Bereits einige Meter von der Terrasse entfernt, vernahm ich leises und lautes Gelächter.

Als Lindir und ich die Terrasse betraten hörte ich Bilbo sagen: „Es ist schön, dass du auch da bist Lucy. Wir müssen uns viel erzählen."

Ich musste schmunzeln und ging auf Bilbos nicht weit entfernten Schatten zu. Er nahm meinen Arm und drückte mich auf einen Stuhl neben sich. Da ich noch weitere Schemen neben mir erfasste, fragte ich: „Ich kann noch weitere Personen erkennen". Dann wandte ich mich an Bilbo: „Könntest du sie mir vorstellen?"

„Aber natürlich. Neben mir sitzt mein Neffe Frodo und neben dir sitzt Glóin. Pippin und Sam sitzen gegenüber von dir und Merry holt gerade etwas Essen."

Alle begrüßten mich kurz, als Bilbo ihre Namen nannte und Merry drückte mir etwas in die Hand, als er wieder kam: „Ich habe Euch etwas Brot mitgebracht. Bilbo hat erzählt Ihr hättet einen empfindlichen Magen und da ich nicht wusste was Ihr vertragt, habe ich Euch einfach nur Brot und einen Apfel mitgebracht."

Lächelnd bedankte ich mich bei Merry und forderte ihn und die anderen auf mich zu duzen. Bilbo musste ihm erzählt haben, dass ich damals die ersten Tage an schweren Übelkeiten litt und nicht sofort bemerkte, dass ich bald gerufen werden würde. Gott, mein Magen hat einen wahrhaftigen Krieg gegen das stark gewürzte Fleisch der Zwerge geführt.

„Wo sind wir hier eigentlich?", erkundigte ich mich bei Bilbo. „Wir sind im Großen Speisesaal in der Nähe der Halle des Feuers. Nach dem Mahl wird die Gesellschaft dorthin ziehen und wir können Liedern und Gedichten der Elben lauschen.", erklärte mir dieser.

„Du lebst schon etwas länger hier, nicht wahr?", erkannte ich und mein alter Freund bestätigte es mir lachend.

„Bilbo und ich wollten den anderen gerade von unserer Reise zum Erebor erzählen. Vielleicht willst du uns ja dabei unterstützen?", schaltete sich Glóin ein.

„Liebend gern", antwortete ich „Mich interessiert aber auch, wie eure Reise nach meinem etwas vorzeitigen Ausscheiden weiter gegangen ist. Da ihr beide noch lebt gehe ich mal davon aus, dass es ein Happyend gibt." Die anderen lachten und Glóin und Bilbo begannen von der Reise und der Schlacht der fünf Heere zu berichten, während wir aßen.

Tatsächlich zogen wir in die Halle des Feuers und laut Pippin, welcher neben mir ging und mich freundlicher Weise leicht führte, geschah dies in einem langen Zug, in welchem immer zwei nebeneinander gingen. Die Halle selber wurde nur von einem großen Feuer in der Mitte beleuchtet und in mir keimte ein längst vergessenes Zeltlagerfeeling wieder auf.

Die Elben sangen immer wieder Lieder, welche ich jedoch nicht verstand.

„Lucy, du hast eine schöne Stimme. Kannst du uns nicht ein Leid aus deiner Heimat singen?", bat mich Bilbo. „Wisst ihr, liebe Freunde, sie hat hin und wieder leise vor sich hin gesungen, wenn sie arbeitete, als wir unterwegs zum Erebor waren. Ich glaube, sie hat ihre Zuhörer nie bemerkt, doch hat es die Reise etwas einfacher gemacht.", schwelgte Bilbo in alte Erinnerungen. Von Glóin hörte man nur etwas, was ich als unterdrücktes Gelächter deutete.

„Zu viel der Ehre.", nuschelte ich peinlich Berührt.

„Ach bitte Lucy." Nun schalteten sich sogar die anderen Hobbits ein.

„Ich muss euch enttäuschen. Ich werde nicht singen. Ich habe schon lange nicht mehr gesungen. Ich kenne kein passendes Lied und am Ende würdet ihr doch nur dasitzen und mich fragen, was das eben war.", versuchte ich die Sache abzuwiegeln. „Im Übrigen war nicht ich es, die gesungen hat, sondern Ori.", setzte ich hinzu und Gelächter setzte ein. Zwar hatte ich hin und wieder gesungen, doch konnte Bilbo unmöglich mich meinen.

Letztendlich verabschiedete sich mein alter Freund zusammen mit den anderen Hobbits, nachdem er ein Gedicht vorgetragen hatte, denn er und die anderen vier Halblinge waren müde. Den Inhalt des Gedichtes verstand ich nicht, doch hatte der Hobbit definitiv ein Händchen dafür. Auch Glóin verabschiedete sich, denn er wollte noch ein wenig bei seiner Sippe sein.

Ich war in Gedanken versunken, als mich plötzlich eine sanfte Stimme wieder in die Realität zurück holte: „Seit gegrüßt. Mein Name ist Arwen, die Tochter Elronds. Ich hoffe Euch gefällt es hier."

Die Gestalt, welche sich Arwen nannte setzte sich zu mir und ich beantwortete ihre Frage, dass es mir sehr gut hier gefallen würde und dass es mich freue sie kennen zu lernen. Wir unterhielten uns ein wenig bis ein weiterer Elb zu uns kam und fragte, ob wir uns nicht zu den anderen setzen wollten. Arwen stand auf und ich erhob mich ebenfalls, doch sie war so schnell verschwunden, dass ich ihren Umriss nicht ausmachen konnte.

So stand ich etwas verloren in der Halle des Feuers, als ich den leichten Duft von Zitrone wahr nahm, jemand plötzlich meinen Arm ergriff und mich in eine Richtung führte. „Seid gegrüßt. Bitte verzeiht meine Unverfrorenheit."

„ Nein, ich bin Euch sehr dankbar, dass Ihr mich führt. Mein Name ist Lucy."

„Ja, Ihr saßt während des Rates neben mir. Ich werde Legolas genannt."

„Seid auch Ihr gegrüßt, Legolas." Wir gelangten zu einer kleinen Sitzrunde, bestehend aus Elben. Legolas ließ meinen Arm los und ich ging vorsichtig zu einer der Bänke und setzte mich auf sie. Die Kissen, mit denen sie gepolstert waren, schienen aus feinstem Stoff zu bestehen und waren wunderbar weich.

Da sprach Arwen geknickt: „Es tut mir Leid, dass ich so schnell weggegangen bin. Ich habe nicht an Eure Sehprobleme gedacht. Ich hoffe Ihr könnt mir verzeihen."

Ich erwiderte, sie müsse sich nicht entschuldigen. Nur einer, der die Schuld an diesem Fiasko trage, müsste dies. „Und", fügte ich spitzbübisch hinzu „Er könnte mir auch gerne die Füße küssen". Das Thema war eigentlich weit aus ernster, doch konnte ich nichts anderes tun, als Humor nach außen zu tragen. Innerlich war ich jedoch von einer Leere erfüllt.

Das Eis war gebrochen und sie stellte mich den anderen vor: „Legolas habt Ihr ja bereits kennen gelernt und Lindir ebenfalls. Neben mir sitzen meine Brüder Elladan und Elrohir. Glorfindel, der die Hobbits nach Bruchtal gebracht hat, sitzt neben Euch." Wieder begrüßten mich die Genannten kurz und Arwen deutet noch auf drei weitere Elben, deren Namen ich aber fast sofort wieder vergaß.

Die Elben begannen sich munter zu unterhalten und ich lauschte ihnen anfangs, doch nach einer Weile glitten meine Gedanken zu Frodo, dem Ring und dem bevorstehenden Krieg, der wohl unweigerlich aufziehen würde. Meine Gedankengänge wurden jäh unterbrochen, als Arwen verlauten ließ, dass sie sich nun zurückziehen würde. Zwei weitere Elben begleiteten sie.

Auf einmal wurde es ruhig in der Runde. Vielleicht hing nun jeder seinen eigenen Gedanken nach. Ich wollte mich gerade erheben, um ebenfalls Schlafen zu gehen, schließlich war es ein anstrengender Tag gewesen, als plötzlich einer der Elben fragte: „Lucy, ich hörte Ihr seid nicht das erste Mal in Bruchtal. Wann besuchtet Ihr es vorher schon mal?"

„Man sagte mir, dass mein letzter Besuch 77 Jahre zurück liegt. Damals kam ich mit Gandalf, Bilbo und den Zwergen nach Bruchtal, nachdem wir vor Orks geflüchtet waren."

Mit einem deutlich verwirrten Unterton in der Stimme, fragte der Selbe, den ich nun als Glorfindel benannt hatte, da die Stimme von rechst kam: „Ihr seht nicht aus wie 77 oder gar noch älter. Und auch für eine der Dúnedain seht Ihr zu jung aus."

Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen und begann zu erklären warum ich mich in „77 Jahren" nicht verändert hatte: „Nun ich denke, es ist allgemein bekannt, dass ich beide Male auf recht unnatürliche Weise Mittelerde besuchte. Das hat mit meiner Verwandtschaft und meinen Genen zu tun. Ich kann in der Zeit springen und zwar an jeden beliebigen Ort und Zeitpunkt. Daher war für euch mein letzter Besuch vor 77 Jahren, während es für mich keine drei Monate her ist."

Jetzt war es wirklich still wie in einem Grab. ‚Er hat gefragt, ich habe geantwortet. Ob er es jetzt glaubt, liegt nicht bei mir', dachte ich nur und wartete ab ob noch eine Reaktion Seitens der Elben kommen würde. Wieder war ich im Begriffe mich zu erheben, um endlich schlafen zu gehen, als zuerst Glorfindel, dann Lindir und schließlich der halbe Saal anfing schallend zu lachen. „Ein schöner Spaß. Doch woher kommt Ihr wirklich?", hackte Glorfindel nach.

„Nun, vielleicht habe ich Euch die Wahrheit gesagt, weil ich wusste Ihr würdet sie nicht glauben. Doch das heraus zu finden, überlasse ich Euch." Erneut ertönte Gelächter. Ich musste ebenfalls lachen und verabschiedete mich nun doch von den Elben.

„Vielleicht ist sie ja doch eine der Dúnedain?", fragte jemand lachend in die Runde. „Den Humor hat sie ja anscheinend."

Fröhlich vor mich hin summend ging ich nun zu meiner Unterkunft. Gottseidank hatte ich mir den Weg wirklich eingeprägt und fand so ohne mich großartig zu verlaufen zu meinem Zimmer. Zunächst löste ich den Zopf, der meine Haare zurückgehalten hatte und stieg danach aus dem Kleid. Ich legte es fein säuberlich auf eine Truhe und setzte mich danach auf einen Stuhl und begann meine Haare auszukämmen. Nachdem alle Knoten gelöst waren zog ich mir noch ein Nachthemd über, das Eirien wohl für mich herausgelegt hatte und stieg in das Bett.

Obwohl ich eigentlich recht müde war, konnte ich dennoch keinen Schlaf finden, zu viel ging mir im Kopf herum. Ich dachte an meine Flucht aus dem Krankenhaus, an Frodo und den Einen Ring, an 77 Jahre, die in Mittelerde vergangen waren, und auch an meine Augen.

Das letzte woran ich dachte waren die Worte: „Ich werde das letzte sein, was du für immer erblicken wirst."

Ein leises Geräusch weckte mich. Ich setzte mich auf und versucht etwas in der Dunkelheit zu erkennen, doch die Dunkelheit machte ihrem Namen alle Ehre – Ich erkannte nichts. Plötzlich packte mich jemand und legte mir seine Hand auf Nase und Mund. Sie roch nach einer ätzenden Mischung aus Kräutern, die meinen Magen in aufruhe versetzte. Ich wehrte mich aus Leibeskräften und verpasste meinem Angreifer ein paar Hiebe in den Bauch. Ich wollte nicht ersticken! Doch von Sekunde zu Sekunde wurde ich schwächer und das letzte was ich vor einer Sauerstoffmangelbedingten Ohnmacht hörte, war ein leises, schmieriges Lachen.

Ich erwachte auf einem Stuhl-gefesselt. Meine Hände waren taub und die Handgelenke brannten fürchterlich. Ich versuchte meinen Kopf anzuheben und die Augen zu öffnen. Nach mehreren Versuchen gelang mir dies und ich schaute mich in meinem Gefängnis um. Die Wände waren weiß gekalkt und ein schwerer Schrank aus dunklem Holz stand links von mir. Kerzenschein erhellte den Raum. An die Wand wurde der Schatten eines Mannes geworfen, der hinter mir stand. Vollkommen panisch versuchte ich mich umzudrehen, doch der hohe Stuhl erlaubt es mir nicht.

Da hörte ich wieder das Lachen und eine Hand fasste meine Schulter. Ich erschauerte doch ich wusste, dass es besser sei vor diesem Psycho keine Angst zu zeigen, und unterdrückte den Drang die Hand abzuschütteln. Mein Entführer trat nun direkt vor mich, sodass ich sein Gesicht erkennen konnte. Natürlich. Wer sonst sollte mich entführen wollen als er.

„Ach sieh mal einer an wer da sitzt. Das Fräulein „Weiß-alles-besser-als-ein-studierter-Professor"! Ha, jetzt hab ich dich. Glaub ja nicht, dass ich gnädig sein werde. Du hast mich vor allen lächerlich gemacht und dafür wirst du büßen." Wieder lachte er und zog dann ein langes Messer heraus. „Mal sehen, was deine weiche Haut zu diesem doch wunderschönen Messer sagen wird. Ob sie gewinnen wird? Nein, ich glaube nicht!"