Kapitel 4

Der Samstag kam und mit ihm die Aussichten auf schlechtes Wetter. Lizzy war sehr früh aufgestanden und blickte nun skeptisch in den Himmel. Für den Nachmittag war ein Schneesturm angesagt worden und sie hatte kurzerhand entschieden, früher loszufahren, um die Pferde heute noch sicher abliefern zu können. So weit war Darcys Anwesen ja nicht entfernt, etwa 30 km von der Farm aus. Gar nicht fahren kam nicht in Frage. Dummerweise konnte sie ihn nicht einmal anrufen, wie sie kopfschüttelnd festgestellt hatte. Er hatte ihr zwar eine Karte gegeben, aber es stand keine Telefonnummer darauf. Irgendwo verständlich, in seiner Position, dachte sie, aber dann würde er auch damit leben müssen, wenn sie zwei Stunden früher als vereinbart vor der Tür stand. Sie warf einen weiteren Blick auf die Karte, ob sie vielleicht einen Hinweis übersehen hatte, wie sie ihn doch erreichen konnte, aber nein, nur Name und Adresse. Sie stutzte einen Moment. Nein, noch nicht einmal der richtige Name stand drauf. Nur F. Darcy. Hieß der Bursche nicht William? Lizzy kicherte. Wahrscheinlich war der Typ in diesen Dingen so geizig, daß er die Karten von anderen Familienmitgliedern mitbenutzte…

Lizzy beeilte sich. Ihre Mutter hatte ihr in den Ohren gelegen, doch einen der Stallburschen mitzunehmen, aber sie hatte das abgelehnt. Sie würde hervorragend alleine zurechtkommen und außerdem nahm sie selten jemanden mit, wenn sie ihre Lieblinge zu den Kunden brachte. Es war wohl etwas albern, aber so konnte sie sich in Ruhe von ihnen verabschieden.

Sie versprach, schnell wieder zurück zu sein und fuhr schließlich los.

Der Himmel in der Ferne sah bereits jetzt äußerst bedrohlich aus. Graue, dicke Wolken hingen über den Rocky Mountains und Lizzy konnte sich lebhaft vorstellen, wie es momentan tief in den Bergen aussah. Hier in der Gegend waren Schneestürme und Eiseskälte normal. Nicht so toll war es allerdings, wenn man mitten auf der Straße weitab jeder Zivilisation in einen solchen Sturm geriet. Aber sie hatte keine Angst und es dauerte auch nicht lange, bis sie die Abfahrt erreichte. Sie entdeckte die schmale, asphaltierte Straße mit dem Schild „Privatweg, Durchfahrt verboten", die – hoffentlich – zu Darcys Anwesen führte und bog darauf ein. Nach wenigen Kilometern durch eine atemberaubende Landschaft (Lizzy war hier draußen noch nie gewesen), kam sie an das große Eisentor. Nur eine Art Säule stand links mit einem Zahlenfeld für die Eingabe des Zutrittscodes. Den hatte sie natürlich nicht. Ah, da war noch eine Klingel. Kein Namensschild, keinerlei Hinweise auf den (oder die) Bewohner.

Lizzy drückte auf die Klingel und eine Frauenstimme meldete sich, was Lizzy irgendwie enttäuschte.

„Guten Morgen, mein Name ist Elizabeth Bennet und ich bringe Mr. Darcys Pferde."

Eine Pause folgte und Lizzy dachte schon, sie würde wieder zurückgeschickt werden, da es sich Mr. William oder wie auch immer er hieß Darcy anders überlegt hatte.

„Oh ja, bitte fahren sie die Straße weiter bis zum Haus. Dort werden sie erwartet."

Das große Tor öffnete sich langsam und Lizzy fuhr weiter. Der Typ mußte wirklich Kohle haben, dachte sie staunend. Was für ein wunderschöner – und vor allem riesiger – Park! Wie der wohl erst im Sommer aussehen würde, wenn alles blühte!

Nach dem Empfang am Tor rechnete sie irgendwie nicht mehr damit, daß sie den Hausherrn selbst antreffen würde. So ein Multimillionär mußte sicher 24 Stunden rund um die Uhr sein Geld verdienen und würde sich mit solchen Lappalien wie dem Empfang zweier Pferde nicht abgeben. Wahrscheinlich erwartete sie sein persönlicher Rittmeister oder wie das hieß, dachte Lizzy und kicherte in sich hinein. Ein Wunder, daß er die Tiere überhaupt selbst ausgesucht hat, dieser Mann hatte doch sicher für alle Tätigkeiten Personal…

Lizzys Kichern ging in Staunen über, als sie das Haus sah. Boah. Ein verschneites Märchenschloß ganz aus Holz. Ein Traum, aber nicht pompös und angeberisch, sondern so dermaßen gut in die Landschaft passend, so einladend. Ja, der Kerl hatte Kohle! Und offenbar einen ausgezeichneten Geschmack. Langsam hielt sie den Wagen an und stieg aus.

Hatte die Dame nicht gesagt, sie würde erwartet? Kein Mensch war zu sehen. Seltsam. Lizzy zuckte die Achseln und ging einige Schritte weit. Vielleicht hatte sie es falsch verstanden und sie hätte gleich zu den Stallungen fahren sollen, die doch sicher nicht im Haus waren, überlegte sie. Was hätte sie auch im Haus verloren! Sie folgte einem weiteren Weg, vom Haus weg, wo sie die Ställe vermutete.

Etwa 50 Meter war sie gegangen, als sie meinte, Schritte hinter sich zu hören. Noch bevor sie sich umdrehte, hörte sie ein gerufenes „Miss Bennet!", und da stand er auch schon vor ihr, Mr. William Darcy höchstpersönlich. Ganz leger in ausgeblichenen Jeans, Stiefeln und einem dicken Wollpullover, die dunklen Locken zerzaust und, ja, tatsächlich unrasiert. Sehr sexy! Lizzy unterdrückte ein Kichern. Er sah aus, als wäre er grade aus dem Bett gefallen (und kam damit der Wahrheit in der Tat recht nahe).

„Guten Morgen, Mr. Darcy. Ich muß mich entschuldigen, daß ich schon so früh da bin. Aber der Wetterbericht sieht heute sehr ungünstig aus und ich wollte kein Risiko eingehen. Tut mir leid, wenn ich ungelegen komme, aber ich hatte keine Telefonnummer."

Darcy lächelte verlegen. Tatsächlich, er konnte lächeln! Und ja, es stand ihm sehr gut.

„Das war in der Tat sehr gedankenlos von mir, daß sie keine Möglichkeit hatten, mich zu erreichen. Aber nun gut, ich freue mich, daß sie wohlbehalten hier sind. Wollen wir die Tiere gleich zu ihrer neuen Heimat bringen?"

Lizzy nickte und sie gingen zum Auto zurück. Sie fröstelte in der kalten Winterluft. Es hatte zu schneien begonnen.

„Sie waren schon richtig, zu den Ställen geht es auf diesem Weg, etwa 200 Meter," sagte er.

Lizzy bedeutete ihm, einzusteigen und gemeinsam fuhren sie langsam den Schotterweg entlang bis hin zu den Stallungen. Sollte sie insgeheim gelästert haben, daß die Stalltüren sicher aus Gold sein würden, so konnte sie sich beruhigen. Sie konnte sehen, daß ein Fachmann für den Bau und die Einrichtung zuständig gewesen war. Die Gebäude waren luftig, groß und gut klimatisiert, die Tiere würden viel Platz haben. Neben den Stallungen gab es sogar eine große, geschlossene Reithalle. Es war in der Tat an alles gedacht worden und Lizzy gefiel sehr, was sie sah. Alles war aus besten Materialien gemacht, von höchster Qualität, sehr edel, aber in keinster Weise aufdringlich oder gar pompös.

Lizzy schnupperte in die Luft, was Darcy wieder zum Lächeln brachte. Sie wurde rot. „Es riecht alles noch so frisch und neu," sagte sie verlegen. Er stimmte ihr schweigend zu, wandte den Blick aber nicht ab, was sie noch verlegener werden ließ.

Als er merkte, daß er sie ziemlich unhöflich anstarrte, war es an ihm, rot zu werden. „Nun, wollen wir die Pferde holen? Es ist alles bereit, denke ich."

Lizzy nickte und ging voraus. Darcy folgte ihr nachdenklich. Was für eine Frau, dachte er, so respektlos und dabei so frisch wie ein Sommerregenund ein süßer Hintern. Er schüttelte ungläubig den Kopf. Was zum Teufel waren das für alberne Gedanken?

Lizzy hatte vorsichtig die Tür zum Hänger geöffnet und war schon hineingeklettert, als Darcy dazukam. Er bot seine Hilfe an, doch sie winkte ab. „Bleiben sie lieber draußen. Ich komme jetzt mit dem ersten raus."

Langsam führte sie das edle Roß aus dem Hänger und reichte Darcy die Zügel. Er nahm sie zögernd und schaute sie fragend an. Lizzy rollte ungeduldig die Augen. „Na los, bringen sie ihn in den Stall – er gehört ihnen schließlich jetzt! Ich komme gleich mit der Stute nach."

Kopfschüttelnd blickte sie ihm nach. War es vielleicht doch ein Fehler, ihm die Tiere verkauft zu haben? Würde er sich überhaupt trauen, auf ihnen zu reiten?

Kurze Zeit später folgte sie mit der etwas kleineren Stute. Darcy hatte den Hengst in eine der geräumigen Boxen geführt und strich ihm beruhigend über den Hals. Lizzy grinste. Angst hatte er offenbar nicht vor dem stolzen Tier und das Pferd selbst stand ruhig neben ihm und ließ sich geduldig streicheln. Sie stellte sich vor, wie er hoch zu Roß aussehen würde und konnte sich mit dem Gedanken durchaus anfreunden.

Lizzy führte die Stute in die Nachbarbox und Darcy kam herüber, um sich auch Georgies Pferd anzuschauen.

Er lachte überrascht auf, als das Tier ihn freundschaftlich anstupste und den Kopf an seinem Arm rieb. „Sie hat offenbar gehofft, sie hätten eine Leckerei für sie," sagte Lizzy. „Sie ist ne ganz Süße, aber wild auf Leckereien. Passen sie bloß auf, daß sie sie nicht zu sehr verwöhnen!"

„Leckereien? Was für Leckereien mögen Pferde denn?" fragte Darcy etwas ratlos.

„Na Äpfel, Rüben und so was."

„Ah."

Lizzy warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Sie haben hoffentlich jemanden, der ihnen fachmännisch zur Seite steht? Der sich mit Füttern auskennt und vor allem, der die Tiere ab und zu bewegt? Ehrlich gesagt, ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie ihnen alleine überlassen sollte, so ganz ohne Erfahrung…"

„Ja, am Montag kommt jemand, der sich um die Tiere kümmern wird. Ich werde mich bemühen, so viel wie möglich zu lernen und sie so oft wie es geht selbst zu bewegen." Diese kleine Hexe, wahrscheinlich hätte sie die Pferde am liebsten wieder mitgenommen, dachte er, hin und hergerissen, ob er amüsiert oder beleidigt sein sollte. Aber sie hatte nicht ganz unrecht und es sprach für ihre große Liebe zu den Tieren und ihr Verantwortungsbewußtsein. Und er hatte ja wirklich nicht viel Ahnung.

„Ok. Wir sollten ihnen ein bißchen Futter anbieten – das haben sie ja hoffentlich schon besorgt? Dann werde ich ihnen noch ein paar Tips geben, wenn sie möchten und mich vom Acker machen, bevor der Sturm losgeht."

Darcy nickte. Es war alles bereit und sie zeigte ihm bereitwillig, in welchen Mengen und was und wann man die Pferde fütterte.

Darcy lauschte ihren Erklärungen anfangs aufmerksam und stellte bald verlegen fest, daß er irgendwann mittendrin aufgehört hatte, ihr zuzuhören und sie nur noch anstarrte. Er war fasziniert von ihrer frischen, zupackenden Art und daß sie so gar keine Scheu vor ihm hatte, ja, ihn regelrecht respektlos, wie ihresgleichen fast, behandelte. Wenn sie von den Pferden sprach, funkelten ihre großen, braunen Augen und ihr von der Kälte gerötetes Gesicht leuchtete regelrecht.

Darcy war solche Art Frauen nicht gewöhnt, zumindest nicht im persönlichen Umgang. Eine Frau wie Caroline Bingley konnte er sich nicht in Jeans, dicken Stiefeln und Holzfällerhemd vorstellen, die würde wahrscheinlich noch nicht einmal den Stall betreten. Lizzy Bennet mochte ein Mädchen vom Land sein, aber sie hatte einfach eine faszinierende Ausstrahlung. Er konnte sich durchaus vorstellen, daß sie auch im eleganten Abendkleid eine gute Figur machte. Als seine Gedanken wesentlich intimere Formen annahmen, in denen Bekleidung so gar keine Rolle mehr spielte, sein Schlafzimmer aber um so mehr, schüttelte er entsetzt den Kopf. Was um alles in der Welt war in ihn gefahren? Diese Frau hatte ihm lediglich zwei Pferde verkauft, sie würde in wenigen Minuten zurück zu ihrer Farm fahren und damit aus seinem Leben verschwinden. Die Tochter eines Farmers, also bitte! Du mußt es momentan sehr nötig haben, Darcy, schalt er sich selbst.

„Würden sie mir nicht auch zustimmen, Sir?"

Ihre Stimme drang weit entfernt durch seine Gedanken an sein Ohr. Er sah auf und blickte in Lizzy Bennets spöttische Augen.

„Oh…ja ja, natürlich. Ganz meine Meinung," beeilte er sich zu sagen, wieder wie ein kleiner Junge errötend, sehr zu seinem Ärger.

Lizzy stemmte die Arme in die Hüften und lachte ihn aus. Ja, sie lachte ihn tatsächlich aus! „Sie haben kein Wort von dem mitgekriegt, was ich gesagt habe. Sie haben mir jedenfalls grade zugestimmt, daß sie die Pferde ja immer noch schlachten können, wenn sie keine Zeit mehr zum Reiten haben sollten."

Darcy sah unbehaglich auf den Boden und schwieg. Was würde sie nur von ihm denken?

„Entschuldigen sie. Meine Gedanken waren tatsächlich etwas abgeschweift. Ich…ich habe daran denken müssen, wie viel Spaß das Ausreiten wohl im Sommer machen wird."

Lizzy rollte mit den Augen und glaubte ihm kein Wort. Sie hatte ihn genau beobachtet. Seine Blicke, die – ja, fast zärtlich auf ihr geruht hatten, seine geistige Abwesenheit hatten möglicherweise nur entfernt etwas mit Reiten zu tun…

Sie fühlte sich etwas unwohl in seiner Gegenwart und wollte so schnell wie möglich von hier verschwinden. Sie fragte trotzdem höflich, ob er sonst noch irgendwelche Fragen hätte.

Darcy fiel zu den Pferden keine einzige Frage ein, aber er wollte einfach nicht, daß Lizzy schon ging. Er wußte, sie würde sein Angebot, noch einen Kaffee im Haus zu trinken, sehr wahrscheinlich ablehnen, also mußte er sich irgendwelche schwerwiegenden Fragen zu den Pferden ausdenken. Verzweifelt dachte er nach und ihm fiel auch etwas plausibles ein.

„Ja, eine Bitte hätte ich noch. Natürlich nur, wenn sie noch die Zeit haben. Ich will sie nicht länger als nötig aufhalten." Ha, guter Schachzug, das mit dem Aufhalten!

Lizzy schaute ihn fragend an.

„Können Sie mir noch zeigen, wie man ein Pferd richtig sattelt?"

Lizzy seufzte innerlich. Aber sie konnte ihm die Bitte schlecht abschlagen. „Natürlich. Wo haben sie Sättel und Zaumzeug?"

Sie ließ ihn den Hengst aus der Box führen. Die Sättel waren, wer hätte es auch anders vermutet, von allerfeinster Qualität. Weiches Leder, sehr edel, aber nicht übertrieben. Schlichte Eleganz war der Begriff, mit dem sie Darcy zu verbinden begann, oder auch gepflegtes Understatement. Er hatte es nicht nötig, seinen Reichtum zu zeigen. Very british indeed. Wie gerne hätte sie nur einen kurzen Blick in sein Haus geworfen! Aber nein, nur noch schnell das Pferd satteln und dann nichts wie weg hier. Wahrscheinlich würde er einem Landei und Bauerntrampel wie ihr sowieso nicht gestatten, auch nur einen Schritt ins Haus zu machen, dachte sie boshaft. Hätte Elizabeth Bennet geahnt, wo er sie in seinen Gedanken bereits gesehen hatte, sie hätte schnellstmöglich die Flucht ergriffen.

Sie ließ ihn sein Pferd selbst satteln, gab nur die Anleitung und Hilfestellung. Beim nächsten Mal wäre er schließlich alleine. Zu ihrem Erstaunen stellte er sich recht geschickt dabei an. Er äußerte den Wunsch, eine kleine Runde in der Reithalle zu drehen und bat sie, ihn noch kurz zu begleiten. Damit sie notfalls einen Arzt verständigen konnte, sollte er vom Pferd fallen, fügte er spaßeshalber hinzu. Gegen ihren Willen stimmte sie zu, neugierig darauf, wie er zu Pferd aussah und mit dem großen Tier zurecht kam.

Wie sie sich schon heimlich vorgestellt hatte, machte er eine gute Figur. Er hielt sich gut und zeigte keine Angst vor dem Tier. Lizzy vermutete, daß er ihr nicht die ganze Wahrheit zu seinen Erfahrungen mit Pferden verraten hatte, aber ein blutiger Anfänger war er keineswegs. Sie nickte beifällig, als er nach einigen Runden vor ihr zum Stehen kam. „Sie haben mich überzeugt, Sir, ich werde die Pferde bei Ihnen lassen!" sagte sie spöttisch. Darcy lachte. „Wie schade, daß die arme Stute nicht auch ein bißchen Bewegung bekommt!"

Lizzy erkannte eine Einladung, wenn sie eine sah und überlegte schnell. Sie wußte, der Sturm würde bald losgehen und sie hatte schon mehr Zeit hier verplempert als sie ursprünglich wollte. Sie mußte nach Hause! Aber es war zu verlockend. Und sie gestand es sich ein, es fiel ihr schwer, ihre beiden Lieblinge endgültig verlassen zu müssen. Außerdem hatte sie einen großen Geländewagen und dem machte ein bißchen Schnee nichts aus. Darcy sah sie erwartungsvoll an und Lizzy lief schließlich schnell in den Stall zurück, um die Stute zu holen. Sie war noch in Zügeln, und einen Sattel brauchte Lizzy nicht.

Darcy war von Lizzys Umgang mit dem Tier beeindruckt. Man konnte deutlich erkennen, daß sie mit Pferden großgeworden war. Ohne lange zu überlegen, sprang sie auf den sattellosen Rücken der Stute und drehte ihre Runden. Als sie merkte, daß Darcy sie wieder nur beobachtete, beschlich sie wieder dieses seltsame Gefühl. Warum zum Teufel starrte er sie immer so an? Er sah zwar nicht gerade wie ein Serienkiller aus, aber er war schließlich ein Fremder für sie und hier draußen war es abgelegen und einsam… Dann schalt sie sich eine alberne Gans. Was sollte ihr schon passieren. Sie würde sich ihn schon vom Leib zu halten wissen, keine Sorge!

Sie blieb mit ihrem Pferd neben ihm stehen. „Wie wär's, wenn sie ihr Pferd auch mal bewegen? Oder haben sie schon die Lust verloren?" Mit diesen Worten preschte sie davon und Darcy nahm die Herausforderung an. Er galoppierte ihr mit seinem Hengst hinterher und beide lieferten sich eine Art Rennen, bis sie lachend und außer Atem langsamer wurden.

„Ich denke, das genügt für heute," sagte Lizzy und sprang anmutig von ihrem Pferd. Irgendetwas hatte die Stute jedoch veranlaßt, sich zu erschrecken, und in dem Moment, wo Lizzy sich wieder umdrehte, um sie in den Stall zu führen, trat das Pferd aus und erwischte Lizzy mit voller Wucht am Schienbein. Sie schrie vor Schmerz und Überraschung laut auf und sofort schossen ihr Tränen in die Augen. Sie krümmte sich zusammen. Das hatte wehgetan, verdammt!

Darcy kam angerannt und half ihr auf. „Meine Güte, was ist denn passiert? Haben sie sich verletzt, Miss Bennet?"

Lizzy wollte wieder zusammensinken, aber Darcy hielt sie fest. Sie war vor Schmerz wie betäubt und konnte nur vage auf ihr rechtes Bein deuten. „Sie hat…zugetreten…" flüsterte sie. Der Schmerz war gigantisch. Sie hoffte bloß, daß nichts gebrochen war, aber es tat so höllisch weh…

Darcy überlegte. Er ließ Lizzy kurz los, schob die Stute schnell in ihre Box und kehrte zu Lizzy zurück. „Können sie auftreten?" fragte er und griff wieder nach ihrem Arm, um sie zu stützen. Sie versuchte es. Der Schmerz schoß zwar noch einmal ins Bein, aber sie konnte, wenn auch mühsam, stehen. Gebrochen war offenbar nichts. Tränen liefen ihr über die Wangen und sie sah mit einem mal so hilflos und schutzbedürftig aus, daß Darcy sie am liebsten in die Arme genommen und getröstet hätte.

„Geben sie mir den Autoschlüssel," forderte er stattdessen und als sie ihn ihm schweigend gegeben hatte, nahm er sie kurzerhand auf die Arme, trug sie zu ihrem Wagen und setzte sie vorsichtig auf den Beifahrersitz. Erst jetzt stellte er fest, daß der Schneefall stärker geworden war, der Weg war komplett zugeschneit und nicht mehr zu sehen. Dunkle Wolken hingen direkt über ihnen und obwohl es noch nicht einmal Mittag war, kam es ihm vor wie am späten Abend. Aber dafür war jetzt keine Zeit. Er fuhr den Geländewagen mitsamt Anhänger langsam vor das Haus und wiederholte die Prozedur, indem er Lizzy, ohne auf ihren Protest zu achten, ins Haus trug. Er stieß die Tür zu einem großen Wohnzimmer auf, in dessen Kamin ein behagliches Feuer brannte, und legte Lizzy behutsam auf ein weiches, dickgepolstertes Sofa. Hätte Lizzy nicht solche Schmerzen gehabt, sie hätte die Umgebung sicher sehr genossen.

Darcy war wieder nach draußen in die Eingangshalle gegangen und Lizzy hörte, wie er nach einer Mrs. Reynolds rief. Nach kurzer Zeit kam er wieder, in der Hand einen Zettel. Er setzte sich ihr gegenüber auf einen Sessel. „Mrs. Reynolds ist schon gegangen, sie hat mir eine Nachricht hinterlassen." Er sah etwas unbehaglich drein. Es war ihm nicht unbedingt recht, alleine mit Lizzy hier zu sein. Mit einer verletzten Lizzy noch dazu.

„Am besten, wir sehen uns das Bein einmal an," schlug er zögernd vor. „Das Pferd hat sie am Schienbein erwischt?"

Lizzy nickte. „Voll am Schienbein erwischt," sagte sie kläglich.

„Ok. Ich ziehe jetzt als erstes ihren Stiefel aus, einverstanden?"

Wieder ein zaghaftes Nicken.

Vorsichtig machte sich Darcy daran, den Reißverschluß zu lösen und zog langsam den Stiefel von Lizzys Fuß. Es tat weh, aber sie biß die Zähne zusammen.

Ihre Jeans war eng am Bein anliegend und würde sich nicht so ohne weiteres hochschieben lassen, da sich die verletzte Stelle knapp unterhalb des Knies befand.

Darcy erkannte das Problem sofort. „Wir haben zwei Möglichkeiten, Miss Bennet. Entweder wir schneiden das Hosenbein auf oder sie ziehen die Hose gleich ganz aus. Ich könnte ihnen Decken holen. Die Frage ist nur, ob sie das alleine schaffen, wenn Schuhe ausziehen schon so schmerzhaft für sie ist."

Lizzy überlegte. Weder in seinen Worten noch in seinem Blick konnte sie etwas anderes als Sorge erkennen. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß er ihr in ihrem hilflosen Zustand Gewalt antun würde. Sie hatte keine Wahl.

„Ok, sie geben mir eine Decke und ich versuche, die Hose auszuziehen. Sie können ja dann an den Beinen ziehen oder so."

Darcy nickte. „Am besten, sie ziehen erst den anderen Stiefel aus."

„Oh, natürlich."

Er half ihr auch dabei und ging dann nach draußen, um eine Decke zu holen.

Das Hoseausziehen ging einfacher als gedacht. Darcy hatte ihr eine Decke übergelegt und Lizzy ihre Jeans aufgeknöpft, um sie über ihre Hüften zu schieben. Das ging relativ schmerzfrei. Wie sie vorgeschlagen hatte, konnte Darcy dann an den Hosenbeinen ziehen und sie war befreit. Sie hob die Decke soweit an, damit sie das verletzte Bein anschauen konnten.

Unterhalb des Knies war ein riesiger, fast schwarzer Bluterguß zu sehen. Nicht nur das, die Wunde blutete auch ziemlich stark. „Das sieht nicht gut aus," murmelte Darcy und erhob sich. „Ich hole einen Verbandskasten. Bin gleich zurück."

Lizzy hätte heulen können – vor Schmerzen und vor Wut. Sie wollte schon längst zuhause sein! Aber selbst wenn die Schmerzen weggehen würden, das Wetter sah alles andere als einladend aus. Es schneite mittlerweile ohne Unterlaß. Unter anderen Umständen hätte den Aufenthalt hier sehr genossen: Noch nie hatte sie ein so behagliches, gemütliches, einladendes Zimmer gesehen. Sie schaute sich um. Der offene Kamin, die flauschigen Teppiche, diese kuschelige Mischung aus Eleganz, Naturstein und Holz…wie schön mußte es sein, mit einem heißen Kakao und einem aufregenden Buch an einem ungemütlichen Tag wie diesem vor dem Kamin zu sitzen! Lizzy ersetzte das „aufregende Buch" träumerisch mit „aufregendem Mann" und sah plötzlich in ihrer Phantasie den Hausherrn vor sich, der am Kamin hinter ihr kniete und ihr sanft die Schultern massierte…

Als Lizzy die Augen wieder öffnete, kniete der Hausherr zwar nicht am Kamin, aber an ihrer Seite und machte sich daran, behutsam die blutende Wunde zu säubern. Lizzy wurde rot und verlegen, als sie an ihre unartigen Tagträume dachte.

Darcy lächelte ihr aufmunternd zu. Er arbeitete schnell und fachmännisch und bald war die Verletzung fürs erste versorgt.

„So. Jetzt müssen wir nur hoffen, daß auch die Schmerzen bald etwas nachlassen." Er stand auf und trat ans Fenster. Sorgenvoll blickte er hinaus in den immer übler werdenden Schneesturm. Auch der eisige Wind hatte aufgefrischt. „Miss Bennet, ich fürchte, wir haben ein Problem. Bei diesem Wetter können sie unmöglich selbst zurückfahren, schon gar nicht mit dem bandagierten Bein," stellte er nüchtern fest.

Hier bleiben? Allein mit diesem Mann?

Aber Lizzy wußte, alles andere wäre mehr als unvernünftig.

Darcy fühlte sich ebenfalls nicht sonderlich wohl bei der Vorstellung, Lizzy über Nacht hier zu haben. Sie wären ganz alleine hier draußen… Darcy schloß kurz die Augen und schluckte hart. Natürlich würde er sich „keine Freiheiten" mit ihr erlauben. Sie wäre vollkommen sicher in seiner Nähe. Aber allein die Vorstellung… Mensch, Darce, reiß dich zusammen! dachte er grimmig. Miss Bennet würde hier übernachten – so weit von seinem eigenen Schlafzimmer entfernt wie nur möglich, sicher ist sicher – und morgen würde er sie nach Hause bringen. Oder bringen lassen. Und MEHR NICHT!