04. Orem, Utah

Die junge Kanadierin saß seit Stunden im Wohnzimmer eines kleinen Zweiraumapartments und zappte apathisch durch die Fernsehkanäle. Ihre stark verquollenen Augen verrieten, dass sie geweint hatte.

Sie überhörte das kurze Schleifen zweier Metalle gegeneinander und das anschließende Klicken des Türschlosses. Die Tür schwang auf und löste sofort einen starken Durchzug aus. Scheinbar stand das Fenster irgendwo offen. Der Amerikaner klemmte seine halb heruntergebrannte Zigarette fester zwischen die Lippen, löste seinen Schlüssel aus dem Schloss, ließ ihn in die Tasche seiner Lederjacke gleiten und hing diese an einen Haken im Flur auf. Die farbenfrohe Mischung kalten Fernsehlichtes schien durch die halbgeöffnete Zimmertür und erhellte die weiße runde Wanduhr im Flur. Es war drei Uhr morgens.

„Hey Julie.", sagte er leise. Die junge Frau machte keine Anstalten, sich zu ihm umzudrehen. Sie nahm einen schnellen Luftzug durch die Nase und ermahnte sich, ihre Tränen vor seinen Augen nicht wieder aufs Neue fließen zu lassen.

Er trat zu ihr heran, nahm ihr die Fernbedienung sanft aus der Hand und schaltete das Gerät aus, während er sich zu ihr herunterbeugte und einen Kuss auf ihre rechte Schläfe drückte. Sie zuckte kurz zusammen, doch seine Müdigkeit ließ es ihn nicht bemerken. „Du solltest längst im Bett sein, Liebes", sagte er sanft, „Weißt du, wie spät es ist?" Er zog ein letztes Mal an seinem Zigarettenstummel, drückte diesen im Aschenbecher auf dem Zeitungstisch aus und schlurfte langsam in Richtung Badezimmer. Sie vernahm die Toilettenspülung, hörte den Wasserhahn laufen und identifizierte das anschließende Geräusch als das einer schäumenden Zahnbürste gegen die Zähne. Sie seufzte und griff erneut nach der Fernbedienung.

Eine gute Viertelstunde und eine erfrischende Dusche später trat der Amerikaner in Boxershorts aus dem Bad und wunderte sich, seine Freundin noch immer, oder besser gesagt wieder, in der gleichen Sitzposition verharrt vorzufinden.

„Julie? Ist irgendwas?"

„Ach, hör doch auf, Kurtis." Sie zwang ihre Stimme, stark zu klingen und scheiterte dabei. „Wie kannst du mir das nur antun?"

Der Amerikaner runzelte die Stirn und ließ sich zu ihr aufs Sofa fallen. „Wovon redest du, Liebes?" Er wusste wirklich nicht, was vor sich ging.

„Jetzt tu doch nicht so. Denkst du, ich weiß nicht, was vor sich geht? Meinst du wirklich, ich weiß nicht, warum du immer erst so spät nach Hause kommst? Und dann bist du von allen Kräften verlassen, willst nur noch schlafen und scherst dich einen Teufel um mich und wie ich mich dabei fühlen muss. Seit wann hast du eine Neue?"

„Denkst du wirklich, ich würde dich betrügen?", fragte er leise. Auf einmal wurde ihm bewusst, dass sie fast die komplette vergangene Woche auf genau die gleiche Art und Weise in seiner Wohnung auf ihn gewartet hatte.

„Was soll ich denn deiner Meinung nach denken? Dass du von früh bis spät in Bibliotheken herumsitzt und alte Texte analysierst? Das ist weltfremder Bullshit, hältst du mich denn für so naiv?! Du hast dich so sehr verändert, schon seit du aus Europa zurückgekommen bist."

„Julie, nimm es mir nicht übel, aber ich bin wirklich müde. Können wir bitte morgen darüber reden? Ich hatte einen anstrengenden Tag."

„Morgen… immer heißt es morgen!" Sie konnte ihre Verzweiflung in die Augen aufsteigen spüren, „Mein Gott, Kurtis, was hat man dort mit dir gemacht? Du bist wie ausgewechselt! Erst dachte ich, es wäre nur eine Frage der Zeit, bis diese Phase verflogen ist. Doch aus Tagen wurden Wochen und aus Wochen wurden Monate - mittlerweile ist es schon fast ein Jahr her!"

Kurtis seufzte tief. Er mochte Julie sehr, glaubte, sie zu lieben, und trotzdem hatte er ein Problem, mit ihr über sich zu sprechen. Sie war oft launisch und unternahm in ihrer Freizeit sehr viel mit ihren Freundinnen, denen sie selbstverständlich alles erzählte. Und das machte ihn stutzig. Seit seiner frühesten Kindheit war er mit seinen Eltern stets auf der Flucht gewesen und lebte gerne inkognito. Julie seine Lebensgeschichte näher zu bringen und von seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten zu erzählen, bedeutete, sich einem unnötigen hohen Risiko auszusetzen. Er konnte sich nicht ausmalen, was geschehen würde, wenn derart sensible Informationen in die falschen Hände gelangen würden. „Es stimmt", begann er, „ich habe viel über die Vergangenheit meiner Familie erfahren…"

„Na dann rede mit mir, Kurtis! Ich weiß absolut nichts von deiner Kindheit. Manchmal ist mir so, als kenne ich dich gar nicht. So kann das nicht weitergehen, das ist doch keine gesunde Beziehung!"

Der Amerikaner seufzte. Er sehnte sich nach seinem Bett. „Das ist doch Blödsinn, wir kennen uns seit vier Jahren und –"

„- und sind seit drei zusammen, genau. Aber sollte genau das nicht Grund genug sein, mir zu vertrauen und mir zum Beispiel zu verraten, was es mit deinem Bauch und deinem Rücken auf sich hat?"

Kurtis stutzte. Dank seiner mentalen Kräfte hatte er, seitdem er aus Prag zurückgekehrt war, die permanente Illusion einer unversehrten Bauchdecke hervorrufen können. Seine Angelegenheit mit den Cabal ging keinen außer ihn und seine Mutter etwas an. Wie konnte es also sein, dass Julie von seinen Narben wusste?

„Ich kann mir nicht logisch erklären, warum deine Haut sich so seltsam rau anfühlt und du dort so sensibel bist.", seufzte sie, „Früher bist du das nie gewesen. Und im Schlaf greifst du oft an genau diese Stelle und murmelst „Eggar", was auch immer das bedeuten hat. Oder ist das der Name deiner Affäre?" Sie brach in Tränen aus.

Der Amerikaner fühlte sich von seinem Unterbewussten gedemütigt und bloßgestellt. „Ich habe keine Affäre", fuhr Kurtis sie an, „begreife das doch endlich! Eckhardt ist der Mörder meines Vaters!" Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, wollte er die Zeit zurückdrehen und es ungeschehen machen. Er hatte Julie erzählt, dass sein Vater bei einem Zugunglück ums Leben gekommen war. Er stand auf und ging schnurstracks ins Schlafzimmer, wo er sich aufs Bett setzte und den Kopf in die Hände stützte.

Kannst du nicht ein einziges Mal überlegen, bevor du drauf los redest, Trent?

„Deine Mutter hat angerufen.", schluchzte Julie still.

Kurtis atmete tief durch und zwang sich zu einem neutralen Tonfall. „Wirklich? Dann ist sie wohl zuhause angekommen. Wie geht es ihr?"

„Weiß ich nicht. Sie hat aufs Band gesprochen."

„Aufs Band?", wiederholte er. Das war gar nicht ihre Art. Die Kanadierin schwieg. Er trat zum kleinen schwarzen Gerät neben dem Telefon und drückte die Play-Taste herunter. Dem gewohnten Signalton folgte die am selben Tag empfangene Nachricht.

21.28 - Salut, bébé. T'es où? J'ai essayé de t'appeler quand j'ai apponté ici à Salt Lake. Ton GSM était éteint, comme toujours! J'ai visité la tombe famille des Heissturm sans savoir ce qui m'attendra…. c'était horrible... Kurtis, faut que je te montre une chose qui ne va pas te plaire du tout. Bigo moi quand tu retournes, vraiment je t'en prie! … Non, en fait, il était mieux si tu viens immédiatement. Je t'attends, fais vite, chéri. Grands bisous, Maman.

„War Marie in Frankreich?", wollte Julie wissen.

Er schüttelte den Kopf. Der Amerikaner hatte ganz verdrängt, dass Französisch die Muttersprache seiner Freundin war. Marie benutzte die Sprache nur dann, wenn keiner außer ihm sie verstehen sollte. Das verzögerte Umschalten von einer Sprache auf die Andere wäre ein weiterer Grund gewesen, warum sie die Sprache benutzt haben könnte, doch das war nicht der Fall. Sie hatte entfernte Verwandte in Rumänien besucht. Auf dem Rückweg hatte sie nach Wien fahren wollen, um das Familiengrab der Heissturms zu besuchen und anschließend von dort aus wieder in die USA zu gelangen. Eine unendliche Ruhe und Geduld hatte Kurtis' Mutter immer umgeben, ganz egal, welcher Situation sie ausgesetzt war. Die Stimme, die aufs Band gesprochen hatte, klang besorgt und nervös. Etwas stimmte nicht. Was konnte sie am Grab seines Großvaters so Schreckliches gesehen haben, dass es sie in einen solchen Zustand versetzt hatte? Kurtis wurde das Gefühl nicht los, dass ihn seine Vergangenheit in irgendeiner Form ein weiteres Mal aufsuchte und seine Präsenz in Europa dringlichst erforderte. Er eilte ins Bad, wo er seine Kleidung liegengelassen hatte und zog sich hektisch wieder an.

Julie Pinard konnte ihren Augen kaum glauben. „Was machst du da?"

„Ich fahre zu ihr." Schnellen Schrittes trat er ins Schlafzimmer, schob eine Schrankwand zur Seite und fischte nach seiner Boran X und einigen Magazinen Munition, die er in seiner Hose verstaute.

„Aber sie meinte doch, du sollst sie anrufen. Kann das nicht bis morgen warten? Es ist spät und du wolltest doch gerade noch schla-" Die Rothaarige schoss hinauf, als sie den metallisch glänzenden Lauf seiner Halbautomatik in seinem Hosenbund erspähte. Gedankenfetzen strömten wie ein Wasserfall aus ihrem Mund. „Oh mein Gott! Kurtis, du hast eine Waffe? Das hast du mir nie erzählt! Was willst du mit einer Waffe bei deiner Mutter?-" Die junge Frau wurde auf einen Schlag kreidebleich und begann, wie verrückt zu zittern.

Kurtis verfluchte sich. Er hätte vorsichtiger mit der Pistole sein sollen. Er trat auf sie zu und fasste sie sanft, aber bestimmt an beide Schultern. „Julie", sprach er sanft, „ich kann spüren, dass hier etwas nicht stimmt. Ich muss sofort zu meiner Mutter. Und keine Sorge, ich weiß, wie man mit einer Waffe umgeht." Er griff nach seiner Lederjacke, die er vor kurzem erst aufgehängt hatte und wollte gerade seine Wohnung verlassen, als sich ein hektisches Szenario in seinem Kopf direkt vor seinen Augen abspielte.

Eine Schar uniformierter und bewaffneter Polizisten traten durch die Haustür. Die weiße Wanduhr zeigte Viertel nach Fünf. Julie saß am Küchentisch und babbelte irgendetwas vor sich hin. Ein hispanischer Cop befand sich ihr gegenüber und kritzelte energisch auf einen kleinen Notizblock. Er riss den beschriebenen Zettel heraus, hielt ihn hoch in die Luft, rief den anderen etwas zu und reichte das Blatt einem Officer. Dann strömten die Polizisten aus der Wohnung.

Kurtis hielt inne. Julie würde ihn also verraten. Er wusste, dass er das nicht verhindern konnte. Aber er spürte, dass eine Verzögerung möglich war. Er eilte zurück in die Wohnung und zog aus dem doppelten Boden einer Schrankschublade ein unscheinbares Portfolio, eine für ihn unbezahlbare Sammlung von Erinnerungsstücken an seinen Vater. Sämtliche Briefe, mehrere Tagebücher und eine große Kollektion von Notizen waren darin enthalten. Er kniete sich vor seine Freundin, die ins Sofa zurückgesackt war und mit weit aufgerissenen Augen in die Leere vor sich starrte.

"Julie, bitte mache dir keine Sorgen. Ich werde zu meiner Mutter fahren, mit ihr reden und herausfinden, was passiert ist und welche schreckliche Sache sie mir unbedingt zeigen muss. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber ich werde vermutlich zu müde sein, um nach Hause zu kommen und hier zu schlafen. Vertraust du mir?"

Der Blick der Rothaarigen zeugte von Terror, aber sie nickte. „Versprich mir, dass, egal was passiert, du nicht abdrückst! Bitte, versprich es mir!" Plötzlich war ihm, als würde ein schwerer Vorhang vor seinen Augen weggezogen. Er realisierte endlich, was wohl schon in seinem Unterbewusstsein verharrte. Ihm wurde klar, dass sie die Wahrheit über ihn niemals verkraften würde. Er konnte sich nicht vorstellen, sein Leben mit ihr zu teilen. Kurtis brauchte keine weitere Minute Bedenkzeit. Er lächelte. „Ich verspreche es. Und jetzt geh schlafen, ja? Ich melde mich morgen." Er küsste sie sanft zum Abschied und strich mit dem Daumen über ihren Kiefer. Dann erhob er sich und verließ die Wohnung.

An der Türschwelle spielte sich exakt das gleiche verzerrte Bild erneut vor seinem mentalen Auge ab, doch als er diesmal auf die Wanduhr achtete, wurde sie mit hellem Tageslicht beschienen und zeigte Sieben Uhr Dreißig.

Von Orem konnte Kurtis Salt Lake City in gut 45 Minuten bei eingehaltener Geschwindigkeit erreichen. Er plante eine halbe Stunde Fahrt ein und gab Marie Cornel maximal drei Stunden Zeit, um ihn von den Geschehnissen zu informieren. Spätestens dann musste er in einem Flugzeug nach Europa sitzen.