Gleam of hope

4. Awakening

Am nächste Morgen war ich definitiv ausgeschlafener, als die Tage zuvor und das obwohl mich meine Kleine zu noch recht nächtlicher Zeit weckte. Es war kaum sechs Uhr am Morgen. Ich nahm sie aus dem Reisebett und ging mit ihr im Arm hinunter zum Empfang des Hostels. „Entschuldigen Sie? Ich ähm... bräuchte heißes Wasser, für ihre Milch."

„Im Speisesaal, gleich durch die Doppeltür dort hinten."

Ich war ein wenig verwundert, das ich dort schon sollte hinein können und fragte mich stumm, ob sich die Nutzung des Raumes um diese Zeit womöglich nur, um Wasserkocher und Getränke beschränkte. Doch hinter den Doppeltüren wurde ich eines besseren belehrt, viele junge Leute saßen bereits an den Tischen, einige wirkten, als hätten sie die Nacht durchgemacht, andere als seien sie eben angekommen und wieder einige, als stehe die Abreise kurz bevor, immer wieder sahen sie auf die Uhren.

Ich sah zu Scarlett und ging dann hinüber zur Anrichte, tastete nach dem Wasserkocher und goss vorsichtig die halbe Milchflasche voll, ehe ich mit dem Wasser aus der Glaskaraffe auffüllte. Da hier schon alles vorzufinden nahm stellte ich für mich noch eine Tasse unter den Kaffeevollautomaten und griff nach einem Tablett, auf das Flasche, Tasse und ein Teller mit Brötchen, Magarine und Käse einen Platz fanden. Erst am Tisch bemerkte ich meinen Denkfehler. Wollte ich auch essen, wäre ein Kinderstuhl recht hilfreich, aber daran hatte ich weder gedacht, noch konnte ich einen sehen.

Bravo.

Seufzend wollte ich schon einhändig mein Glück mit dem Brötchen versuchen, als...

„Sir? Hier, die stehen dort hinten in der Ecke."

„Oh...ähm danke," nickte ich der Jugendlichen freundlich zu und sie ging mit einem Lächeln zurück an ihren Tisch, ganz in der Nähe, zu zwei anderen Mädchen ihres Alters. Ich nickte ihnen noch mal zu und setzte Scarlett in den Kinderstuhl. Das ist doch gleich viel besser, entschied ich und schmierte mir mein Brötchen, reichte Scarlett ein Stück an dem sie knabbern konnte.

Zwei Stunden später war unser Mädchen frisch gewickelt und satt. Sie trug saubere Kleidung und saß in ihrem Buggy, als wir das Hostel verließen. Gestern Abend hatte ich ein Taxi genommen, doch heute im Tageslicht entschied ich, den Weg zu Fuß zu gehen. Wir hatten im Wagen nur knapp fünf Minuten gebraucht, so weit konnte es also nicht sein und auf dem Stadtplan hatte ich mir den Weg vorhin noch einmal angesehen.

Tatsächlich waren wir am Ende viel schneller, als ich geglaubt hatte. Und schon nach weniger als fünfzehn Minuten waren wir da, was in mir den Verdacht aufkommen ließ, das der Taxifahrer gestern den ein, oder anderen Umweg genommen hatte. Ich schüttelte den Kopf, schob den Buggy in Richtung Fahrstuhl und nahm den Weg zur Intensivstation. Vor der Station aber musste ich mich dann ernsthaft Fragen, mit welchen Argumenten Kate einen Abend zuvor unsere süße kleine Tochter mit auf die Station bekommen hatte. Denn die Schwester an der Schleuse wollte mich mit Kind auf gar keinen Fall hinein lassen. Ich war schon am Verzweifeln, da ich wusste, das Kate kein Handy besaß und selbst wenn es nicht angehabt hätte und ich Scarlett auf keinen Fall aus den Augen lassen wollte.

„Dr. Standish?"

„Dr. Allison. Guten Morgen."

„Ist das Ihr kleines Mädchen? Süßer und aufmerksamer kleiner Fratz," der Mediziner grinste ihm zu und nickte. „Gehen Sie nur, ich bin sicher Ihre Frau erwartet sie."

Ich nickte und schritt an ihm, der mir die Tür aufhielt samt meiner kleinen Tochter vorbei. Ich hörte noch wie die Schwester sich bei ihm beschwerte und er etwas davon sagte, das manchmal der Zweck die Mittel heilige. Ich grinste, nahm Scarlett vor dem Zimmer aus ihrem Buggy und betrat den Raum, in dem meine mir, fremde Tochter lag. In meiner Hosentasche war der Brief aus dem Labor, Kate hatte ihn im Hostel, in unserem Zimmer gelassen. Sie sah auf, als wir eintraten und ich erwiderter ihr Lächeln.

Kaum zu glauben, aber noch vor ein paar Jahren hätte ich nicht geglaubt jemanden jemals so sehr zu vermissen und das schon nach so kurzer Zeit. Ich erinnerte mich noch sehr gut daran wie es am Anfang gewesen war. In meiner Anfangszeit hatte sie mich nicht ausstehen können und ich hatte mich manches mal wahrhaftig tollpatschig angestellt, später waren wir gute Kollegen geworden Freunde und bald war mir klar geworden, das ich mehr empfand. Doch aus Respekt vor ihr, aus Angst es würde doch nichts sein hatte ich lange geschwiegen, bis ich geglaubt hatte sie zu verlieren. Aber so wirklich etwas zwischen uns verändert hatte es noch immer erst, nein, erst hatte mich eine Sepsis umhauen und beinahe besiegen müssen, ehe wir bereit gewesen waren es beide nicht länger zu verleugnen. Ich schüttelte den Kopf.

„Geoff? Was hast du? Ist was?"

„Nein," ich griff nach ihr, zog sie zu uns und küsste ihre Schläfe. „Ich musste... nur daran denken wie lange wir beide gebraucht haben, um heute hier zu stehen."

Sie lächelte milde und nickte. Kates Hand streichelte Scarlett, während sie wieder zu mir schaute. „Seit dem... ist viel passiert."

Ich nickte. „Ohne dich... wüsste ich die Natur und die Abgeschiedenheit unserer Heimat nicht zu schätzen." Ich schmunzelte und legte den Arm um sie. „Ich liebe dich Kate. Für... all die Geduld mit mir, all die Höhen und Tiefen die wir durchgestanden haben und dafür... das du bist, wie du bist."

Ihre Hände legten sich auf meine Brust, sie lächelte und sah mich ernst an. „Du musst mir nicht danken, das ich hier bin, oder... das ich will, das sie uns kennenlernt. Sie ist deine Tochter und somit ein Teil von uns und dir. Geh schon zu ihr, geb mir Scarlett."

Ich nickte, küsste sie erneut, dieses mal auf die Lippen und überreichte ihr, die inzwischen ungeduldige Scarlett.

Am Bett strich ich Katherine über den Haaransatz, beugte mich vor und küsste ihre Stirn. „Hey, Kleines, ich bin wieder hier, Geoff. Guten Morgen."

Ich strich noch über ihren Unterarm, nahm dann ihre Hand in meine und befeuchtete mit einem Watteträger, der im Teeglas stand ihre Lippen. Kate trat hinter mich. „Geoff, Dr. Allison meinte, wir... wir können sie Ende der Woche mit uns zurück nehmen."

Ich nickte, schon gestern hatte er so etwas in der Art angedeutet. Ich blickte sie ernst an, beobachtend. „Du... du weißt was das bedeutet? Ich meine... in Bezug auf die anderen?"

„Sie werden wissen, das da etwas ist. Ja."

„Kate, wir reden hier von Cooper`s Crossing, sie werden wissen, das sie... für uns beide nicht nur... eine Patientin ist."

Sie nickte und legte nun ihrerseits einen Arm halb um mich herum. Ich seufzte und schloss die Augen, während Scarlett in Kates Armen versuchte wieder zu mir zu gelangen. „Was, wenn... wenn sie nie mehr aufwacht, Kate?"

„Geb ihr einen Grund aufzuwachen."

„Ich... verstehe nicht..."

„Ich denke schon," antwortete sie. „Hast du den Brief aufgemacht?"

Ich schüttelte den Kopf.

xXx

Einige Tage später saßen wir im Helikopter nach Broken Hill und dieses mal gemeinsam, zu viert.

Dreieinhalb Tage war es nun her, das wir den Brief zusammen geöffnet hatten und unsere Vermutung nun Gewissheit war. Katherine war meine Tochter. Ich hatte eine fast erwachsene Tochter. Obgleich ich es eine ganze Weile schon recht sicher gewusst hatte, so traf mich diese neue Sicherheit doch sehr. Ich kannte meine vierzehnjährige, fast fünfzehnjährige Tochter nicht und womöglich würde ich das nie.

Das schien mir weder ihr gegenüber, noch Scarlett gegenüber fair, ich selbst fand es für mich nur ungerecht und fragte mich unwillkürlich, warum ihre Mutter nie etwas gesagt hatte. Ich konnte es noch immer nicht fassen. Tief in Gedanken versunken bemerkte ich ebenso wenig wie die Zeit verging, wie Scarlett, schlief und Kate, die in eine Lektüre vertieft gewesen war.

Einige Stunden später, verließen wir auch Broken Hill, nach kurzem Aufenthalt wieder. Dieses mal jedoch nicht mit dem Helikopter des Royal Flying Doctor Service Broken Hill, sondern mit der Nomad, unserer kleineren Station.

Es war unverkennbar, das Kate die Nomad bekannter und der Pilot vertrauter war, schon nach wenigen Minuten war sie dieses mal fast eingeschlafen, unser Mädchen im Arm, während wir die Flughöhe gerade erst erreichten. Die die Alarme bei Katherine schlugen an. Kate hob alarmiert den Kopf. Ich machte eine beschwichtigende Handbewegung und schnallte mich ab. Neben Katherine setzte ich mich wieder und nahm ihre Hand. „Alles in Ordnung, Kathie," flüsterte ich und strich über ihre Wange, „Hier passiert dir nichts. Sam ist ein prima Pilot, wir sind bei dir. Ich bin bei dir."

Tatsächlich stiegen Puls und Atmung noch ein wenig an, ehe sie wieder flacher und ruhiger wurden. Ich sah nachdenklich zurück auf das Mädchen, es war das erste mal, das sie deutlich reagierte, auf mich. Tief atmend schaute ich hinter mich, zu Kate. Sie nickte lächelnd.

xXx

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug, die Gerüchteküche brodelte, auch wenn die meisten es vermieden in Kates, oder meiner Gegenwart zu spekulieren, in der meiner Schwägerin waren sie weniger Vorsichtig. Womöglich aber lag es auch daran, das sie sich leise bewegte und zu spät bemerkt wurde. In jedem Fall aber erfuhren wir so, das einige Bewohner der Stadt mutmaßten, das sie meine vor über einem Jahrzehnt entführte Verwandte war, andere, das sie das Kind meiner ersten Frau und mir sei, von dem ich nie erzählt hatte. Die meisten hatten bei diesen beiden Theorien vor allem Mitleid für meine Frau und wenig gute Worte für mich, bei der zweit gängigsten Theorie, das sie meine uneheliche Tochter sei, kam ich noch schlechter weg. Es war, als würden sie mir vorwerfen fremd gegangen zu sein, was absurd war, da ich Kate noch nicht halb so lang kannte, wie Katherine alt war.

Ich seufzte und betrat das Krankenzimmer meiner nach wie vor bewusstlosen Tochter. Mit der Rückkehr nach Hause, war der Gang hier her zur Gewohnheit geworden und es hatte sich langsam so etwas wie ein Ritual eingestellt.

Ruhig ging ich an ihr vorbei öffnete die abdunkelnden Gardinen und kehrte zu ihr zurück: „Guten Morgen, Kathie," grüßte ich sie, ging zu ihr und küsste ihre Stirn, strich ihr über das Haar und drückte ihre Hand, strich mit dem Daumen über ihren Handrücken. Puls und Atmung schnellten wie so oft in letzter Zeit für einen sehr kurzen Moment nach oben.

Ich schloss die Augen und strich ihr über die Wange. „Ich wünschte du würdest aufwachen, wir warten auf dich, Kathie, Kleines." Ich seufzte leise und wandte mich ab. „Wir sehen uns später," flüsterte ich und drehte die Geschwindigkeit der Sondenkost herunter. Ich hatte wirklich gehofft ihr keine Magensonde legen zu müssen, doch sie brauchte die Nährstoffe. Ich drehte mich doch noch einmal herum und beugte mich zu ihr herunter, küsste sie auf die Stirn. „Wach auf Kleines, ich weiß, das du mich hörst."

Nach einem letzten Blick zu ihr ging ich dann hinaus und in mein Büro.

„Sie reagiert deutlicher als noch vor einigen Tagen."

„Das EEG sagt etwas anderes," murmelte ich, setzte mich und fuhr mir durch das Haar. „Geoff, du weißt so gut wie ich das sensorische Reize nicht gleichzusetzen sind mit einer Berührung, einer bekannten Stimme, oder..."

„Bekannt? Guy, sie kennt mich nicht mal."

„Sie kennt dich, und wenn es nur als die Stimme ist, die ihr vorliest und bei der die Berührungen kommen, auf die sie reagiert. Fakt ist, sie reagiert bei dir und Kate. Sie kennt euch."

„Guy..."

„Hör auf dir was vorzumachen, ich sehe doch wie sehr du hoffst, das sie endlich..."

x.x.x.x.x.x.x.x.x.x.x

„Hey! Morgen Kate."

„Morgen Karen. Ist sie schon gewaschen?"

„Nein, Linn meinte, du würdest das sicher gerne übernehmen."

„Danke und... ruhigen Feierabend."

„Ruhig? Machst du Witze, zu Hause warten drei Kinder. Drei! Sei froh um die zwei die du hast und eines ist fast erwachsen." Karen warf mir einen vielsagenden Blick zu, ehe sie hinaus lief. Ich lächelte, schüttelte den Kopf.

Bewaffnet mit dem Pflegewagen ging ich zu ihrem Zimmer. Bepackt mit Handtüchern, so wie Seife und Creme betrat ich das Zimmer. „Guten Morgen Katherine," grüßte ich Geoffs Tochter wie immer und stellte die Waschschüssel ins Becken, ich ließ sie voll laufen, während ich die anderen Dinge auf der Kommode platzierte.

„Heute Mittag komme ich dich wieder mit..." ich verstummte und denn ich blickte genau in zwei verwunderte, leicht verwirrte blaue Augen. Geoffs Augen. Mein Gott! Sie ist... wach!

Langsam drehte ich mich herum und lief eilig zur Tür. „Guy?!" Rief ich, jenen Mann, den ich eben noch am Zimmer vorbeigekommen hatte sehen.

„Ja, was..."

„Sie ist wach," fiel ich ihm aufgeregt ins Wort, „Geh und hol..."

„Unterwegs!" Rief er und war bereits halb den Korridor hinunter, ich kehrte unterdessen zurück ans Bett, wo sie gerade versuchte sich aufzusetzen, kopfschüttelnd drückte ich sie sanft wie bestimmt zurück in die Kissen. „Warte, bleib liegen, du... hast lange geschlafen."

„Lange? Wie... wie lange?" Fragte sie und hustete, fasste sich an die Nase und würgte. Ich griff nach ihren Händen. „Nicht, das..."

„Das machen wir gleich raus," erklang eine Stimme hinter mir und schon stand Geoff mir gegenüber am Bett. „Hallo Katherine, schön dich wach zu sehen."

Sie musterte Geoff irritiert, tat aber worum er sie bat und atmete tief durch, während er erst die Magensonde, die durch die Nase gelegt worden war blockte und dann zog. Hustend und prustend schloss sie die Augen. Geoff griff nach dem Wasser und wollte ihr etwas geben, als ihm klar wurde, das etwas nicht stimmte.

Im Gesicht des Mädchens wich wachsame Vorsicht der Angst und Unruhe. Ihr Blick huschte nahezu panisch an ihr herunter. „Was... warum kann ich den Arm... nicht bewegen?"

Ich sah genau wie es in Geoffs Gesicht zuckte, aber außer jemandem der ihn ebenso gut kannte wie ich, wäre wohl niemandem die wirkliche Sorge in seinen Zügen aufgefallen, mit der er ihren Arm abtastete und sie beobachtete.