Ein schepperndes Geräusch aus der Küche weckt mich auf. Kate versucht Frühstück zu machen - wie süß von ihr! -, aber so wie ich sie kenne wird es auch bei dem Versuch bleiben. Kates Kochkünste sind ein Desaster. Ich befreie mich aus dem Knoten aus Armen und Beinen meiner Kinder, die sich noch immer schlafend an mich klammern, stehe auf und mache mich auf den Weg in die Küche, um Kate abzulösen.
„Guten Morgen, Ana Montana!" Sie unterdrückt ein Gähnen.
„Guten Morgen, Kate! Wie war deine Verabredung?" frage ich neugierig. Immerhin wird ihre Antwort mein zukünftiges Leben bestimmen.
„Großartig. Er ist ein ziemlich guter Liebhaber." sagt sie und lächelt.
„Gut für dich, Kate!", sage ich und wende die Pfannkuchen. Das war nicht die Information, die ich brauchte. Das war zu viel Information.
„Mehr Enthusiasmus, bitte. Er wird uns helfen. Tatsächlich wird er dich in zwei Stunden abholen und zum Spital bringen. Wer weiß, vielleicht haben wir einen männlichen Besucher zum Mittagessen." Sie zwinkert mir zu.
Ich halte inne. Oh mein Gott. Ich weiß nicht, ob ich dafür bereit bin.
„Ana", sagt sie, „es wird alles gut laufen, du wirst sehen." Sie legt einen Arm um meine Schulter.
„Dein Wort in Gottes Ohr!" sage ich und bitte sie, den Tisch zu decken.
Nachdem ich die Burschen aufgeweckt habe, frühstücken wir und sprechen über unsere heutigen Pläne. Kate wird sich um Tommy und Andy kümmern und ich werde mit Phil ins Krankenhaus gehen. Wenn Mr. Grey entlassen wird, werden wir nach Hause kommen und die Dinge ihren Lauf nehmen lassen. Wenn nicht, dann haben wir noch einen weiteren Tag zur Vorbereitung. Ich schaue auf die Uhr und bemerke, dass ich nur noch eine Stunde habe, um mich fertig zu machen. Also husche ich hinauf in das Badezimmer um mir mein Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen. Ich ziehe mir Jeans, ein weißes Top, eine melonenfarbene Weste und Ballerinas an und binde mir meine Haare in einen Knoten zusammen.
Um Punkt zehn Uhr klopft es an der Tür. Kate macht sie auf und gibt Phil einen fetten Kuss. Er küsst mich auf die Wangen und ich biete ihm einen Kaffee an. Er lehnt ab, weil er für uns einen Termin im Krankenhaus ausgemacht hat und wir langsam aufbrechen sollten. Wir fahren mit zwei Autos hin und treffen uns am Eingang.
Ich bin weder eine gute Lügnerin noch eine gute Schauspielerin, aber jetzt darf ich das nicht vermasseln. „Ich schaffe das, ich schaffe das, ich muss das jetzt schaffen …" sage ich mir. Dieses Arschloch wird bezahlen. Als Phil eintrifft, gehen wir zum Krankenhauseingang während ich meinen Rücken durchstrecke und mein Kinn hebe. Phil sagt mir, dass ich im Warteraum warten soll, was ja auch irgendwie logisch ist. Also setze ich mich in den Warteraum, bereit für die Konfrontation mit diesem Neanderthaler während ich Andys Lieblingsbuch ‚Rate mal, wie lieb ich dich hab' lese. Obwohl es für Zwei- bis Dreijährige geschrieben ist, habe ich große Probleme mich zu konzentrieren. Ich bin ziemlich nervös und hoffe noch immer, dass das keine blöde Idee war. Nach einer halben Stunde öffnet sich die Türe, Phil erscheint und sagt: „Komm schon, Annie, auf in den Kampf!" Er führt mich den Gang entlang und zeigt mir die richtige Türe. Ich öffne sie einen Spalt breit und sehe mich um. In dem Raum befinden sich zwei Ärzte, ein anderer Patient und natürlich Mr. Grey. Er hat einen Wutanfall, was wenig überraschend ist.
„… nun gut, was wissen Sie? Strengen Sie ihr Erbsenhirn ein kleines bisschen an, falls das möglich ist", schreit er.
„Es scheint, Sie leiden an temporärer Amnesie." erklärt einer der Ärzte.
„Wie ‚temporär' ist denn Ihrer Meinung nach 'temporär'?" fragt er nachdrücklich.
„Das wissen wir nicht. Aber ansonsten scheinen Sie in exzellenter physischer Verfassung zu sein", führt der andere Doktor aus.
„Hören Sie mir zu, Medizinmänner. Bisher besteht mein Leben aus einer dreckigen Müllschute und Mahlzeiten, die man kaum so nennen kann, weil jedes Schwein in den Vereinigten Staaten Besseres zu fressen bekommt. Ich weigere mich …" er wirft etwas durch den Raum "… in diesem halbprivaten Zimmer eingesperrt zu sein!" Er zeigt auf den anderen Patienten und setzt die Tirade fort: „Er schnarcht!" Er dreht sich wieder zu den Ärzten und sagt: „Während keiner sich bemüht und versucht herauszufinden …"
Phil unterbricht mein Lauschen und flüstert: „Vielleicht sollten wir etwas warten und kommen später zurück, wenn er sich beruhigt hat."
Ich nicke und blicke ein letztes Mal zu Mr. Grey.
"… Ich verlange, dass Sie etwas tun! Hören Sie mich? Ich weiß zwar nicht, wer ich bin, aber ich bin sicher, dass ich einen Anwalt habe!" brüllt er.
Ich drehe mich um und gehe zur Cafeteria, um einen starken Kaffee zu trinken. Normalerweise drinke ich Tee, aber ich hab das Gefühl, dass ich heute die Energie brauchen werde, also bestelle ich Kaffee. Mr. Grey in so einer Laune zu sehen macht mir Angst. Was, wenn er so zu Hause mit meinen Kindern umgeht? Wie kann ich ihn dann loswerden? Ich denke, das ist ein Problem, welches Kate dann am Hals haben wird, da das alles ihre Idee war. Nach dem Kaffee gehe ich zurück zu Christians Zimmer. Ich betrete den Raum und schaue mich um. Es ist ein sehr einfaches Zimmer mit zwei Betten, zwei kleinen Nachtkästchen, zwei Sesseln und einem kleinen Fernseher. Ein Bett ist jetzt leer und in dem anderen liegt er und schläft. Ich nehme einen Sessel, setze mich neben ihn und betrachte ihn. Er ist sogar noch attraktiver, als ich ihn in Erinnerung habe. Ok, damals hab ich ihn nicht so genau betrachtet. Er ist muskulös, also sollte er imstande sein, hart für mich zu arbeiten. Ich kichere. Jetzt habe ich einen Sklaven und einen Babysitter. Oh mein Gott, ich könnte lange Bäder nehmen und vielleicht sogar ausgehen und etwas Zeit für mich haben. Ich liebe meine Kinder, aber in den letzten paar Monaten habe ich nur für sie gelebt und nicht für mich. Vielleicht ist das alles ein Zeichen, um mich mehr um mich selbst zu kümmern. Ich fahre mit meinen Fingern durch seine zerzausten Haare. Hmmm, die sind so weich. Ich betrachte ihn genauer und sehe etwas auf seiner Brust, da er ein Krankenhausgewand trägt und die zwei oberen Knöpfe offen sind. Neugierig öffne ich noch einen Knopf und sehe runde Narben. Sie sehen aus wie Brandwunden durch Zigaretten, aber sie sind nicht neu, sie scheinen viel älter zu sein - als ob sie aus der Kindheit stammten. Ich schlucke. Oh mein Gott, was ist ihm passiert? Ich knöpfe sein Hemd wieder zu und lehne mich in meinem Sessel zurück. Mir ist zum kotzen und mein Hirn rattert. Tue ich das richtige? Vielleicht ist er als Kind missbraucht worden und jetzt bin ich diejenige, die ihn ausnutzt. Ich seufze. Oh Scheiße, zu spät um zu fliehen, er rührt sich und öffnet seine Augen. Er sieht mich an. Ich erstarre. Wird er mich erkennen? Wenn ja, dann war der ganze Plan für die Katz'.
„Hey Schlafmütze!" sage ich, um das Eis zu brechen.
„Hi!" krächzt er und räuspert sich.
„Wie geht es dir?" frage ich ihn und nehme seine Hand in meine. Ich spüre ein vertrautes Vibrieren durch meine Hand strömen.
„Wer sind Sie?" fragt er mich mit einer fordernden Stimme. Also erinnert er sich nicht, gut.
„Ich bin Ana, kurz für Anastasia, ich bin deine Ehefrau", sage ich so überzeugend wie möglich.
„Ich habe keine Ehefrau. Ich kenne Sie nicht!" sagt er in einer etwas höheren Stimmlage als sonst. Scheiße, er kauft mir das nicht ab.
„Ich habe gehört, dass du dein Gedächtnis verloren hast. Das ist Ok." Ich lächle ihn an und versuche so, die Situation zu entschärfen.
„Nichts ist Ok. Ich liege schon den zweiten Tag hier. Wo warst du?" sagt er genervt und setzt sich auf.
Meine Güte. Was habe ich getan? Dieser Dummkopf wird mein Leben noch miserabler machen als er es eh schon getan hat. „Ich habe dich gesucht, du Egoist! Ich war zu Hause und bin vor Sorge fast gestorben, weil mein Mann verschwunden war. Du hast mich zu Tode erschreckt, du dummer Schwachkopf! Wo warst du?" Ha! Nimm das!
Er seufzt. „Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts. Wie lautet mein Name?" fragt er, eine Fragerunde beginnend.
„Christian", sage ich erschöpft.
„Hmmm. Christian." Er versucht sich an etwas zu erinnern, und man kann die sich in seinem Kopf drehenden Zahnräder fast schon Kopf sehen. Ich halte den Atem an. Ich fürchte, wenn er sich an etwas erinnert, bevor er die Arbeit in meinem Garten beendet hat, dann war alles umsonst.
„Ja, Christian Steele." Ieh! Das hört sich komisch an.
„Wie alt bin ich?" fragt er und ich versuche mich zu erinnern. Was hat der Typ im Fernsehen gesagt?
„Dreißig." Das könnte stimmen.
„Wo lebe ich?" Er ist hartnäckig.
„Wir sind vor kurzem umgezogen und leben jetzt hier in Montesano." ‚Vielen Dank dafür, Mr. Grey' denke ich mir.
„Was mache ich beruflich?"
„Du arbeitest in der Firma deines Vaters. Er ist ein Tischler."
„Was habe ich gestern gemacht?"
Ok, bleib bei der Wahrheit so gut es geht. „Ehrlich gesagt weiß ich das nicht wirklich. Wir hatten einen Streit und du bist gegangen. Offensichtlich warst du am Meer." Wow, das ist eine exzellente Begründung. Es würde erklären, warum er auf dem Sofa schlafen muss, wir keinen Sex haben werden und mein Verhalten eher distanziert ist - zumindest aber nicht so nah, wie das Verhalten einer verheirateten Frau ihrem Mann gegenüber sein sollte.
„Warum haben wir uns gestritten?" fragt er und zieht seine Augenbrauen zusammen. Vielleicht ist seine Beharrlichkeit der Grund, aus dem er so gut in seinem Job ist, aber sie nervt mich furchtbar.
„Schau, lass uns darüber reden, wenn du deine Erinnerung wieder hast. So lange du dich an nichts erinnerst, ist es sowieso irrelevant." Ich bin ziemlich zufrieden, wie diese Konversation läuft.
Er seufzt. „Es ist so frustrierend, wenn man sich an nichts erinnert."
„Ich weiß. Also wie wärs, wenn du dich ausruhst und sobald die Ärzte dir grünes Licht geben, gehen wir heim und arbeiten langsam an deiner Erinnerung. Wenn du dich stresst, wird dir das nicht helfen." Ich drücke seine Hand.
Er nickt. Ich gebe ihm einen Beutel mit Kleidung und sage: „Hier ist etwas zum Anziehen für dich." Er dankt mir und legt ihn auf sein Nachtkästchen.
„Bleibst du zum Mittagessen? Vielleicht kannst du mir ja etwas Essbares in mein Zimmer schmuggeln. Ich kann diesen Dreck hier nicht mehr essen!" stöhnt er.
Ich kichere. „Natürlich. Warte hier. Ich geh zum Delikatessenladen gleich neben dem Spital. Wie klingt Hühnersandwich für dich?"
„Ich würde dafür sterben. Bring es zu mir und ich benenne mein Erstgeborenes nach dir!" sagt er verzweifelt.
Ich läche ihm zu und stehe auf um uns Sandwiches zu holen. Auf meinem Weg nach draußen denke ich über Christian nach. Es lief besser als erwartet. Ich bin besorgt, was er zu meinen Kindern sagen wird. Ich kichere. Armer Christian, meine Buben sind schwierig - sogar für erfahrene Leute. Auf dem Rückweg stoppe ich bei einem Getränkeautomaten und kaufe uns ein paar Dosen. Als ich sein Zimmer betrete, erhellt sich Christians Gesicht. Ich setze mich in den Sessel und breite das Essen vor uns aus. Er beißt ab und stöhnt.
„Mmmmhhh, Ich glaube, ich bin im Himmel!" sagt er und beißt noch einmal ab. „Das ist so viel besser als das Essen hier!"
„Dann warte, bis du nach Hause kommst. Ich glaube, ich kann die Sandwiches noch toppen." sage ich stolz und lächle. Er starrt mich an.
„Was?" frage ich. Es ist etwas gruselig, wenn dich dein Gegenüber so unverblümt anstarrt.
„Du bist wirklich wunderschön", murmelt er.
Ich erröte und schaue auf mein Sandwich. Oh ich bin gar nicht mehr daran gewöhnt, dass man mir Komplimente macht, aber es fühlt sich gut an. Ich lächle. ‚Ja, dafür bist du da.' denke ich mir. ‚Damit ich mich gut fühle.'
„Danke", sage ich und öffne meine Dose. *Platsch* Die Dose spritzt mich voll und Christian kichert. Großartig! Das ist so typisch. Ich nehme eine Serviette und tupfe mich trocken. „Weißt du, wann du nach Hause gehen kannst?" Ich versuche, das Thema zu wechseln.
„Morgen in der Früh, solange sich nichts ändert. Holst du mich ab?" fragt er mich hoffnungsvoll.
„Sicher", sage ich und lächle schadenfroh. ‚Ruh' dich aus solange du kannst, denn sobald du nach Hause kommst, wirst du die Königin der Nacht kennen lernen, welche dir die Hölle heiß machen wird.' denke ich mir. Nach dem Mittagessen stehe ich auf, gebe ihm ein Küsschen auf die Wange und sage 'Auf Wiedersehen'. Ich verlasse das Spital und atme tief aus. Tag eins: erledigt. Nun blicke ich zuversichtlich auf die Tage, die noch folgen werden.
Als ich nach Hause komme, versuchen Kate und Tommy im Wohnzimmer Klavier zu spielen. Offensichtlich kann Kate zumindest ein paar Kinderlieder spielen.
„Wo ist Andy?" frage ich während ich zur Couch gehe und mich darauf fallen lasse.
Kate schaut auf und lächelt. „Er macht gerade ein Nickerchen. Heeeeeey, Ana Santana, du bist zurück! Wie wars? Erzähl mir alles!"
„Ich werde ihn morgen in der Früh abholen" seufze ich. Ich bin erschöpft und verstehe nicht, wie andere Leute rund um die Uhr lügen können.
„Großartig! Ich hab dir doch gesagt, dass alles wie geplant laufen wird." Sie steht auf und verkündet fröhlich: „Zeit für dein Bad, Tommy!"
Die Zwei gehen in das Badezimmer und ich folge ihnen. Kate lässt ein Bad ein und während Tommy darin sitzt und mit seinem Spielzeug spielt, reden Kate und ich mit leisen Stimmen.
„Wie war er?" fragt sie. Yay, und hier kommt sie, die berühmte Katherine Kavanagh Inquisition.
„Er war ziemlich einschüchternd" sage ich ängstlich.
„Hab keine Angst! Bellende Hunde beißen nicht", deutet sie überzeugt.
„Vielleicht. Sag mal, kannst du mich für eine Stunde entbehren? Ich brauch auch ein Nickerchen. Danach koche ich das Abendessen, ok?" bitte ich sie.
„Natürlich, Annie!" sagt sie und umarmt mich.
Ich gehe in mein Bett und versuche, ein Nickerchen zu machen. Graue Augen verfolgen mich in meinen Träumen.
