Kapitel 4 – Das Rechteck
Der Abschlussball war in vollem Gange und Hermine so betrübt wie schon lange nicht mehr. Sie stand in einem Traum aus Blau am Rand der Tanzfläche, ein Glass Bowle in der Hand und sah sehnsüchtig den tanzenden Paaren zu. Niemand hatte sie heute aufgefordert, mit ihr zu tanzen… Sie hatte schon befürchtet, Snape würde es wagen, sie aufzufordern, aber dieser hatte nur verdrossen in einer dunklen Ecke gestanden und war dann relativ schnell gegangen – zum Glück.
„Hey!", stand Ron plötzlich neben ihr, gutgelaunt und mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Na warum stehst du denn hier so traurig rum?"
Hermine zuckte mit den Schultern und fragte dann so beiläufig wie möglich: „Sag mal, weißt du, wo Harry ist?"
„Ich glaub, der ist vorhin mit Ginny rausgegangen."
Ihr Gesicht wurde noch betrübter.
„Hey", meinte Ron freundschaftlich und strich ihr über den Arm, „nimm's nicht so schwer. Du bist halt so was wie unsere Schwester."
Hermine starrte ihn entsetzt an. „Woher-?", begann sie.
Ron lächelte liebevoll. „Das sieht doch jeder, der Augen im Kopf hat. Auch wenn es alle glauben, aber ich bin nicht dumm."
Da umarmte sie ihren besten Freund und ließ sich von ihm trösten.
„Weißt du was", schlug Ron schließlich vor, „ich zeig dir jetzt etwas, das dich bestimmt aufmuntert."
„Okay", nickte Hermine leise.
„Komm mit", sagte er, nahm ihre Hand und zog sie sanft aus der Großen Halle und über ein paar Flure.
„Wohin gehen wir?", wollte Hermine nach einiger Zeit neugierig wissen. Eine Aufmunterung konnte sie zurzeit gut gebrauchen.
„Das ist eine Überraschung", flötete Ron grinsend.
Sie gingen weiter, bis sie vor einer gewöhnlichen Tür stehenblieben.
„Mach deine Augen zu", sagte Ron geheimnisvoll und Hermine gehorchte.
Sie hörte, wie die Tür geöffnete wurde – und im nächsten Moment spürte sie eine Hand auf ihrem Rücken, die sie schnell nach vorne stieß. „Ah!", schrie sie erschrocken, öffnete die Augen und konnte sich gerade noch an einem Tisch festhalten, damit sie nicht auf den Boden fiel.
„Hey!", rief sie, als die Tür wieder ins Schloss fiel. „Ron, was soll denn das?!"
„Das wüssten wir auch gerne!", sagte da plötzlich jemand und als Hermine sich umdrehte, erkannte sie Harry und Ginny. Wütend drehte sie sich wieder zur Tür und hämmerte dagegen. „Ron, das ist keine Aufmunterung, sondern ein Albtraum!"
Jemand anderes schnaubte und murmelte: „Die wohl treffendsten Worte des Abends."
Wieder drehte sich Hermine um und entdeckte Snape, der in der gegenüberliegenden Ecke von Harry und Ginny stand. „Professor?", rief sie erstaunt. „Was machen Sie denn hier?" Sicherheitshalber sah sich genau im Klassenzimmer um, doch dies waren nun alle Personen.
„Fragen Sie das Ihren rothaarigen, verrückten Freund!"
„Ron!", rief Hermine wieder. „Ron! Was soll denn das?!"
„Ihr seid ein Rechteck!", rief Ron zurück. „Und das kann nicht so weitergehen. Ihr kommt hier erst wieder raus, wenn ihr über eure Gefühle geredet habt und zu einem ordentlichen Schluss gekommen seid!" Dann hörte man Schritte, die sich von der Tür wegbewegten.
„Ron!", rief Hermine laut, doch er war entweder schon zu weit weg oder ignorierte sie. Entschlossen holte sie ihren Zauberstab heraus und richtete ihn auf die Tür. „Alohomora!" Doch nichts passierte. „Alohomora! Alohomora! Finite incantatem! Verdammt!" Sie konnte doch nicht ihre letzte Nacht auf Hogwarts mit Ginny, Harry und Snape verbringen – ihrer Konkurrentin, dem Typen, der ihr Herz gebrochen hatte, und dem Professor, der ihr andauernd zu nahekam!
Geschlagen drehte sie sich irgendwann zu den anderen um. „Hat jemand eine Idee?"
„Wir haben schon alles Mögliche ausprobiert", erklärte Ginny, „aber mein Bruder hat ausnahmsweise einmal ganze Arbeit geleistet."
„Professor?", wandte sich Hermine an Snape. „Wissen Sie noch etwas, dass wir versuchen könnten?"
Snape hob seine Augenbrauen. „Würde ich sonst noch hier sein?"
Hermine seufzte nur und setzte sich auf den nächsten Stuhl. „Dann müssen wir wohl tun, was Ron gesagt hat: Über unsere Gefühle reden…"
Es herrschte ein Moment des Schweigens, in dem panische Blicke gewechselt wurden, bis Snape klar feststellte: „Ganz bestimmt nicht!" und sich ebenfalls setzte.
Auch Harry und Ginny schüttelten heftig mit dem Kopf und setzten sich, sodass nun ungefähr in jeder der vier Ecken des Raumes jemand saß.
Niedergeschlagen blickte ein jeder mal auf den Boden und mal zu demjenigen, den er oder sie liebte…
„Wie hat Ron euch eigentlich hierhergelockt?", wollte Hermine nach einer Weile wissen und richtete sich an Harry und Ginny und schließlich auch an Snape.
„Er hat mir gesagt, er wolle mir was zeigen", erwiderte Harry und wurde unerklärlicher Weise ein wenig rot.
„Mir hat er gesagt, dass Harry meine Hilfe bräuchte", sagte Ginny und errötete ebenfalls.
Alle sahen nun zu Snape, doch dieser schwieg.
„Professor?", hakte Hermine schließlich nach.
Snape seufzte, bevor er nachgab und antwortete: „Er sagte mir, dass er etwas Seltsames beobachtet habe und nun fürchte, dass dunkle Mächte sich in Hogwarts eingeschlichen haben. Dem musste ich natürlich nachgehen."
„Die einzige, dunkle Macht in Hogwarts", schnaubte Ginny verärgert, „ist mein Bruder."
„Aber warum hat er das gemacht?", fragte Harry. „Was bezweckt er damit, uns hier einzusperren?"
„Nun", erwiderte Hermine sich erinnernd, „er sagte, wir wären ein Rechteck – was immer das zu bedeuten hat – und dass wir hier erst rauskommen würden, wenn wir über unsere Gefühle gesprochen haben und zu einem ordentlichen Schluss gekommen sind. Hat jemand eine Idee, was er damit meinem könnte?"
Alle, Snape inbegriffen, schüttelten mit dem Kopf.
„Nun gut", beschloss Hermine schließlich, „da niemand von uns die Absicht hat, über seine Gefühle zu reden, müssen wir durch Nachdenken und Logik ans Ziel gelangen. Also denkt nach: Warum und inwiefern sind wir ein Rechteck?" Sie schaute zu Snape, da sie einen bissigen Kommentar erwartete, doch dieser nickte nur einmal und begann dann, sichtlich angestrengt nachzudenken.
Auch Ginny und Harry strengten ihre Gehirne an und so konzentrierte auch Hermine sich auf die Frage des Rechtecks.
Rechteck. Was soll das sein? Die meisten Zeichenformen in der Zauberei sind entweder Dreiecke oder Pentagramme, doch selten Vierecke und besonders keine Rechtecke.
Nun gut, was sind denn die Eigenschaften eines Rechteckes? 90° Grad-Winkel, die zwei gegenüberliegenden Seiten sind jeweils gleich lang und parallel, die Diagonalen halbieren sich und schneiden sich nicht unbedingt im rechten Winkel (außer bei Quadraten). Die Winkelsumme beträgt 360°.
Ach, und es hat natürlich vier Ecken.
Vier Ecken.
Vier.
Vier Personen in diesem Raum.
Hermine blickte zu Snape, dann zu Ginny und schließlich zu Harry.
Wir sollen über unsere Gefühle reden…
Wessen Gefühlslage kenne ich oder kann sie mir denken?: Ich liebe Harry. Harry mag aber eher Ginny. Und Snape scheint mich interessant zu finden.
Ich, Harry, Ginny, Snape, ich.
Hermine keuchte plötzlich auf. „Ich denke, ich habe die Lösung", sagte sie geradezu erschrocken. Sie überlegte noch einmal kurz, entdeckte aber keinen Denkfehler. „Wir sind wirklich ein Rechteck…"
„Wie meinen Sie das?", wollte Snape sofort wissen.
„Nun ja…" Plötzlich fehlten ihr die Worte und es war schwer, ihre Gedanken auszudrücken, daher zeigte sie im Kreis auf Harry, Ginny, Snape und sich selbst. „Jeder liebt einen anderen…", flüsterte sie schließlich und so langsam dämmerte es allen.
Geschockt sahen sich alle um – zu dem, der sie liebte, zu dem, den sie liebten, zu den anderen, die geliebt wurden und liebten. Und kamen langsam, aber sicher zu dem Schluss, dass Hermine vermutlich Recht hatte...
„Hermine?", fand Harry zuerst die Worte und schluckte hart. „Du… liebst mich?"
„Nun, ich weiß nicht, ob man es als Liebe bezeichnen könnte, aber ich fühle mehr für dich, als ich für Ron empfinde…"
„Harry?", meinte Ginny danach zaghaft. „Du… liebst mich?"
Harry nickte. „Sehr", gab er zu.
Da breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus und sie fiel ihm stürmisch um den Hals und küsste ihn.
„Aber… aber…", stammelte Harry und deutete auf Snape.
Ginny lachte. „Ich dachte, du würdest mich nicht lieben, deswegen habe ich versucht, mich auf jemand anderen zu konzentrieren. Das mit Snape ist nur so eine kleine Schwärmerei. Nichts gegen Sie, Professor."
Snape erwiderte nichts, sondern starrte nur versteinert in die Leere.
„Und was war gestern, als ich dich gefragt habe, ob du heute mit mir tanzt, und du mich angebrüllt hast?", wollte Harry nun wissen.
Ginny winkte ab. „Gestern war ich einfach nicht gut drauf und wollte einfach meine Ruhe habe. Hinterher habe ich mich geärgert, dich abblitzen zu lassen." Sie küsste ihn wieder.
Hermine sah von den beiden weg und ihr Blick fiel auf Snape, der nun ganz langsam ihr den Kopf zuwandte, aber immer noch geschockt aussah. Irgendwie tat er ihr plötzlich leid.
„Professor?", sagte sie daher und ging zu ihm.
Er sah sie nur an.
„Habe ich recht mit meiner Rechteckstheorie, auch was Sie betrifft?", fragte sie vorsichtig.
Er nickte kurz.
„Haben Sie mir deswegen das Buch über seltene Kräuter und Blumengewächse Südfrankreichs geliehen?"
Wieder nickte er nur.
„Und mich deshalb nach der letzten Zaubertrankstunde noch länger dabehalten und… mir all diese Dinge gesagt?"
Ein weiteres Nicken, dann ein schnelles: „Verzeihen Sie mir, Miss Granger. Ich wollte Ihnen keine Angst machen."
Hermine seufzte. „Ich weiß."
Er hatte sich halb auf einen Tisch gesetzt und sie lehnte sich nun neben ihn daran, sodass ein halber Meter Platz zwischen ihnen war.
„Und jetzt?", meinte Hermine nach einer Weile und sah zu ihm hoch.
Er blickte sie verwundert an. „Was und jetzt?", blaffte er. „Sie werden es Ihren Freunden erzählen und gemeinsam über mich lachen, was sonst…" Er sah niedergeschlagen auf den Boden.
So hatte Hermine ihn noch nie erlebt, so verletzlich und einfach menschlich, und es änderte ihre Einstellung zu ihm vollkommen. „Nein, das werde ich nicht", sagte sie bestimmt.
Jetzt sah er sie nahezu hoffnungsvoll an, bevor er dann skeptisch fragte: „Aber mögen tun Sie mich trotzdem nicht."
Hermine lächelte vorsichtig. „Ich weiß nicht, ob ich Sie mag oder nicht, weil ich nie das Glück hatte, Sie kennenlernen zu dürfen." Sie sah ihn auffordernd an.
Er versuchte, etwas zu sagen, brachte jedoch keinen Ton heraus.
„Jetzt fragen Sie schon, Professor", machte sie ihm Mut und er meinte schließlich:
„Würden Sie mich denn gerne kennenlernen?"
„Ja", erwiderte sie lächelnd.
„Ähm, okay", stammelte er. „Wann würde es Ihnen denn am besten passen?", fragte er sie dann geradezu schüchtern.
Da musste Hermine lachen. „Also, ich glaube, die nächsten paar Wochen und Monate habe ich erstmal frei. Da wird sich schon was machen lassen."
„Gut", erwiderte er und zeigte zum ersten Mal ein wahres Lächeln.
Hermine fand sofort, dass ihm das sehr gut stand.
