Kapitel 4: Sprechender Hut
„Willkommen auf Schloss Hogwarts! Mein Name ist Professor McGonagall. Sie werden gleich in die Große Halle geführt und dort auf die Häuser verteilt." Vor mir stand eine große streng dreinblickende Hexe. Ihre Haare hatte sie zu so einem festen Knoten frisiert, dass mir schon selbst der Kopf wehtat.
Ich spürte ihre Autorität und dass sie es gewohnt war, Befehle zu geben. Ich streckte meinen Geist etwas aus und berührte ihre Aura. Sie pulsierte schwach und offenbarte mir ein großes, mit reichlichen Erfahrungen bestücktes magisches Potential. Irgendwie hatte ich es mir zur Angewohntheit gemacht, jede Hexe und jeden Zauberer so auf ihre magische Stärke zu „testen".
Im Gegensatz zu meinen Todesvisionen, war diese Fähigkeit sehr nützlich und hat mir auch schon oft geholfen. Neben dem magischen Pulsieren der Magie spüre ich nämlich auch, oder vielmehr sehe ich, welchen Charakter die Person vor mir hat, die Aura zeigt sich mir dann in Farben, die für verschiedene Eigenschaften stehen.
Professor McGonagalls Aura erstrahlte in Farben, denen ich Strenge aber auch Fairness zuordne. Ich seufzte innerlich. Der Unterricht bei dieser Lehrerin musste kein Zuckerschlecken sein.
In dem Moment gingen die Türen zur Großen Halle auf. Ich bemerkte, dass ich den Rest des Vortrages der älteren Hexe nicht mitbekommen habe. Zum Glück jedoch haben mir meine beiden Zugbekanntschaften Ginny und Hermine schon das Wichtigste erzählt, sodass ich nun hinter den aufregenden Erstklässlern hinterher gehe.
Vor mir lag eine halle mit brennenden Kerzen geschmückt, die die Atmosphäre gemütlich aber auch erhaben wirken lassen. An den Wänden hingen Banner, die die Schulwappen zeigten.
Als ich hoch zur Decke der Halle sah, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein klarer Nachthimmel mit funkelnden abertausenden Sternen bedeckte die Halle und ihre Besucher. Wie in Trance starrte ich, während ich weiterging, die Decke an und ich fühlte den Zauber Hogwarts, seine schlosseigene Macht, tief in mir.
Professor McGonagall bedeutete uns, uns mit dem Gesicht zu den anwesenden Schülern aufzustellen und holte einen Schemel und einen alten schäbig aussehenden Hut, den sie vor uns stellte.
Gebannt schauten alle Schüler zu dem Hut und gerade als ich mir die Frage stellen wollte, worauf den alle verdammt noch mal warten, öffnete sich die Hutkrempe und den Hut begann – eigenartigerweise - zu … singen!
Vollkommen irritiert schaute ich in der Halle umher. Mir schlich sich der Gedanke durch den Kopf, dass das hier unter Halluzinationen, hervorgerufen durch meine Vision von vergangener Nacht, fallen würde.
Dass jedoch auch alle anderen zur gleichen Zeit ebenfalls unter dieser sehr grotesken Halluzination litten, war gänzlich unmöglich. Ihre erwartungserfüllten Gesichter, die alle auf den Hut starrten, ließen meinen Blick wieder auf das alte Stück Stoff zurückkehren. Gerade rechzeitig, um den Anfang des Liedes mitzubekommen:
Ein alter Hut, das bin ich nun,
lang bin ich schon, seit alles begann.
Meine Pflicht ich tu,
auf meine Weisheit, ich mich besann.
In welches Haus ich komm', das fragt ihr mich,
Ob Hufflepuff, ob Ravenclaw,
Das weiß nur ich.
Vielleicht Slytherin oder Gryffindor,
das sag ich euch, nun fraget mich.
Doch dunkel ist die Zeit,
Ein Licht muss her
zu scheinen durch der Dunkelheit.
Nun hört mir zu, lauscht meinen Worten
Wo Feindschaft ist, da gibt's auch Freunde,
Wo Hass, da wohnt auch Liebe an vielen Orten.
Drum denket nach, zögert nicht.
Nutzt eure Weisheit wie ich,
zu Verbannen das Böse, willkommen das Licht.
Einen Moment lang war Stille, dann begannen alle zu applaudieren. Wie eine Welle donnerte ihre Begeisterung über mich hinweg. In diesem Moment trat Professor McGonagall vor und schlagartig verstummte die Menge.
/Ja, die hat wirklich Autorität./, dachte ich. „Bones, Emily!". Ein kleines blondes Mädchen trat vor und setzte sich auf den Stuhl. Sie sah ängstlich zu der Lehrerin auf, die ihr kurz und kaum merklich einen aufmunternden Blick schenkte. Eine Sekunde später reif der Hut „RAVENCLAW!" und die Kleine hüpfte wie ein Gummiball zu einen der tische in der Mitte, wo sie herzlich begrüßt wurde.
Bevor ich sie weiter beobachten konnte, rief Professor McGonagall den nächsten auf.
„Carter, Jack!"
Besagter ging auf den Hut zu, setzte sich und der Hut rief kaum 10 Sekunden später laut aus: „HUFFLEPUFF!" Carter, Jack lief auf den zweiten Tisch in der Mitte zu, wo er sich mit erleichterter Miene zwischen seinen Mitschülern niederließ.
So ging es weiter. Neun weitere Schüler kamen nach Gryffindor, dem Tisch rechts außen, der bisher am lautesten jubelte. Sieben kamen nach Slytherin, sechs weitere nach Hufflepuff und insgesamt acht folgten Emily Bones an den Tisch der Ravenclaws.
Mit jedem eingeteilten Schüler wurde die Masse an neuen Schülern weniger und meine eigene Nervosität stieg. Ich mochte es nicht im Rampenlicht zu stehen, so wie ich es jetzt tat. Unbeweglich blieb ich neben der älteren Hexe stehen und wagte es nicht mich umzusehen, als ob ich damit noch mehr Aufmerksamkeit auf mich lenken würde.
Meine Nervosität tat das, was sie immer mit mir tat. Sie überlagerte mein Denkvermögen! Wie ich das hasste. Wenn ich nervös bin gleiche ich einen zitternden etwas, das am liebsten fliehen würde.
Gerade rechzeitig kamen meine Denkfähigkeiten zurück, um zu bemerken, dass mittlerweile alle neunen Schüler auf ihre Häuser verteilt waren. Ich sah mich nun um und sah einen alten Mann mit einem Bart, der ihm bis zur Hüfte ging, hinter dem Tisch der Lehrer aufstehen. Dies musste Albus Dumbledore sein, Ginny und Hermine hatten ihn mir beschrieben. So alt hatte ich mir einen der mächtigsten Zauberer unserer Zeit nicht vorgestellt. Aber auch ich konnte mich mal irren.
Seine eisblauen Augen sahen mich einen Moment großväterlich und gütig an, bevor er seine Stimmer erhob.
„Mein lieben Schüler, herzlich willkommen auf Hogwarts! Alle anderen, willkommen zurück. Bevor wir unsere Mägen mit einem herrlichen Festessen verwöhnen, möchte ich noch eine weitere neue Schülerin willkommen heißen.", sagte er und blickte durch die Runde. Ich schrumpfte ein paar Zentimeter. Das war die Aufmerksamkeit, vor der ich mich gefürchtet hatte.
Aber natürlich konnte ich ihr nicht entkommen.
„Sie kommt von der deutschen Zauberschule Magiras und wird ihr letztes Jahr hier auf Hogwarts verbringen. Herzlich willkommen, Phoebe Mackenzie!", fuhr er fort. Professor McGonagall forderte mich auf mich auf den Stuhl zwecks meiner Einteilung zu setzen. Ich atmete noch mal durch und folgte der Aufforderung. Die Hexe setzte mir den Hut auf und ich sah erstmal nichts.
*Hallo, noch ein neues Gesicht!*, hörte ich eine wispernde Stimme in meinem Ohr. *Du bist wahrlich etwas Besonderes! So was hatte ich nur einmal bisher.*
„Tatsächlich, wer denn?", wollte ich trotz leichter Panik wissen. *Tja, er hat Großes geschafft, jedoch waren seine Taten nicht sehr vorbildlich. Nichtsdestotrotz war er ein guter Schüler.*, fuhr der Hut fort. Als ich nachfragen wollte, wen er denn meinte, wechselte er das Thema und kam auf die wichtigste Frage im Moment zu sprechen. Ich war etwas überrumpelt, fing mich aber schnell.
*Nun, welches Haus ist für dich das Richtige? Du bist mutig aber auch voller List. Schwierig…ich schwanke…*
„Zwischen welchen Häusern denn?", wollte ich wissen.
*Ich schwanke zwischen Gryffindor und Slytherin. In beiden Häusern könntest du Großes vollbringen. So stell ich dich vor die Wahl*
Ich war baff. Da stellte mich dieser Stofffetzen vor eine Wahl, die ER eigentlich treffen sollte! Langsam kehrte meine schlechte Laune zurück.
„Hör mal, Meister. Mich einzuteilen ist dein Job, nicht meiner!", machte ich ihm deutlich. Ein leichtes Lachen drang an mein Ohr.
*Mut hast du wahrlich. Vielleicht sogar ein bisschen zu viel. Nun gut…* Das nächste Wort rief er laut in die Halle.
*GRYFFINDOR!* ich nahm den Hut von meinem Kopf und ging zum entsprechenden Tisch, wo mir Ginny und Hermine bereits entgegen strahlten Ich ließ mich neben Ginny nieder und schaute in die Ruhe. Mir gegenüber saßen die beiden Jungs, die ich mit Hermine am Bahnhof gesehen habe. Der junge Mann mit den schwarzen strubbeligen Haaren lächelte mich aufrichtig an. Er war mir sofort sympathisch.
„Hallo, ich bin Harry Potter und das ist Ron Weasley!", sagte er und deutete auf den Rotschopf neben sich. Dass er mit Ginny verwandt war, sah ich auf der Stelle. War ja auch nicht zu übersehen.
Hermine bedeutete uns nach vorne zu sehen, wo Albus Dumbledore seine angefangene Rede fortsetzte. Er erläuterte uns, dass der Wald auf den Schulgelände und das Zaubern auf den Gängen verboten sei. Den gelangweilten Mienen meiner Mitschüler entnahm ich, dass diese Informationen wohl Tradition waren.
Als er zu den Änderungen im Lehrerkollegium kam, waren alle wieder da.
„Wie ihr seht, haben wir ein bekanntes Gesicht in Hogwarts. Professor Remus Lupin wird dieser Jahr das Fach Verteidigung gegen die dunklen Künste erneut unterrichten!"
Ohrenbetäubendes Geklatsche unterbrach den Schulleiter. Mein Tisch klatsche am lautesten. Mein Blick ging zum Slytherintisch. Dort klatschte zu meiner Verwunderung…keiner! Irritiert wandte ich mich an Hermine.
„Prof. Lupin war der beste, den wir in dem Fach je hatten. Die Slytherins hassen ihn.", erklärte sie mir. Ich sah ihn mir an. Narben zierten sein Gesicht, er wirkte schäbig, lächelte aber freundlich. Ich überlegte mir gerade, ob ich seine Magie wie bei Prof. McGonagall prüfen sollte, wurde aber abgelenkt, als der Schulleiter das Festessen eröffnete und die Tische sich mit Essen luden.
Jetzt merkte ich, dass ich Hunger hatte und beschloss meine „Prüfung" zu verschieben. Ich griff zum Hühnchen und tat es meinen Mitschülern gleich, die ihren Hunger bereits stillten.
Gesättigt lief ich später mit Harry und den anderen zu meinem neuen Heim auf Zeit, wo ich ins Bett fiel und einschlief. Meine Vision vom Vortrag, die Kopfschmerzen und die Fragen, die ich mir im Zug gestellt hatte, waren (vorerst) vergessen.
tbc
