Kapitel 4
Caitlin war froh, als sie endlich Feierabend machen konnte. Glücklicherweise war sie an diesem Abend nicht für die Abrechnung zuständig.
Alle Gäste waren gegangen, manche allerdings nur sehr widerwillig. Die Sicherheitskräfte konnten jedoch sehr überzeugend sein. Ganz besonders hartnäckige Gäste wurden am Kragen gepackt und nach draußen befördert.
Caitlin holte schnell ihre Sachen aus dem Lager und verließ den Nachtclub durch den Hinter-ausgang. Sie hoffte nur, dass ihr Boss sie nicht sehen würde. Mit Schaudern dachte sie an die Szene in der Garderobe zurück.
Sie ging die schmale Gasse entlang, in der der Hintereingang lag. Einige von den Tänzerinnen standen am Ende und unterhielten sich. Caitlin ging auf sie zu. Sie wollte nur nach Hause.
Die Tänzerinnen sahen Caitlin, als sie näher kam.
„Hey, Caitlin", sagte eine von ihnen. „Dein Auftritt war super."
„Danke", sagte Caitlin und machte Anstalten, an den Tänzerinnen vorbeizugehen.
„Caitlin, dir ist klar, dass Drake dich jetzt immer wieder auftreten lassen wird, oder?"
Caitlin sah die Sprecherin erschrocken an und schüttelte den Kopf.
„Claire hat Recht. Dank deines Auftrittes waren die Männer sehr großzügig. Sie haben uns anderen mehr Trinkgeld gegeben. Getrunken haben sie auch mehr", sagte eine andere Tänzerin. „Dein Auftritt war gut für das Geschäft."
Caitlin erbleichte. Der Gedanke daran, noch einmal auftreten zu müssen, ließ ihre Knie zittern.
„Ich … ich muss jetzt nach Hause", sagte sie und ließ die Tänzerinnen stehen.
Sie rannte fast, um Abstand zwischen sich und die anderen zu bringen. Claire und die anderen sahen ihr verwirrt hinterher und machten sich dann auch auf den Heimweg.
Caitlin hielt erst an, als sie zwei Blocks entfernt war.
Sie lehnte sich an die nächste Hauswand und atmete erst einmal tief durch. Tränen stiegen ihr in die Augen.
„Ich will nicht noch einmal auftreten", dachte sie verzweifelt.
Der Gedanke daran machte sie krank vor Angst.
„Nicht dran denken, Caitlin, nicht dran denken", sagte sie zu sich selbst, schloss die Augen und versuchte, sich wieder zu beruhigen.
„Wen haben wir denn da?", ertönte plötzlich eine männliche Stimme neben ihr.
Caitlin riss die Augen auf und erstarrte. Vor ihr stand einer der Gäste des Nachtclubs, der während ihres Auftrittes beinahe auf die Bühne geklettert wäre.
„Wenn das mal nicht die heiße Caitlin ist", sagte er weiter.
Caitlin bekam Angst. Der Mann stand ganz dicht vor ihr und versperrte ihr jeden Fluchtweg, als er seine Hände rechts und links von ihr an die Hauswand stützte.
„Was… was wollen Sie?", fragte Caitlin ängstlich.
Der Mann kam noch näher heran.
„Was wohl, Süße?", fragte er und leckte sich gierig über die Lippen.
Sam konnte nicht schlafen. Er hatte Dean hereinkommen gehört, aber ihm war nicht nach reden zumute, deswegen hatte er sich schlafend gestellt. Er war die ganze Zeit in Gedanken bei der hübschen Barkeeperin gewesen.
Als Sam Dean schnarchen hörte, stand er leise auf und zog sich an. Mit einem kurzen Blick auf den schlafenden Dean griff er nach seiner Jacke und schlich aus dem Zimmer. Er brauchte dringend frische Luft.
Ziellos wanderte er durch die Gegend, als er plötzlich einen Schrei hörte.
Er zuckte zusammen und lief in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war.
„Lassen Sie mich!", rief eine weibliche Stimme panisch.
Sam rannte um die Ecke und bremste abrupt. Das war die hübsche Barkeeperin, und sie wurde von einem Mann an die Hauswand hinter ihr gedrückt, während er sie überall begrapschte und ihr Top zerriss. Sam wurde wütend und beschloss einzugreifen.
„Hey!", rief er, als er näher trat. „Lassen Sie die Frau in Ruhe!"
Der Mann drehte sich verwirrt um und starrte ihn an.
„Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten, Mann! Sie stören!", rief er zurück. „Die junge Dame und ich wollten gerade unseren Spaß haben!"
Sam sah die junge Frau an. Sie zitterte vor Angst, und Tränen schimmerten in ihren Augen. Das machte ihn nur noch wütender auf den Mann.
„Die junge Dame hat gesagt, Sie sollen sie in Ruhe lassen! Sie will nicht!", sagte Sam in einem ruhigen, aber bedrohlichen Tonfall.
Der Mann lachte.
„Das Nein einer Frau ist in Wirklichkeit ein Ja, Jungchen", sagte er grinsend und drückte Caitlin noch fester an die Wand.
Sie schrie vor Schmerz kurz auf.
Sam reichte es, und er packte den Mann am Kragen, um ihn von der völlig verängstigten jungen Frau wegzuziehen.
Der Mann versuchte, Sam einen Kinnhaken zu verpassen, doch er verfehlte ihn. Sam hingegen verpasste seinem Gegenüber einen Kinnhaken, und dieser wurde nach hinten geschleudert. Er landete auf dem Boden und starrte Sam wütend an.
„Na warte, Bürschchen!", knurrte er wütend, sprang auf und stürzte sich auf Sam.
Sam ließ sich nicht einschüchtern, sondern wehrte sich gegen die unbeholfenen Schläge des Mannes und teilte auch aus, bis der Mann schließlich bewusstlos zu Boden ging.
Sam vergewisserte sich, dass der Mann nur bewusstlos war, und ging dann zu der zitternden jungen Frau hin.
„Hey", sagte er und bedachte sie mit einem besorgten Blick. „Alles okay. Du bist in Sicherheit."
Caitlin sah ihn an und nickte nur.
Sam hatte Mitleid mit der jungen Frau. Sie zitterte am ganzen Körper und versuchte krampf-haft, ihr Top vorne zuzuhalten. Sam zog seine Jacke aus.
„Hier", sagte er mit einem freundlichen Lächeln und legte die Jacke um die Schultern der jungen Frau.
Caitlin zog sich die Jacke richtig an und knöpfte sie zu.
„Danke", sagte sie leise und sah ihren Retter mit tränenverschleiertem Blick an.
„Keine Ursache", meinte Sam mit einem aufmunternden Lächeln. „Ich heiße übrigens Sam."
„Caitlin", entgegnete sie leise.
„Bist du in Ordnung, Caitlin?", fragte Sam. „Hat er dich…?"
Caitlin schüttelte den Kopf. Sie war unfähig, irgendetwas zu sagen. Stattdessen weinte sie. Der Schock über den Überfall saß tief.
Sam hatte Mitleid mit ihr und nahm sie vorsichtig in den Arm. Besorgt stellte er fest, dass Caitlin wirklich am ganzen Körper zitterte.
„Es ist alles gut, Caitlin", sagte er und strich ihr beruhigend über den Kopf und den Rücken.
Caitlin ließ es geschehen und schmiegte sich an seine Brust. Sie weinte bitterlich.
Sam nahm sie noch fester in den Arm. Er spürte, dass er Caitlin jetzt nicht loslassen konnte. Er wollte es auch gar nicht. Immer wieder warf er einen besorgten Blick auf den noch immer bewusstlosen Angreifer. Dieser machte keine Anstalten, wieder aufzuwachen. Aber nach der Fahne zu urteilen, die Sam bei dem Mann bemerkt hatte, hatte dieser dem Alkohol mehr zugesprochen, als gut für ihn war. Dies wiederum ließ die Schlussfolgerung zu, dass die Bewusstlosigkeit einem tiefen Schlaf gewichen war.
Caitlin beruhigte sich nach und nach wieder, und Sam schob sie ein Stück von sich.
„Geht es wieder?", fragte er besorgt.
„Ja", antwortete sie und versuchte sogar, wieder zu lächeln. „Danke für die Rettung, Sam."
Sam grinste leicht.
„Keine Ursache", meinte er. „Soll ich dich nach Hause begleiten?"
Caitlin sah ihn etwas ängstlich an. Sam konnte sich denken, was Caitlin so verängstigte.
„Keine Angst, ich will nicht über dich herfallen", sagte er beruhigend. „Ich möchte nur sicher-stellen, dass du unbeschadet dort ankommst. Ich begleite dich nur bis zur Tür, und danach verschwinde ich wieder."
Caitlin entspannte sich wieder.
„Danke, das ist lieb von dir", sagte sie schließlich. „Ich glaube, ich würde mich wirklich sicherer fühlen, wenn du mich begleitest."
Sam grinste.
„Stets zu Diensten, Mylady", sagte er mit einem noch breiteren Grinsen.
Caitlin lächelte.
„Wir müssen da entlang", sagte sie und deutete in die Richtung hinter Sam.
Sam nickte nur und ließ Caitlin den Vortritt.
Caitlin ging an ihm vorbei, und er gesellte sich an ihre Seite.
So schlenderten sie die Straßen entlang.
„Wie heißt du eigentlich weiter?", fragte Sam plötzlich.
„Nighthawk", antwortete Caitlin.
„Wow, ein toller Nachname", meinte Sam.
„Und wie heißt du weiter?", wollte Caitlin wissen und sah ihn an.
„Winchester", antwortete Sam. „Aber bitte sag jetzt nicht, dass so ein Gewehr heißt."
Caitlin lachte.
„Das hatte ich nicht vor", sagte sie. „Ich kenne mich mit Waffen eh nicht aus."
Sam grinste sie an.
„Dann bin ich ja beruhigt", meinte er.
Eine Weile gehen sie schweigend nebeneinander.
„Du hast aber einen ganz schön langen Heimweg", bemerkte Sam schließlich.
Er wollte ihre Stimme hören, deswegen versuchte er, immer wieder ein Gespräch anzufangen.
„Ja, das ist wahr", seufzte Caitlin.
„Gehst du den immer zu Fuß?", fragte Sam besorgt.
„Muss ich. Ich kann mir keinen Wagen leisten" antwortete sie. „Das Geld, was ich im Nachtclub verdiene, geht für andere Dinge drauf."
„Was für Dinge denn, wenn ich fragen darf?"
Sam war neugierig geworden.
Caitlin seufzte. Normalerweise redete sie nicht gerne über ihre Probleme, aber sie fühlte, dass sie Sam vertrauen konnte. Hinzu kam, dass sie sich in seiner Nähe wohl fühlte, irgendwie sicher und geborgen.
„Medikamente", meinte sie.
Sam sah sie fragend und besorgt an.
„Bist du krank?", fragte er vorsichtig.
„Nein, ich nicht. Aber Fiona, meine kleine Schwester."
Tränen stiegen ihr wieder in die Augen, doch sie schluckte sie tapfer hinunter.
„Oh, das tut mir leid", sagte Sam betroffen und legte einen Arm um ihre Schultern.
Caitlin sah ihn irritiert an, doch sie schwieg. Seine Nähe tat ihr gut.
„Fiona ist schwer krank. Sie liegt im Krankenhaus, schon seit drei Wochen. Die Ärzte wissen nicht, was ihr fehlt. Sie versuchen es mit allen möglichen Medikamenten, und die kosten viel Geld. Nur deshalb habe ich den Job im Velvet Dreams angenommen."
„Was ist denn mit euren Eltern?", erkundigte sich Sam.
„Sie leben nicht mehr. Sie sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen", antwortete Caitlin.
Sam bereute seine Frage, als er den traurigen Unterton in ihrer Stimme hörte.
„Tut mir leid. Ich hätte nicht fragen sollen", meinte er und biss sich auf die Unterlippe.
„Ist schon okay, Sam. Ich bin darüber hinweg", erwiderte Caitlin. „Ich musste darüber hinwegkommen, weil ich sonst nicht für Fiona hätte da sein können. Sie hat nur noch mich und Gavin."
Sam zuckte zusammen. Hatte Caitlin etwa einen Freund oder Verlobten oder sogar einen Ehemann? Er hatte jedoch keinen Ring an ihrem Finger gesehen.
„Wer ist Gavin?", fragte Sam vorsichtig und wappnete sich innerlich gegen die Antwort.
„Gavin ist unser großer Bruder", antwortete Caitlin.
Sam fiel ein Stein vom Herzen.
„Und wo ist euer Bruder? Kann er euch beide nicht unterstützen?", erkundigte sich Sam weiter.
„Sicherlich könnte er das, aber wir haben seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr zueinander", antwortete Caitlin.
Mittlerweile hatten sie ihr Ziel erreicht, ohne es zu bemerken.
„Hier wohne ich", sagte Caitlin schließlich und zeigte auf ein Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Sam sah in die Richtung, in die sie zeigte.
„Ein schönes Haus", sagte er bewundernd. „Wie ich schon sagte, ich begleite dich bis zur Haustür, und dann verschwinde ich wieder."
Caitlin nickte und ging langsam auf ihr Haus zu. Sam blieb dicht neben ihr.
Schließlich blieben sie vor der Haustür stehen.
„Danke, dass du mich nach Hause gebracht hast", meinte Caitlin lächelnd und sah Sam an.
Sein Herz schlug höher. Dieser Augenaufschlag und diese grünen Augen ließen ihm zusätzlich noch die Knie weich werden, und eine wohlige Wärme breitete sich in seinem Körper aus. Ein Gefühl, dass er seit viel zu langer Zeit nicht mehr empfunden hatte, ergriff Besitz von ihm.
„Es war mir eine Freude", entgegnete er mit einem Lächeln.
Caitlin suchte in ihrer Tasche nach ihrem Schlüssel. Als sie ihn gefunden hatte, drehte sie sich zur Tür und schloss auf. Sie drehte sich noch einmal zu Sam um, der noch immer an derselben Stelle stand, und sah ihn an.
Plötzlich ging sie auf ihn zu und küsste ihn auf den Mund. Sam starrte sie überrascht an. Damit hatte er nun überhaupt nicht gerechnet.
„Ich möchte dich gern wiedersehen", sagte Caitlin verlegen.
Ihre Wangen waren gerötet.
„Ähm… klar. Gerne", stammelte Sam.
Er war noch immer überrascht. Doch dann fing er sich und holte seine Visitenkarte hervor. Er gab sie ihr.
Caitlin nahm sie und schaute sie eine Weile an. Dann fiel ihr ein, dass sie ja noch Sams Jacke anhatte, öffnete die Knöpfe und zog sie sich aus. Sie hielt ihm die Jacke hin.
„Deine Jacke", sagte sie lächelnd und hielt ihr Top vorne zu.
Sam nahm die Jacke entgegen und sah Caitlin an.
„Du solltest dich ausruhen, Caitlin", sagte er.
Ihm fiel es schwer, sich jetzt einfach umzudrehen und zu gehen. Doch Caitlin sah müde aus, und sie hatte viel durchgemacht an diesem Abend.
„Ja, du hast Recht", meinte sie und seufzte. „Aber ich rufe dich an."
Sam spürte, dass dieses Versprechen ernst gemeint war.
„Ich freu mich auf diesen Anruf", meinte er lächelnd und seufzte dann. „Na ja, ich werde mich dann mal auf den Rückweg begeben."
Caitlin nickte nur. Sie war unfähig, etwas zu sagen. In ihr herrschte ein Widerspruch der Gefühle. Auf der einen Seite verlangte ihr Körper nach Schlaf, auf der anderen Seite wollte sie jedoch nicht, dass Sam schon ging.
„Schlaf gut, Caitlin", sagte Sam und wandte sich – widerwillig – zum Gehen. Mühsam ging er die Treppenstufen hinunter. Er wäre liebend gerne noch geblieben, doch ihr Wohl war ihm wichtiger als alles andere. Sam war selbst überrascht, dass er so dachte. Er würde sie wiedersehen, das wusste er.
„Schlaf du auch gut, Sam", rief Caitlin ihm hinterher.
Sam drehte sich nicht um, denn wenn er das gemacht hätte, dann wäre er verloren gewesen, und er hätte sicherlich etwas getan, was er später bereut hätte. Deswegen ging er weiter.
Caitlin sah ihm solange nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Erst dann betrat sie ihr Haus.
