Kapitel 4 ~ Bis dass der Tod uns scheidet
Es stank nach Verbranntem. Sie hatten alle Fenster aufgerissen und die sommerliche Nachtluft hereingelassen und dennoch hielt sich der Geruch hartnäckig. Als die Frage nach dem Schlafplatz aufkam, bot Cas ihm die andere Seite des Bettes an.
Dean kratzte sich im Nacken. „Was ist mit deiner... Kommune? Ich will deinen neuen Lebensstil nicht durcheinander bringen. Ich kann mir ein andere Matratze suchen. Kein Problem." Wie viele Groupies hatte er in Cas' Hütte erwischt? Vier oder fünf Frauen? Soweit hatte er es noch nicht gebracht. Cas hatte Sex. Sehr viel Sex. An den Gedanken musste Dean sich erst gewöhnen.
„Dean, die Frauen leben nicht bei mir. Sie sind zu mir gekommen, haben gefragt, ob ich wirklich ein Engel war. Ich habe ihnen Geschichten erzählt, vom Himmel, Gott, Engeln, Buddhismus, einer Prise Judentum, ein paar charmante Märchen..."
„...Hasch, Pillen."
„...und eins führte zum anderen", vervollständigte Cas.
„Und Dean? Der andere...?"
„Jane hat Risa abgelöst", erwiderte Cas, ohne den Mund zu verziehen. Glücklich war anders.
Risa war Deans Typ. Tough, selbstbewusst, die dritte in der Rangordnung. Sie hatte mehr erwartet. Sie hatte geglaubt, sie und Dean hätten eine Verbindung gehabt. Dean schlief sich nicht durchs Camp, aber dennoch konnte man nicht mehr von ihm erwarten. Gefühle waren ihm fremd geworden. In gewisser Weise war Castiel menschlich geworden war, während Dean sich in einem gefühllosen, steinernen Engel verwandelt hatte.
„Heute steht keine Orgie mehr auf dem Programm. Aber wir können Chuck fragen, wo noch eine Pritsche frei ist", bot Cas nonchalant an.
„Ich bleibe. Ist das einfachste."
Dean fragte sich, was für eine eigenwillige Beziehung er und Cas hatten und ob er womöglich auch an einer der Orgien beteiligt gewesen war.
Er war erstaunt gewesen, den aufgebrachten Engel des Herrn zu sehen, der ihm damals gedroht hatte, ihn in die Hölle zurückzuschicken, der alle in Angst versetzt hatte, als er Pamelas Augen ausgebrannt hatte. Andererseits hätte er sich Zach am liebsten selbst vorgeknöpft. Je mehr Zeit Dean mit Cas verbrachte, desto dringender brannte in ihm die Frage, was schiefgelaufen war. Irgendwie, irgendwann mussten er und Cas emotional auseinandergedriftet sein.
Dean sah zu, wie Cas aus seiner vertrauten Kleidung in Boxershorts und ein verwaschenes AC/DC-T-Shirt wechselte, das ihm sehr bekannt vorkam. Er bot ihm die Sachen seines Alter Egos an, doch Dean verzichtete dankend, er schlief lieber in seiner eigenen Unterwäsche. Er sah zu, wie Cas eine Valium – für die Nacht, wie er sagte – einwarf und sich hinlegte. Wahrscheinlich wirkte sie aufgrund seiner himmlischen Fähigkeiten kaum oder gar nicht. Dean erinnerte sich, wie Castiel sich einen ganzen Schnapsladen vorgenommen hatte, um nur annähernd betrunken zu werden.
Als Dean seine Seite des Bettes aufschlug, wurde er abermals an Cas' Sexleben konfrontiert. Er pfefferte ihm das Kondom zu. „Allzeit bereit", sagte Cas und legte es auf die Truhe neben dem Bett.
Mit einem Seufzen löschte Dean das Licht und krabbelte unter die Decke. Er rollte sich auf die Seite mit dem Rücken zu Cas und schloss die Augen. Mit gespitzten Ohren horchte er auf Cas' Atem.
Wie sollte er damit umgehen, dass Cas und er...? Dean hatte befürchtet, dass er sich in einem Bett mit Cas unwohl fühlen würde, aber das war nicht der Fall. Es fühlte sich vertraut an.
Trotzdem lag Dean eine geschlagene Ewigkeit wach da, bis Cas leise seinen Namen sagte.
„Ich dachte, du schläfst?", fragte Dean. Er wühlte sich unter der Bettdecke auf die andere Seite.
Cas meinte leise: „Schon okay. Ich kann auch nicht schlafen, ich bin nur besser im Vortäuschen."
„Das werde ich mir merken", erwiderte Dean trocken.
„Entspann dich", sagte Cas, als ihre Gesichter einander gegenüber auf den Kissen lagen. Dean war dankbar für das schwache Mondlicht, das durch das Fenster hereinfiel. Er konnte Cas nur wage erkennen.
Definitiv keine Pyjamaparty, dachte Dean. „Die Welt endet. Ich habe mich in ein verdammtes Arschloch verwandelt, Luzifer hat sich Sam geschnappt und du bist ein Blumenkind..."
„Die Zukunft stinkt!" Cas lachte ironisch.
„Ich... Dean hat dich betrogen", begann Dean. Technisch gesehen hatte er Cas nicht hintergangen, aber er fühlte sich trotzdem schlecht deswegen. Er verabscheute sich. Der Selbsthass war nichts Neues; nichts, an das er nicht gewöhnt war. Doch dieses Mal war es anders: Er hasste sich für, was er geworden war, ein stoischer Fremder, den er nicht mehr kannte. „Er hat dich und die anderen in den Tod geschickt. Es war eine Falle. Wusstest du das?"
Cas seufzte. „Dean, jedes Mal, wenn wir losziehen, um Essen, Medizin oder sonst etwas besorgen, kann es sein, dass wir nicht wieder zurückkommen."
„Das war eine beschissene Selbstmordmission!"
„Du warst dabei. Dean hat mich gefragt, er hat mir die Wahl gelassen, ob ich mitkomme." Cas war 2014 Dean bis zum Ende gefolgt, obwohl er geahnt hatte, dass sie der sichere Tod in Detroit erwartete. Er hatte sein Schicksal akzeptiert und nicht gezögert, als Dean ihn knurrig gefragt hatte. Er hatte alles aufgegeben, war menschlich geworden und geblieben. Es gab keinen anderen Ort, keine anderen Menschen oder Engel für ihn.
Dean schwieg betreten.
„Fuck, Cas. Gibt es eigentlich etwas, dass du nicht für mich tun würdest?"
„Deine Wäsche musst du selbst machen." Cas' Mund formte sich zu einem kleinen Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.
„Du hast immer eine Wahl", beharrte Dean.
„Und ich würde immer dich wählen."
„Warum bist du noch hier, Cas? Der Colt hat versagt und wenn du hier bleibst...", hakte Dean nach. „Es tut mir leid, dass ich dich in diesen Schlamassel reingezogen habe."
Allmählich wurde die Unterhaltung für Cas erdrückend. Er hatte erwartet, dass Dean sich angewidert abwenden würde wie sein Dean. Er, beide Deans wussten, wie Cas gewesen war und welchen tiefen Fall er hingelegt hatte. Der Engel erwiderte nichts, streckte seine Hand aus und berührte den Handabdruck auf Deans Oberarm. Er hatte Dean vermisst, diesen Dean. Der, mit dem er einen tieferen Bund hatte. Die Nähe. Deans warmer Atem, sein Geruch nach Zahnpasta, Deo und Bier, das Waffenöl und -fett an seinen schwarzen Mechanikerhänden und den zärtlichen Blick in seinen Augen, den er nur mit ihm teilte.
„Ich wünschte, ich könnte dich zurückschicken, damit du ein paar Dinge änderst", murmelte Cas reumütig. Er wollte ihn nicht drängen und ihn für den alten Castiel verderben, aber vermutlich war es dafür schon zu spät. Es war, als würde er seinem jüngeren Bruder den Freund stehlen. Das war nicht richtig.
„Mit den Lottozahlen von 2009", antwortete Dean. Er schüttelte Cas' Hand nicht ab, obwohl sein Herz aufgeregt schneller schlug.
Cas schob seine Hand schließlich unter Deans Shirt und ließ sie hoch zur Brust wandern.
„Hör auf, Cas."
„Warum denn?"
„Cas... bitte."
Cas schnaubte. „Du bist verklemmter, als ich dich in Erinnerung habe."
„Und du bist zugedröhnter, als ich dich in Erinnerung habe", blaffte Dean zurück.
„Zumindest weiß ich jetzt, warum du so viel getrunken und dich durch die Gegend gevögelt hast", bemerkte Cas verletzt. „Du warst immer gut darin, den Schmerz zu betäuben."
„Vielleicht frage ich doch Chuck nach einer freien Pritsche!" Dean taumelte aufgebracht aus dem Bett, machte Licht, sprang förmlich in seine Kleidung und war kurz darauf vor der Tür.
Dean machte seinen Parka zu. Die Nacht war kalt und er hatte keine Ahnung, wo Chuck schlief. In der Ferne sah er zwei Männer, die patrouillierten.
Normalerweise würde er jetzt wahrscheinlich Sam versaute Witze erzählen, bis der tomatenrot im Gesicht war. Dean wünschte sich Alkohol, um seine Krise in den Griff zu bekommen. Cas hatte immer Probleme mit Grenzen und persönlichem Freiraum gehabt, die Dean nervös machten, aber die Erkenntnis, dass Cas ihn attraktiv fand und noch mehr, sorgte bei ihm für Gänsehaut. Er kämpfte damit, die Frauen zugunsten für das warme, süße Gefühl in seiner Brust aufzugeben, das Cas in ihm auslöste.
Ein silberner Cadillac.
Cas trat näher an den Wagen heran und bewunderte die Lackierung, die Kotflügel. Er wusste, dass er träumte, dennoch kam es ihm sehr real vor. Langsam schlenderte er auf der rechten Seite zur Beifahrertür, während seine Finger über die makellose Oberfläche glitten.
Die Beifahrertür wurde geöffnet. Cas' Blick glitt über den ausgestreckten Arm ins Innere.
„Cadillac De Ville, Baujahr 1966", sagte Luzifer.
Cas wich instinktiv zurück.
„Dean hätte den Wagen wahrscheinlich mehr geschätzt", meinte Luzifer und stieg aus. „Ich sollte Dean danken."
Cas schritt rückwärts, während Luzifer um den Cadillac ging und sich gegen die Beifahrerseite lehnte. Er hielt ein altes Buch in beiden Händen, das er geräuschvoll zuschlug und frei zitierte: „Das erste Siegel wird gebrochen, wenn ein rechtschaffener Mann in der Hölle Blut vergießt. Wenn er bricht, bricht das Siegel." Er blickte auf.
„Solltest du dir nicht an der Bibel die Finger verbrennen?", bemerkte der Engel.
Der Teufel in Gestalt von Sam grinste. „Ein Dominostein, der alle anderen zu Fall gebracht hat."
„Es war nicht seine Schuld", verteidigte Cas ihn, „Es war sein Schicksal. Der rechtschaffene Mann, der es beginnt, ist der einzige, der es beenden kann."
„Das glaubst du? Bleibst du deshalb bei ihm? Auch nachdem er Nein zu Michael gesagt hat?" Luzifer stieß sich vom Cadillac ab und schlenderte zu ihm.
Cas war stehen geblieben. „Wir standen uns nie nah, Luzifer. Warum jetzt? Warum willst du mich?"
„Ich bin nicht böse, nur missverstanden." Luzifer stand genau vor ihm und lächelte selbstzufrieden.
Verblasste Erinnerungen an Sam vermischten sich mit dem Antlitz des Teufels. Die kleinen Gesten, die an Deans Bruder erinnerten, schmerzten ihn. Am schlimmsten war seine Stimme, das Einflüstern seiner Worte. Wie musste es erst Dean ergangen sein, als er seinen Bruder nach all den Jahren wiedergesehen hatte?
„Ich fühle mich schlecht, weil du gefallen bist. Ich kann dich retten. Dir zurückgeben, was du vermisst. Du magst vom Himmel getrennt sein, aber ich bin immer noch dein Bruder. Wir haben nur noch einander, Castiel."
Cas blinzelte, saß plötzlich aufrecht in seinem Bett im Camp Chitaqua. Er brauchte ein paar Sekunden, bevor er realisierte, was ihn aus dem Traum gerissen hatte. Ein Schuss. Cas sprang auf, schlüpfte in Hose und Schuhe und rannte bewaffnet nach draußen. Das Engelsschwert trug er an seinem Körper.
Orientierungslos sah sich Cas um, bis er Risa entdeckte, die zum Haupthaus sprintete. „Was ist los?", fragte er, als er sie eingeholt hatte. Die Frage erübrigte sich, nachdem Risa die Tür aufgerissen hatte. Dean lag leblos auf dem Boden, sein Kopf, der zur Seite gefallen war, umgab eine Blutlache. In das Rot war Hirngewebe gemischt. Er hatte seine Glock in den Mund genommen, um den Hirnstamm oder das Rückenmark zu treffen – im richtigen Winkel eine todsichere Methode.
Cas fiel neben ihm auf die Knie und nahm seinen bleiernen Kopf mit beiden Händen auf. Dean hatte die Augen geschlossen, wollte selbst in den letzten Sekunden dem Tod nicht in die Augen blicken. Er hatte genug Tod für mehr als ein Leben gesehen.
„Soll ich...? Ist er...?", fragte Risa hinter ihm, die nicht wagte, näher zu kommen.
„Er braucht keinen Arzt", knurrte Cas, „Er braucht einen Arschtritt."
Er schlug mit der flachen Hand auf Deans Brust. „Du denkst, du kannst dich einfach ausklinken, Scheißkerl!", fauchte Cas harsch.
Dann traf es ihn. Dean hatte sich verabschiedet. Er hatte es angekündigt und Cas hatte es nicht gesehen, nicht gehört. Schwer atmend, geladen von Ärger, Adrenalin und Verzweiflung schlug der Engel abermals fest auf Deans Brust und ließ sein Hand dort liegen.
„Was soll ich tun? Hast du auch mal an mich gedacht?" Seine Sicht begann von Tränen zu verschwimmen, während er mit dem letzten magischen Funken seines Mojos versuchte, Dean ins Leben zurückzuholen.
„Dean, verdammt." Seine Stimme klang nun weicher, verzweifelter.
Hinter ihm stürmten Chuck und Dean herein. „Was zur Hölle...?", rief 2009 Dean. Er kam näher. Der Anblick seines anderen Ichs ließ ihn trocken schlucken.
„Was ist passiert?", fragte Chuck nervös. Dean hatte seine Nervosität immer irgendwie charmant gefunden.
Cas ignorierte die anderen und fokussierte sich nur auf Dean. Er blinzelte die Tränen, die seine Augen gefüllt hatten, weg. Sie liefen ihm in einem Strom über die Wangen. Erleichtert schnappte er nach Luft, als Deans Augen schockiert aufflogen.
