„Nein!", schrie ich empört „das ist nicht wahr!" Es konnte nicht wahr sein. Es klang einfach zu abwegig, als das es wahr sein könnte. „Ich bin mit Ron zusammen und werde meine Beziehung zu ihm nicht aufgeben, weil mein dahergelaufener Professor etwas anderes behauptet!" Sein Blick stach direkt in meine Augen, während ich verzweifelte.
„Wieso hast du denn nicht einmal gesagt, dass du ihn liebst? Du redest die ganze Zeit davon, dass ihr zusammen seid, aber von Liebe war nie die Rede!" Scheiße. Er hatte Recht. Wieso hatte ich das nie gesagt? Nicht einmal dies ist mir über die Lippen gekommen, als ich über Ron gesprochen hatte. „Nur weil ich es nicht sage, heißt es noch lange nicht, dass es nicht so ist!", versuchte ich, mich herauszuwinden, im Wissen, dass es nicht der ganzen Wahrheit entsprach. Liebte ich Ron wirklich?
Es musste so sein! Mein Leben war doch dafür vorbestimmt, dass ich mit Ron zusammen käme. Und wer wäre ich, wenn ich dem Schicksal entrinnen wollen würde? Doch was war, wenn mein Schicksal nicht an Rons Seite war? Was wäre, wenn ich dazu bestimmt war, Snape zu lieben?
Nein! Ich schüttelte den Kopf. Unmöglich. Nicht er. Ron war meine Zukunft.
„Ich werde warten! Solange es eben nötig ist. Ich habe mein Leben lang auf die Richtige gewartet. Also kann ich auch noch ein wenig länger warten. Und meine Intuition sagt mir, dass ich nicht lange warten werde müssen." Er lächelte leicht und mir wurde ein wenig warm ums Herz. Nein. Ich empfinde nichts für ihn. Ron ist mein Leben. Da passt kein Severus Snape hinein.
„Ich bin mit Ron zusammen!" Sein Lächeln wurde breiter. „Du wiederholst dich! Ich würde nur zu gerne jetzt eben in deine Gedanken eindringen, um zu sehen, was so schönes in deinem Kopf vorgeht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass dich der Kuss nicht kalt gelassen hat." Ich verdrehte die Augen. Er war schon ziemlich eingebildet.
„Erstens: Wieso duzen sie mich überhaupt? Zweitens: Ist es mir egal, ob ich mich wiederhole! Ron ist meine Zukunft! Drittens: Legilimentik ist durch das Ministerium verboten worden und ich könnte sie dafür verklagen! Viertens: Der Kuss hat mir nichts bedeutet! Sie sind einfach nur ein verdammt guter Küsser! Mehr nicht! Wenn sie da so viel rein interpretieren, dann kann ich da auch nichts für!", brüllte ich ihm Versuch, mir nicht anmerken zu lassen, dass er mir auf eine Art und Weise berührt hatte im Zug, die mir gefiel, auch wenn ich es nur sehr ungern zugab. Er fing daraufhin nur an, zu lachen. Was war denn jetzt daran lustig?
„Dann lege ich mal alle Fakten auf den Tisch. Ich duze dich, weil ich glaube, dass es in dieser Situation nicht angemessen ist, die förmliche Anrede zu nutzten. Es geht hier schließlich um diesen ganzen Gefühlskram. Auch wenn ich nicht viel über den ganzen Quatsch weiß, so bin ich mir sicher, dass dies eine persönlichere Ebene hat, als wenn ich dich Miss Granger nenne! Zum Thema Zukunft! Wer hat behauptet, dass deine Zukunft an Mr. Weasleys Seite ist? Die Medien? Deine Freunde? Mr. Weasley selbst?" Er zog fragend eine Augenbraue nach oben.
Als ich nichts antwortete, denn ehrlich, was sollte ich da auch schon groß zu sagen, er hatte ja recht, fuhr er fort. „Und glaubst du allen Ernstes, ich würde dir nur einen Moment abkaufen, dass du mich wegen Legilimentik verraten würdest aber wegen diesen verbotenen Kuss nicht? Ich bin zwar alt, aber nicht blöd!" Wütend funkelte ich ihn an, was ihn nur noch mehr belustigte.
„Und mich freut es sehr, dass du mich als, wie hast du es noch so schön ausgedrückt? Ach ja. Ein verdammt guter Küsser war es. Das ich deiner Meinung nach ein verdammt guter Küsser bin. So eine Aussage stammt nur von einer Person, die den Kuss mehr als nur genossen hat!", sagte er grinsend.
Ich knirschte mit den Zähnen. „Sie liegen falsch! Ich empfinde nichts für sie! Und ich kann ihnen das auch beweisen!" Interessiert hob sich seine Augenbraue. „Ach ja? Und wie?" Ich hoffte einfach, dass mein irrwitziger Plan, der mir spontan einfiel, aufgehen würde und ich dann nie wieder so ein Gespräch führen würde. Zumindest nicht mit ihm.
„Küssen sie mich! Jetzt! Auf der Stelle! Wenn ich dem Kuss widerstehe, lassen sie mich endgültig zufrieden!", meinte ich und hoffte einfach darauf, dass ich stark genug wäre, dem Kuss zu wiederstehen, denn wenn ich an den Kuss aus dem Zug zurückdachte, wurde mir schon ganz anders. Und das nicht im negativen Sinne.
„Gut! Aber wenn du den Kuss erwiderst, wirst du mir wenigstens eine Chance geben! Um mehr bitte ich nicht! Nur EINE Chance!" War das sein Ernst? Ich atmete ein und aus. Ein und aus. Immer wieder.
Schließlich nickte ich und sofort trat er an mich heran. Bitte lass mich das überstehen. Ehe ich mich versah, küsste er mich. Diesmal war der Kuss nicht so stürmisch und drängend wie der Erste. Er war zärtlich und voller Zuneigung. Anfangs konnte ich dem Kuss noch widerstehen, doch als er sanft an meiner Lippe knabberte, entkam mir ein Stöhnen und es war um mich geschehen. Verdammt. Ich konnte nicht anders.
Es war zu viel für mich. Verzweifelt krallte ich meine Finger in seine Haare und erwiderte den Kuss mit einer solchen Intensität, dass es mich schon beinahe selbst überraschte. Ich spürte sein Gewinnerlächeln an meinen Lippen. „Sag jetzt bloß nichts!", zischte ich und vertiefte den Kuss erneut. Ich wusste es war ein Fehler, doch ich ging diesen Fehler bewusst ein, da ich mich gerade einfach nicht wehren konnte.
Seine Arme legten sich auf meinen Hintern und er hob mich mit einer Bewegung auf seinen Schreibtisch. Er würde doch nicht...? Oder doch? „Nicht so viel nachdenken. Genieße es", raunte er und ließ mich erzittern. Ich hatte mittlerweile fast vollkommen verdrängt, dass es immer noch Snape war, der mich hier küsste und in mir das Verlangen nach ungezügeltem und wildem Sex auslöste.
Ich stöhnte auf, als seine Lippen hungrige Küsse auf meinem Hals verteilten.
Nach einiger Zeit des beinahe schon wilden Rumknutschens löste er sich von mir und seine schwarzen Augen funkelten mich begierig an. Seine Lippen waren leicht geschwollen von unserem Kuss und meine sahen wahrscheinlich nicht anders aus.
Er grinste mich an im Wissen, dass er gewonnen hatte.
„Wirst du mir nun eine faire Chance geben?", fragte er. Ich brauchte einen Moment, um überhaupt irgendetwas antworten zu können, was nicht dumm klang.
Ich sprang vom Tisch und lief auf und ab. Warum hatte ich mich nicht gewehrt? Konnte irgendetwas an seinen Worten dran sein? Liebte ich ihn? Nein. Vollkommen abwegig. Liebte er mich? Unmöglich. Aber der Kuss hat Bände gesprochen. Von uns beiden ging scheinbar etwas aus. Aber was? Waren das Gefühle? Oder nur reines Verlangen und Lust? Aber sowas hatte ich doch noch nie empfunden. Bei Ron hatte ich nie Lust empfunden.
Aber bei ihm schon. Und verdammt. Es war Snape, um den es hier ging. Snape! Gerade er.
„Ich kann nicht", sagte ich, aber sah ihn nicht an. „Wieso nicht? Weil andere es von dir verlangen? Weil du denkst, es wäre moralisch nicht vertretbar, mit mir deinem Professor, etwas anzufangen? Oder liegt es an meinem Alter? Sag mir. Was ist es, was dich daran hindert?"
Ich sah nun auf in seine dunklen obsidianfarbenen Augen und schrie verzweifelt und frustriert, da ich selbst nicht genau wusste, was mit mir los war: „ALLES! Alles ist mein Problem."
Beschämt über meinen Ausbruch drehte ich mich um und raufte mir die Haare. Wieso ließ er mich auch so aus der Haut fahren?
Er legte eine Hand auf meine Schulter und sprach in mein Ohr: „Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Wenn du mir vertraust, können wir das gemeinsam angehen und auch schaffen." Sein Atem streifte meinen Nacken und ich zitterte leicht.
Vertraute ich ihm? Ganz klar. Ja. Könnte ich mich aber auch auf ihn einlassen? Wahrhaftig und vollkommen? Ohne Ron? Da war ich mir nicht so sicher.
„Schlaf eine Nacht darüber und wir reden morgen darüber. Ich denke, dass es dir helfen wird." Damit entließ er mich, beinahe fluchtartig hastete ich zur Tür, doch ehe ich hinausrennen konnte, hielt mich seine Stimme noch auf. „Hermine. Denk daran, dass du nichts tun musst, was du nicht willst. Ich werde dich nicht dazu zwingen, aber ich werde dennoch hoffen, den Hoffnung ist das einzige, was mich all die Jahre aufrechterhalten hat."
Ich nickte und verschwand, aber ich konnte jetzt nicht einfach in den Turm gehen. Zu aufgewühlt war ich. Deswegen steuerte ich auch die Bibliothek an, in der ich schon immer Zuflucht gesucht hatte, wenn ich mal Ruhe und Zeit für mich brauchte. So auch jetzt.
