3. SheWulf
I) "Komm da sofort runter!" schreit Aglaya. Erschrocken bedeckt sie ihren Mund mit der Hand. Sie und die ganze Familie blicken mit angstverzerrten Gesichtern zu Helena hoch. Das Kind steht auf der Dachrinne des Hauses. Das dünne Metall kann ihr Fliegengewicht mühelos tragen, doch zwischen ihr und dem Erdboden klaffen die drei Stockwerke des Hauses. Verwundert blickt Helena ihre Mutter an, beschließt dann ihrem Wunsch Folge zu leisten und springt.
Als Aglaya ihr Kind fallen sieht, taumelt sie rückwärts. Als hätte jemand die Zeit langsamer gemacht, kommt der kleine Körper dem Boden immer näher und näher.
Bis Helena schließlich sicher auf beiden Beinen landet.
Die Münder von Vater, Mutter, Onkel und Großvater, die gerade noch im Schrei aufgerissen waren, bleiben nun nutzlos offen stehen. Dann fällt die Spannung aus den Gliedern und sie lachen erleichtert auf. Helena wackelt auf ihren kleinen Beinchen auf sie zu. Als Fünfjährige beherrscht man noch keinen würdevollen Abgang nach einer gelungenen Vorstellung.
Stolz streicht ihr Großvater ihr über den Kopf. „Dafür bekommst du ein Geschenk von mir. Eine Geige und ich bringe dir Spielen bei, wie wäre das?" Helena nickt. Aglaya ist als Einzige nicht so unbekümmert. Keine Frage, Helena braucht ein Kindermädchen.
II) Miss Hatty
Ich kam im Alter von 24 Jahren zu der Familie Fawley. Meine Eltern waren arm und und die Fawleys reich und so musste ich trotz meiner ausgezeichneten Schulnoten auf die kleine Helena aufpassen. Wenn ich zuhause zu Besuch war, beklagte ich mich nie, aber ich glaube, man sah mir an dass es hart war. Die Strenge des Hausherrn setzte mir zu. Das Kind war weniger das Problem. Auch wenn Helena ein kleiner Wildfang war. Sie krakeelte zwar nicht herum, sie war ja stumm, aber sie war unbelehrbar. Man konnte sie tausend Mal ermahnen, sie behielt trotzdem ihre hartnäckigen Angewohnheiten bei. Ständig lief sie weg und brachte sich in Gefahr. Auch Drohen half nicht und ich wagte es nicht, sie zu schlagen. Das hätte ja sowieso nichts genützt bei ihrer Schmerzunempfindlichkeit.
Sie machte mir ihre Erziehung zu einer anständigen Dame sehr schwer. Ich war damals wirklich heilfroh, dass die Herrin des Hauses von mir nur einen allwöchentlichen Bericht verlangte und sich sonst ihren anderen Pflichten widmete.
Ein Versuch von mir damals, Helena für Dinge zu interessieren, die ein Mädchen interessieren sollten, bestand darin ihr eine junge Katze zu schenken. Ich hatte sie auf dem Markt bekommen. Der Verkäufer versicherte mir, alle nötigen Zaubersprüche angewendet zu haben und so musste ich nur noch Mrs Fawley davon überzeugen, dass es höchst damenhaft war, eine Katze zu besitzen und Helena bekam sie.
Leider verschwand sie nach zwei Wochen.
II) Miss Hatty trug eine kleine Kerze den Gang hinunter. Bevor sie selbst zu Bett ging, wollte sie noch kurz nach ihrem Schützling sehen. Sie blieb vor der Tür des Kinderschlafzimmers stehen und klopfte.
"Herein." rief Helena von drinnen. Miss Hatty lächelte. Das Kind endlich sprechen zu hören, war immer noch ungewöhnlich für sie. Sie machte die Tür auf und trat ein. Helena stand mit dem Rücken zu ihr und beugte sich über ihren Kinderschreibtisch.
"Helena? Es ist Zeit, schlafen zu gehen." wies Miss Hatty sie sanft an. Helena drehte sich mit missmutigem Gesicht um und gab so frei, was auf dem Tisch lag. Es war die Katze.
In ihre Bestandteile zerlegt.
Miss Hatty schrie auf, japste nach Luft und fiel zu Boden. Helena runzelte verwundert die Stirn und blickte von der ohnmächtigen Frau zur Katze und von der Katze zu der Frau.
Dann kniete sie sich hin, kletterte über die ohnmächtig gewordene Frau, so dass ihre Knie zwischen Miss Hattys Brust und Armen waren und presste ihre Stirn auf Miss Hattys. Helena kniff ihren Mund zusammen und schloss die Augen. Sie verweilte so ein paar Minuten.
Sie war noch ein Kind und hatte das Gebiet des Geistes und des Gedächtnisses erst selten betreten. Als sie fertig war, stand sie auf, nahm die einzelnen Teile der Katze, steckte sie in einen Beutel und schob ihn unters Bett. Danach nahm sie ihren Malkasten und ein Blatt Papier und zeichnete die Katze und ihre Innereien nach, holte dann ein paar Bücher unter ihrem Bett hervor, schlug sie auf, legte sie neben die Zeichnung und rüttelte Miss Hatty dann wach.
„Miss Hatty? Geht ihnen gut? Sie sind in Ohnmacht gefallen."
„Ja, Kind."
„Sie bluten." Helena deutete auf Miss Hattys Arm. Sie war auf eine von Helenas Porzellanpuppen gefallen, die zerbrochen war. Die Puppenlider des abgeschlagenen Kopfes zwinkerten unregelmäßig.
„Achso, ja." Miss Hatty richtete sich auf und griff fahrig nach ihrem Zauberstab.
„Ich mache das." sagte Helena, griff nach Miss Hattys Arm und strich einige Male mit ihrer kleinen, kalten Kinderhand über die Wunde. Als Miss Hatty verwirrt den Arm zurückzog, war die Haut wieder unversehrt.
Miss Hatty runzelte die Stirn und stand schwankend wieder auf. Dann fiel ihr Blick auf den Schreibtisch. „Ich dachte... ich-" stotterte sie. „Sie sind sehr realistisch, deine Zeichnungen." stellte sie schließlich etwas verwirrt fest.
„Danke." sagte Helena.
„Aber wieso- du solltest so etwas nicht malen." sagte Miss Hatty auf einmal sehr streng.
„Ich hab sie von Büchern abgezeichnet." Helena deutete auf den Bücherstapel auf ihrem kleinen Schreibtisch. Lauter Anatomiebücher. "Kind..." sagte Miss Hatty verzweifelt. „Hast du noch mehr solcher Bücher?"
Helena presste die Lippen zusammen und sah auf den Boden, aber ein Blick auf den Schrank verriet sie. „Kind, oh Kind-" Miss Hatty holte die restlichen Bücher hervor. Das Versteck unter dem Bett entdeckte sie auf diese Weise nicht. Helena war ein kluges Kind.
Miss Hatty griff schon nach dem Türknopf, als Helena sie zurückrief.
„Miss Hatty?" Die Neunjährige lehnte sich an das Fußteil ihres Bettes, stützte sich mit ihren Händen darauf ab und sah sie schräg von der Seite aus an. Die Haltung machte sie älter, als sie war.
„Ja?"
Miss Hatty blieb stehen und drehte sich um, den Bücherstapel auf dem Arm.
„ Warum haben Sie Angst vor Innereien?"
„Ich- Ich weiß nicht. Ich finde sie einfach eklig."
„Aber wir bestehen doch alle daraus."
„Ja, aber-" Miss Hatty suchte kurz nach Worten. "Es bedarf immer einer gewissen... Grausamkeit,dass man sie freilegt, dass man sie eben sehen kann. Es tut weh, wenn man das macht."
Helena runzelte die Stirn. Bei Schmerzen musste sie immer einen Moment überlegen. Dann hellte sich ihr Gesicht auf.
„Und was, wenn sie schon tot sind? Dann tut es ihnen nicht mehr weh."
„Stimmt. Aber selbst dann ist noch eine ganze Menge Kaltblütigkeit nötig."
Dann ging Miss Hatty und ließ Helena mit vielen Fragen und einigen Antworten allein.
III) Helena stand in der Eingangshalle des Anwesens und starrte wie hypnotisiert in die Luft. Miss Hatty kam auf sie zugeilt.
„Da steckst du, Miluy!" Miss Hatty hatte den russischen Kosenamen von Helenas Mutter übernommen. Sie bemerkte Helenas Blick. „Was siehst du denn da? Schreib`s mir doch."
Helena schrieb mit ihrem Finger schwebende, goldene Lettern.
„Ein Mann." Ich schaute zu zu der Stelle oben auf der Treppe. Da war niemand.
Ich kniete mich vor ihr hin. Vielleicht ein unsichtbarer Freund von ihr. Kinder hatten so welche Fantasien.„Helena, wie sieht der Mann denn aus?"
Sie überlegte kurz, dann erschienen Buchstaben. „Groß. Rote Augen. Keine Haare."
Ich strich ihr durchs Haar. „Miluy, wenn du Angst hast..."
Goldene Lettern.„Ich habe keine Angst vor ihm. Er lächelt."
IV) Gierig zerrte der Wolf an dem toten Reh und schlang das Fleisch herunter. Es war Winter im Wald und das rote Blut sprenkelte den weißen Schnee. Helena, ein stummes, kleines Mädchen von fünf Jahren stand reglos da und beobachtete, wie der Wolf seinen Hunger stillte. Dann bemerkte das Raubtier das kleine Ding, das vor ihm stand und sein Kopf schoß nach oben, die Lefzen blutverschmiert. Fast gemächlich trottete der Wolf auf sie zu.
Sein Atem dampfte in der kalten Luft.
Helena war ganz ruhig und blieb es auch, als der Wolf vor ihr stehen blieb. Er musterte sie. Seine Iris war stahlgrau und mit gelben Tupfern gesprenkelt.
Ihre kleine, weiße Kinderhand senkte sich auf seine Stirn und zwischen seine Augen, die unter der Berührung aufglommen.
"Miss!" Ein Ruf durchbrach die Stille. Das Ohr des Wolfes zuckte unruhig in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war, dann verschwand mit einem lockerem Trab wieder in den Wald.
"Miss, wir haben Sie überall gesucht. Ihre Eltern warten." Atemlos durchbrach der Kutscher das Gebüsch, erleichtert, Helena endlich gefunden zu haben. Nicht auszudenken, wenn nicht, bei den Eltern. Sie waren gerade auf dem Heimweg von dem Weihnachtsball der Flints mit der Kutsche gewesen, als der Flugzauber brach. Bei der nachfolgenden Reparatur nach der Landung war Helena auf einmal nicht mehr da.
"Oh! Oh nein, das dürfen Sie nicht anschauen." Der Kutscher hatte das tote Reh bemerkt. "Verdammte Wölfe." fluchte er. „Kommen Sie." Er legte Helena die Hand um die Schulter und zog das Kind fort.
