Hexenwoche, Ausgabe 16

Hier stehen wir also nun – einundzwanzig hoffnungsvolle und aufgeregte Nachwuchsmodels, die beiden Juroren, Gilderoy Lockhart und Severus Snape, natürlich Heidi Klum und Ihre Rita Skeeter – am Gleis Neundreiviertel im Kings-Cross-Bahnhof und warten auf den Hogwarts-Express, der uns außerplanmäßig nach Hogsmeade bringen wird.

Nachdem wir nun unsere Abteile bestiegen haben, der Pfiff zur Abfahrt ertönt ist und der Zug langsam aus dem Bahnhof herausfährt, erklärt Heidi die erste Challenge:

Im Nebenabteil werdet ihr für uns laufen – in Bikinis und euren High-Heels. Wir müssen eure Figuren sehen können, also keine falsche Scham und keine Panik. Allerdings werdet ihr feststellen, dass es nicht einfach ist, in einem fahrenden Zug zu laufen und zu posieren. Zieht euch jetzt um, ihr habt fünfzehn Minuten. Ihr kommt bitte einzeln zu uns gemäß euren Startnummern, die ihr gestern hattet. Roberta wird euch einweisen. Viel Glück!" …

„Ich soll vor Snape halbnackt hin- und herlaufen?" fragte Ginny entrüstet. Auch einige der anderen Hogwarts-Schülerinnen waren doch recht blass geworden.

„Wo iiist das Problemm?" fragte Fleur.

„Er ist unser Lehrer", antwortete Hermione. „Noch dazu einer, der in Hogwarts nun wirklich keinen Beliebtheitswettbewerb gewinnt."

„Aber ´ier iiist er ein Juror. Und wenn wir nicht laufen, dann dürfen wir gleich wieder nach London zurückfahren. Also …"

Hexenwoche, Ausgabe 16 – Fortsetzung

Und hier kommt die erste junge Dame – es ist Angelina Johnson. Sie besucht noch Hogwarts, ist Mitglied im Griffindor-Quidditchteam und wird im nächsten Jahr ihren Abschluss machen. Sie läuft sehr sicher den Gang entlang, obwohl der Zug doch ziemlich ruckelt. Auch das Posen scheint sie bereits perfekt zu beherrschen …

Heidi und die beiden Juroren nicken anerkennend. „Eine Idee länger in der Pose bleiben", merkt Heidi an. „Ansonsten war das sehr gut."

Es folgen Anna Petruschkin („nicht so mit den Armen wedeln, wenn du in die Pose gehst. Was soll denn das?") und Natalja Krum („nicht an den Sitzen festhalten"), Cho Chang („Kämme dir bitte künftig die Haare aus dem Gesicht"), Paola Lamborghini und Fleur und Gabrielle Delacour …

„Sehr schön!" sagte Heidi zu Luna. „Aber wenn du in der Pose bist, sieh dein Publikum – in diesem Falle uns – bitte direkt an. Versuche einfach, nicht so verträumt auszusehen."

Genau davor hatte Severus die meiste Angst gehabt.

Dass junge Frauen, die er zum Teil schon seit Jahren kannte und unterrichtete, nun mit fast nichts am Leib vor ihm auf- und ab stolzieren würden.

Zunächst hatte er höchst interessiert auf den Boden geblickt und die Muster im Linoleum studiert, aber dann hatte ihm Gilderoy einen schmerzhaften Schlag auf den Rücken versetzt und ihm zugeflüstert: „Wie wollen sie die Damen beurteilen, wenn sie sie nicht ansehen?"

So hatte er sich also die Mädchen in ihren knappen Bikinis mit den jungen, straffen Körpern so beiläufig angesehen wie es ihm möglich war und dabei an seine Froschlurche gedacht, die er in Spiritus in seinem Büro aufbewahrte.

Es hatte nicht geholfen.

Seine Hose wurde immer enger und enger. Als schließlich Patma Patil das Abteil betrat, stand er kurz vor einer Explosion.

Severus hätte es nie für möglich gehalten, dass ein Mensch so wenig Stoff am Leib tragen konnte. Das Oberteil bestand nur aus zwei kleinen Stofffetzchen in der Größe von Galleonen-Münzen, die die Brustwarzen knapp bedeckten und mit dünnen Fäden zusammengehalten wurden.

Als Patma sich umdrehte sah er, dass das äußerst knappe Höschen keine Rückseite hatte – sie reckte den Juroren ihren knackigen kleinen Hintern entgegen. Severus merkte, dass Gilderoy sich unruhig bewegte, ein kurzer Seitenblick überzeugte ihn davon, dass auch seinem Mitstreiter der Schweiß auf der Stirn stand.

„Patma", sagte Heidi. „Als wir sagten, dass wir eure Körper sehen wollten, meinten wir nicht soviel davon. Bitte besorge dir etwas, das aus mehr Stoff besteht."

Patma lief dunkelrot an und nickte.

„Kurze Pause, bitte", flüsterte Severus Heidi zu und ging dann so würdevoll wie möglich zur Zugtoilette. Er musste einfach etwas gegen seine Erektion unternehmen …

Hexenwoche, Ausgabe 16 – Fortsetzung

Wie wir euch bereits bei der Abfahrt gesagt haben – für einige von euch endet die Teilnahme an „The Magic World's next Top Model" hier und jetzt. Der Hogwarts-Express wird diejenigen, die nicht weiter gekommen sind, mit zurück nach London nehmen. Ich werde jetzt diejenigen aufrufen, die uns nicht weiter auf unserem Weg begleiten werden …"

Die Diskussion war hart gewesen, aber letztlich hatte Heidi auf der ganzen Linie gewonnen.

„Schön, wenn man zwar seine Meinung sagen darf, sie aber kein Gehör findet", hatte Severus gedacht. „Am besten macht man es wie Gilderoy – keine Meinung haben".

Er vermutete, dass Gilderoy nur teilnahm, um noch ein paar Bücher zu verkaufen – wenn es seiner Popularität nutzte, würde der „bekannte und berühmte" Entdecker, Abenteurer, Casanova und wer-weiß-was-sonst-noch Gilderoy Lockhart nackt vor dem „Tropfenden Kessel" Butterbier ausschenken und dazu Walzer tanzen.

„Gabrielle ist einfach noch zu kindlich", sagte Heidi gerade. „Sie sieht aus als würde sie noch mit Puppen spielen. Ein Model sollte aber erwachsen rüberkommen."

„Pansy ist zu klein, zu dick, und sie hat Cellulite – das ist schon fast so etwas wie das Todesurteil in diesem Business …"

Severus wusste, dass Lucius ihm wohl gleich eine Eule schicken würde, sobald Pansy wieder in London war. Schließlich sah er in ihr schon seine künftige Schwiegertochter.

„Millicent wirkt wie ein Gunnery Sergeant beim US-Marine-Corps, Patma war entschieden zu sexy – das war ja schon versuchte Juroren-Bestechung, und Ursi wirkt wie eine Magd auf dem Weg zum Kühemelken …"

„… was sie ja auch ist", dachte Severus. Ursi aus der Schweiz war Sennerin, ein frisches, dralles und keckes Mädchen. Wenn er mit einem der Nachwuchsmodels ein Date hätte vereinbaren sollen, wäre sie wohl seine erste Wahl gewesen – sie wirkte so natürlich.

Niemand würde ihn daran hindern, ein paar Tage Urlaub in der Schweiz zu machen, wenn dieser ganze Unsinn vorbei war …

Hexenwoche, Ausgabe 16 – Fortsetzung

Fünf enttäuschte junge Damen besteigen wieder den Hogwarts-Express, um nach London zurück zu fahren. Sie werden umarmt, Tränen fließen …

Was werden sie jetzt tun, Millicent?" frage ich eine von ihnen.

Nicht allzu enttäuscht sein, den Rest meiner Ferien genießen und dann wieder zur Schule gehen", sagt Millicent Bullstroke mit tränenerstickter Stimme.

Wünschen wir unseren gescheiterten Nachwuchsmodels Glück, liebe Leserinnen und Leser und applaudieren wir ihnen noch einmal zu. Aus einer Menge von Tausenden von Einsendungen wurden sie ausgewählt und sind bis hierher gekommen. Auch das ist schon ein großer Erfolg …