Männergeschichten
„Gott, Annie, du kannst nicht wie ein Opfer in einer Ecke hocken! Das ruiniert unseren Ruf!" Duncan hatte gewartet, bis der Aufzug hinter ihnen die Türen schloss, bevor er Annie anfuhr. Seine Laune war seit Stunden immer weiter bergab gegangen.
„Was, Duncan? Hast du festgestellt, dass deine Chancen nicht so gut stehen das Ende der Spiele zu erleben?" Die Tribute aus den Karriere-Distrikten waren schlichtweg furchteinflößend.
„Nein! Ich habe festgestellt, dass alle denken, ich bin so ein Jammerlappen, wie du! Ich muss mich drei Mal so viel anstrengen, um Eindruck zu machen, wie mit einem anderen Mädchen!"
Annie wirbelte herum. „Du armer Kerl. Du musst dich anstrengen! Oh, das tut mir aber leid! Ich wollte deine gloriosen Tage vor deinem jämmerlichen Tod nicht verderben."
Duncan griff nach ihrem Arm und drückte sie gegen die Wand. Seine Stimmung hatte sich schlagartig verändert. „Ich wüsste, wie du meine Tage vor meinem jämmerlichen Tod versüßen könntest." Er presste seinen Körper an ihren. Ein eisiger Schauer überlief sie. Duncans Blick veränderte sich, aber sie konnte ihn nicht lesen. Seine Stimmungsschwankungen machten ihr Angst. Aber seit einigen Tagen machten ihr viele Dinge Angst.
„Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du mich nicht anfassen sollst!" Ein Grinsen breitete sich auf Duncans Gesicht aus, dass ihr nicht gefiel. „Und, was willst du dagegen tun, Prinzessin?" Seine Hand berührte ihre Wange, dann glitt sie an ihrem Hals hinab, über ihre Schulter zu ihrer Brust.
Die Berührung vertrieb ihre Angst und Wut nahm ihren Platz ein. Sie schlug seine Hand weg und stieß ihn von sich. Duncan, der nicht mit Gegenwehr gerechnet hatte, stolperte nach hinten. „Lass' deine verdammten Finger bei dir!", schrie Annie ihm ins Gesicht.
Duncan begann zu lachen. „Hey, wieso kannst du das nicht im Trainingsraum machen? Dann würdest du wesentlich mehr Respekt erlangen. Oder ist das deine Masche? Die unschuldige Kleine mimen und dann alle hinterrücks abmurksen?" Er trat dicht an Annie und zischte: „Ist es das Annie?" Er trat zurück und musterte sie von oben bis unten, dann schrie er sie an. „Ist es das?" Dann drehte er sich auf dem Absatz um. Einige Sekunden später hörte sie, wie er seine Zimmertür hinter sich zuknallte.
Erleichtert atmete Annie auf.
Aber die Erleichterung war nur kurzlebig. Während sie sich in ihrem Zimmer umzog, verebbte ihre Wut und die scheinbar allgegenwärtige Angst nahm wieder zu. Alles war so hoffnungslos. Ihre eigene Hilflosigkeit machte sie wütend. Wütend auf die anderen Tribute, die ihren Tod planten, Wut auf ihren Vater, der seinen Mund nicht halten konnte und Wut auf das gesamte System, dass solche barbarischen Spiele zuließ. Ihre Wut nahm im Laufe des Abends noch zu, als sie alleine mit Ramona im Wohnzimmer das luxuriöse Abendessen zu sich nahm. Weder Duncan, noch Finnick zeigten sich.
„Wo sind Finnick und Duncan?" Annie ließ ihren Löffel klappernd auf den Tisch fallen. Ramona zuckte zusammen. Kritisch begutachtete sie den Löffel. Die rötliche Suppe hinterließ rosa Flecken auf dem weißen Tischtuch, die sich immer weiter ausbreiteten. „Finnick hat eine Verabredung. Duncan wollte in seinem Raum essen.", erklärte sie gepresst fröhlich.
Heißer Zorn wallte in Annie wieder auf. Ein Bild von Finnick und einer unbekannten Schönheit, die sich eng aneinander pressten erschien vor ihrem Auge. Finnick Odair amüsierte sich! Sie und Duncan waren nur eine Randnotiz in seinem Leben – unwichtig, schnell vergessen, vielleicht noch gut, für eine Geschichte für seine Enkel, weil sie die ersten waren. Aber nach ihnen würden noch andere kommen – viele Verlierer und wenige Sieger. Aber nur die Sieger zählten in diesem Spiel, denn alle anderen existierten nicht mehr. Die toten Tribute wurden weggeschafft. Es gab nicht einmal Gräber für sie. Sie hörten auf zu existieren, man vergaß sie.
Annie sprang auf. „Ich esse auch auf meinem Zimmer." Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und lief im Stechschritt zu ihrem Raum. Die Tür fiel knallend ins Schloss. Sie schnappte sich ein Kissen, hielt es sich vor das Gesicht und schrie.
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Stunden später stand sie barfuß vor dem geöffneten Kühlfach und aß von der Platte mit dem kalten Fleisch. Ramona würden einen Anfall bekommen, wenn sie sie so fand. Kichernd schnappte sie sich einen kleinen Kuchen und eine Glasflasche mit Milch. Beides nahm sie mit zu einem der Sofas im Wohnbereich. Als sie den Kuchen gegessen hatte, machte sie sich auf die Suche nach Schokolade. Sie war sich sicher, dass sie irgendwo in der Küche welche finden würde. Tatsächlich fand sie in einem der Schränke eine ziemlich große Box mit Pralinen. Grinsend nahm sie die Box aus dem Schrank und begann bereits auf dem Weg zum Sofa die gefüllten Leckereien in ihren Mund zu stopfen. Sie konnte auch das Beste aus der Zeit machen!
Traurig sah sie einige Zeit später auf die leere Box. Vielleicht konnte sie jemanden rufen, der ihr mehr besorgte? Bevor sie sich aufraffen konnte, etwas zu tun, hörte sie die Tür zum Appartment.
Ärgerlich bemerkte sie, dass sie Finnick schon an seinen Schritten erkannte. Erstaunlich, dass er überhaupt noch nach Hause kam und nicht gleich die ganze Nacht bei seiner neuesten Eroberung blieb. Bevor sie sich zurückhalten konnte, platze sie heraus: „Solltest du dich nicht um andere Dinge kümmern, als eine weitere Weibergeschichte?"
Finnick zuckte zusammen. Er hatte sie im Dunkeln nicht gesehen. Sie schaltete die kleine Tischlampe an. „Solltest du nicht im Bett liegen, um für das Training morgen fit zu sein?", konterte er.
Annie lachte trocken. „Wozu? Ich kann nicht aufholen, was andere in Jahren gelernt haben."
Finnick seufzte. Sie konnte ihm ansehen, dass er sich nur aus reinem Pflichtbewusstsein weiter mit ihr unterhielt. „So kannst du das nicht sehen! Manchmal gewinnen auch Tribute, die sich zurückhalten."
Annie hatte seinen Zweckoptimismus satt. „Hast du die anderen gesehen? Die werden sich erst diejenigen vornehmen, die sich ‚zurückhalten', bevor sie übereinander herfallen."
Finnick setzte sich auf das Sofa und wandte sich ihr zu. „Im Moment lässt sich noch nichts sagen. Viel hängt von der Arena ab."
„Alle Arenen sind tödlich!" Finnick konnte sagen, was er wollte, heute brachte sie alles auf die Palme. Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Eine Wolke süßlichem Parfüms stieg ihr in die Nase. Annies Wut, die mit der Schokolade abgenommen hatte, regte sich wieder.
„Was willst du von mir hören, Annie? Dass du keine Chance hast und wahrscheinlich in den ersten zwei Minuten der Spiele abgeschlachtet wirst?" Seine Stimme klang kalt, gefühllos.
Erschrocken stellte sie fest, dass seine Wortesie tatsächlich verletzten. Sehr. Obwohl er nur das wiederholte, was sie dachte. Tränen traten in ihre Augen.
Als er das sah, ruderte er sofort zurück. „Tut mir leid, Annie! Aber …"
Sie wollte das nicht hören. Nicht höfliche Entschuldigungen, nachdem er endlich das gesagt hatte, was er dachte. Annie hob ihre Hand und brachte ihn damit zum Schweigen. „Du hast ja Recht! Ich weiß selbst nicht, was ich hören möchte! Ich weiß, dass ich keine Chance habe und wünsche mir, jemand würde mich beruhigen, aber wenn du das dann versuchst, macht es mich nur wütend, weil ich denke, du hältst mich für blöd!"
Sie hatte damit gerechnet, dass er ihr widersprach, aber zumindest etwas sagte, aber er sah sie einfach wortlos an. Das Schweigen dauert zu lange an. Es war ihr unangenehm. Sie strich sich ihre Haare aus dem Gesicht. Als Finnick immer noch nichts sagte, versuchte sie es mit einem Themenwechsel. Sie setzte ein gezwungenes Lächeln auf. „Hattest du wenigstens Spaß?"
Verwirrt sah er sie an. Dann schüttelte er den Kopf. „Du verstehst das nicht."
Annie war fassungslos. Er hielt sie wirklich für dumm! „Was gibt's da zu verstehen? Du magst Frauen und sie mögen offensichtlich dich! Du nimmst dir die, die dir gefallen und lässt sie nach einigen Malen fallen, wie heiße Kartoffeln. Also darf man ja wohl davon ausgehen, dass es dir wenigstens Spaß macht!"
Einen Moment sah Finnick sie wieder nur schweigend an. Heiß durchfuhr es Annie, er würde sie einfach ignorieren. Aber dann lachte er trocken. „Ja, so muss das wohl sein!"
Einen Moment musterte Annie ihn. Wollte er ihr wirklich weiß machen, dass er das alles nicht genoss? „Es macht dir keinen Spaß? Wieso machst du es dann?"
Finnick zuckte mit den Achseln.
Er hatte sie verletzt, fast zum Weinen gebracht, das hatte sie noch nicht vergessen. Natürlich gab es gemeine Dinge, die über Finnick erzählt wurden. „Zu Hause sagen sie, du würdest damit deine Probleme verdrängen. Du weißt schon, so wie der alte Fred nie von seinem Boot runterkommt."
Der alte Fred war der älteste noch lebende Sieger der Spiele aus ihrem Distrikt und man erzählte sich, er habe nach der Siegestour nie wieder sein Boot verlassen.
Finnick sah sie gleichmütig an. „Ich weiß, was man sich über mich erzählt."
Einen Moment dachte Annie über Fred und Finnick nach. Sie sah es manchmal in Finnicks Augen. Ein neuer Gedanke kam ihr. „Vielleicht ist es nicht gut zu gewinnen. Vielleicht bin ich nicht so schlecht dran. Ich möchte mein Leben, so wie es jetzt ist, nicht verlieren. Aber wer weiß, wie es sein wird, wenn ich die Spiele überlebe und andere Menschen getötet habe."
„Wenn es so weit ist, übernimmt der Überlebenswille und man kämpft." Finnicks Stimme klang kalt und fest, aber sein Blick flackerte. Sie hatte scheinbar einen Nerv getroffen. „Ich habe mich immer gefragt, wie das ist, wenn man 14 ist und alle anderen überlebt hat. Es klingt grässlich!" Ihr Herz hatte in den Spielen immer für die Jüngsten geschlagen, aber niemals hatte eines der Kinder überlebt. Bis auf Finnick. Sie konnte sich nur schwer an den Finnick vor den Spielen erinnern, aber sie konnte sich an ein strahlendes Lächeln erinnern, dass bis zu seinen Augen reichte. In dem Interview vor den Spielen hatte er damit alle Zuschauer erobert. Sein Lächeln nach den Spielen erreichte nie wieder seine Augen.
Jetzt füllten Tränen diese Augen. Er blinzelte und sie konnte sehen, wie er um Fassung rang. Als er sich wieder im Griff hatte, stand er auf und sah sie von oben herab an. „Entweder du tötest oder wirst getötet – egal, wie alt du bist. Du entscheidest, ob du von Anfang an aufgibst!" Damit drehte er sich um und verließ das Wohnzimmer.
Annie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Dieser Tag war einer der schlimmsten ihres Lebens.
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Es war schon spät. Das Training sollte bald zu Ende sein. Für Annie hätte es auch gut schon vor Stunden beendet werden können. Seufzend sah sie auf den Speer in ihrer Hand.
„Träum nicht! Wirf das Teil endlich!" Duncan zischte sie an. Erschrocken zuckte sie zusammen, klappernd fiel der Speer zu Boden. Lachen erklang hinter ihr. Lautes, gemeines, hämisches Lachen. Mit hochrotem Kopf hob sie den Speer wieder auf.
„Hey, Süße, du wirst die Vorspeise werden!" Annie erkannte sofort die Stimme von Beryl, dem Tribut aus Distrikt 1. Ihre Hand um den Speer spannte sich an. Sie konnte Tuscheln hinter ihrem Rücken hören, dann wieder lautes Gelächter. „Wirfst du noch, oder wartest du, bis ihm Flügel wachsen?"
Duncans Stimme riss sie aus ihrer Starre. Mit einem entschlossenen Schritt hob sie den Speer und warf ihn auf die Zielscheibe. Einen Moment beschrieb er eine perfekte Kurve, dann fiel er, wie ein Stein zu Boden. Zwei Meter vor der Zielscheibe.
Eine weitere Welle von Gelächter brandete hinter ihr auf. „Himmel, du kannst aber auch nichts!" Duncans abfällige Bemerkung traf sie genauso, wie die mitleidigen Blicke der abgemagerten Tribute aus Distrikt 12. Tränen stiegen ihr in die Augen.
Sie hatte es satt! Sie würde das Training für heute beenden. Egal, was die Offiziellen sagen würden. Was wollten die machen? Ihr eine schlechte Bewertung geben? Hah! Mit hocherhobenem Kopf drehte Annie sich um und lief zum Ausgang des Trainingssaals.
Sie streckte gerade die Hand nach der Türklinke aus, als sie im Schritt herumgewirbelt wurde. Beryl stand wenige Zentimeter von ihr. Mit seinem Körper drängte er sie noch das letzte Stück zur Tür. Die Klinke presste sich in ihren Rücken.
Beryl grinste anzüglich. „Willst du schon gehen, Prinzessin? Der Spaß fängt doch erst an!"
Annie konnte es nicht glauben, dass sie innerhalb von zwei Tagen zum zweiten Mal die gleiche Situation erlebte. Die Wut, die sich seit Tagen in ihr immer weiter angestaut hatte, brach sich nun Bahn. „Laß' mich sofort los!", zischte sie.
Beryl hob eine Augenbraue. Seine kalten blauen Augen musterten sie abfällig. „Sonst passiert was? Nein, ich glaube, ich lasse dich nicht los. Im Gegenteil. Wenn du etwas freundlicher zu mir bist, dann wird dein Tod ein schneller, schmerzloser sein. Ansonsten kann ich mir sicher etwas Besonderes für dich einfallen lassen, was es unerträglich lange hinauszieht."
Er presste seinen Unterleib an sie, während seine Hand ihre Brust begrabschte.
Sie konnte nicht weit ausholen, weil sie die Tür im Rücken hatte, aber ihre Wut gab ihrem Knie Kraft, als es in Beryls Unterlaib krachte. Mit Genugtuung sah sie Schock und dann Schmerz in seinen Augen. Er ließ von ihr ab, krümmte sich zusammen und hielt seine Hände gegen seinen Unterlaib gepresst.
Annie stieß ihn noch weiter von sich, damit sie durch die Tür verschwinden konnte. Auf dem Gang zum Aufzug hörte sie Beryl schreien. „Ich mach dich kalt, du kleine Schlampe. Und vorher wirst du noch sehr freundlich zu mir sein!"
Kalt lief es ihr über den Rücken. Sie hatte nur noch wenige Tage bis die Spiele begannen und sie hatte sich einen gefährlichen Feind gemacht. Tränen traten ihr wieder in die Augen. Aber sie konnte es nicht bereuen. Dieser Mistkerl hatte noch ganz andere Dinge verdient.
„Annie, warte!" Duncan joggte den Gang entlang. Gemeinsam traten sie in den Aufzug. „Ich möchte mich für mein Benehmen gestern entschuldigen!", erklärte er, sobald die Aufzugstüren sich mit einem zischen geschlossen hatten. Erstaunt sah sie ihn an. „Wieso?"
Röte schoss in Duncans Gesicht. „Mir ist gerade klar geworden, dass ich mich wie ein Idiot verhalten habe." Annie zog die Stirn kraus. „Wieso?", wiederholte sie.
Duncan wich ihrem Blick aus. „Weil ich mich wie dieser perverse Mistkerl verhalten habe. Und so bin ich nicht." Annie musterte ihn kritisch. Er schien es wirklich ernst zu meinen. „Gut."
Vielleicht würde es von jetzt an leichter werden, wenn zumindest Duncan sie in Frieden ließ.
