Dämmerungen

Grübelnd saß er noch Stunden später vor seiner ohnmächtigen Gefangenen. Ihre Hände waren noch immer gefasst, die ihren kühl, die seine wie immer eiskalt. Alle Grübeleien hatten ihn nicht weitergebracht, das Mahlwerk seiner Gedanken arbeitete unverändert vorzüglich – nur in die falsche Richtung. Während anfangs seine Gedanken anfangs noch von den unbändigen Farben starker Emotionen durchzogen gewesen waren, hatte sich die Farbskala inzwischen auf die üblichen kalten Grauabstufungen beschränkt. Trotz des glücklichen Umstandes, dass seine Vernunft zurückgekehrt war, kam er nur schwerlich vorwärts. Einzig eines war ihm bisher klar geworden: Was sie tat, tat sie mit Sicherheit nur aus dem Grund, um ihn zu verunsichern und unachtsam zu machen. Er durfte ihr auf gar keinen Fall auch nur einen Funken seines Vertrauens schenken. Wahrscheinlich hatte sie auf ihrer kleinen Plünderfahrt durch seinen Geist weder Informationen über die Vorhaben des Königs noch irgendetwas genaueres über seine Planungen, Galbatorix' nähere Zukunft als Herrscher dieses Landes betreffend gefunden (beziehungsweise sich mit dem Umstand begnügt, dass diese Informationen tatsächlich existierten) und vielmehr seinen persönlichen Schwachpunkt ermittelt. Und der saß in der linken Seite seines Brustkorbs, dort, wo sich beim Menschen das Herz befand. Hier saß dieser sentimentale Bastard namens Carsaib, jener klägliche Rest eines verzweifelten Auflehnens gegen ein Schicksal, wie es dunkler nur selten zuvor auf die Seiten der Zeit geschrieben worden war. Ja, das war sein Schwachpunkt, der Sitz aller Gefühlsregungen, die er noch besaß. Jahrelang hatte Durza als gnadenloser Tyrann ihm ein Martyrium ohnegleichen angedeihen lassen, doch bisher war es ihm nie gelungen, ihn endgültig zu vernichten. Bisweilen erlangte er sogar soviel Macht zurück, dass er begann, zu träumen, sich zu hassen und zu verabscheuen, sich zu verletzen, wie die vergangene Nacht nur allzu eindrucksvoll bewiesen hatte. Seine Niederlage hatte ihn wohl aufgepeitscht und ihm einen Hauch der Kontrolle gegeben.

Ein stechender Blick aus gelblichen Dämonenaugen streifte die feinen Züge der Elfe. Sie würde zweifellos versuchen, Carsaibs Seele aus dem giftgeschwängerten Totenschlaf zu erwecken, in den Durza sie gebettet hatte. Ihr Ziel, ihn so vernichten zu können, würde sie verfehlen – er war gewarnt. Bisher hatte sie ausgezeichnete Arbeit geleistet, doch sie hätte besser weniger offensichtlich operieren sollen. Ihr Angebot war wohl eine Art Ablenkungsmanöver gewesen, ein Bluff, der ihr womöglich nie gelungen wäre, hätte sie ihn mit ihren Angriff nicht so vollkommen aus der Fassung gebracht. Er durfte sie also auf gar keinen Fall unterschätzen. Sie war in der Lage, ihre Strategie von einem Moment auf den anderen zu ändern, sich der Situation anzupassen, spontan zu agieren. Das machte sie unberechenbar und unglaublich gefährlich, da sie so den Vorteil eines Überraschungseffektes genoss. Die einzige Möglichkeit, die von ihr ausgehende Gefahr auf ein möglichst geringes Maß zu begrenzen war wohl, sie hinters Licht zu führen. Es war gar nicht so unwahrscheinlich, dass sie unvorsichtig werden und somit in ihr eigenes Verderben rennen würde. Allerdings war diese Taktik im Prinzip ein Balanceakt auf einem schmalen Grat. Ein Fehltritt würde genügen, ihn entweder links oder rechts in einen bodenlosen Abgrund stürzen zu lassen. Es war nur die Frage, welcher Abgrund wohl der Schlimmere war: Aufzufliegen oder Carsaibs Wiedererwachen zu riskieren...

Mit einer an Zärtlichkeit grenzenden Bedächtigkeit legte er ihre Hände auf ihre Brust. Bevor er die Höhle verließ und mit leisen Schritten ins Freie trat, flößte er der Bewusstlosen noch einige Tropfen aus seinen Phiolen ein. Ihre magische Kraft war anscheinend stärker als erwartet, sollte nun aber endgültig betäubt sein. Ein zweites Mal würde sie ihn nicht heilen können. Der Regen hatte nachgelassen, es nieselte nur noch zart. Derweil waren aus dem Boden dichte Nebenschwaden aufgestiegen, die den Wald in eine bizarre Traumwelt der Einsamkeit verwandelten. Außer dem Tropfen des Wassers auf Blättern und Erde war kein Laut zu vernehmen. Eine Augenblicke lang blieb der Schatten regungslos stehen, genoss die Kühle auf seiner Haut und die Stille an seinen Ohren, ehe er sich gemächlich in Bewegung setzte und in die Höhle zurückkehrte.

Seine Gefangene starrte ihn an. Wunderbar. Sie war also wach. Zeit, ihr einige Fragen zu stellen.

Bevor er sich mit ihr befasste, nahm er sich die Zeit, Holz in die Glut zu legen und das Feuer neu anzufachen. Eine Weile starrte er noch in die tanzenden Flammen. Vielleicht war es zunächst das Klügste, sie nicht sofort über Varden und Elfen auszuhorchen, sondern weiterhin den verwirrten, aufgewühlten und schwachen Carsaib zu mimen. Vielleicht würde sie das aus der Reserve locken. Seine Augen spiegelten noch immer den wilden Schleiertanz der Flammenzungen, als er die Stimme erhob:

„Ich schulde dir also nichts."

Ihr verwirrter Blick war förmlich spürbar.

„Warum tust du etwas derartiges? Warum glaubst du, meine Wunden heilen zu müssen." Seine Stimme war leise und er bemühte sich, sie sanft klingen zu lassen.

Ein heiseres Lachen. „Du hast genug gelitten, Schatten."

Düster spürte er in sich die Ahnung einer Vibration, wie sie nur die unendliche Trauer einer einsamen Seele auslösen kann. Carsaib. Seine Kraft wuchs. Der Grat wurde schmäler. Es galt, die folgenden Schritte mit Bedacht zu wählen.

Für eine Weile legte sich Schweigen zwischen ihn und seine Gefangene. Die Elfe war es schließlich auch, die als erste wieder sprach:

„Ich frage mich nur, warum ausgerechnet du glaubst, dich selbst bestrafen zu müssen."

Er antwortete nicht, spürte aber sehr wohl, die Tränen, die ihm in den Augen brannten. Emotionen, doch nicht seine, köchelten erneut in seinem Inneren. Die andere Seele, mit der er sich diesen Leib teilte, hatte den Kampf gegen ihn aufgenommen und benutzte die Worte der Elfe als Schwert.

„Was nutzt dir dieses Wissen, Elfenweib?"

Er wandte den Kopf und blickte geradewegs in tiefes Smaragdgrün. Unergründlich. Sie verbarg ihre Gefühle gut. Das Lächeln, das ihre Lippen für einen Augenblick verzog, war von Gleichgültigkeit geprägt. Eine leere Geste, eine Floskel. Wahrscheinlich wollte sie Zeit gewinnen. Ebenso wie er selbst verschleierte sie ihre Absicht, spannte im Dunkeln ihre Fallstricke, lauerte.

Er rechnete mit einer spöttischen Antwort, doch wieder verblüffte sie ihn: „Genug Seelen sind auf diese Weise zugrunde gegangen. Und mehr als genug sah ich in ihr Verderben rennen und konnte nichts tun."

Ehrlichkeit. Sie verstand es also, Waffen zu führen, gegenüber denen sowohl Lüge als auch zwielichtiges Ränkespiel machtlos waren. Ein weiterer Faden in dem Netz, in dem er sich verfangen sollte. Jetzt war guter Rat teuer. Wie sollte er reagieren? Mit Schweigen? Nein, besser nicht. Das würde seine eigene Unsicherheit nur zu offensichtlich machen.

Mit den selben Waffen contra zu geben erschien ihm nur angemessen: „Leid ist mir seit Anbeginn meiner Existenz in dieser Welt ein äußerst wohlmeinender Begleiter. Es hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Daran wirst auch du mit deinem barmherzigen Mitgefühl nichts ändern." Er legte eine genau bemessene Pause ein, stocherte ein wenig im Feuer herum. Als er fortfuhr hatte seine Stimme den gewohnten, eiskalten Klang. „Ich hoffe sehr, du erinnerst dich noch an das Abkommen zwischen uns beiden von vergangener Nacht."

„In der Tat, Schatten, das tue ich."

„Ich versichere dir, ich werde mich daran halten, meine Liebe, aber vorher beantwortest du mir noch einige Fragen." Mit einem bösartigen Lächeln auf den Lippen wandte er sich wieder seiner Gefangenen zu...

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A/N: Ich bitte um Verzeihung für die lange Wartezeit. Die Story ist an und für sich schon eine ganze Weile fertig, nur habe ich es versäumt, sie auch hier hochzuladen. Schande über mein Haupt. Aber jetzt.... :D