Kapitel III

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Es war fast das gleiche Bild wie gestern. Schon wieder befand sich der silbermetallicfarbene Wagen auf einer der vielen Bundesstraßen der USA. Diesmal brachte das Cabrio die Viererclique in die nahe liegende Stadt Savannah, die sich gerade mal knappe fünfzig Fahrminuten von Sunbury entfernt befand. In Großstädten war diese Entfernung sicher nicht als nah zu betrachten, aber für die jungen Leute, die das Landleben immer noch sehr gut kannten, war diese Entfernung vollkommen normal. Überhaupt war die ganze Jugend Sunburys froh darüber, dass man wenigstens unter einer Stunde Fahrt in eine Stadt kam, die keine Wünsche offen ließ. Egal ob Bars, Diskotheken oder Kinos, Savannah geizte mit keinem von den aufgeführten Dingen. Der Einzige, der dann jedoch immer das Nachsehen hatte, war der Fahrer der Truppe. In diesem Falle hatte das Los Sunny erwischt. Aber die Blonde nahm es sehr gelassen auf. Immerhin wäre es nicht das erste Mal, dass sie die Bande nachher wieder zurück kutschieren durfte. Und da ihr der Alkoholgenuss gestern schon vollkommen ausgereicht hatte, freute sich die Kunststudentin schon regelrecht auf die Cola nach dem Kinobesuch. Sollten die anderen doch trinken worauf sie Lust hatten. Das musste eben jeder selbst wissen.

Die Stimmung selbst schien immer noch leicht gedrückt. Diesmal saß Sunny bei Jude hinten und Taylor auf dem Beifahrersitz, was wiederum den Blondschopf darüber grübeln ließ, ob es tatsächlich zu einer Aussprache zwischen dem Pärchen gekommen war. Aber das was die junge Frau von der Dunkelhaarigen zu hören bekommen hatte, war auch wirklich harter Tobak gewesen. Die Beiden schienen tatsächlich schon zusammen durch die Hölle gegangen zu sein. Da sollte doch so ein kleiner Disput zu verkraften sein. Für sie gehörten Jude und Tyler genauso zusammen wie Käse und Wein, wie Vögel und zwitschern oder eben auch wie das berühmte Gangsterpärchen Bonnie und Clyde, auch wenn sie natürlich nie im Leben Banken ausrauben oder anderen Menschen schaden konnten. Aber die Unzertrennlichkeit beschrieb dieser Vergleich schon ganz gut und dementsprechend aufmunternd lächelte die Blonde ihre beste Freundin auch an. Und wenn sie es doch nicht bereits schon im Auto schafften wieder eine schöne Stimmung zu erzeugen, dann hätten sie ja zumindest noch im Kino die Chance sich wieder näher zu kommen und sollte das auch nicht helfen blieb da immer noch der bei den vieren so beliebte British Pub, in dem sie später nachdem Film noch eine Runde Billiard hin legen wollten oder auch zwei oder auch drei.

"Ich habe gerade das Gefühl, als wäre ich hier nie weg gewesen", erklang durch die bedrückende Stille die Stimme des Journalismusstudenten, der die ganze Zeit seine Umgebung betrachtet hatte, während Jesses Augenmerk mehr auf der Straße lag. "Ich mein, kennt ihr das, wenn auf einmal Euer neues Leben in ganz weite Ferne gerutscht ist und ihr denkt dass Euer Studium eher ein Traum ist und ihr Euch im Grunde genommen niemals von hier entfernt habt? Schlimmer noch, sondern wohl euer ganzes Leben hier bleiben werdet und sich alles am nächsten Morgen wiederholt? Also so ein bisschen wie in dem Film und täglich grüßt das Murmeltier?" Leicht überrascht schaute Jesse zu seinem Kumpel rüber und schmunzelte ein wenig. "Hast Du etwa schon heimlich zu Hause getrunken oder was Stärkeres zu Dir genommen?" Wobei er sich aber auch gleich einen kleinen Seitenhieb von Tyler einfing, der dafür sorgte, dass das Cabrio kurz über die Mittellinie geriet. "Du bist heute wieder sehr lustig, Denay. Hast wohl 'nen Kaspar gefrühstückt." Demonstrativ verdrehte Tyler die Augen und schaute wieder schweigend in der Gegend herum. "Ich weiß, was Du meinst", erklang da eine leise Stimme von der Rückbank und ein kleines Lächeln zierte das Gesicht von Sunny. Ruckartig drehte sich der Kopf des Dunkelhaarigen nach hinten und wollte anscheinend überprüfen, ob die Blonde ihn auch nur auf den Arm nahm, aber er konnte keine Anzeichen dessen erkennen und man konnte merklich sehen wie Tyler sich entspannte und ihr ein freundliches Lächeln schenkte. Es ging dann sogar noch ein Schritt weiter und er drehte sich so gut es ging zu seiner Freundin um und schenkte auch dieser ein Lächeln, so dass Sunny innerlich ein wenig aufatmete, schien sich die ganze Situation ja wenigstens schon mal leicht zu entspannen.

Sie passierten das Ortsschild von Savannah und schon fühlte man sich wie in einer anderen Welt. Hier herrschte Leben und vor allen Dingen auf einem Samstagabend in der Ferienzeit. Auf den Straßen sah man viele Menschen, die ihren Weg gingen und die Straßen waren leicht verstopft. "Na, ich hoffe, dass wir noch pünktlich kommen. Gerade die Werbung ist doch immer das interessanteste an dem ganzen Kinobesuch",maulte es vom Beifahrersitz herüber. "Nur die Ruhe Tyler. Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit und die Karten hab ich telefonisch bestellt. Es kann uns also nicht mehr viel passieren", versuchte Sunny ihren guten Freund zu beruhigen. "Dein Wort in Gottes Ohr, aber wenn das nicht mehr klappt, dann hab ich richtig schlechte Laune, nur damit ihr das wisst." Tyler verschränkte seine Arme ineinander und starrte einer jungen Frau hinterher, deren Bekleidungsstück sicherlich die Bezeichnung Rock nicht verdient hätte, sondern eher eine neuartige Form eines Gürtels darstellen konnte. Dies wiederum hatte zur Folge, dass er einen leichten Schlag in den Nacken von der Rückbank bekam. Pech für Jude nur, dass die Ampel, an der sie gerade vorbei kamen, prompt rot wurde und Jesse so gezwungen war anzuhalten. Tyler nutzte die Chance der Stunden, löste seinen Sicherheitsgurt und sprang mit einem Satz zwischen die beiden Frauen. "Das tust Du nicht nochmal", grinste er und presste seine Lippen auf die von Jude, wobei diese diesen Kuss nach einem ganz kleinen Zögerungsmoment intensiv erwiderte. Die Brünette schlang ihre Arme um den Nacken des jungen Mannes und dieser kraulte dabei liebevoll ihren Nacken. So langsam wurde der Frieden zwischen dem Pärchen wieder hergestellt.

Jesse bog mit einem zufriedenen Grinsen auf den großen Parkplatz des Carmike ein, dass wie immer ziemlich gut besucht schien. Zumindest war der Parkplatz gut gefüllt und eine große Menschenansammlung machte sich auf den Weg in den Gebäudekomplex, das mehrere Kinosäle beinhaltete. Mit einem Sprung war Tyler, der erste, der den Wagen verlassen hatte. "Los, los, los. Wie gesagt, ohne Werbung geht nichts. Also auf ihr Frauen und..", er musterte Jesse vielsagend, "und Möchtegernmänner." Womit er wiederum nur ein Kopfschütteln bei dem Sohn des Bürgermeisters hervor rief, der in aller Ruhe und voller Sorgfalt sein geliebtes Auto ab schloss. Dann wandte er sich an Tyler, der mittlerweile Jude um die Taille gefasst hatte. "Holt ihr doch schon mal Cola und Popcorn und Sunny und ich besorgen die Karten", schlug er vor und hatte nun auch seinerseits den Blondschopf um die Taille gefasst, was wiederum diese zu einem leicht überraschten Gesichtsausdruck verleitete und Jude ein kleines wissendes Grinsen ins Gesicht zauberte. "Machen wir doch gerne, nicht wahr Tyler?" kam sie dem künftigen Journalisten zuvor, der schon wieder sein vorlautes Mundwerk aufreißen wollte und daraufhin nur noch ergeben nicken konnte.

Also trennten sich zunächst die Wege der jungen Leute und es wurde für Kost und Eintrittskarten gesorgt. Wobei das Gelangen an das Essbare doch definitiv mehr Zeit in Anspruch genommen hatte, als das Besorgen der vorbestellten Karten, die sogar gute Plätze in eine der hinteren Reihen beinhalteten. Und das war schon etwas Besonderes bei einem Film wie Fluch der Karbik 2, der gerade erst angelaufen war. Sunny nutzte daher noch schnell die Zeit um die Toilette aufzusuchen und Jesse gesellte sich schon einmal zu seinen besten Freunden und unterstützte sie danach beim Tragen des Erworbenen. Nachdem der Blondschopf dann auch wieder dazu gestoßen war, wobei Tyler es sich natürlich nicht nehmen lassen konnte ungeduldig mit seinem Bein zu wippen, machte sich die Viererclique auf in den Kinosaal, der immer noch relativ hell beleuchtet war. Die ganze Panikmacherei von Judes Freund war also völlig unnötig gewesen. Mit einigen Entschuldigungssprüchen bahnten sie sich dann den Weg zu ihren Plätzen und ließen sich nieder. Ganz außen zunächst Jesse, gefolgt von Sunny, dann Jude und dann Tyler, der es sich auch nicht nehmen ließ, sofort den Arm um die Schulter seiner Freundin zu legen, während er mit der anderen Hand jetzt schon das Popcorn in sich hinein schaufelte, aber nicht ohne Jude dabei zu vergessen und so schoben sich immer ein paar Popcornstücke zwischen die weichen Lippen der Architekturstudentin. In dem Moment wurde das Licht weiter gedämmt und die Werbung, auf die Tyler schon so lange gewartet hatte, begann.

In der Dunkelheit des Kinosaals war nicht sonderlich fiel zu sehen. Lediglich die dunklen Schatten der Köpfe jener Leute, die vor ihnen saßen und das leise Geflüster einiger Kinobesucher drang hervor und war sogar noch über die Lautsprecher hinweg zu hören, doch dies war eben dieses berühmt berüchtigte Feeling eines Kinobesuchs. Immerhin machte gerade dies das Ganze aus. Eine riesige Leinwand, guter Sound und Leute die mit ihrem Geschwätz oder dem Geraschel des Popcorns andere zur Weißglut trieben, bis diese es irgendwann nicht mehr wahrnahmen, weil der Film sie so in ihren Bann zog. Genau deshalb ging man schließlich ins Kino, denn wenn man in Ruhe einen Film schauen wollte, dann konnte man sich einen solchen auch aus der Videothek besorgen und ihn sich auf dem heimischen Fernsehapparat anschauen.

Die Werbung war mittlerweile zu Ende gegangen und hatte den Trailern jener Filme Platz gemacht, die noch ihren Weg ins Kino finden sollten. Tyler und Jude saßen nach wie vor Popcorn essend nebeneinander und hielten sich gegenseitig ihre Hand während Tyler seinen Arm immer noch um die Schulter seiner Freundin gelegt hatte, und Jesse und Sunny teilten sich ebenfalls eine Popcorntüte, die sie allerdings nicht halb so schnell am vertilgen waren, wie das wieder versöhnte Paar neben ihnen. Doch ansonsten teilten sich die beiden blonden Personen der Viererclique nicht wirklich etwas. Auch wenn Jesse den Blondschopf eben noch um die Taille gepackt hatte, so herrschte doch nun um so weniger Körperkontakt zwischen den beiden Studenten, aller höchstens wenn beide zur selben Zeit in die Tüte mit dem Popcorn griffen. Dabei hätte Sunny auch so gerne Arm in Arm mit Jesse ihm Kino gesessen, so wie ihre beiden anderen Freunde es doch so schön vor machten. Doch um selber einen Versuch einzuleiten, der zu diesem Status hinführte, dafür war die blonde Kunststudentin eindeutig zu schüchtern. Auch wenn sie sich dafür manchmal selber in den Hintern beißen könnte, doch es ging einfach nicht. Sie schaffte es nicht sich zu überwinden.

„Hey ihr Vier. Was für ein Zufall", erreichte die vier Freunde in der Dunkelheit eine bekannte Stimme. Die blonde Morgan Kingston schenkte der Clique ein nettes Lächeln, auch wenn man es in der Dunkelheit nur erahnen konnte, und setzte sich dann schließlich auf den freien Platz neben Tyler, was Jude nur ein angesäuertes Seufzen entlockte, das allerdings so leise war, dass es wohl niemand mitbekommen hatte. „Sara und Cassidy sind gerade dabei Popcorn und so zu holen", erklang erneut die unverwechselbare Stimme, der jungen Frau, die, wenn es nach Jude und auch Sunny gegangen wäre, dort bleiben hätte können wo der Pfeffer wuchs. „Kann man uns dabei vielleicht helfen?" Sunny blieb bei einer solch durchsichtigen Anmache schon fast die Spucke weg und Jude verzog ihrerseits nur schlecht gelaunt das Gesicht. Es war doch immer wieder unglaublich wie diese hohle Nuss versuchte sich an Tyler heran zu machen. „Meinetwegen", ertönte eindeutig die Stimme des Dunkelhaarigen und keine zwei Sekunden später spürte Jude wie sich der Arm ihres Freundes um sie löste und er ihr gleichzeitig die Popcorntüte auf den Schoss stellte um dann tatsächlich Morgan und ihren beiden Freundinnen dabei zu helfen ihre Fressalien zu tragen. Sunny reagierte dabei blitzschnell und stieß Jesse von der Seite an, der unter einem leichten Aufseufzen nun ebenfalls aufstand um den drei früheren Klassenkameraden zu helfen, wobei keineswegs Nettigkeit hinter dieser Tat lag, sondern viel mehr ein eigensinniges Nutzen, denn wenn Jesse ebenfalls dabei war, dann brauchte sich Jude vielleicht nicht so viele Gedanken darüber zu machen, dass Tyler gerade mit einer blondierten Kuh zusammen war, die es schon seid Jahren auf ihm abgesehen hatte. Doch wirklich helfen tat es anscheinend nicht, stand doch auch Jude auf nachdem sie ihrem Freund und Jesse etwas ungläubig hinterher geblickt hatte. „Jude", wollte Sunny die beste Freundin zum Bleiben bewegen, doch diese schüttelte nur den Kopf. „Ich muss jetzt alleine sein." Mit diesen Worten entschwand die Brünette schließlich in die andere Richtung nach draußen, aus dem Kinosaal heraus, so dass die blonde Kunststudentin alleine in dem riesigen Kinosaal zurück blieb, nur noch umgeben von Menschen, die sie nicht kannten, aber die auch gewiss nicht auf sie achten würden, fing der Film doch gerade in diesem Moment an, so dass auch das letzte Gespräch verstummte.

Sunny bekam nicht sonderlich viel von dem Film mit, wo sie so alleine da saß. Viel zu viele Gedanken schwirrten ihr im Kopf herum. Es ging ihr einfach nicht in den Schädel rein wie Tyler so unsensibel sein konnte. Immerhin hatten er und Jude sich gerade erst wieder richtig versöhnt und dann stieg er direkt schon wieder auf die Anmache Morgans ein. Nun ja, wenn Sunny ehrlich war, dann hatte Tyler ja gar nicht wirklich mit dieser geflirtet. Er war nur nett gewesen und auch wenn der Dunkelhaarige manchmal wirklich sehr eigensinnig und schwierig war, in mehr als einer Hinsicht, so war er eben auch ein freundlicher und hilfsbereiter Mensch. Das war er schon immer gewesen. Aber sie konnte eben auch Jude verstehen und nachfühlen wie sie sich jetzt wohl fühlte. Es war einfach ein wirklich verflixter Teufelskreis. Und irgendwo fühlte sie selber sich auch schlecht. Schließlich kannte sie Jude schon fast ihr ganzes Leben lang und auch Tyler war ihr jetzt auch schon seit vielen Jahren ein guter Freund und mittlerweile war es wirklich so, dass man sich gar nicht mehr vorstellen konnte, dass die beiden dunkelhaarigen Menschen getrennte Wege gingen. Sie waren immer das perfekte Paar gewesen. Immer. Und plötzlich schien alles den Bach runter zu gehen. Und warum? Weil das Schicksal ein äußerst böses Spiel mit beiden gespielt hatte. Das war einfach nicht fair. Das hatten die beiden nicht verdient.

Eine Ruckartige Bewegung rechts neben ihr entriss den Blondschopf aus ihren Gedanken. Es war Jesse gewesen, der sich neben sie wieder in seinen Sitz fallen gelassen hatte, und kurz darauf, gerade als sie es richtig realisiert hatte, da drang auch schon die leise Stimme Tylers an ihr Ohr: „Wo ist Jude?" Sunny blickte den Dunkelhaarigen an, eine Spur vorwurfsvoll obwohl sie dies eigentlich nicht wirklich beabsichtigt hatte. „Was glaubst du denn?" Er herrschte eine kurze Zeit absolute Stille zwischen den beiden Freunden, in der lediglich der Sound des laufenden Films den Kinosaal erfüllte. Ein leises Fluchen folgte schließlich von Tyler bevor er den Saal wieder verließ, wobei Morgan ihm doch fast schon sehnsüchtig hinterher blickte. Sunny konnte dabei nur verächtlich den Kopf schütteln. Überhaupt auf die Idee zu kommen sich an einen vergebenen Mann heran zu machen oder bewusst einer anderen Frau den Mann auszuspannen, das war einfach das letzte. Aber glücklicherweise war nur Morgan anwesend und nicht auch noch Brooke. Das hätte sonst wohl in einem absoluten Inferno geendet.

„Meinst du, es geht mit ihnen zu ende?" zog die geflüsterte Stimme Jesses die Aufmerksamkeit der jungen Frau auf sich. Sunny wusste was der Bürgermeistersohn meinte. Würde die Beziehung ihrer Freunde nun auseinander brechen? Sunny wusste darauf keine Antwort, aber sie hoffte es nicht. „Ich weiß es wirklich nicht", flüsterte der Blondschopf doch sichtlich betrübt zurück, konnte sie es sich doch einfach nicht vorstellen, dass Jude und Tyler in naher Zukunft nicht mehr zusammen sein würden. Das war einfach zu konfus, und so empfand es auch Jesse, der die beiden auch nur als Gespann kannte und nicht anders. Wenn sie sich trennen würden, dann wäre dies so als würden sie ein Naturgesetz brechen. Es war einfach unvorstellbar. „Aber nachdem was die beiden durchmachen mussten..." Sunnys verblüffter Blick entging dem Medizinstudent nicht, und es verriet ihm zum einen, dass Sunny ebenfalls von der Tragödie wusste und zum anderen, dass sie nicht gedacht hätte, dass er darüber Bescheid wusste. „Immerhin bin ich Tylers bester Freund", rechtfertigte er sich daher. Es machte zwar meist eher den Eindruck als könnten Jesse und Tyler sich nicht wirklich riechen, so als würde sie eher eine Hass-Freundschaft verbinden, doch eigentlich vertrauten sich die beiden Männer blind. Tyler hatte eben eine etwas seltsame Art ihn zu behandeln, doch damit kam Jesse absolut klar. So war der Dunkelhaarige eben und der Bürgermeistersohn konnte sich auch nicht vorstellen, dass sich dies einmal ändern würde und wenn doch, dann würde er sicherlich etwas vermissen.

Jesse lehnte sich etwas nach vorne als er den schwarzen Schatten registrierte, der den Kinosaal betreten hatte, so dass auch Sunnys Aufmerksamkeit in die entsprechende Richtung gelenkt wurde. Natürlich erkannten beide in der dunklen Erscheinung Tyler, doch es ließ beide etwas stutzen, dass er alleine zurück zu kommen schien. Hatten sich Jude und Tyler etwa nun richtig verkracht? Hatten sie beide vielleicht nun doch ihre Beziehung beendet? Alles Fragen, die Jesse und Sunny lieber mit einem dicken und fetten Nein beantwortet haben würden und so lag ihr beider Blick auch gespannt auf Tyler, wie dieser sich zu ihnen hindurch kämpfte, und schließlich in gehockter Haltung bei ihnen beiden verweilte, ohne sich auf einen der freien Sitze zu setzen. Die Besorgnis in seinem Gesicht war dabei trotz der Dunkelheit gut zu erkennen. „Ich kann Jude nicht finden."

Ok, wen interessierte jetzt noch der Film, wenn einer von ihnen verschwunden war? Niemanden, also standen Jesse und Sunny geschlossen auf, bevor noch Stimmen in ihrem Umkreis laut werden konnten, dass sie irgendwem die Sicht versperrten. Mit schnellen Schritten hatten die restlichen drei den Saal verlassen, wobei es Sunny schon schwer gefallen war mit den beiden Jungs Schritt zu halten, aber letztendlich standen sie dann doch zusammen in der Vorhalle und schauten sich suchend um. Aber natürlich sprang Jude nicht einfach so hervor, sondern es gab immer noch keine Spur von der hübschen Dunkelhaarigen. "Oh man, du bist aber auch echt ein Trottel, Tyler. Als ob Jude heute nicht schon angeschlagen genug gewesen war, konntest du es natürlich nicht lassen und musstest Morgan und ihren dusseligen Freunden unter die Arme greifen", erbost schaute Sunny den Studenten an und hatte dabei ihre Hände in die Hüften gestemmt. "Meine Güte, wenn die noch nicht mal in der Lage sind ihr Popcorn und ihre Cola selbst zu tragen, dann sollen sie halt darauf verzichten. Macht eh nur dicke Hüften." Es kam wirklich selten vor, dass der Blondschopf so ausrastete, aber irgendwie nahm sie die ganze Situation ziemlich mit. Sie hatte sich die ganze Zeit so auf ihre Ferien gefreut, auf das Wiedersehen mit Jude und Tyler und darauf dass die Clique endlich wieder zusammen war, aber stattdessen ging alles schief. Erst der Mord an ihrem alten Schwarm, dann der Streit zwischen ihnen und die Offenbarung von Jude und jetzt noch das wieder mal unüberlegte Handeln des Architekturstudenten. Hörte es denn gar nicht mehr auf?

Eine beruhigende Hand legte sich auf den Rücken der jungen Frau und mit einem schnellen Blick erkannte die Kunststudentin, dass es Jesse war, der ihr ein wenig Halt geben wollte, Tyler statt dessen jappste noch kurz rum und entschied sich dann doch zu einem zerknirschten Gesicht. "Tut mir leid. Ich wollte doch nur nett sein und hätte nicht gedacht, dass Jude das gleich so in den falschen Hals bekommt." Normalerweise war der Dunkelhaarige keiner, der so schnell nachgab, aber diese ganze Streitereien mit seiner Freundin machte auch ihn ganz fertig und war nicht dass, was er sich von seinem Urlaub erhofft hatte. "Helft ihr mir sie suchen?" sah er dann noch abwechselnd fragend zu Sunny und Jesse. "Aber klar, Kumpel. Dafür sind wir doch Freunde und wir sind gemeinsam hierher gekommen, also fahren wir auch gemeinsam wieder zurück. Wir können Jude doch nicht einfach so in Savannah zurück lassen." Mit diesen Worten Jesses machten sich die restlichen Drei auf die Suche nach der Vierten im Bunde und hofften sie bald zu finden. Denn auch wenn die Dunkelhaarige sonst nicht so einen labilen Eindruck machte, wusste man ja nicht, in wie weit die Geschichte mit der Fehlgeburt ihr seelisch zugesetzt hatte und vielleicht doch zu Handlungen hinreißen ließ, die später nicht mehr rückgängig zu machen waren. Außerdem war Savannah eine der Städte, die eine besonders hohe Kriminaltätsrate hatte. Also wirklich kein Ort, wo junge Frauen sich allein durch die dunklen Straßen herum treiben sollte. Dementsprechend entschlossen sich die Jungs draußen nach der jungen Frau zu suchen und Sunny bekam die Aufgabe im Kinobereich selbst zu suchen. Treffpunkt war in einer halben Stunde vor den Damentoiletten im ersten Stock.

Sie hatte die Toiletten durchsucht, hatte das ganze Foyer abgesucht, war sogar heimlich in die anderen Vorführsäale gegangen in der Hoffnung irgendwo die Vermisste aufzugabeln. Aber nichts, Jude schien wirklich wie von Erdboden verschwunden zu sein. Völlig frustriert begab sich Sunny erneut zum Treffpunkt und wartete auf ihre Freunde, die exakt nach einer halben Stunde zurück kamen. Zunächst sah man auch große Hoffnung in ihren Gesichtern, die aber schnell wieder erlosch, als sie Sunny allein am Tresen stehen sahen. "Lasst mich raten? Nichts?" erklang die Stimme der Kunststudentin und sah sich nur einem zweimaligen Kopfschütteln gegenüber. "Ok und was machen wir jetzt? Zur Polizei gehen?"

„Das bringt doch nichts. Sie ist noch keine 24 Stunden weg und zudem ist sie volljährig. Also werden die Cpos rein gar nichts tun können", entgegnete der Sohn des Bürgermeisters auf Sunnys verzweifelten Vorschlag hin. So war nun mal die Gesetztesgrundlage und auch wenn er Medizin studierte, kannte sich Jesse mit seinem umfassenden Allgemeinwissen gut in dieser Materie aus. "Also ich werde jedenfalls nicht die Hände in den Schoß legen und mein Mädchen suchen gehen. Da könnt ihr Gift drauf nehmen", Tyler funkelte seine Freunde wütend an und wollte bereits auf dem Absatz kehrt machen, als Jesse's Stimme ihn nochmal zurück holte. "Hey, nun beruhig dich doch mal. Hat doch keiner gesagt, dass wir sie einfach so hier lassen. Wir werden sie weiterhin suchen, dass ist doch wohl selbstverständlich." Auch Sunny nickte heftig zustimmend bei den Worten des Blonden. Niemand würde sich gut bei dem Gedanken fühlen, dass Jude die Nacht allein in dieser Stadt verbringen musste, wirklich niemand. "Gut, dann lasst uns", forderte Tyler seine Freunde auf und in diesem Moment öffnete sich der Kinosaal, in dem der Film der Viererclique gerade zu Ende gegangen war. Und genau in diesem Trubel hinein, erschien eine dunkelhaarige, schmal gebaute junge Frau, die einen leicht verweinten Eindruck machte und hielt auf die drei jungen Menschen zu.

"Jude!!!!" rief Tyler entsetzt aus und stürmte auf seine Freundin zu um diese dann sogleich in den Arm zu nehmen. Jude selbst ließ es zwar zu, aber erwiderte die Umarmung nicht wirklich, was wiederum Jesse und Sunny ziemlich verwirrt blicken ließ. Auch Sunny näherte sich nun der jungen Frau, die tatsächlich ein wenig mitgenommen aussah und blickte diese einfach nur einen Moment lang prüfend an. "Nun lass es mal gut sein, Tyler. Gib ihr mal einen Moment Luft zum durchatmen", forderte sie mit recht energischem Ton von ihrem guten Freund und schob ihn ein klein wenig zur Seite. "Geht ihr Euch doch schon mal ein Bier holen, bevor wir gleich weiter fahren und wir Frauen gehen uns mal kurz eine Runde frisch machen." Es war selten dass Sunny sich so durchsetzten wollte bei den Herren der Schöpfung, aber diesmal hatte sie das dringende Bedürfnis sich einen Moment in Ruhe mit Jude zu unterhalten, schien dieser das Ganze vorhin doch ganz schön Nahe gegangen zu sein.

"Ich will jetzt aber..."

"Nun komm schon, Tyler. Du hast doch Sunny gehört. Lass uns uns mal ein schönes Bier gönnen." Jesse ahnte, was Sunny vor hatte und befürwortete das Ganze auch, daher nahm er seinen besten Freund an der Schulter und schob diesen in Richtung Bedienung, auch ihm war es ja nicht entgangen, dass Jude keinen all zu guten Eindruck gerade machte. Da würde es ihr sicher gut tun, mal in Ruhe mit ihrer besten Freundin zu sprechen. "Zwei schöne kühle Bier für mich und meinen Freund", bestellte der Medizinstudent mit einem strahlenden Lächeln bei der Bedienung und drückte dabei Tyler mit sanfter Gewalt auf den Barhocker, so dass dieser einfach nur ergeben nicken konnte und sah dabei zu wie die beiden jungen Frauen auf der Damentoilette des Kinos verschwanden.

Nachdem Sunny und Jude den momentan ziemlich leeren Raum betreten hatten, reichte die Blonde ihrer besten Freundin erstmal ein leicht angefeuchtetes Papierhandtuch, damit diese die leicht verschmierte Wimperntusche entfernen konnte. "Hey Süße. Was ist denn los? Wo bist du denn nur gewesen?" sah die Blonde die Dunkelhaarige fragend an und wollte sie am liebsten auch in den Arm nehmen, aber danach schien ihr ja nicht wirklich zu sein. "Es ist schon alles ok. Ich hab nur ein wenig Zerstreuung gebraucht und war eine Weile spazieren", antwortete nun Jude auf die Fragen und war vor dem Spiegel dabei die letzten Spuren ihrer kleinen Schwäche zu beseitigen. "Er hat es nicht mit Absicht gemacht. Tyler ist eben manchmal ein wenig.." Sunny musste kurz überlegen um ein treffendes Wort zu finden, "..gedankenlos. Aber er liebt dich über alles. Das würde sogar ein Blinder mit einem Krückstock sehen", zitierte der Blondschopf nun ein in ihren Augen passendes Sprichwort und schaute Jude abwartend an, die immer noch fleißig am wischen war. Es herrschte einen kurzen Moment Schweigen zwischen ihnen, ab und an ging mal die Tür auf und es kamen Frauen rein oder gingen wieder raus. Dann als Jude wohl anscheinend zufrieden mit dem Ergebnis war, drehte sie sich wieder zu ihrer besten Freundin um und schaute sie einfach nur an. "Ich weiß", erklang es einfach nur mit einem ruhigen Ton. Viel mehr kam nicht. "Ist alles momentan nicht so einfach für euch, oder?" Ein besorgter Blick traf die Dunkelhaarige, die sich heute so kühl und abweisend verhielt. "Also, wenn du nochmal das Bedürfnis hast, dir das Ganze von der Seele zu reden, dann bin ich für dich da", schob Sunny noch hinterher und schaute abwartend zu Jude. Und nun stahl sich doch ein leichtes Lächeln in das Gesicht der Architekturstudentin. "Danke schön." Jude machte sich auf, den Raum jetzt wieder zu verlassen. "Du hast Recht, die anderen warten sicher schon. Also lass uns. Wir wollen die Kerle doch noch beim Billiard schlagen, oder?" Ein kleiner Versuch um herauszufinden, wonach Jude nun gerade war, aber da diese nur zustimmend nickte und nicht sagte, dass sie lieber nach Hause wollte, war es also beschlossene Sache, dass sie noch weiter in den Pup zogen, wie vorher geplant. "Los Jesse, rück' die Schlüssel raus, ich bin dran", kam Sunny grinsend auf die zwei Herren der Schöpfung zu und ein erleichtertes Lächeln legte sich auf das Gesicht des Blonden, so dass dieser nur zu gern die Schlüssel seines Cabrios raus holte und sie Sunny zuwarf. Tyler wiederum sah seine Freundin einfach nur fragend an und überlegte, ob er sie wohl wieder umarmen durfte, wagte es aber dann doch vorsichtig. Sie schmiegte sich zwar nicht direkt an, aber zumindest wehrte sie sich auch nicht dagegen. "Es tut mir Leid, Kleines. Ich liebe doch nur Dich", und ein sanftes Küsschen fand den Weg auf ihre Wange.

Das dumpfe Licht war nur ein Teil der Atmosphäre, die der Viererclique noch so gut bekannt war, war Churchill's Pub & Restaurant doch schon zur Jugendzeit die Stammkneipe von Jesse, Tyler, Sunny und Jude gewesen. Auch die mit Stimmen, sowohl männlicher wie auch weiblicher Gäste, durchdrängte Geräuschkulisse war keine Neuheit und alles zusammen bildete doch eine vertraute Umgebung, die das Gefühl von Heimat vermittelte obgleich sich die vier Studenten gute 50 Minuten von ihrer eigentlichen Heimatstadt entfernt befanden. Es war eben etwas bekanntes. Die Tische, die Stühle, der Barkeeper. So als wäre in dem Pub die Zeit niemals wirklich vergangen und befände sich immer noch in der Zeit in der die vier Freunde die High School besucht hatten. Nur die bekannten Gesichter, die an Reife und Alter zugenommen hatten zeugten von der Zeit, die vergangen war. Auch bei Jesse, Tyler, Sunny und Jude hatte der seid Jahren in Churchill's Pub beschäftigte Barkeeper zwei Mal hin gucken müssen bevor er die Studenten erkannt hatte, die bereits in ihrer Jugendzeit bei ihm ein und aus gegangen waren, fast jedes Wochenende. Die Zeit veränderte einfach unaufhörlich, ohne dass man dagegen etwas tun konnte. Aber das war auch gut so. Sie brachte nämlich nicht nur Veränderungen, sondern man entwickelte sich durch sie auch weiter und dies war immerhin der Lauf des Lebens. Ständiges Weiterentwickeln.

Mit diesem typischen kurzen klackenden Geräusch traf die weiße Kugel ihre rote Artgenossin, die getrieben von dem Stoß über die grüne Tischfläche rollte um an der Band, knapp neben dem Loch an der Ecke des Tisches ab prallte und ihren Weg so zur Hälfte wieder zurück legte. „Verdammt Denay, die hättest du versenken müssen!" Tyler stieß dem Blonden gegen die Schulter, so dass dieser leicht gegen den Billiardtisch gedrückt wurde während im Hintergrund das Gekicher der beiden Frauen in der Runde laut wurde. „Reg dich ab, Tyler", meinte Jude doch recht amüsiert. „Ihr zwei habt es einfach nicht drauf." Von ihrer getrübten Laune, die im Kinokomplex noch ihre Tränen gefordert hatte war nicht mehr all zu viel zu erkennen. Lediglich ihre Augen waren noch leicht gerötet, aber dies viel unter dem zu einem Lachen verzogenen Mund nicht weiter auf. Der Abend in der Kneipe schien die perfekte Medizin gegen Judes Kummer gewesen zu sein und zudem war das Billardspiel, Männer gegen Frauen, eine großartige Ablenkung. Sie bedachte Jesse und Tyler mit einem frechen Grinsen bevor sie sich etwas über den Tisch lehnte um mit ihrem Queue an die weiße Kugel zu kommen, die, wie es nun einmal beim Billard so war, als Mittel verwendet werden musste um die anderen Kugeln einzulochen. Mit vollkommener Konzentration fokussierte die Brünette die weiße Kugel mit der Absicht die rote, die von Jesse zuvor nicht versenkt worden war, eben in das Loch an der Ecke des Tisches zu bekommen. Es war genau der Moment in dem Jude mit dem Stoßwerkzeug die weiße Kugel traf als ein überaus affektiertes Räuspern an ihr Ohr drang, was Tyler einen bitterbösen Blick einheimste. Aber dennoch rollte die anvisierte rote Kugel ganz gemütlich ihren Weg über die grüne Fläche um im Endeffekt geräuschvoll in das Loch zu fallen, was ein überaus zufriedenes Lächeln auf Judes Gesichtszüge zauberte und selbstverständlich durfte auch ein Abklatschen mit der Teamkollegin nicht aus bleiben, die ein ebenfalls zufriedenes Lächeln auf den Lippen trug. „Mit so billigen Tricks kannst du das Spiel auch nicht mehr kippen", grinste Jude ihren Freund provokant an und legte Sunny daraufhin einen Arm um die Schulter, so als würden sie beide für eine Foto posieren. „Wir sind einfach besser als ihr beide."

„Na wartet, wir drehen das Spiel noch. Da könnt ihr euch drauf verlassen, oder Tyler?" Jesse stupste seinen Kumpel von der Seite an, der darauf natürlich kräftig nickte und einen ähnlichen Kommentar hören ließ, was die beiden Frauen der Runde allerdings nur zu einem belustigenden Lächeln verleitete. „Na, das wollen wir doch mal sehen", meinte der Blondschopf nun, der sich auf dem Griff Judes wand um den nächsten Stoß auszuführen, den sie auch glatt versenkte. Gefluche auf der Seite der Männer und zufriedenes Grinsen auf der Seite der Frauen, und dies sollte sich auch zumindest für dieses Billardspiel nicht mehr ändern, denn Sunny und Jude schafften es doch tatsächlich jede einzelne Kugel einzulochen ohne einen Zug an ihre beiden Gegner abgeben zu müssen, was im Endeffekt nichts anderes bedeutete als dass die beiden Männern ihren Freundinnen einen ausgeben mussten.

Großes Gelächter ertönte von dem Tisch an dem sich die vier Freunde nieder gelassen hatten um etwas zu trinken, doch dies viel nicht sonderlich auf, herrschte doch im ganzen Pub eine außerordentlich gute Stimme und dementsprechend laut war es auch in den Innenräumen. Da fiel die lustige Runde der Viererclique nicht wirklich auf. „Red' keinen Scheiß", blickte Jude den blonden Bürgermeistersohn mit großen Augen an. „Du hast 'ne menschliche Leiche seziert? Ich dachte man gibt euch Frettchen oder so etwas." Man hörte doch schon deutlich, dass Jude ein bisschen beschwipst war, doch das hatte bei ihr gar nichts zu bedeuten. Keiner wusste zwar so recht wie sie es machte, doch die junge Frau hatte es in der Tat noch nie geschafft sich so zu betrinken, dass sie nicht mehr wusste was sie tat oder sagte, und das obwohl sie keineswegs darauf achtete wie viel sie trank. Doch Jesse konnte auf diese Frage auch nur kräftig nicken. „Doch es ist wahr. Das sind alles Menschen, die ihren Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellen und eine gewisse Anzahl wird auf die medizinischen Fakultäten verteilt", erklärte der Blonde fast schon fachmännisch, was die Brünette doch schon so ein bisschen beeindruckt blicken ließ. „Na, dann auf die Wissenschaftsleichen", erhob Tyler sein Glas, und selbstverständlich stießen auch die anderen drei auf diesen Tost an, auch wenn Sunny wohl die einzige war, die wohl aus wirklichem Amüsement darüber lachte, war sie doch ebenfalls die einzige die noch vollkommen nüchtern war. Immerhin musste sie nachher alle wieder sicher nach Hause bringen und der Schlüsselbund Jesse drückte in ihrer Hosentasche immerzu gegen ihren Oberschenkel, so dass sie auch immer wieder daran erinnert wurde, dass sie auf jeden Fall die Finger vom Alkohol lassen musste, was ihr allerdings auch nicht sonderlich schwer fiel. Sie war keine sonderliche Trinkerin und konnte daher auch gut auf einen Trinkabend verzichten, vor allem wenn es der zweite in Folge war, und dies war ja hier der Fall. Doch das nüchtern sein hatte auch so seine Vorteile, war die Unterhaltung doch einsame Spitze. Immerhin bekam man wirklich alles mit klarem Verstand mit und konnte des öfteren über irgendwelche dummen Äußerungen lachen, die man mit einem zugedröhnten Kopf noch nicht einmal annähernd verstand. So war es doch nun bei den vier Freunden auch, denn wann erlebte man schon mal, dass man auf Leichen an stieß. Und hinzu kam noch, dass dies am heutigen Tag im Grunde genommen ziemlich makaber war bedachte man dem guten Freund von dem man heute erfahren hatte, dass er tot war, doch in der momentanen Stimmung dachte niemand an den armen Paul. Noch nicht einmal Sunny, deren Kopf frei war, doch dies hatten sie alle auch verdient. Der gesamte Tag war nicht gerade rosig verlaufen und da konnten sie sich ruhig einmal ein wenig Erholung und Spaß gönnen. Dies war schließlich keine Sünde.