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Lir hatte noch ein wenig Freizeit. Erst am nächsten Morgen würde er mit seinem Meister Tyvocca zur Heimatwelt der Wookiees, Kashyyyk aufbrechen. Anscheinend gab es dort Ärger und der Jedi-Rat hatte beschlossen, Tyvocca und seinen Schüler zu schicken, um die Krise zu beenden. Meister Tyvocca hatte nach ihrem Training nicht mehr viel zu Lir gesagt und sie hatten sich schnell verabschiedet. Lir war sich sicher, dass sein Meister enttäuscht war. Er hatte sich nicht erfolgreich von seinem Zorn befreien können und hatte nicht so gehandelt, wie er es eigentlich hätte tun sollen. Es war aber auch so schwierig, in einer brenzlichen Situation und wenn man provoziert wurde den Zorn zu bändigen. Sich selber bändigen, wenn man die Chance hatte, stark und brutal zu kämpfen. Lir wollte sein Versagen irgendwie wieder gut machen und war ins Archiv des Jedi-Tempels gegangen, um etwas über Kashyyyk zu erfahren. Er wollte bei den Wookiees nicht wie ein Idiot wirken und hatte beschlossen, etwas mehr über Kashyyyk und die Wookiees in Erfahrung zu bringen. Über die Wookiees gab es nicht mehr viel zu erfahren: Sie waren pelzige, ca. zwei Meter große Zweibeiner, Allesfresser, intelligent. Sie lebten auf Kashyyyk, hatten ihre Wohnung in den Bäumen und hatten ausfahrbare Krallen, die sie jedoch nur zum Klettern, niemals zum Kampf benutzen durften. Wookiees konnten über Sechshundert Jahre alt werden und ihre Kultur war sehr naturverbunden und ehrenhaft. Es gab Geschichten von einer Lebensschuld und von verbannten Wookiees, die mit ihren Krallen gekämpft hatten und deshalb bestraft wurden. Und es gab Geschichten über Sklavenhändler, die Kashyyyk besuchten um die mächtigen Wookiees zu fangen. Kashyyyk lag im Mittleren Raum, hatte vier Kontinente, die fast völlig von dichten Wäldern unterschiedlicher Art bedeckt waren. Es gab nur wenig Wüsten oder Gebirge. Eine Besonderheit des Planeten war, dass die Bäume mehrere Kilometer hoch werden konnten und dick genug waren, dass sie zum Bau von Städten im Astwerk benutzt werden konnten. Nach der Kultur der Wookiees bestand die Umwelt aus Sieben Ebenen. Die Wookiees lebten meistens in der siebten Ebene, in den Ästen dieser gigantischen Bäume. Nur an den Küsten war dies etwas anders. Allein die mutigsten Wookiees wagten sich tiefer als die vierte Ebene, denn je näher man dem Boden kam, desto weiter weg war man vom Tageslicht, welches nicht mehr durch die Äste fiel. Unterhalb der Baumkronen war es sehr gefährlich. Die untersten Ebenen des Waldes nannte man auch die Schattenlande, weil dort kein Sonnenlicht ankam. Dies war ein gefährlicher Ort wo bösartige Kreaturen lauerten. Nur selten wagten sich Wookiees mit ihren Aufzügen dorthin, meistens nur für irgendwelche Rituale. Oft wurden abtrünnige Wookiees dorthin ins Exil geschickt. Die Geschichte der Wookiees war nicht wirklich interessant, wie Lir fand. Außer vielleicht die vielen Kriege mit dem Nachbarplanet Trandosha. Plötzlich bemerkte Lir etwas. Der Text des Datenmoduls hörte ganz plötzlich an einer Stelle auf: "Im Jahr 24.731 Republik-Zeitrechnung wurde Kashyyyk zum Zufluchtsort für Mitglieder des Ordens von Tulgah, doch wie auch Tulgah, der siebzehnte Verlorene selbst --" Die Aufzeichnung endete mitten im Satz. Der Rest fehlte, war scheinbar gelöscht worden.
Vor zweihundert Jahren war also etwas passiert, was scheinbar so wichtig oder schrecklich war, dass es aus dem Archiv entfernt worden war. Lir wurde neugierig. Wenn er herausfinden konnte, was damals auf Kashyyyk geschehen war, konnte er vielleicht Meister Tyvokka beeindrucken. Lir nahm den Datenblock mit und ging zu Jocasta Nu, der Bibliothekarin der Jedi Archive. Jocasta Nu war eine junge Frau mit blonden Haaren und einem gelben Gewand voller Symbole, die Ansata, den anzatischen Gott des Wissens ehrten. "Kann ich dir helfen?", fragte sie freundlich, als Lir zu ihr trat und ihr den Datenblock zeigte mit dem lückenhaften Bericht über Kashyyyk. "Sehen Sie nur, da fehlt etwas!" Jocasta Nu nahm den Datenblock in die Hand und las den Bericht und zog die Stirn in Falten. "Das kann doch gar nicht sein", sagte sie leise und ein wenig fassungslos. Sie las den Bericht noch einmal und nickte dann nur. "Ich verstehe." Lir sah sie neugierig an und wurde allmählich ungeduldig. "Was denn?" Die Bibliothekarin des Jedi-Tempels lächelte ihn an: "Der Bericht wurde zensiert. Schau einmal unter den Begriffen Tulgah und Die Verlorenen Siebzehn nach!" Lir nickte, bedankte sich und suchte die Datenmodule für die betreffenden Berichte. Über die Verlorenen Siebzehn fand er heraus, dass so jene Jedi-Meister bezeichnet wurden, die den Jedi-Orden verlassen haben und sich völlig von ihren Pflichten zurückgezogen hatten. Dort stand geschrieben, dass diese Siebzehn Jedi-Meister teilweise zu Abtrünnigen wurden, die der Dunklen Seite anheim fielen. An einige erinnerte man sich durch Büsten, die in den Archiven standen. Lir beschloss, sich diese Büsten anzuschauen. Über Tulgah fand er heraus, dass so der siebzehnte Verlorene hieß, ein Zauberer, dessen Rasse unbekannt war und der verbannt wurde, weil er sich mit Dunklen Künsten befasst hatte. Tulgah schien jedoch einen Orden gegründet zu haben, den er nach sich selber benannte, dessen Mitglieder sich als Meister Schwarzer Magie offenbarten und vor zweihundert Jahren - zum Zeitpunkt jenes zensierten Ereignisses auf Kashyyyk - von den Jedi-Rittern zerschlagen und ausgelöscht wurden. Lir runzelte die Stirn. Interessante Geschichte. Also waren auf Kashyyyk Mitglieder des Ordens von Tulgah gewesen. Lir freute sich, sein Herz schlug plötzlich wie wild, denn wahrscheinlich war er da auf längst vergessenes Wissen gestoßen. Zufrieden schlendere er durch die Archive, durch die endlosen Korridore. Das Archiv war einfach wunderschön. Der blank polierte Marmorboden mit den Mustern von vielen tausend Welten, die vielen leuchtenden Datenmodule in den Regalen, die so viel Raum ausfüllten. Eine wahre Ansammlung von Schätzen. Die Büsten der Verlorenen Siebzehn waren im ganzen Archiv verteilt, aber wenigstens auch nummeriert. Sie waren aus goldenem Bronzium, einer festen, widerstandsfähigen Substanz. Viele der Büsten waren ziemlich voll gestaubt. Tulgah war nur schwer zu erkennen, denn sein Abbild war der Schädel irgendeines Tiers mit einem Geweih. Doch auf dem Sockel der Büste konnte Lir lesen, dass Tulgah auf Dagobah gestellt und vernichtet wurde und Mitglieder seines Ordens teilweise nach Bpfassh, Endor, Dathomir und Kashyyyk fliehen konnten. Lir lächelte und fühlte sich ein ganzes Stück schlauer als so manch anderer. Er sah sich die anderen Büsten an. Die meisten waren uninteressant, viele waren Dunkle Jedi, die wahnsinnig geworden waren und hingerichtet worden waren. Doch dann entdeckte Lir die allererste Büste: Darth Ruin. Ein recht alter, männlicher Humanoid, der vor zweitausend Jahren den Jedi-Orden verließ, sich mit verbotenen Lehren beschäftigte und ein Dunkler Lord der Sith wurde. Er gründete die Bruderschaft der Dunkelheit, wurde aber von seinen eigenen Gefolgsleuten verraten und ermordet, worauf der Krieg der Sith begann. Lir beschloss, mehr über die Geschichte der Jedi und der Sith heraus zu finden. Wissen war schließlich immer nützlich. Um zu verstehen, was er als Jedi sein musste und zu tun hatte, musste er vielleicht erst einmal die Vergangenheit der Jedi-Ritter verstehen. Lir war sehr gut gelaunt und hatte sein Versagen beim Training fast vergessen.
Doch beim Mittagessen sah er seinen Bruder Turalyon im Speisesaal und seine Laune senkte sich, als Turalyon ihn feixend zu sich heran winkte. Turalyon saß mit anderen Mitschülern, die er als seine Freunde bezeichnete, an einem Tisch. Doch schließlich war Turalyon sein Bruder, also ging Lir zu dem Tisch, stellte sein Tablett mit dem Essen kurz ab. "Hey, hierher!", hörte Lir jemanden von einem anderen Tisch rufen. Es war Blinky Bano, der zusammen mit Ryan auf ihn wartete. Lir nickte ihnen zu, wandte sich dann aber an seinen Bruder. Turalyon war immer noch ein Kopf größer, war recht kräftig gebaut und hatte eine Narbe am Kinn. Seine schwarzen Haare waren noch immer lang und leicht lockig mittlerweile. Er sah aus, als hätte er einiges erlebt in den vergangenen fünf Jahren. "Treibst du dich immer noch mit diesen Versagern herum, Bruderherz?", fragte Turalyon spöttisch, lächelte dann aber freundlich. "Wie ist es dir ergangen? Du siehst gut aus! Kümmert sich der Wookiee gut um dich, oder gibt er dir nur Essensreste seiner Grunge-Früchte zu essen?" Die anderen am Tisch kicherten, aber Lir selber fand den Scherz gar nicht lustig. "Meister Tyvokka behandelt mich sehr gut. Und er ist ein großer Meister. Besser als Schwertmeister Dooku!" Das Lachen in Turalyons Gesicht verschwand und seine grünen Augen funkelten Unheil verkündend. "Willst du, dass ich dir zeige, wie gut die Lehren von Meister Dooku sind, Kleiner?" Lir blieb ruhig und es schien, als sei es im ganzen Speisesaal der Padawan-Schüler plötzlich totenstill geworden. Lir konnte förmlich spüren, wie sein Körper Adrenalin freisetzte und er griff nach der Macht, war auf alles gefasst. "Zeig's mir", flüsterte er leise und lächelte Turalyon kühl an. Unvermittelt packte Turalyon sein Tablett und schleuderte es nach seinem Bruder. Lir jedoch wehrte mit der Macht ab und das Ronto-Steak landete ein paar Tische weiter, wo es sich Blinky sofort mit dem Rüssel in die Schnauze stopfte. Lir machte einen Rückwärtssalto, landete auf einem der Tische und trat gegen ein Glas mit blauer Milch, welches auf Turalyon zuflog und dessen schwarzen Anzug einsaute. Turalyon rannte jedoch zu ihm, packte eines der Tablette, auf dem Lir stand und zog kräftig dran. Lir landete mit dem Rücken im Fruchtbrei eines anderen Schülers und griff nach einem Glas mit Dactyl, einer ammoniakhaltigen Flüssigkeit und schüttete es Turalyon ins Gesicht, wo es sofort gelbe Pusteln auslöste. Turalyon fluchte und zündete sein Lichtschwert, gerade als Lir wieder auf die Beine gekommen war. Die anderen Schüler wichen zur Seite hin aus, erhoben sich hastig von ihren Plätzen. Zwei von Turalyons Freunden aktivierten ebenfalls ihre Lichtschwerter und versuchten, Lir zu umstellen. Mit einem lauten Trompeten aktivierte Blinky Bano, der kleine Ortolaner, sein blaues Lichtschwert, umklammerte es mit den Stummelfingern und wirbelte mit zuckenden Ohren und Rüssel über die Tische, bis er neben Lir stand. Ryan tat es ihm gleich, schlug einen Salto über die Freunde von Turalyon und entfernte sein Lichtschwert vom Gürtel. "Seite an Seite", flüsterte Ryan und lächelte grimmig. "Wie immer", ergänzte Blinky und griff dann Ari Fel, eine rothaarige Schülerin mit blauem Doppelklingenlichtschwert, an. Trotz seiner geringen Größe und seiner Körpermasse war der kleine, blaue Außerirdische ziemlich schnell und verbissen. Kurz deaktivierte er sein Lichtschwert, schlüpfte zwischen den Beinen der blassen, jungen Frau hindurch, um Ari in den Allerwertesten zu treten, so dass sie mit dem Gesicht voran in einer Schüssel mit Schleim landete. Ryan warf sich auf Lagan Neva, einen adeligen Jedi vom Planeten Alderaan, ehe dieser sein Lichtschwert ziehen konnte und purzelte mit ihm über den Boden. Turalyon griff Lir an, schwang seine grüne Klinge und versuchte, seinen Bruder zu treffen. Doch Lir wich mit einem Sprung aus, hatte sich hinter dem Tisch in Sicherheit gebracht.
Sein eigenes Schwert hatte er noch nicht gezogen. Natürlich war er wütend, wegen der Arroganz und Großspurigkeit seines Bruders. Aber ein Lichtschwertkampf im Speisesaal, das könnte Lir zu einem der Verlorenen machen, man würde ihn aus dem Tempel werfen. Aber andererseits war er nur ein Padawan. Lir schnappte sich eine Corusca-Torte, warf sie nach seinem Bruder. Dieser wollte mit dem Lichtschwert abwehren, zerteilte beide Stücke und bekam die Torte trotzdem ab. Sein Anzug war nun vollkommen ruiniert. Turalyon deaktivierte sein Lichtschwert. "Du bist vielleicht mein Bruder, aber ich lasse mich von dir nicht lächerlich machen!", sagte Turalyon laut und zornig, stapfte auf Lir zu und streckte seine rechte Hand nach ihm aus. Und plötzlich fühlte sich Lir, als würde ihm etwas die Kehle zuschnüren. Langsam, mit wutverzerrtem Gesicht, schloss Turalyon seine Hand, während Lir keine Luft mehr bekam. Er griff sich an den Hals, zog den Kragen seiner Robe weg, doch es half nichts. Er würgte und versuchte, Turalyon zu rufen, ihn zu beruhigen. Ja, das war der Zorn, der zur Dunklen Seite führte. Lir verstand die Warnungen seines Meisters, denn Turalyon hatte ganz offensichtlich sämtliche Kontrolle über sich verloren. Doch so plötzlich, wie dieser telekinetische Würgegriff gekommen war, verschwand er auch wieder und Turalyon und seine Freunde gingen auf den Ausgang zu, wo Schwertmeister Dooku in der Tür stand und recht gelassen aussah. Lir hielt sich den Hals und keuchte, schnappte nach Luft. Er schwor sich, niemals so die Kontrolle über sich zu verlieren. Doch natürlich war es schon fast soweit gekommen. Er hatte beim Training die Beherrschung auf ähnliche Weise verloren, aber Turalyon wollte ihn bewusst durch die Macht würgen, ihn verletzen. Lir schluckte hart und setzte sich auf eine der Bänke. Reinigungsdroiden tauchten auf und beseitigten die Sauerei. Einige der Schüler aßen normal weiter, andere suchten schnell das Weite. Blinky und Ryan setzten sich zu Lir. Sie beide sahen mitgenommen aber zufrieden aus. Blinky war bekleckert mit Zuckerguss und Kartoffelbrei, Ryan hatte violette Soße in den langen, braunen Haaren und ein blaues Auge. "Und da sagen die Leute, hier im Tempel sei nie etwas los", kicherte er zufrieden und biss in eine Hähnchenkeule, als wäre nichts gewesen. Blinky Bano tat es ihm gleich. Stets hungrig, wie er war, wollte er noch soviel essen, wie er konnte, bevor die Reinigungsdroiden ihm alles wegschnappen konnten. Lir zwang sich zu einem Lächeln und hoffte, dass diese kleine Vorstellung keinen Ärger nach sich ziehen würde. Er selber hatte sich diesmal ja relativ gut beherrschen können. Hätte Meister Tyvokka ihn doch nur sehen können. Er hatte seinen Zorn unter Kontrolle gehalten. Obwohl die Sticheleien von Turalyon auch ziemlich schwach gewesen sind. Es schien, als habe Turalyon manchmal ähnliche Probleme, seinen Zorn zu zügeln. Doch eigentlich interessierte ihn nicht, was für Probleme sein Bruder hatte. Er hoffte nur, dass niemand Ärger bekommen würde. Nun sah er seine beiden Freunde an. "Ihr beide wart fantastisch, ihr habt es Fel und Neva ganz schön gegeben." Blinky warf sich stolz in die Brust und quiekte zufrieden, während er sich mit dem Rüssel eine Indigo-Frucht schnappte und sie verputzte. Ryan winkte mit der Hand ab. "Hochmut kommt vor dem Fall. Und Turalyon und seine Freunde können verdammt hochmütig sein!" Lir nickte kurz. Doch war Turalyon auch ein wenig freundlich gewesen, am Anfang. Hätte Lir vielleicht anders reagiert, wäre es gar nicht zum Streit sondern möglicherweise zu einer einigermaßen angenehmen Unterhaltung gekommen. Lir hatte sich gut gehalten, hinsichtlich seines Zorns. Aber als Jedi hätte er noch ruhiger bleiben müssen, noch passiver. Aber er hätte auch nicht damit rechnen können, das Turalyon ihn so erbittert angreifen würde. Dieser telekinetische Würgegriff war ziemlich stark. Hatte Turalyon vielleicht einfach nur nach einem Grund gesucht, ihm seine Stärke zu demonstrieren? Lir seufzte und wischte sich etwas Torte von der Robe. Wenigstens war abgesehen von Turalyon niemand verletzt worden. Die gelben Pusteln würden aber schnell wieder heilen. Auch Ryans blaues Auge war nicht der Rede wert. Lir sah auf sein Chronometer und beschloss, ein wenig meditieren zu gehen. Er verabschiedete sich von seinen Freunden und verließ den Speisesaal. Es gab im Tempel so viele wunderbare Orte. Lir bevorzugte ein riesiges Gewächshaus, den Raum der tausend Quellen, wo Springbrunnen plätscherten und sich Wasserfälle in einen Smaragdwald ergossen. Am nächsten Morgen würde es dann nach Kashyyyk, der Heimat der Wookiees, gehen. Lir freute sich schon darauf.
