Hallo Lilly, vielen Dank für dein Review.
Es freut mich, dass dir die Geschichte gefällt und du mir das auch schreibst;-)
Da veröffentliche ich auch gern weiter.
Tag 2: Eine Frage, keine Antwort
Sie saßen sich an seinem Küchentisch gegenüber, vor sich heißen Earl Grey.
Draußen herrschte absolute Dunkelheit, was in einer Neumondnacht um drei Uhr morgens auch nicht weiter verwunderlich war.
„Dir ist klar, dass du mir mehr schuldest, als ein Tässchen Tee."
Severus musste schmunzeln.
Sie kam stets direkt auf den Punkt, das hatte er schon immer zu schätzen gewusst. Er schaute in das Gesicht der Heilerin.
Poppy war alt geworden, in den vergangenen Jahren. Unzählige Falten durchzogen ihr Gesicht.
Wann hatte er selbst das letzte Mal bewusst in den Spiegel gesehen?
„Und mehr als ein Lächeln… Auch wenn ich es bisher viel zu selten gesehen habe, ist das kein Ausgleich für die Risiken die ich für dich eingehe, Severus.
Es geht um Ansehen und meine Zulassung, wohlmöglich sogar um meine Freiheit."
Sie tat einen tiefen Atemzug und rieb sich die Augen. Sie war müde, sehr müde, das war nicht zu übersehen.
Viele Stunden des vergangenen Tages hatte er in seinem Wohnzimmer ausgeharrt, während sie sich um das Mädchen gekümmert hatte. Außer einem ersten Tee am Nachmittag und der Zwangspause durch den Besuch aus dem Ministerium, hatte sie die gesamte Zeit damit verbracht, den Zustand von Miss Wilks zu stabilisieren. Diese schlief gerade wieder.
Ohne erst tatsächlich eine Erklärung zu fordern, wechselte die Heilerin unvermittelt zum Zustand ihrer Patientin.
„Ich kann dir nichts versprechen.
Es wäre gelogen, wenn ich dir sagen würde, dass sie in drei Tagen völlig geheilt ist.
Sie ist schwer krank. Krebs im Endstadium, die Medizin der Muggle hat ihr übriges getan. Sie ist halbtot und das Trauma schwächt sie zusätzlich…"
„Trauma…"
Schnaubte Snape.
„Ach Severus! Der schwarze Mann ist in das Krankenhaus gekommen und hat sie entführt. Sie wurde in kleinste Teile zerlegt und wieder zusammengesetzt, als ihr apperiert seid.
Als sie ihre Überforderung zeigte, hast du sie geschockt.
Als sie erwachte, habe ich ihr die Stimme genommen, damit sie nicht erneut schreit und ihr deutlich gemacht, dass sie sich nicht rühren soll…
Meinst du ernsthaft, dass ein paar Worte von mir reichen, um diese Erlebnisse zu verarbeiten? Sie hört nicht mal zu, sie glaubt zu träumen.
Sie hielt unsere Existenz für ein Märchen, Severus.
Warum hast du es ihr nicht schonend beigebracht, warum nicht darauf vorbereitet…"
Nun unterbrach Snape sie.
„Für wie wahrscheinlich hältst du es, dass sie noch ein, zwei Monate Wartezeit überlebt hätte?"
Das Lächeln war nun aus seinem Gesicht verschwunden.
„Das bringt mich zur eigentlich spannenden Frage, mein Lieber.
Wer ist sie? Warum riskierst du so viel für eine Frau, die du augenscheinlich kaum kennst. Oder besser, die dich nicht kennt.
Sie kennt ja nicht mal deinen wahren Namen, Mr. Anderby."
Die letzten Worte hatte sie fast verächtlich ausgespien.
„Tiberius Anderby, das unbekannte Genie, der neue Star am Forscherhimmel.
Na wenigstens wussten wir so, dass es dir gut geht."
Der Tränkemeister schaute nun verwundert, was Poppy mit einem schallenden Lachen quittierte.
„Dachtest du wirklich, wir wüssten nicht, dass du es warst? Es gibt Menschen, die dich eben doch ein wenig kennen.
Kein Interview, keine Fotos… Brillante Forschung, präzise Texte.
So viele Tränkemeister kamen da nicht in Frage. Und gleichzeitig ist Severus Snape seit seinem Freispruch von der Bildfläche verschwunden.
Das nicht die ganze Welt Bescheid weiß, liegt einzig an unserer Diskretion und deinem Forschungsgebiet.
Welcher Todesser würde wohl Heilmittel bei den Mugglen suchen?"
Sie sah wohl seine sich verhärtende Miene und ergriff seine Hand, die auf dem Tisch lag, ehe er sie herunternehmen und beleidigt aufstehen konnte.
„Das war ein Scherz, Severus. Ein Scherz.
Jemand der so leidenschaftlich austeilt wie du, sollte inzwischen wirklich gelernt haben auch einzustecken."
Schweigen legte sich nun über den Raum, für Minuten. Er hielt es aus und trank äußerlich ungerührt seinen Tee.
„Warum hast du das getan?"
Fragte Poppy schließlich erneut.
Was sollte er drauf antworten?
Er wusste es ja selbst nicht. Er war einem Impuls gefolgt, hatte sich selbst immer wieder gesagt, wie verrückt er sei, es hatte nichts genutzt.
Jetzt war Miss Wilks in diesem Haus und es gab kein zurück. Erst recht nicht, seit Poppy hier war.
Die Eule hatte er mit einem sehr mulmigen Gefühl losgeschickt.
Acht Jahre waren vergangen.
Die Brücken in die Vergangenheit hatte er abgebrochen. Zu keinem seiner früheren Kollegen, Mitgliedern des Ordens des Phönix, zu keinem seiner Freunde – zu denen er Poppy dankenswerterweise zählen konnte - hatte er Kontakt gehalten. Im Gegenteil, unzählige Eulen, losgeschickt von ebengenannten Personen, hatte er davon gejagt. Seine Adresse hatte im Ministerium einen Geheimstatus. Nur bei begründetem Interesse wurde sie bekannt gegeben. Die Neugierde des Zaubereiministers begründete einen solchen Fall nicht.
Er wollte keine Briefe, keinen Besuch. Er wollte vergessen und verdrängen.
Das war leichter, als sich andauernd mit den nagenden Schuldgefühlen auseinander setzten zu müssen.
Was er an magischen Komponenten brauchte, bezog er per Eulenversand.
Zeitungen gewährten ihm hin und wieder einen Einblick in die Welt, von der er sich bewusst ausgeschlossen hatte. Manchmal las er von Menschen, die er kannte. So hatte er auch gewusst, dass die Heilerin seit einigen Jahren erfolgreich als Medihexe im St Mungo tätig war.
Direkten Kontakt hatte er seit seinem Prozess nicht mehr mit ihr gehabt.
Umso dankbarer konnte er dieser Hexe sein, dass ein einziger Hilferuf seinerseits ausgereicht hatte, sie innerhalb von wenigen Stunden hier erscheinen zu lassen.
Er hatte Angst gehabt.
Angst davor, dass Poppy sich wohl möglich gar nicht in England aufhalten würde, oder dass sie nun ihrerseits gekränkt jegliche Kontaktaufnahme verweigern würde.
Das wäre der Tod von Anny Wilks gewesen, daran bestand kein Zweifel. Seine eigenen medizinischen Kenntnisse hatten ihn nur hilflos beobachten lassen können, wie sich ihr Zustand rasant immer weiter verschlechtert hatte. Er hatte es angedacht, die Hexe um Hilfe zu bitten, aber nicht so übereilt.
Doch Poppy hatte nicht gekränkt oder beleidigt reagiert, im Gegenteil.
Die Flugzeit nach London, zum Sankt Mungos betrug für seinen Waldkauz knapp eineinhalb Stunden. Nach exakt zwei hatte sie vor seiner Tür gestanden. Bleich, die Sorge deutlich ins Gesicht gezeichnet.
Es hatte nicht vieler Worte bedurft, um das Geschehene zu erläutern.
Anny Wilks' Krankheitsbild, ihr Gesundheitszustand und die Medikation der Muggle, die er ihrer Krankenakte entnommen hatte.
Mehr hatte Poppy nicht benötigt um zu helfen. Trotz der Risiken, die ihm selbst mehr als bewusst waren.
Ja, er war ihr etwas schuldig.
„Ich kenne das Mädchen nicht weiter, Poppy."
Fing er an zu berichten. Offen und ehrlich.
„Sie arbeitet in der Apotheke, in der ich seit einigen Jahren einen Teil meiner Zutaten kaufe.
Das ist alles.
Ich habe sie dort schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, eine andere Mitarbeiterin berichtete mir dann von ihrem Schicksal…"
Er brach ab, als er den ungläubigen Gesichtsausdruck seines Gegenübers wahrnahm.
„Das klingt überhaupt nicht nach dem Severus, den ich kenne."
Sagte Poppy skeptisch.
„Ich habe Wortfetzen der Ministeriumsmitarbeiter auffangen können.
Du übertrittst bewusst unser oberstes Gesetz, riskierst damit eine empfindliche Strafe, wohlmöglich sogar Askaban und ich weiß sehr gut, wie dir dein Aufenthalt dort damals zugesetzt hat. Mit Sicherheit hast du mehr als einen Zauber gesprochen, den einen bekannten aber mit absoluter Perfektion.
Das geschieht doch nicht so eben aus einer Laune heraus…"
Snape seufzte resigniert, was Poppy als Warnung genügte, nicht weiter zu bohren.
„Poppy, am besten du zerbrichst dir deinen Kopf über mein Handlungsmotiv und unterrichtest mich einfach, wenn du zu einem Ergebnis gekommen bist, ja?"
Fuhr der Tränkemeister launisch auf.
Er war sentimental und weich geworden. Das musste ihm die Heilerin aber nicht noch auf die Nase binden.
Einen Moment schwiegen beide.
Nach einer kurzen Pause fuhr der Tränkemeister in versöhnlicherem Ton fort.
„Wie geht es jetzt weiter?"
Sie nahm noch einen Schluck Tee, bevor sie antwortete.
„Nun, ich habe vorerst die Symptome des Mädchens lindern können.
Mein Diagnosezauber hat neben den bereits entdeckten Tumoren im rechten Arm auch noch zwei winzig kleine in den Rippen gefunden. Zudem haben sich Zellen in ihrer Lunge verändert, es ist abzusehen, dass sich dort der nächste Tumor bilden wird. Etwas, was sie in ihrer Welt mit Sicherheit nicht mehr erleben würde.
Faktisch liegt sie im Sterben.
In ihr wütet eine wirklich aggressive Krebsart. Von einer Heilung kann ich im Moment bei weitem nicht sprechen. Das Krankheitsbild ist viel zu komplex.
Ich werde mich belesen, Severus.
Ihre Blutbildung ist durch die Medikamente stark eingeschränkt, die eine Niere, die sie noch hat, ist völlig überlastet. Der Tumor im Kopf liegt am Hirnstamm, nah am Brechzentrum, weshalb sie wohl auch nichts mehr bei sich behalten konnte. Er macht mir eigentlich die größten Sorgen. Das umliegende Gewebe steuert alle wichtigen Körperfunktionen.
Krebs ist in unserer Welt aber an und für sich keine Krankheit, an der man sterben muss, das weißt du ja.
Es ist ein komplizierter Zauber, die krankhaften Zellen in ihrem Körper zu zerstören. Damit habe ich nicht viele Erfahrungen.
Wie gesagt, ich werde es versuchen.
Du kannst davon ausgehen, dass sie die nächsten Stunden schlafen wird, mit Sicherheit noch drei, vielleicht sogar mehr…"
Ein tiefes Seufzen unterbrach kurz ihre Rede.
„Du weißt, dass mich mein Eid verpflichtet, im Falle meines Scheiterns einen Spezialisten zu konsultieren.
Ob Muggle oder nicht, diese Frau ist nun meine Patientin, ich halte jetzt ihr Leben in meinen Händen und ich kann nicht…"
Snape unterbrach sie mit einer Handbewegung.
„Das ist mir völlig klar, Poppy.
Solltest du ihr nicht helfen können, werde ich sie ins St Mungo bringen.
Du hast mit diesem Fall dann nichts mehr damit zu tun. Oder besser, du hattest damit nie etwas zu tun."
Sie nickte zustimmend und stand auf.
„Ich lasse dir einige Tränke hier, wir müssen uns vor allem um ihr Immunsystem sorgen. Es ist durch die Therapie der Ärzte praktisch auf Null herunter gefahren.
Den Kontakt mit weiteren Menschen, die quasi als Keimschleuder fungieren könnten, brauche ich dir ja nicht untersagen."
Mit diesen Worten räumte sie neun Phiolen auf den Tisch.
„Gib ihr nach dem Aufwachen und dann jeweils alle drei Stunden den gesamten Inhalt der Phiolen. Und sie sollte dringend etwas essen.
Ich hoffe der Nauseatrank reicht aus, um die Übelkeit so weit zu unterdrücken, dass sie tatsächlich etwas hinunterbringt. Und sie es bei sich behalten kann.
Wie gesagt, ich werde mich belesen, Severus und heute Abend noch einmal hier vorbeischauen."
Snape hatte sich ebenfalls erhoben und begleitete die Hexe zur Tür.
„Und sollte ich feststellen, dass sich ihre Gemütsverfassung bis dahin nicht dramatisch verbessert hat, sehe ich mich ebenfalls gezwungen, sie ins Krankenhaus zu überstellen.
Ihr Zustand ist lebensbedrohlich und nichts ist schädlicher für den Heilungsprozess als Angst und Verzweiflung."
Er nickte nur und sie verabschiedeten sich knapp.
Als er die Tür hinter Poppy geschlossen hatte, beschloss er die nächsten drei Stunden intensiv zu nutzen.
Bevor er dem Mädchen gegenüber treten würde, wollte er sich zunächst sein eigenes Handeln bewusst machen. Er seufzte laut.
Kaum etwas war ihm verhasster als Selbstreflektion.
