Kapitel 3: dunkle Gewässer

Briarcliff 1962

Frank hatte Judes Büro verlassen und war mit Mary Eunice gegangen um sich die Einrichtung anzusehen. Jude wusste nicht was es war, aber etwas an diesem Mann erschien ihr vertraut. Die Art wie er sprach, die Art wie er sie ansah und sein freundliches Lächeln was er ihr gab, bevor er ihr Büro verließ. Jude hatte schon viele Gespräche mit dem Wachpersonal geführt und meist wusste sie, dass sie nicht lange bleiben würden. Einige waren zu jung und andere zu alt. Einige zu sanft und andere zu grob. Es gab selten jemanden, der ein gesundes Gleichgewicht verkörperte. Doch Frank McCann schien dies zu besitzen und es ließ Jude hoffen, dass er nicht nach wenigen Tagen seine Koffer packen würde.

Frank McCann'

Jude überlegte ob und wann sie diesen Namen schon einmal gehört haben könnte. Sie wusste tief in ihrem Inneren, dass sie ihm schon einmal begegnet war….aber wann? Leider gab es in ihrem Leben viele Dinge, an die sich Jude nur vage erinnern konnte. Die Erinnerungen waren da, doch waren sie oft verschwommen und dunkel. Wie als würde man in der tiefen Nacht einen Stein in einen See werfen.

Meist vermied es Jude, an ihre Vergangenheit voller Sünden zu denken, doch es gab Tage wie heute, an der sie sich zwang daran zu denken und wieder zurück zu gehen. Zurück zu ihrem alten Leben als Miss Judy Martin, eine Frau die sie schon lange nicht mehr war und die sie nie wieder sein wollte.

Nachdenklich schaute Jude aus dem Fenster und starrte hinaus. Der Himmel war dunkel obwohl es noch nicht einmal Mittag war. Der Winter stand vor der Tür und Jude hasste den Winter. Zu dieser Jahreszeit wirkte alles hier noch viel dunkler und bedrückender. Bald würde Weihnachten vor der Tür stehen und viele der einigermaßen normalen Insassen würden wieder in eine tiefe Depression fallen, was zu vielen Selbstmordversuchen führen würde. Zu Weihnachten wurde den meisten Menschen erst wirklich bewusst, wie einsam und allein sie auf dieser Welt waren. Es gab für sie keine Familien, die sie erwarteten. Es gab keine besinnlichen Abende, mit der Vorfreude auf den Weihnachtsmorgen. Es gab keine strahlendes Leuchten in ihren Augen, wenn sie ihre Geschenke bekamen, von Menschen die sie liebten…..denn es gab so einen Menschen nicht mehr. Nicht für die Insassen von Briarcliff, noch für Jude.

Es gab Tage, da beobachtete Jude die Insassen im Gemeinschaftsraum und sah die Freundschaften, die einige von ihnen untereinander knüpften. Vielleicht war sie selbst, die einsamste Person hier. Sie hatte gelernt damit zu leben und doch machte es die Situation nicht einfacher oder gar erträglicher. Bevor sie eine Nonne wurde, war sie schon ein einsamer Mensch und sehnte sich nach der Liebe anderer Menschen, doch bis auf die körperliche Liebe, blieb es ihr immer verwehrt.

Jude wandte den Blick ab und begab sich wieder an ihren Schreibtisch, sie wollte jetzt nicht in Selbstmitleid verfallen. Das Leben war eben wie es war. Sie nahm das Bewerbungsschreiben von Mr. McCann in die Hände und schaute sich sein Bild an.

Woher kenne ich Sie?'

Doch auch nachdem Jude angestrengt überlegte, blieb die Antwort im Verborgenen. Zu diesem Zeitpunkt wusste Jude nicht, dass Frank bereits genau wusste wer sie war und dass sie selbst bald erfahren würde, woher sie ihn kannte.