie seine Muskeln sich bewegten und anspannten, ein faszinierendes Schauspiel für sie, als Heilerin.
„Kommst du mit?", fragte er irgendwann.
Zuerst wollte sie 'Nein' sagen. Das letzte Mal unter der Dusche war ihr eine Lehre gewesen, sie wollte nie wieder spüren, wie er ihr freiwillig weh tat. Auf der anderen Seite wollte sie ihn unter keinen Umständen abweisen und alles, was er eben gesagt hatte, wieder untergraben. „Ich – ich komme gleich nach.", murmelte sie also. Er nickte nur, während er aus seinen Hosen schlüpfte und verschwand im Badezimmer.
Sie griff nach dem Spiegel in der Jackentasche ihres Mannes. „Sirius Black.", flüsterte sie.
„Ja?", das Gesicht ihres Freundes erschien im Spiegel und musterte sie überrascht. „Was gibt's?"
„Können wir morgen tauschen?", fragte sie.
„Was?"
„Ich – ich brauche frei.", er runzelte seine Stirn. „Moody hat James heim geschickt und gesagt, er soll mal einen Tag Pause nehmen. Ich brauche morgen frei.", beharrte sie, als er sich räusperte.
„Lily, hältst du das für eine gute Idee? Lass ihn doch schlafen und sich erholen.", bat er sie.
„Nein, ich will Zuhause bleiben.", erwiderte sie bissig. „Komm schon, Sirius! Bitte, ich bitte dich nie wieder darum, nur bitte gönne mir einen Tag mit meinem Mann.", flehte sie. Er rieb sich verlegen über den Nacken.
„Also gut, ich gehe morgen.", maulte er.
„Danke!", strahlte sie, sodass er plötzlich schräg grinste. „Was?"
„Ich liebe es, dich so zu sehen.", meinte er schulterzuckend. „Gute Nacht, Lily-Maus.", sie antwortete gar nicht nicht mehr, sondern warf den Spiegel auf das Bett und streifte ihre Kleidung ab, plötzlich ungeduldig darauf, mit James zu schlafen. Aber der sah nicht so aus, als ginge es ihm gut genug dazu, denn er stützte sich mit beiden Händen ab und atmete schwer, als sie unter die Dusche trat.
„Jamie?", sprach sie ihn zögerlich an.
„D – die Tränke wirken nicht mehr.", flüsterte er.
„Was?"
„Die Tränke, die normalerweise machen, dass ich ihre Gesichter nicht immer sehen muss.", stöhnte er kopfschüttelnd und kniff dabei seine Augen zusammen. Sie streichelte zurückhaltend über seine nackten Arme, dann drängte sie sich zwischen ihn und die Wand.
„Sieh mich an.", flüsterte sie gegen den Wasserstrahl an. Er seufzte und folgte ihrer Aufforderung, indem er sie einmal von oben bis unten genau musterte. „Ich liebe dich, James.", sagte sie, bevor sie ihn küsste. Ihre Hand griff an die Stelle, unter der sein Herz heftig und ein bisschen unregelmäßig pochte. „Den James hier drin.", seine Arme schlangen sich um sie und er erwiderte den Kuss stürmisch.
Natürlich nahm er Tränke. Das war logisch, wieso hatte sie sein gefühlloses Verhalten nicht schon viel früher mit Tränken in Verbindung gebracht, sie war doch Heiler! Darum stritten sie immer, weil er nicht mehr unterscheiden konnte, wer wer war und selbst, wenn er wusste, dass er sie liebte, so war er doch unter dem Einfluss von Tränken unfähig dazu, es ihr zu kommunizieren.
Nach einer viel längeren Dusche, als es zu vertreten gewesen wäre (und nachdem er dieses Mal gut gemacht hatte, was er letztes Mal nicht beachtet hatte) schleppte er sich schließlich todmüde ins Bett. Sie folgte ihm artig, taumelte liebestrunken hinter ihrem Mann her und kroch zu ihm unter die Bettdecke. „Wann musst du morgen gehen?"
„Ich habe frei.", murmelte sie gegen seine Brust. Es fühlte sich so gut an, neben ihm zu liegen. Er war schön warm (nicht heiß, nur schön, angenehm warm) und spannte seine Arme um sie. „Wir können morgen den ganzen Tag im Bett liegen. Und du kannst dich ausruhen.", er nickte verstehend, dabei drückte er sie noch fester an sich.
„Gut.", machte er. „Gut, dass du morgen hier bist. W – wo ich dich sehen kann.", stotterte er. Sie wusste nicht genau, wie er das meinte. War das im Bezug auf Alan? Oder meinte er nur, gut, dass sie sich sehen konnten? Oder dachte er an Todesser und Angriffe?
Er schlief bald darauf, so konnte sie sehen. Sein Gesicht war verzogen, sie war sich sicher, dass es kein erholsamer Schlaf war, aber er schlief endlich und irgendwie war es beruhigend, dass er überhaupt mal wieder schlief.
Sie würden morgen weiter sehen...
