11:00 Uhr

Am Rhythmus seiner Finger kann sie erkennen, wie sehr ihm etwas auf der Zunge liegt und wie sehr er sich gerade bemühen muss, eben jenes nicht einfach rauszulassen. Es geht seit vielen Minuten so, aber bislang hat er noch nichts gesagt und seine Finger trommeln weiter auf seinem Oberschenkel, dem Autositz oder der Plastikverschalung der Tür herum.

"House", warnt sie irgendwann, als das Geräusch zunehmend droht, sie vom Fahren abzulenken.

Er macht munter weiter und bekommt endlich den Mund auf. "Hast du ihm gesagt, was passiert ist?"

"Nein", antwortet sie und überholt einen langsam vor ihnen her fahrenden Transporter. Im Moment weiß sie nicht, wie lange sie überhaupt in der Lage sein wird Auto zu fahren mit ihm die ganze Zeit neben sich.

"Warum wusste er dann davon?"

"Er weiß von nichts", wiederholt sie. "Er hat den blauen Fleck gesehen und aus langjähriger Erfahrung als Arzt wohl geschlussfolgert, dass solch ein Muster nicht entsteht, wenn man die Treppe hinunterfällt oder sich am Türrahmen stößt."

Er grummelt kurz und trommelt unbeirrt weiter mit den Fingern auf seinem Oberschenkel herum.

"Greg, kannst du das bitte lassen."

"Was?"

Sie nimmt eine Hand vom Lenkrad und legt sie auf seine Finger, die dadurch endlich zum Stillstand kommen. "Das", sagt sie und sieht ihn kurz bittend an. Ihre Hand verweilt einen Moment bei ihm, bis sie merkt, wie er sich unter ihr etwas entspannt. "Er weiß nichts, aber vielleicht solltest du ihm irgendwann erzählen, was passiert ist, damit er sich nicht irgendwelche wilden Geschichten ausmalt."

"Wahrscheinlich schon längst passiert." Seine Stimme klingt gereizt und ganz so, als wäre er böse auf sie wegen all dem, doch sie will sich nicht immer von ihm den schwarzen Peter zuschieben lassen.

"Ich kann auch nichts dafür. Wenn es dir so auf der Seele brennt, dann ruf ihn an und klär das." Sie weiß, dass er das sowieso nicht machen wird und stattdessen lieber weiter auf sie sauer ist, um zu kaschieren, dass er eigentlich auf sich selbst sauer ist.

Erwartungsgemäß grummelt er ein weiteres Mal und sieht zum Fenster hinaus. Einige Minuten lang ist es still und sie kann sich endlich aufs Fahren konzentrieren, doch mit der Stille kommt auch die Müdigkeit. Sie merkt, dass ihre Lider bereits jetzt schon schwerer werden. Sie wünscht sich die wohlige Wärme des morgendlichen Bettes zurück, das sie so schützend umgab.

"Kannst du vielleicht später ein Stück fahren?", fragt sie ihn und überprüft, ob er nicht vielleicht selbst inzwischen schon schläft.

"Hm", brummt er und sieht weiter aus dem Fenster, wo New Jersey ganz selig an ihm vorbeizieht.

Sie kann nicht sagen, ob es ein Ja oder ein Nein ist, aber das kann sie so oft bei ihm nicht. Im Moment wird sie es einfach als Ja interpretieren und sich einen nahegelegenen Parkplatz suchen, um auf den Beifahrersitz zu wechseln. Bis dahin versucht sie, die Augen noch offen zu halten und geht vorsichtshalber ein wenig vom Gas.

"Hat dir Wilson je etwas über meine Kindheit erzählt?", fragt er ganz plötzlich von der Seite und belässt seinen Blick auf den Dingen, die am Fenster vorbeiziehen.

Sie schüttelt mit dem Kopf. "Nein, warum sollte er?"

"Weil er eine große Klatschtante ist. Der Wolf im Schafspelz. Oder die redselige Nachtschwester im vertrauenswürdigen Onkologen-Gewand."

"Und trotzdem weiß er wahrscheinlich besser als du, manche Sachen für sich zu behalten."

"Wenn er es nicht dir erzählt hat, dann wahrscheinlich Abby aus der Buchhaltung. An deiner Stelle wäre ich verletzt", sagt er theatralisch, schluchzt kurz und hält sich die rechte Hand an die Brust.

"Lass es", mahnt sie und spürt, wie er es endlich geschafft hat, sie mit nach unten zu ziehen und dort in dem kleinen Tümpel aus Selbstmitleid sitzen zu lassen. Sie ist müde, nicht nur weil sie kaum Schlaf hatte, sondern auch, weil sie es leid ist, solche Gespräche zu führen, bei denen er ganz klar seine eigene Agenda verfolgt.

Für einen kurzen Moment dachte sie, dass er sie vielleicht doch an einem der vielen Geheimnisse teilhaben lassen wird, doch so schnell wie der Moment kam, ist er auch wieder verflogen. Im Prinzip wie immer.

"Wenn du sauer auf dich bist, dann sei sauer auf dich, aber versuche nicht immer, es damit zu kaschieren, dass du sauer auf mich, Wilson oder irgendwen bist. Ich bin es leid und es ist eines der etwa dreihundertsechsundachtzig Probleme, die wir haben", entkommen ihr die ungeschminkten Worte. "Lass es einfach, okay."

Sein Kopf dreht sich zu ihr und der Ausdruck auf seinem Gesicht verspricht nichts Gutes. "Ich bin auf mich sauer", sagt er forsch und mit der Ehrlichkeit, die wieder so weh tun kann. Dann sieht er weg und studiert die Landschaft, murmelt leise in sich hinein.

"Ich sollte es besser wissen", ist alles, was sie davon verstehen kann und es gibt ihr wieder zu denken, weil es so viel bedeuten könnte.


12:00 Uhr

Sie steigt aus dem Auto, streckt die steif gewordenen Glieder und löst die verspannten Muskeln in ihrem Nacken. Als sie sich umsieht, ist er schon einige Meter vom Auto entfernt, läuft schnellen Schrittes in Richtung der Tankstelle, ganz so als wolle er vor ihr weglaufen.

"Hey", ruft sie ihm hinterher, doch die Worte gehen womöglich im Wind verloren und er dreht sich nicht um.

Seufzend wirft sie die Arme ein wenig durch die Luft und zuckt mit den Schultern. Manchmal fühlt sie sich so hilflos mit ihm, dass es ihr die Worte raubt. Nicht, dass sie wirklich jemanden hätte, um überhaupt darüber zu reden, aber trotzdem.

Sie überlegt, ob es nicht vielleicht besser wäre, einfach wieder umzukehren, ihn ebenso wortlos zu Hause abzusetzen und allein nach Fairmont zu fahren. Es würde ihr zumindest jede Menge triste Gedanken, Sorgen und die womöglich schon bald aufkeimende Angst vor dem, wie er sich gegenüber ihrer Familie verhalten könnte, ersparen.

Sie holt ihr Handy aus dem Auto und wählt die Nummer ihrer Eltern. Es ist natürlich ihre Mutter, die abnimmt und sie stellt sich mit einem kleinen Lächeln vor, wie ihr Vater in seinem geblümten Sessel sitzt und die dicke Wochenendzeitung studiert.

"Hi Mom."

"Hey Schatz", sagt ihre Mutter überschwänglich. "Bist du auf dem Weg?"

"Ja, aber es dauert noch. Im Krankenhaus gab es heute Morgen einen Notfall und ich bin erst spät los."

"Oh, okay. Hauptsache du bist zum Abendessen hier. Wir haben einen Truthahn und ich denke, dein Vater hat vor, am Tisch allen weis zu machen, dass er ihn eigenhändig geschossen hat."

Sie lacht. "Alles klar mit Rachel?"

"Alles bestens. Sie malt oder zumindest bewegt sie ein paar Stifte übers Papier. Erinnert mich an dich. Julia hatte da irgendwie mehr Talent."

"Sind sie schon da?"

"Nein, sie kommen auch erst später. Nic hat ein Baseball-Spiel."

"Okay, dann bis später."

"Bis dann! Und fahr vorsichtig", merkt ihre Mutter an, doch sie hatte nicht vor, über die Autobahn zu rauschen, schon gar nicht in ihrer heutigen Verfassung.

"Mach ich doch immer", erwidert sie. "Bye Mom."

"Bye Lisa."

Sie beendet den Anruf und sieht sich um. In der Ferne sieht sie, wie er langsam auf sie zugeschlürft kommt. Während sie ihn beobachtet, bemerkt sie, dass seine Bewegungen sehr viel schwerfälliger wirken als gerade eben noch.

Als er am Auto ankommt, geht er nicht zurück auf die Beifahrerseite, sondern kommt zu ihr.

"Kannst du mir mal erklären, was das soll?", will sie wissen und deutet kurz auf die Tankstelle.

"Ich musste pinkeln. Ist das verboten?"

Sie sagt nichts und grummelt nur kurz, ganz so wie er es vorhin immerzu gemacht hat.

Er kommt einen weiteren Schritt auf sie zu. "Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich natürlich nicht einfach gegangen und hätte mich stattdessen auf deinem Beifahrersitz erleichtert."

"Blödmann", raunt sie und öffnet die Autotür. "Willst du fahren?"

"Ich will nicht, aber ich fürchte, ich muss."

"Gut erkannt", bestätigt sie seine Vorahnung und geht ein Stück um das Auto herum, um auf der anderen Seite Platz zu nehmen. Doch so einfach lässt er sie nicht gehen und hängt wie eine Klette an ihr dran, bis sie sich entnervt umdreht. "Was ist?"

"Wirst du diese Blume von mir annehmen?", fragt er und zaubert einen kleinen Gegenstand aus seiner Manteltasche, der wohl eine Rose darstellen soll.

"Das ist eine Plastikblume", gibt sie zurück und sieht auf die etwas misslungene Kopie der Natur in seiner Hand hinunter, die er wohl an der Kasse der Tankstelle zwischen Schokoriegeln und Frostschutzmittel gefunden hat.

"Sie vergeht wenigstens nicht." Er grinst und hält ihr die Blume weiter hin.

Zögerlich nimmt sie sie entgegen und schaut ihn dann mit großen Augen an. "Ich hasse dich, weißt du", sagt sie sanft, obwohl sie sich doch schon so lange vorgenommen hatte, sich nicht immer wieder von ihm einwickeln zu lassen.

"Ich weiß", sagt er mitfühlend und nickt. "Dummerweise liebst du mich auch."

"Ja, dummerweise ist schon der richtige Ausdruck dafür."

Er nimmt sie kurz in den Arm und murmelt ein leises Sorry in ihr Haar. Sie hält sich an ihm fest, damit er nicht gleich wieder weggeht, doch er schafft es, trotzdem zu entkommen und schließlich ins Auto einzusteigen.

Auch sie steigt wieder ins Auto und fragt sich, was sie mit der deformierten Blume in ihrer Hand machen soll.

Er scheint genau das zu ahnen, als er kurz zu ihr sieht und dann losfährt. "Du kannst sie wegschmeißen."

"Nein, es ist ein Geschenk. Geschenke wirft man nicht einfach weg."

"Es ist eine Plastikblume, Cuddy", erinnert er sie.

"Vielleicht kann ich sie ja irgendwann gegen eine richtige Blume eintauschen."

"Ja, ich bin gespannt, ob dir jemand eine echte dafür bietet."

"Ich dachte eher daran, dass du sie mir gegen eine echte eintauschst, nicht irgendwer."

"Um Himmels Willen, warum sollte ich so etwas machen?"

"Ja, warum nur?", seufzt sie und sieht den etwas enttäuschten Ausdruck, den der Satz zugleich bei ihm auslöst. Eigentlich müsste sie froh sein, auch wenn es nur eine hässliche Plastikblume ist. Aber sie würde sich über die ein oder andere kleine Geste mehr sicher freuen.


13:00 Uhr

Seine Hand schüttelt sie relativ sanft aus dem Schlaf und sie bemerkt, dass sie gar nicht mehr fahren, sondern auf einem Parkplatz stehen.

"Ich sterbe vor Hunger", sagt er und schnallt sich ab.

"Wir haben doch erst spät gefrühstückt."

"Aber ich musste jede Menge Energie damit verschwenden, auf dich böse zu sein und dann musste ich es auch noch wieder gut machen. Kannst du dir vorstellen, wie erschöpft ich bin? Am Ende sozusagen."

Sie gibt ihm einen liebevoll-entnervten Blick und schüttelt ein wenig mit dem Kopf. Als sie den Gurt löst, sieht sie die kleine Blume, die ihr aus der Hand gerutscht sein muss, als sie eingeschlafen ist.

Er sieht sie ebenfalls und kann sich einen Kommentar nicht verkneifen. "So wirfst du also meine Liebe weg."

"Du hast es selbst vorgeschlagen."

"Aber doch nicht so gemeint", erwidert er und versucht möglichst verletzt auszusehen, doch es bringt sie nur zum Lachen.

Sie hebt die Blume auf und klemmt den Plastikstiel im Handschuhfach ein, sodass sie von nun an gezwungen sein wird, sie während der ganzen Fahrt zu sehen. "Zufrieden?"

"Ich dachte eigentlich, dass du sie von nun an unentwegt mit dir herumträgst. Zusammen mit einem Schild mit der Aufschrift 'Eigentum von Greg House'."

"Das würdest du gar nicht wollen."

"Riley aus der Chirurgie starrt ständig auf deinen Hintern und hängt außergewöhnlich oft unten in der Ambulanz rum, dafür dass er eigentlich Wichtigeres zu tun hat."

"Und da würde so ein Schild helfen?", fragt sie nach. "Ich glaube eher, es würde dazu führen, dass er von nun an dich mal ganz genau auschecken würde."

Sie müsste lügen, würde sie sagen, dass ihr die auffällig häufige Anwesenheit von Dr. Riley in der Nähe ihres Büros noch nicht aufgefallen wäre, aber sie hat nichts dagegen. Im Gegenteil, sie genießt es, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und zu bekommen. Auch mit ihm in ihrem Leben. Vielleicht holt sie sich so etwas, dass sie nun einmal nicht immer von ihm bekommt.

"Er hat keine Chance gegen mich."

"Bei mir oder einfach allgemein?"

"Beides natürlich", empört er sich.

"Und da bist du dir so sicher? Er sieht gar nicht mal so schlecht aus."

Entrüstet schaut er sie an und wechselt dann den Gesichtsausdruck zu grimmig. "Na dann."

"Ist da etwa jemand eifersüchtig?", neckt sie ihn und weiß genau, dass ihn solche Dinge treffen und verunsichern. Aber er hat es verdient, auch mal ein wenig zu leiden.

"Nein, warum auch? Wie wir schon festgestellt haben, will dich anscheinend kein anderer wirklich."

Touché. Er schafft es einfach immer wieder. "Ich werde jetzt aussteigen und versuchen das, was du gerade gesagt hast, zu ignorieren."

Sie tut es und diesmal ist er es, der Mühe hat, ihr zu folgen. "Hey", versucht er es versöhnlich, als er neben ihr angekommen ist und ihr Tempo gerade so halten kann, "du willst doch nur mich, also macht es auch nichts, das kein anderer dich will." Sein Tonfall ist bemüht leicht.

"Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob ich dich wirklich will", antwortet sie ehrlich und geht weiter.

"Doch, da bist du dir sicher. Ich glaube, du fragst dich eher, ob du mich weiterhin ertragen kannst und willst."

"Wenn du das alles so gut weißt und mir gleichzeitig sagst, dass du mit mir zusammen sein willst, warum tust du dann nicht mehr dafür, mehr für uns?"

Es ist kein Thema, das sie auf einem Parkplatz bei Harrisburg besprechen sollten, aber solche Themen kommen immer unpassend. Und mit ihm erst recht.

"Weil ich blöd bin", antwortet er ganz simpel und greift nach ihrer Hand.

Sie lässt es zu und umschließt zaghaft seine Finger, so wie es seine mit ihren tun. Seinen Satz lässt sie indessen unkommentiert so stehen.

Zusammen gehen sie das kleine Restaurant und nehmen an einem der Tische Platz. Während sie auf ihre Bestellung warten, staut sich ein unangenehmes Gefühl in ihr auf, eines das diverse alte Sorgen zurückbringt. Es dauert eine Weile, bis sie sich in der Lage fühlt, es anzusprechen.

"Was hast du vorhin gemeint mit 'Ich sollte es besser wissen'?"

"Nicht das, was du jetzt vielleicht denkst."

Sie weiß gar nicht genau, was sie eigentlich denkt, nur dass es sie verunsichert hat und nach etwas klang, das sie vielleicht nicht hören will, aber wissen sollte. "Was dann?"

Er rückt ein wenig unruhig auf seinem Stuhl hin und her und sieht sich dann um. Ein paar weitere Leute sitzen vereinzelt an Tischen, einige davon nicht unbedingt außer Hörweite, und so will er wahrscheinlich jetzt nicht darüber reden. "Kann ich dir das gleich im Auto sagen?"

"Ja", sagt sie in der Hoffnung, dass es dann nicht wieder etwas ist, das er einfach vergessen hat.


14:00 Uhr

Sie fahren bereits seit ein paar Minuten wieder und er hat nichts darüber gesagt. De facto hat er überhaupt nichts gesagt.

"Willst du es mir jetzt sagen?", fragt sie deshalb nach und beobachtet die Menschen, die in anderen Autos sitzen, überlegt, welche Probleme und Sorgen ihnen die Tage schwer machen.

"Was?"

Sie stöhnt leise und kommt zu dem Entschluss, dass wohl niemand ihre Sorgen haben kann. "Wie kann jemand, der eigentlich so intelligent ist, nur so viel vergessen? Immer dann, wenn es um irgendetwas Wichtiges geht, das uns beide betrifft." Sie weiß, dass er es wieder nicht einfach vergessen hat, sondern dass er versucht sich um Unangenehmes zu drücken.

"Was macht deine Hand?", fragt er wie aus dem Zusammenhang gerissen und kneift die Augen konzentriert zusammen, um einen wuchtigen Sattelschlepper zu überholen.

"Deine Ablenkungsmanöver sind preisverdächtig. Der Dr. Gregory House-Ehrenpreis für das gekonnte Umschiffen von heiklen Themen geht auch in diesem Jahr wieder an…Dr. Gregory House."

Er gibt ihr einen dieser Blicke und schaut dann wieder nach vorn. "Es sollte keine Ablenkung sein. Es sollte ein sanfter Gesprächseinstieg werden, aber das hat wohl nicht funktioniert. Vielleicht solltest du aufhören, immer gleich das Schlechteste zu vermuten."

"Selbst schuld. Das ist wohl aus Erfahrungen heraus gelerntes Verhalten."

Er lacht kurz bitter in sich hinein und schüttelt dann mit dem Kopf, als könne er nicht glauben, was sie gerade gesagt hat.

"Was?"

"Genau das ist das Ding. Wir verhalten uns so, wie es uns unsere Erfahrungen gelehrt haben. Leider."

Er hält einen Moment inne und sie bleibt ebenfalls still. Sie versteht nicht, was er ihr gerade damit sagen will und ob es noch irgendetwas mit dem zu tun hat, was sie ihn gefragt hat. Trotzdem hat sie das Gefühl, dass er sich vielleicht öffnen wird und ihr die ein oder andere Erklärung liefert. Sie wartet mit ihm.

"Mein Vater", beginnt er verhalten und räuspert sich dann, "er hat Versagen bestraft, jede Art von Versagen. Ganz gleich, ob man vergessen hatte, das Garagentor abzuschließen, eine schlechte Note in einem völlig unwichtigen Chemie-Test nach Hause gebracht hat, zwei Minuten zu spät zum Abendessen kam oder einfach nur nicht das gemacht hat, was seiner Vorstellung von dem, wie das Leben auszusehen hat, gleich kam."

"Nur sein Standpunkt hat gezählt, nur sein Standpunkt war der richtige, an dem sich die Welt zu orientieren hatte. Disziplin, Respekt, Ordnung, Pünktlichkeit. Er hat diese Dinge mit vielen Mitteln versucht durchzusetzen."

Er unterbricht seine Gedanken wieder für einen Moment. Ihre Hände sind angespannt miteinander verknotet und sie schaut betreten durch die Frontscheibe.

"Er hat dabei ausgenutzt, dass er der Ranghöhere war, überlegen, mit mehr Respekt behaftet. Ganz gleich, ob in der Army oder zu Hause. Er hat es ab und zu körperlich ausgenutzt."

Sie versucht den Klos in ihrem Hals hinunterzuschlucken und die Bilder, die seine Worte unweigerlich in ihrem Kopf produzieren, zu verdrängen.

"Vielleicht konnte er nichts dafür. Vielleicht war seine Kindheit ja genauso verkorkst und lausig wie meine zum Teil. Er kam aus einer Familie, in der alle irgendetwas mit der Army zu tun hatten. Navy, Marine, Air Force. Sie haben im ersten und zweiten Weltkrieg ihr Land verteidigt, das Elend gesehen, vielleicht selbst Menschen getötet. Es ist keine Entschuldigung, aber zumindest eine Erklärung."

"Tut mir leid", bringt sie hervor.

"Muss es nicht. Du hast nichts damit zu tun."

"Trotzdem."

"Ich habe ihn gehasst", gibt er zu und es ist nicht das erste Mal, dass sie das von ihm hört.

"Als du das damals gesagt hast, als deine Eltern in Princeton zu Besuch waren, habe ich dir das nicht abgenommen. Auch nicht, als er gestorben ist." Sie erinnert sich zurück an diese eigenartigen Tage, an denen sie nicht schlau aus ihm geworden ist. "Ich dachte, er kann wahrscheinlich nicht akzeptieren, wer du bist und deshalb seid ihr aneinandergeraten."

"Ich bin auch der, der ich bin, wegen ihm. Es gab Zeiten, da habe ich versucht ein guter Sohn zu sein, auch um seinen Bestrafungen zu entgehen. Aber irgendwann habe ich es einfach aufgegeben."

"Hm."

"Ich fand es widerlich, dass er seine körperliche Überlegenheit ausgenutzt hat, um mich zu bestrafen und mir weh zu tun. Deshalb sollte ich es besser wissen." Er sieht kurz zu ihr hinüber und sein Blick streift auch ihre Hand. "Tut mir leid wegen dem blauen Fleck."

Sie beginnt zu verstehen, was ihn so bedrückt und was er vorhin gemeint hat. "Das ist nicht dasselbe."

"Hör auf, es zu rechtfertigen", sagt er und verdreht die Augen. "Du solltest mich zur Hölle schicken."

"Ich dachte, das tue ich schon oft genug."

Er lacht leise. "Ich habe mehr Qualen verdient. Von dir jedenfalls."

"Immerhin musst du jetzt hier mit mir im Auto sitzen und dich heute Abend meiner Familie stellen. Habe ich erwähnt, dass meine Schwester und ihr Mann auch da sind?"

Er beugt sich etwas nach vorn und studiert ein Schild, das über der Autobahn prangt. "In einer Meile kommt die nächste Ausfahrt. Die nehmen wir und drehen um."

"Zu spät", erwidert sie mit einem kleinen Lächeln. "Denk dir schon mal eine passende Erklärung aus, warum sie sich nicht schon vorher kennengelernt haben."