Rodolphus hatte keine Ahnung wie er die Hausaufgabe der Eheberaterin umsetzen sollte und in den ersten Tagen nach der Sitzung fühlte er sich gekränkt von ihren harten Worten und tat aus Trotz gar nichts. Er war mürrisch und behandelte Bellatrix einmal genauso wie sie ihn, seit sie zusammen in die Wohnung gezogen waren. Er giftete sie an und ging ihr auch aus dem Weg. Zuerst war sie überrascht von seinem Verhalten und dass er auf einmal Kontra gab, doch dann zeigte sie ihm wie eh und je die kalte Schulter und sie standen wieder am Anfang.

Es war freilich keine gute Lösung für ihre Probleme, das wusste Rodolphus nur zu gut. Er hatte keine andere Wahl, als sich einzugestehen, dass Charlotte Recht hatte und er etwas tun musste, damit Bellatrix ihn nicht länger behandelte, als wäre er Luft. Wenn er nur wüsste, wie…Er musste sich etwas einfallen lassen.

Es war ein Samstagmorgen und Rodolphus wollte gerade ins Badezimmer. Er war so in Gedanken, dass er nicht daran dachte, anzuklopfen. Als er die Tür öffnete, fand er sich Bellatrix gegenüber, die ihn erst entsetzt, dann böse anfunkelte.

Ihre Haare waren nass und sie hatte ein Handtuch eng um ihren Körper geschlungen.

„Hey! Kannst du nicht anklopfen?!", fauchte sie.

Rodolphus war zuerst von ihrem Anblick ein bisschen vor den Kopf gestoßen, er fing sich jedoch schnell wieder. Für einen kurzen Moment überlegte er schon, einfach wieder zu gehen, doch dann rief er sich Charlottes Worte in Erinnerung und ihm kam eine Idee. Anstatt Bellatrix allein zu lassen, blieb er einfach im Badezimmer.

„Tut mir Leid, aber… du besetzt das Bad schon lange genug. Ich möchte auch hier rein", sagte er ruhig und schritt zum Waschbecken, um sich zu waschen und zu rasieren. „Könntest du…"

Er fasste Bellatrix vorsichtig an den Hüften und zwang sie so, ein Stück auf die Seite zu gehen, sodass er am Waschbecken genug Platz hatte. Bellatrix starrte ihn entsetzt an und vergaß sogar für einen Moment, sauer auf ihn zu sein. Sie starrte ihn nur an.

Rodolphus tat so, als würde er ihren Gesichtsausdruck nicht sehen und beugte sich über das Waschbecken. Als auf sich wieder aufrichtete, sah er Bellatrix im Spiegel, die ihn böse anfunkelte.

„Was ist?", fragte er, als wisse er nicht, wo das Problem ist.

„Was fällt dir eigentlich ein?!", fragte sie. „Ich bin jetzt hier im Bad! Verschwinde, ich will mich anziehen."

„Das Bad ist groß genug für uns beide, Bella. Außerdem, nur zu, tu dir keinen Zwang an." Er deutete auf ihren nackten Körper, der von dem Handtuch verdeckt wurde. „Ist nichts, was ich nicht kenne."

Sie knurrte etwas Unverständliches, dann nahm sie ihren Kamm und ihre Kleidung und stürmte hinaus, um sich im Schlafzimmer umzuziehen.

Rodolphus seufzte und für einen Moment überkam ihn ein schlechtes Gewissen. Dann aber fiel ihm ein Satz der Eheberaterin wieder ein: „Werden Sie sichtbar! Zeigen Sie Ihrer Frau, dass Sie da sind!"

Zum ersten Mal, seit sie zusammen wohnten, hatte er Bellatrix gezeigt, dass er da war und dass sie ihn nicht so leicht herumschubsen konnte, wenn es ihr passte. Er hatte sein Recht verteidigt, in dieser Wohnung sein zu können und es fühlte sich gut an. Auch wenn er den Konflikt zu Bellatrix gesucht hatte, fühlte er sich besser. Erst Recht, weil er nicht aus Rücksicht auf sie zurückgesteckt hatte.

Während er sich im Bad fertig machte, dachte er darüber nach, wie er weitermachen sollte. Einen guten Anfang hatte er geschafft, er musste es nur in anderen Situationen genauso machen.


Beleidigt verzog sie sich ins Schlafzimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Erschöpft lehnte sie sich gegen die Tür und schloss die Augen.

Bellatrix fühlte sich nicht wohl, sondern gefangen und eingeengt. Sie hatte Kopfschmerzen und hatte einfach nur im Bad ihre Ruhe haben wollen, bis ihr Mann sie gestört hatte. Sie konnte seinen Anblick im Moment kaum ertragen und war froh gewesen, dass er ihr bislang aus dem Weg gegangen war. Was sein Auftreten jetzt sollte, wusste sie nicht.

Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen, dann trat sie vor den Spiegel und legte das Handtuch ab. Askaban hatte ihr stark zugesetzt. Sie war immer noch abgemagert, sodass einige Knochen hervortraten, und blass. Das Essen wollte ihr nicht schmecken und sie hatte keinen Appetit. Sie wusste eigentlich gar nicht, warum sie hier war oder warum sie sich auf das Resozialisierungsprogramm eingelassen hatte.

Der Dunkle Lord würde wollen, dass sie sobald es möglich war, ihre Arbeit in seinem Namen wieder aufnehmen konnte. Sie hatte gedacht, dass Rodolphus sie dabei unterstützen würde, aber von seiner Seite erfuhr sie keinen Rückhalt. Er sah sie im Gegenteil eher mitleidig an, so als wäre sie nicht bei Verstand. Sie verachtete ihn dafür. Aber er sollte nur machen. Solange sie nichts mit ihm zu tun haben musste, durfte er machen, was er wollte.

Die Situation mit ihm in einer engen, kleinen Wohnung eingeschlossen zu sein, belastete sie. Sie fühlte sich eingesperrt und unfrei. Alles war ihr zuwider, vor allem ihr toller Ehemann, der sie im Stich ließ.

Vorsichtig glitten ihre Finger über die rosafarbene Narbe auf ihrem linken Unterarm. Das Dunkle Mal war völlig verschwunden, anders als damals, als der Dunkle Lord zum ersten Mal verschwand. ES war nur verblasst, aber nicht ganz verschwunden. Bellatrix wusste mit der neuen Situation nicht wirklich etwas anzufangen. Sie konnte nicht begreifen, dass der Dunkle Lord nicht mehr da sein sollte. Er, der mächtiger war, als jeder andere Zauberer, sollte einfach verschwinden? Das war nicht möglich.

Bellatrix hatte nicht gesehen, was mit ihrem Herren nach der Schlacht von Hogwarts passiert war. Zuvor hatte Molly Weasley sie mit einem Zauber niedergestreckt, sodass sie das Bewusstsein verloren hatte. Sie war im St. Mungo- Hospital aufgewacht und niemand hatte ihr gesagt, was passiert war. Jeder hatte gejubelt und gefeiert, dass der Dunkle Lord besiegt war. Ohne viel Federlesen war sie nach Askaban geschickt worden.

Die Welt um sie herum kam ihr fremd vor. Und sie war allein. Das Dunkle Mal, das ihr immer Zuversicht und Hoffnung gegeben hatte, war verschwunden. Der Dunkle Lord war verschwunden. Alles, wofür sie gekämpft und gelebt hatte, an das sie geglaubt hatte, hatte keinen Bestand mehr. War wertlos geworden.

Und Bellatrix wusste nicht mehr, was sie tun sollte.


Es war Montagabend, gegen halb elf. Bellatrix hatte den dringenden Wunsch, ins Bett zu kommen und steuerte deshalb das Schlafzimmer an. Sie hatte Rodolphus den Abend über nicht gesehen. Er war vor geraumer Zeit ins Badezimmer verschwunden, um zu duschen, und sie wollte die Gelegenheit nutzen, ins Bett zu gehen, bevor er ihr über den Weg laufen konnte. Womit sie jedoch niemals gerechnet hätte, war, eben ihren Ehemann dort zu treffen, wo sie eigentlich ihre Ruhe vor ihm haben wollte.

Bellatrix erstarrte auf der Stelle. Rodolphus stand im Schlafzimmer. Und zwar halbnackt. Mit nur einem Handtuch um die Hüften geschlungen.

Er bemerkte seine Frau nicht, die wie angewurzelt in der Tür stand und in anstarrte, während er im Schrank nach seiner Kleidung suchte.

Bellatrix´ Blick blieb an Rodolphus´ Oberkörper hängen, auf dem noch ein paar Wassertropfen schimmerten. Es war das erste Mal seit Jahren, dass sie ihren Mann unbekleidet sah. Auch wenn Askaban ihm doch zugesetzt hatte, er hatte noch die breiten Schultern und die kräftigen Arme, die sie in Erinnerung hatte. Er war trotz seines Alters immer noch sehr gutaussehend und anziehend.

Es war lange her, dass Bellatrix ihn so aus der Nähe gesehen hatte. Sie hatten während ihrer Ehe nie sonderlich viel Intimität geteilt, erst Recht nicht, weil sie im Gefängnis sehr lange getrennt gewesen waren. Etwas regte sich in Bellatrix´ Brust, als sie ihren Mann sah und sie vergaß für den Moment, was sie eigentlich tun wollte.

Nachdem er die Schublade zugemacht hatte, wandte er plötzlich seinen Blick nach links und erblickte Bellatrix.

„Bella…", sagte er völlig überrascht. „Ich… hab dich nicht gesehen. Wieso sagst du denn nichts?"

„Was?! Ich… Nichts. Was machst du denn hier?"

„Ich will mich nur anziehen, wenn es recht ist", sagte Rodolphus ruhig und ignorierte Bellatrix´ erbosten Tonfall.

„Ich… würde gerne schlafen gehen", sagte sie beherrscht.

„Das kannst du gleich, wenn ich fertig bin", sagte er schlicht, drehte sich um und wollte sich anziehen. Bellatrix ließ ihm keine Zeit, sondern stürmte wieder hinaus.

Mit verschränkten Armen ging sie ungeduldig im Flur auf und ab, als Rodolphus das Schlafzimmer verließ. Zum Glück angezogen.

„Bist du fertig? Ich bin müde!", sagte Bellatrix.

„Ja, ich bin fertig. Du kannst", raunte Rodolphus. „Bella…"

Seine Hand legte sich um ihren Oberarm, sodass er sie zurückhalten konnte. Sie sagte nichts, aber es war ihr zuwider, dass er sie anfasste. „Was willst du?"

„Ich weiß, dass dich das alles aufregt, mich ja auch. Aber es ist nun mal so. Wir können es nicht ändern. Können wir nicht wenigstens versuchen, das irgendwie normal hinzukriegen?"

Sie sagte nichts, sondern wandte sich ab und ging schlafen. Rodolphus blieb ratlos im Flur zurück.


„Sie haben bereits erwähnt, dass Sie sich Sorgen um Ihre Frau machen?", sagte Charlotte Lefay. „Haben Sie sie darauf in der Zwischenzeit angesprochen?"

„Nein, ich habe irgendwie… Noch nicht den Mut dazu aufbringen können", gestand Rodolphus. „Ich glaube, wen ich das jetzt versuche, dann… Sie ist noch nicht so weit. Ich will… Ich will zwischen uns nicht noch mehr Unfrieden stiften. Können… Sie nicht mit ihr reden?"

„Das ist schwierig, Ihre Frau… hat kein Vertrauen zu mir, dass sie sich öffnen würde. Es wird noch einige Zeit dauern." Die Eheberaterin sah auf die Uhr. Sie hatten nur noch ein paar Minuten. „Mr. Lestrange, zu guter Letzt möchte ich noch gerne wissen, haben Sie Ihre Hausaufgabe schon erledigt?", fragte Charlotte.

„Jaah", sagte Rodolphus langsam. „Ich habe… mir Ihre Worte zu Herzen genommen. Ich bin jetzt tatsächlich etwas sichtbarer geworden."

„Wirklich? Das freut mich zu hören", sagte Charlotte lächelnd. „Was haben Sie gemacht, um sichtbarer zu werden?"

„Nun ja, ich bin… Bella nicht mehr aus dem Weg gegangen. Ich war plötzlich überall da, wo sie auch war. Das hat sie zwar ziemlich aufgeregt, aber ich habe nicht locker gelassen. Ich bin ruhig und eisern geblieben."

„Können Sie konkrete Situationen schildern?"

„Ich kam ins Bad, als Bella drin war. Ich habe mich nach dem Duschen nicht im Bad umgezogen, sondern im Schlafzimmer, als Bella gerade reinkam. Ich habe nicht mehr getrennt von ihr gegessen, sondern mit ihr. Wir sitzen jetzt gemeinsam am Tisch."

„Das hört sich gut an. Wie hat Ihre Frau reagiert?"

„Sie war… ziemlich wütend am Anfang. Sie… zeigt mir ziemlich deutlich, dass sie nicht sonderlich viel von mir hält und das Zusammenleben mit mir nicht gut findet, aber zumindest das gemeinsame am Tisch sitzen, hat sie, glaube ich, akzeptiert."

Charlotte nickte und schrieb fleißig auf ihrem Klemmbrett. „Vielen Dank, Mr. Lestrange, wir sind dann für heute fertig. Bis nächste Woche. Schicken Sie mir dann bitte Ihre Frau rein."

„Wiedersehen", sagte Rodolphus, erhob sich und schritt hinaus. Er warf Bellatrix ein schwaches Lächeln zu, als er für sie die Tür aufhielt. Ihre Blicke trafen sich für einen kurzen Moment. Sie funkelte ihn nicht wie sonst böse an, aber freundlich war ihr Blick trotzdem nicht. Rodolphus ahnte schon, dass sich Charlotte gleich auf Gezänke von Bellatrix einstellen durfte. Sie hatte natürlich recht schnell begriffen, wer ihren Mann zu Änderung seines Verhaltens angestiftet hatte.

Bellatrix riss Rodolphus buchstäblich die Tür aus der Hand und zog sie mit einem Schwung hinter sich zu, sodass sie laut ins Schloss fiel.


Charlotte, die noch auf ihrem Klemmbrett schrieb, sah auf. „Oh, Bellatrix, setzen Sie sich doch."

„Ich will nicht sitzen! Ich stehe lieber!", sagte Bellatrix gereizt. Ungeduldig schritt sie vor Charlotte auf und ab und hatte die Hände in die Hüften gestemmt.

„Sie haben ihm das doch in den Kopf gesetzt, oder?!", fragte sie offen heraus in mehr als aggressivem Ton. „Was bilden Sie sich ein?!"

Charlotte blieb gelassen und schlug ein Bein über das andere. „Was meinen Sie?"

„Sie haben Rodolphus gesagt, dass er das tun soll!", giftete Bellatrix. „Er ist plötzlich überall! Ich habe überhaupt keine Ruhe mehr! Ich will ihn nicht um mich haben!"

„Er ist Ihr Mann, Bellatrix. Zwangsläufig werden Sie ihn um sich haben. Sie leben zusammen."

„Ja, leider. Also, was soll das? Was haben Sie ihm gesagt?!"

„Nun, ich habe ihm lediglich geraten, etwas sichtbarer zu werden und wie es aussieht, hat er sich diesen Ratschlag zu Herzen genommen."

„Sichtbar werden?! Was soll das bedeuten?", fragte sie, dann hielt sich plötzlich direkt vor Charlotte inne und sah sie misstrauisch an. „Was hat er Ihnen über mich erzählt?!"

„Gar nichts. Er hat mir nur geschildert, wie Ihr Alltag momentan aussieht und es… ist kaum zu leugnen, dass Sie Ihren Mann praktisch aus der Wohnung aussperren, Bellatrix."

„So ein Unsinn!", entgegnete Bellatrix erbost. „Er kann tun und lassen, was er will!"

„Bellatrix, Sie wissen, dass Ihr Mann dasselbe Recht hat, in dieser Wohnung zu leben wie Sie? Sie sind ein Ehepaar und Ehepartner sollten sich auf Augenhöhe begegnen. Was Sie aber tun ist, Sie schließen Ihren Mann aus Ihrem Leben völlig aus. Sie essen nicht zusammen, bis beanspruchen die Räumlichkeiten zu den Zeiten, die Ihnen passen, was mit Rodolphus ist, kümmert sie gar nicht. Er hat bisher kommentarlos zurückgesteckt. Ich habe ihm gesagt, dass er das nicht weiter tun soll. Das, was er tut, ist völlig richtig."

„Er geht mir auf die Nerven", sagte Bellatrix und ließ sich auf dem Sofa gegenüber von Charlotte nieder. „Wir sitzen aufeinander, das…" Sie warf resignierend die Hände in die Luft. „Was hat jetzt Rodolphus über mich gesagt?"

„Er hat gar nichts über sie gesagt. Er hat mir nur erzählt, wie Ihre Ehe zustande gekommen ist und wie Sie die ersten Tage in Freiheit verbracht haben. Nicht viel, aber immerhin. Ganz im Gegensatz zu Ihnen ist er ein wenig… gesprächiger."

Bellatrix schnaubte und verschränkte die Arme.

„Ich habe bisher nur mit Ihrem Mann gesprochen. Sie sitzen meistens nur da und erzählen mir gar nichts. So können wir nicht arbeiten. Wenn Sie so weitermachen, muss ich dem Ministerium melden, dass Sie sich der Maßnahme verweigern. Ihr Mann ist kooperativ, er hat gute Chancen. Aber was Sie angeht… Bellatrix?"

Bellatrix´ Blick war zum Fenster hinausgewandert.

„Ich sehe, dass Sie etwas beschäftigt und ich möchte Ihnen gerne helfen. Deswegen sind Sie hier. Erzählen Sie mir, was los ist und vielleicht finden wir eine Lösung."

Sie schüttelte den Kopf.

„OK, wie Sie möchten. Aber überlegen Sie sich gut, was Sie tun. Es liegt in Ihrer Hand. Ich würde dann gerne mit Ihnen dasselbe durchgehen wie mit Ihrem Mann schon beim ersten Mal. Sie waren bisher sehr schweigsam, deswegen müssen wir ganz am Anfang anfangen. Vergessen wir Ihren Mann, Ihre Ehe, das Gefängnis, alles. Ich möchte, dass Sie mir etwas über Ihre Kindheit erzählen, Ihre Jugend, Hogwarts, wie Sie aufgewachsen sind. Damit ich Sie besser kennenlernen kann", fügte Charlotte auf Bellatrix´ fragenden Blick hin hinzu.

Bellatrix sagte erst gar nichts, dann setzte sie sich aufrechter hin und schlug ein Bein über das andere. Langsam strich sie die Falten auf ihrem Kleid glatt.

„Was wollen Sie denn von mir hören?"

„Fangen Sie am besten in Ihrem Elternhaus an. Erzählen Sie was über Ihre Familie. Wenn ich richtig unterrichtet bin, stammen Sie aus der Black Familie und haben doch zwei Schwestern, oder?", sagte Charlotte, um nur gleich festzustellen, dass sie das falsche gesagt hatte.

„Ich habe eine Schwester, Narcissa", stellte Bellatrix sofort klar.

„Pardon. Gut, dann erzählen Sie einfach… was Sie möchten. Über eine Schwester."

Bellatrix holte tief Luft. „Ich bin eine geborene Black. Unsere Familie ist reinblütig und hat eine lange Tradition bis ins Mittelalter zurück. Unserer Familie entstammen Zaubereiminister und sogar Schulleiter von Hogwarts."

„Etwas Ähnliches hat mir Ihr Mann auch über seine Familie erzählt."

„Die Blacks sind mit allen großen reinblütigen Zaubererfamilien verwandt", fuhr Bellatrix fort. „Um die Linien rein zu halten, haben wir stets reinblütig geheiratet."

„Wie sind Sie aufgewachsen?"

„Meine Familie besaß ein Anwesen im Süden Englands. Die Familie meines Onkels lebte in London", sagte Bellatrix. Ihr Blick war auf ihre Hände gerichtet, die auf ihrem Knie ruhten. „Ich war die älteste Tochter, deshalb hatten meine Eltern sehr viele Erwartungen an mich. Vermutlich hätten sie sich eher einen Jungen gewünscht."

„Wie war die Beziehung zu Ihren Eltern? Und Ihrer Schwester Narcissa?"

„Eigentlich sehr gut", sagte Bellatrix etwas zögerlich. „Sie hatten klare Vorstellungen wie eine Black- Tochter zu sein hatte. Mein Vater sympathisierte mit dem Dunklen Lord, war allerdings nie ein Todesser. Er sah es nicht gerne, dass seine älteste Tochter sich dem Dunklen Lord anschloss. Meine Eltern hatten ein Leben als Ehefrau für mich vorgesehen. Sie konnten es einfach nicht verstehen. Narcissa ebenso wenig. Narcissa war das kleine brave Mädchen, die sich allem gefügt hat."

„Tut mir Leid, wenn ich direkt frage, aber… Sie hatten eine dritte Schwester, nicht wahr? Ich würde gerne wissen, warum Sie sie verleugnen. Ist etwas in Ihrer Familie vorgefallen?", fragte Charlotte vorsichtig, um Bellatrix nicht zu reizen.

„Meine Schwester Andromeda hat sofort nach der Schule die Familie verraten. Sie hat sich mit einem Schlammblüter eingelassen und damit die Familienehre beschmutzt", sagte Bellatrix ruhig, aber in bedrohlichem Tonfall, so als koche etwas in ihr hoch. „Unsere Eltern haben Sie verstoßen und uns, Narcissa und mir, verboten, über sie zu sprechen. Wir haben sie seit unserer Jugend nicht gesehen."

Ihre Stimme zitterte merklich vor Wut.

„Bevor das passiert ist, wie war da Ihr Verhältnis zu Andromeda? Ich nehme an, sie ist die mittlere Schwester?"

„Ja, ist sie. Sie war zwei Jahre jünger als ich. Narcissa ist vier Jahre jünger als ich. Als Kinder war unsere Beziehung in Ordnung, aber sie war schon immer anders. Sie teilte unsere Auffassungen über die Schlammblüter nicht. In Hogwarts hatte sie viele Freunde aus anderen Häusern, viele von denen Muggelgeborene. Und irgendwann hatte sie etwas mit diesem Ted Tonks. Nach der Schule verschwand sie einfach mit ihm und ließ die Familie im Stich. Sie kann bleiben, wo der Pfeffer wächst, denn so einen Abschaum braucht die Familie Black nicht. Ich möchte nicht im selben Atemzug mit solchen Leuten genannt werden."

Charlotte spürte schnell, dass unter der Oberfläche etwas brodelte. Bellatrix hatte große Wut auf ihre Schwester. Und das nicht nur, weil der Name Black dadurch besudelt worden war.

„Nachdem Ihre Schwester weggelaufen war, hatten Ihre Eltern da noch mehr Erwartungen an Sie? Und an Narcissa?"

„Das kann man wohl sagen. Wir standen ab da praktisch unter ständiger Beobachtung und Kontrolle, weil man sichergehen wollte, dass wir mit den richtigen Leuten verkehrten und nicht dieselben Dummheiten taten, wie unsere feine Schwester. Da ich die älteste war, lastete der Druck vor allem auf mir. Meine Eltern wollten, dass ich so schnell es ging eine respektable Reinblutehe eingehe, um die Familienehre wiederherzustellen. Sie hatten schon ein paar Kandidaten für mich ausgesucht, bevor Andromeda uns verlassen hatte. Ein paar haben sich daraufhin von uns abgewandt, weil sie mit einer Familie, die Blutsverräter hervorgebracht hat, nichts zu tun haben wollten. Davor hat sich jeder junge, reinblütige Mann darum gerissen, eine Black- Tochter heiraten zu dürfen. Andromeda hat das alles kaputt gemacht und Schande über die Familie gebracht."

„Sie haben schließlich Rodolphus Lestrange geehelicht?"

„Ja. Meine Eltern haben mir verschiedene Kandidaten vorgeschlagen, von denen ich aber keinen wollte. Ich musste mich aber entscheiden, sonst hätten sie einen für mich ausgesucht. Rodolphus und ich kannten uns aus Hogwarts und wir verfolgten die gleichen Ziele, dem Dunklen Lord zu dienen, deshalb habe ich ihn genommen. Ich habe das kleinere Übel gewählt. Es hätte mich schlimmer treffen können."

„Ich höre da ein gewissen… Unmut heraus, Bellatrix. Sind Sie wütend darüber, dass man Sie zur Heirat gezwungen hat?"

„Wütend? Ich hatte nicht wütend zu sein. Man hat mich dazu erzogen, dass ich die Entscheidung meiner Eltern respektiere. Eine solche Heirat war mein Schicksal seit meiner Geburt", sagte Bellatrix schlicht.

„Das, was von einem erwartet wird, ist oft nicht das, was man selbst möchte", sagte Charlotte. „Wenn Sie die Wahl gehabt hätten, hätten Sie dann geheiratet?"

Bellatrix blickte sie verständnislos an. „Eine reinblütige Frau kann nicht sagen, dass sie nicht heiratet. Das ist ein Gebot, um die Familie fortzusetzen. Und die meisten Männer haben auch keine Entscheidungsfreiheit. Wenn Rodolphus nicht mich genommen hätte, dann hätte er irgendeine andere heiraten müssen."

„Ich verstehe. Bellatrix, ich möchte nicht wissen, was Ihre Familie von Ihnen verlangt hat, sondern ich möchte wissen, was in Ihnen vorgegangen ist? Ich glaube, Sie waren sehr wütend, oder? Man hat das einfach so über Ihren Kopf hinweg entschieden ohne Sie zu fragen. Vielleicht hatten Sie ja andere Pläne? Und dann ist da Andromeda, die einfach das tut, was sie möchte, ohne Rücksicht auf Sie und Narcissa. Sie war frei, sie war weg. Und Sie mussten die Konsequenzen dafür tragen, hab ich Recht? Das muss doch hart…"

„Ja, Merlin, verdammt nochmal!", schrie Bellatrix plötzlich und sprang auf. „Ich habe Sie dafür gehasst! Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, eine gute Tochter zu sein und dann kommt die, die sich einen Dreck um uns oder die Familie schert und macht alles kaputt! Und meine Eltern sehen mich an, als wäre ich dasselbe Flittchen wie sie! Sie haut ab, sie denkt nur an sich! Und ich musste Ihre Fehler wiedergutmachen! Niemand hat sich dafür interessiert, was ich will!"

„Hassen Sie Ihre Eltern auch dafür?"

„Ja, manchmal. Aber sie sind tot, es interessiert sie nicht mehr."

Eine kurze Pause entstand. Bellatrix schritt wieder langsam auf und ab. Sie war aufgebracht und durcheinander. Nervös strich sie sich durch ihre langen, schwarzen Haare.

„Wie war Ihre Ehe mit Rodolphus? Erzählen Sie. Oder nein, fangen Sie mit der Hochzeit an. Wie haben Sie sich gefühlt, als die Entscheidung fest war, dass Sie Rodolphus heiraten?"

„Ich weiß nicht", sagte Bellatrix. „Es war mir eigentlich egal. Unsere Familien haben den Tag festgelegt, Ende August 1971. Ich war froh, als es vorbei war. Ich bin von Zuhause ausgezogen, zu Rodolphus in das Anwesen der Lestranges. Mit meiner Familie habe ich mich nicht mehr auseinandersetzen müssen. Rodolphus und ich haben uns gemeinsam dem Dunklen Lord angeschlossen. Er war auf meiner Seite. Er hatte nichts dagegen, dass ich Todesserin werde. Nicht, dass ich mir das von ihm hätte vorschreiben lassen", stellte sie klar. „Seit meiner Schulzeit war es mein sehnlichster Wunsch, dem Dunklen Lord zu dienen und ich habe es als erste Frau geschafft, in seine Ränge aufgenommen zu werden. Er hat mich sogar persönlich ausgebildet! Ich war seine beste und ergebenste Dienerin. Niemand sonst stand ihm so nahe wie ich!" Ein fanatisches Glühen trat in ihre Augen, als sie voller Stolz von ihrem Herrn sprach. Sie war plötzlich aufgeregt und schien in ihren Erinnerungen aufzugehen. Auf einmal trat Leben in sie.

„Was war der Dunkle Lord für Sie? Welchen Stellenwert hatte er für Sie?", fragte Charlotte, die schnell begriffen hatte, wo Bellatrix´ Prioritäten und Interessen lagen.

„Der Dunkle Lord ist mein Lebensinhalt", sagte Bellatrix voller Freude. „Mein Leben begann erst richtig, als ich anfing, ihm zu dienen. Niemand kann so viel von mir verlangen wie er, niemand steht über ihm! Er ist… er ist alles für mich!"

„Ich verstehe. Welchen Stellenwert hatte Rodolphus in Ihrem Leben?", wollte Charlotte wissen.

„Rodolphus? Er war immer da, aber… Er ist nicht der Dunkle Lord."

„Auf einer Skala von 1 bis 10 steht der Dunkle Lord also definitiv auf Platz 1?", fragte Charlotte nach.

„Natürlich!"

„Wo ist Ihr Mann da?"

„Ich weiß nicht, ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht. Rodolphus war einfach immer da. Wir sind verheiratet, also war er natürlich immer da. Ich weiß nicht…"

„Ihr Mann hat schon angedeutet, dass Ihre Ehe nicht aus… Romantik geschlossen wurde. Könnten Sie mir bitte sagen, was Ihre Gefühle für Ihren Mann sind? Wie stehen Sie zu ihm?", wollte die Eheberaterin wissen.

„Rodolphus hat mich immer unterstützt in allem, was ich getan habe. Wir waren immer Seite an Seite. Ich kenne es nicht, dass er nicht da ist. Nur in Askaban waren wir getrennt."

„Sie beide waren die treusten Anhänger vom Dunklen Lord, nicht wahr? Niemand stand so hoch in seiner Gunst wie die Lestranges?"

„Niemand!", sagte Bellatrix mit Nachdruck. „Nur ich!"

„Wie waren Ihre Gefühle für den Dunklen Lord?"

„Niemand ist so wichtig für mich, wie er. Er ist alles für mich."

„Wenn er alles für sie ist, bestanden da auch… romantische Gefühle? Haben Sie den Dunklen Lord geliebt?"

Bellatrix sah Charlotte kurz an, aber antwortete nicht. Die Eheberaterin begriff aber trotzdem. Bellatrix´ Gesichtsausdruck sagte mehr als tausend Worte. Wenn sie von ihrem geliebten Herrn sprach trat ein Leuchten in ihre Augen und sie überschlug sich fast vor Erregung.

„Gut", sagte Charlotte abschließend und machte sich die letzte Notiz auf ihrem Klemmbrett. „Ich denke, wir sind dann für heute fertig. Ah, gerade pünktlich", fügte sie mit Blick auf die Uhr hinzu. „Wir sehen uns dann nächste Woche. Ich hätte nur noch eins. Sie werden eine Aufgabe bekommen. Ihr Mann bemüht sich wirklich sehr um Sie und um das Programm. Sie allerdings machen es im Moment allen Beteiligten etwas schwer. Ich würde Sie bitten, auch aus Rücksicht auf Ihren Mann, in Zukunft mitzuarbeiten. Überlegen Sie sich, wo Sie hinmöchten. Man hat Ihnen ein sehr großzügiges Angebot gemacht. Verspielen Sie diese Chance nicht und bestrafen Sie Ihren Mann nicht."

Bellatrix hatte nur ein schwaches Nicken dafür übrig. Sie sah aus, als wolle sie etwas sagen, beließ es aber dabei. Ohne ein Abschiedswort verließ sie den Raum.