Teil 4
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When the tears come streaming down your face
When you lose something you can't replace
When you love someone but it goes to waste
Could it be worse?
- Coldyplay, Fix You
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Es war still geworden, und dunkel. Unangenehme Gerüche zogen durch den Zellentrakt, die von mangelnden sanitären Einrichtungen herrührten. Scully hatte jegliches Zeitgefühl verloren, als Hunger und Durst an ihren Kräften zu zehren begannen. Hatte sie am Anfang noch ab und zu schwere Stiefel den Gang entlangschreiten und harte Stimmen Befehle bellen hören, so war nun nichts mehr zu vernehmen außer vereinzelten, jämmerlichen Hilferufen aus den Zellen neben ihr. Doch auch die wurden weniger. Vielleicht hörte sie sie mittlerweile auch nur noch in ihrer Phantasie. Sie wusste, dass Nahrungs- und insbesondere Flüssigkeitsmangel Halluzinationen hervorrufen konnte; indem sie in ihrem Kopf Symptome und Krankheitsbilder herunterbetete, versuchte sie, bei Verstand zu bleiben und nicht daran zu denken, was mit ihr geschehen würde. Fakt war, dass sie höchstwahrscheinlich zum Sterben hier gelassen worden war. Vielleicht war das nicht von Anfang an der Plan gewesen, aber was auch immer passiert war - nun waren die Gefangenen die einzigen verbleibenden Menschen in diesem Gebäude. Manche hatten anfangs versucht sich zu unterhalten, sich gegenseitig Mut zu machen, doch Scully war lieber für sich geblieben. Sie saß in ihrer Ecke, mit angezogenen Beinen, der Kopf auf den Knien, und betrachtete den schmutzigen Boden. Beziehungsweise die Schwärze, in der sie wusste, dass der Boden sich befinden musste, denn mit ihrem Weggehen hatten die Männer auch das Licht gelöscht.
Zuerst hatte sie versucht, nicht an Mulder zu denken, weil es zu sehr wehtat. Das Gefühl, von ihm im Stich gelassen worden zu sein, war überwältigend schmerzhaft. Sie hätte es ahnen müssen, gleich zu Beginn. Sie war als Partnerin in Ordnung, weil sie ihn ernst nahm, vertrauenswürdig war und ihm folgte, auch wenn sie sich seinen Überzeugungen nicht anschließen konnte. Damit konnte er leben. Aber wenn er es nicht mehr musste? Wenn sich eine idealere Partnerin anbot? Was sollte ihn dann noch bei ihr halten?
Sie hatte sich eingebildet, dass das Band zwischen ihnen stärker wäre. Doch offensichtlich war dieses Gefühl einseitig gewesen. Was hatte sie eigentlich von ihm erwartet? Und von der Beziehung, die zwischen ihnen bestand? Was für eine Beziehung bestand eigentlich?
Fragen, die sie immer in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins geschoben hatte. Sie waren unangenehm; es war viel einfacher gewesen, so weiterzumachen, wie sie es immer getan hatten und nicht zu viel darüber nachzudenken, was irgendwann einmal daraus werden sollte. Dass das blauäugig gewesen war, wurde ihr nun klar. Aber was änderte das jetzt noch? Sie hatte sich immer gewünscht, einmal auf ihr Leben zurückblicken zu können und nichts bereuen zu müssen. Doch da hatte sie gründlich versagt. Ihre Chance hatte sie eindeutig verpasst.
So schmerzhaft wie es war, kehrten ihre Gedanken trotzdem schließlich immer häufiger zu Mulder zurück. Er war ihr immer eine Stütze gewesen, sein Glaube und seine Überzeugung hatten sie so oft gerettet. Er hatte sie aus dem naiven Dasein des Durchschnittsbürgers gerissen, ihr die Augen geöffnet und ihr Leben erfüllter gemacht, als sie sich je hätte ausdenken können. Einst hatte sie sich auch eine Zukunft im Häuschen hinter einem weißen Gartenzaun gewünscht - ein derartiger Lebensstil war für sie nun unvorstellbar. Sicherlich hatte sie nicht geplant, für alle Ewigkeiten Monstern und Außerirdischen nachzujagen, aber trotzdem hätte sie niemals in diese stupide Normalität zurückkehren können. Sie bemitleidete die Menschen, die niemals etwas anderes kennen lernen durften.
Auch wenn ihr Leben nun ein verfrühtes Ende nehmen musste, so hatte sie es doch Mulder zu verdanken, dass sie dennoch mehr gelebt hatte als die meisten.
Sie hatte versucht, sich zusammenzunehmen, um keine wertvolle Flüssigkeit zu verschwenden, doch nun konnte sie nicht verhindern, dass sich einige Tränen aus ihren Augenwinkeln lösten und auf ihren nackten Unterarm tropften.
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For you I'd wait 'til kingdom come
Until my day, my day is done
And say you'll come and set me free
Just say you'll wait, you'll wait for me
- Coldplay, Till Kingdom Come
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Sie musste in eine Art Dämmerschlaf gefallen sein, denn bei dem plötzlichen Geräusch schrak sie auf und sah sich für eine Sekunde orientierungslos um. Unwillkürlich hob sie die Hände gegen das grelle Licht, das aus Richtung der Tür zu kommen schien und drückte sich noch weiter in ihre Ecke.
„Nein...", wimmerte sie und machte sich instinktiv so klein wie sie konnte. Sie konnte nicht einordnen, was geschah; ob es das Licht am Ende des Tunnels war, Außerirdische oder einfach nur jemand, der ihr den Gnadenschuss verpassen wollte... fest stand, dass es nichts Gutes bedeuten konnte...
„Scully..."
Mit einem Mal hörte das Licht auf zu blenden, und jemand kniete neben ihr. Eine sanfte Hand legte sich um ihren Arm, zog ihn behutsam von ihrem Gesicht weg. Sie wagte zu blinzeln.
„Ich bin's, keine Angst, es ist vorbei..." Und da war Mulders Gesicht, sein geliebtes, wunderschönes Gesicht mit den haselnussbraunen Augen, die sie besorgt musterten und zu fragen schienen, ob sie okay war, und ja, sie war okay, alles war okay, jetzt, da er hier war. Und jetzt gab es kein Halten mehr für ihre Tränen, das letzte bisschen Flüssigkeit strömte über ihre Wangen, als sie zitternd die Arme um seinen Hals schlang und den Kopf in seiner Halsbeuge barg.
„Kommen Sie, wir müssen hier raus", sagte er leise und hob ihren geschwächten Körper in seine Arme. Er war erschrocken, wie leicht sie war. Die Schweine hätten sie und die anderen tatsächlich hier unten sterben lassen... vollkommen sinnlos, weil sie, die Feiglinge, die sie waren, bei ihrer Flucht nur darauf aus gewesen waren, ihren eigenen Arsch zu retten. Seine Scully hätten sie verdursten und verhungern lassen, und wie sie aussah, hatten sie es beinahe geschafft. Dafür würden sie bezahlen, irgendwann, irgendwie, dafür würde er sorgen.
„Gleich sind wir draußen, dann bekommen Sie etwas zu trinken, alles wird gut", murmelte er beruhigend in ihr Haar, während er die langen, verwaisten Korridore entlang eilte und schließlich ins Freie trat.
Noch nie hatte sie sich so gefreut, die Sonne zu sehen.
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You're my one in five billion.
- 5x19 Folie à deux
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So oft er sie schon in dieser Situation gesehen hatte, wollte sich Mulder doch nie so recht an den Anblick von Scully in einem Krankenhausbett gewöhnen. Sie wirkte viel zu verloren in den weißen Laken und völlig fehl am Platz, seine kleine, sonst so lebendige Scully. Trotzdem lächelte er, als er das Zimmer betrat, auf ihrer Bettkante Platz nahm und ihre Hand in seine nahm.
„Sorry, keine Blumen heute. Als ich mich an der Tankstelle dem letzten Strauß genähert habe, sah eine Rentnerin gefährlich danach aus, als würde sie gleich ihren Gehstock zweckentfremden. Und da dachte ich, Skinner springt im Dreieck, wenn wir beide im Krankenhaus landen, also habe ich es lieber gelassen."
„Eine weise Entscheidung", lächelte sie.
„Wie geht's Ihnen?"
Für einen Moment lag ihr ihre übliche Antwort auf den Lippen, doch dann besann sie sich eines Besseren.
„Ich werd's überleben. Dank Ihnen." Sie musterte ihre ineinander verschlungenen Finger. Solche Dinge sagte sie für gewöhnlich nie zu ihm und sie war sich nicht sicher, wie er reagieren würde. Schließlich hatte sie lange Zeit zum Überlegen gehabt.
„Da ich ja wie immer auch nicht ganz unschuldig an Ihrer Situation war, war wohl das Mindeste, was ich tun konnte, Sie zu retten", antwortete er zwinkernd und überspielte damit seine Freude über ihre ehrliche Dankbarkeit.
„Es tut mir Leid, dass ich Ihnen misstraut habe. Ich hatte mich in die Idee verrannt, dass Sie mich nicht mehr brauchen, nachdem Sie Ihre Gleichgesinnte von früher wieder hatten... so sehr, dass ich sogar Krycek geglaubt habe. Ich kann nicht fassen, wie dumm ich war." Resigniert ließ sie ihren Kopf nach hinten in die Kissen sinken.
„Ich hätte mich auch etwas weniger wie ein Arschloch aufführen können. Und es hat schon seinen Grund, weswegen Diana und ich uns damals getrennt haben. Scully, niemand kann Sie ersetzen, das sollten Sie wissen. Ich möchte mit niemand anderem Außerirdische jagen und mir nachher erklären lassen, dass sie gar nicht existieren, obwohl wir sie unleugbar gesehen haben..." Der letzte Satz brachte ihm einen Klaps auf den Oberarm und ein seltenes, echtes Scullylächeln ein.
„Danke", sagte sie leise und setzte sich auf, um ihre Stirn an seine zu lehnen und seine Hand ein wenig fester zu drücken.
„Immer", erwiderte er und strich ihr behutsam mit der freien Hand eine Haarsträhne hinters Ohr. Sie hob den Blick und traf auf seinen - sie liebte es, wie seine Augen manchmal zu lächeln schienen, ohne dass er tatsächlich eine Miene verzog. Jetzt oder nie, sagte sie sich entschlossen.
Sie legte eine Hand in seinen Nacken, schloss die Augen und überbrückte die letzten Zentimeter zwischen ihren Lippen und seinen. Er leistete keinen Widerstand, sondern begegnete ihr bereitwillig, während er mit seinem Daumen sanft über ihre Wange strich.
Es gab keine Explosion, als sich ihre Lippen schließlich trafen. Es fühlte sich einfach richtig an, wie zwei Teile eines Ganzen, die sich endlich, nach all der Zeit, nahtlos zusammenfügten. Vergessen waren für einen Moment Außerirdische, Hybriden, undurchsichtige Exfreundinnen und das Ende der Welt. Und sie waren beide dankbar dafür, dass ihnen diese zweite Chance gegeben worden war.
