Er sah auf die Uhr.
Die Zeiger standen auf viertel nach drei und er hatte immer noch keine Auge zu getan.
Zu viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf, die ihm keine Ruhe ließen.
Und so sehr er sich auch bemühte, war er nicht in der Lage sie beiseite zu schieben um endlich Schlaf zu finden.
Was hatte es mit dieser merkwürdigen Frau auf sich, die ab dem nächsten Jahr hier unterrichten sollte ? Wer war sie wirklich ?
Die Lüge bezüglich ihres Familiennamens, die sie ihm aufgetischt hatte, hatte er sofort durchschaut. Zu zögerlich kam ihre Antwort und der verräterische Blick an Dumbledore enttarne sie gnadenlos, bevor sie antwortete…
„Das ist es ! Dumbledore!" Er musste mit Dumbledore reden.
Schließlich hatte Albus sie ja eingestellt und schien sie gut zu kennen.
Der Schulleiter war sein Vertrauter, auch wenn seine komischen Marotten ihn wirklich in den Wahnsinn treiben konnten.
Mit einem tiefen Seufzen stand Severus auf.
Nein, so konnte er heute wirklich keinen Schlaf finden.
Im Dunkeln tappte er zum Schreibtisch und holte seinen Zauberstab… „Lumus." … ging zu seinem Vorratsschrank und wühlte in dem Schubfach mit seinen Heiltränken. „Irgendwo hatte ich doch noch… Wo ist sie denn nur… Oder doch nicht…? Doch, da !"
Zufrieden zog er eine kleine Phiole hervor und drehte sie so im Schein des Zauberstabes, dass er das Etikett lesen konnte.
–Traumloser Schlaf- stand in verschnörkelten Buchstaben darauf.
Er schob die Schublade wieder zu, löschte mit einer Handbewegung den Lichtzauber und legte sich wieder ins Bett.
Er wusste, dass die Wirkung des Trankes enorm schnell eintreten würde, war er doch das letzte Mal nach der Einnahme prompt im Stehen, komplett bekleidet eingeschlafen und am nächsten Morgen zusammengerollt unter seinem Schreibtisch mit schrecklichen Rückenschmerzen wieder aufgewacht.
Das würde ihm diesmal nicht passieren.
Auf dem Rücken liegend öffnete Severus die Phiole und setzte sie an seinen Mund.
Noch bevor die schwarze Flüssigkeit ganz seine Kehle hinunter geronnen war, fiel sein Arm zur Seite und angenehm friedliche Schwärze legte sich auf seinen Geist als der kleine Glasbehälter aus seiner Hand glitt und auf den Fußboden rutschte, wo er zerbrach.
Zur gleichen Zeit lag auch Eleen immer noch wach in ihrem Bett und wälzte Gedanken.
Albus hatte sie ja von vornherein gewarnt, dass es nicht leicht werden würde, dass sie vorsichtig und wachsam sein müsste damit der Tränkemeister sie nicht sofort durchschaute.
Aber dass er so schnell Verdacht gegen sie schöpfte hatte sie doch enorm überrascht.
Er war stärker als sie gedacht hatte.
„Ich muss noch vorsichtiger sein. Am besten gehe ich ihm erst einmal aus dem Weg." dachte sie.
Sie holte sich die Erinnerungen an die letzen Stunden noch einmal ins Gedächtnis und bei dem Anblick wie er die geringelten Socken, die Albus ihm geschenkt hatte am ausgestreckten Arm hoch hielt und immer wieder mit der Stirn auf die Tischplatte knallte musste sie unweigerlich wieder lächeln.
Ja, er hatte es schon nicht leicht mit dem alten Schulleiter.
Sie kannte Albus zu gut, um zu wissen, dass er Severus Snape etwas Böses wollte.
Das war halt nur seine Art ihm zu zeigen, wie gern er ihn doch mochte und vielleicht auch ein kleiner Versuch die Gedanken des schwarzen Mannes wenigstens für ein paar Minuten in normale Bahnen zu lenken.
Sie wusste um das Geheimnis des Tränkemeisters und den Grund, der ihn so verbittert und einsam hat werden lassen.
Und auch wenn sie ihn eigentlich aufgrund dessen, was er war und was er getan hatte hassen müsste, fühlte sie doch mit ihm und ein Teil von ihr hatte sogar Mitleid.
Schließlich hatte er vor vielen Jahren die gleichen Fehler begangen wie sie selbst und sie beide waren dazu verbannt ihre Bürden zu tragen, wenn auch jeder auf seine Weise.
Leise seufzend drehte Eleen sich auf die Seite und schloss die Augen.
Sie sah wieder seinen Blick vor sich, der versuchte in ihren Gedanken zu lesen, in sie einzudringen… Sie fühlte die Macht und den unbändigen Willen, mit dem er versuchte ihr Innerstes nach Antworten zu durch forschen…
Sie sah seine Augen, tiefschwarz… eiskalt… unnahbar… und ein warmer Schauer lief ihr den Rücken hinab.
„Mach keinen Fehler, Eleen !" schalt sie sich selbst erschrocken und riss die Augen weit auf.
Sie schob den Gedanken beiseite und schloss die Erinnerungen wieder tief in sich ein bevor sie sich erneut auf die andere Seite drehte und ihren Geist zum schlafen zwang.
Zur gleichen Zeit brannte auch in einem weiteren Raum in Hogwarts noch ein kleines Licht.
Dumbledore hatte es sich an seinem Schreibtisch bequem gemacht und Fawkes saß auf seiner Schulter und ließ sich entspannt über den Rücken streichen.
Der Phönix war in einer Zeit in der er nicht sehr ansehnlich war.
Seine Federn waren struppig und standen in alle Richtungen und unter der Kehle hatte sich bereits eine kleine kahle Stelle gebildet.
Auch die Bewegungen des großen Vogels waren in letzter Zeit wieder fahriger geworden und es fiel im manchmal sogar schon schwer, sich auf seine goldenen Stange zu halten.
Dumbledore wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde.
„Na Fawkes, mein alter Junge… Bald ist es wieder soweit…" murmelte er dem Phönix leise zu „….manchmal wünschte ich, deine Gabe hätten auch einige von uns ! Das würde vieles wohl leichter machen."
Und mit einem Seufzen erhob er sich und setzte den Vogel behutsam in seinen Käfig.
Das Fest am heutigen Abend war sehr gut verlaufen und auch die Begegnung von Severus und Eleen, war wider erwarten doch ohne weitere Überraschungen geblieben.
Dumbledore hatte zwar gemerkt, dass der Tränkemeister sofort Misstrauen gegen die junge Frau hegte, aber auch das war nicht anders zu erwarten gewesen.
Er wusste, dass sie ihn nicht lange täuschen konnten, und er hatte Eleen gewarnt sehr vorsichtig in der Nähe des Mannes zu sein, dessen Vergangenheit doch so parallel zu der ihren verlief.
Er durfte es nicht erfahren… noch nicht… die Zeit war noch nicht gekommen.
Albus setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch und stütze das Kinn auf seine Hände.
Und während er so in Gedanken über die Zukunft und die Vergangenheit nach dachte, sah er aus den Augenwinkeln wie Fawkes Feuer fing und in einem kleinen Inferno zu einem Häufchen Asche zerfiel, aus dem nach wenigen Augenblicken ein kleiner nackter Phönix den Kopf erhob und ihm entgegen Blickte.
„Das Wunder der Wiedergeburt !" Albus blinzelte und wischte dann mit seiner rechten Hand die Träne beiseite, die sich ihren Weg über seine Wange suchte.
„Ich wünschte SIE hätte auch dies Gabe !"
Mit diesem Gedanken erhob er sich und begab sich zu Bett.
