4. Ich weiß, hier geht irgendetwas vor

Er betrat Mollys Zimmer. Sie war wach und sah fern. Ihr Gesicht sah blass und gezeichnet aus, aber sie schien keine Schmerzen zu haben. Sie hatte nicht viel geschlafen, sie mochte Milch in ihren Tee, scherte sich nicht um Pfirsichjoghurt, aber mochte den mit Kirschen und sie hasste ihren Krankenhauskittel. Er konnte es ihr nicht verübeln.

Die Blutergüsse auf ihrem Gesicht wechselten die Farbe. Vier Tage mehr und sie würden verschwunden sein.

Er hatte das alles wahrgenommen, bevor er den Raum betreten hatte. Der Teufel lag im Detail, in der Tat. Wenn Molly Hooper in Moriarty's Plan involviert war, war sie der neue glückliche Empfänger all der Deduktionskünste, mit denen Sherlock aufwarten konnte.

Er hatte auch vorher Dinge an ihr bemerkt, auf dieselbe Weise, mit der er es an anderen Menschen tat: gleichgültig und kategorisch.

Aber von jetzt würde er einen Zahn zulegen.

Er räusperte sich und sie drehte ihren Kopf herum, als er eintrat. ,,Oh, Sherlock. Ich habe gefragt, wann Sie hier sein würden." sagte sie, ein kleines Lächeln erzwungener Heiterkeit, auf den Lippen

,,Im Grunde war ich sogar früher hier, aber sie haben geschlafen." sagte er und schloss die Tür. Er spulte abermals ab, was sie in seinem Kopf sagen würde.

,,Sie haben mich erwartet?"

Das Lächeln verschwand. ,,Natürlich. Sie haben einen neuen Fall." Sie sah hinunter. ,,Mich."

,,Es tut mir leid, ich konnte nicht länger bleiben." erklärte er und wurde mit einem überraschten Lächeln belohnt. ,,Ich musste ins Polizeirevier."

Sie nickte. Die Entschuldigung war zwar unerwartet, aber sie kurz zuvor traumatisiert worden und vielleicht war ja sogar er fähig in einem solchen Fall nett zu sein. ,,Ich habe Inspector Lestrade erklärt, dass es richtig ist...Sie zu konsultieren."

Er wusste genau, was sie damit meinte. Er wählte seine nächsten Worte vorsichtig, bevor er sprach.

,,Molly...trotz meines regelmäßigen rüpelhaften Verhaltens will ich Sie wirklich nicht verlegen machen oder Sie aufregen, aber es würde mir bei einer großen Sache helfen, wenn sie mir ihren Rücken zeigen würden." Seine Augen trafen ihre und sein Blick nahm sie gefangen.

,,Darf ich?"

Sie zögerte, nicht sicher, ob sie es ertragen konnte, derart vor ihm entblößt zu sein. Oh, sie bis zu einem gewissen Grad immer vor ihm entblößt: jeder war es. Aber das hier würde anders sein.

Er trat näher. ,,Bitte, Molly. Ich verspreche, ich werde vorsichtig mit Ihnen sein."

Sie blinzelte. Er war netter als sie es ihm jemals zugetraut hätte. Aber dann war er zu allem möglichen fähig. Nett zu ihr zu sein, war üblicherweise keine davon.

Ihrer innere schreiende Stimme zum Trotz, nickte sie. ,,Also gut."

,,Danke." Er bewegte sich hinter sie vor das Bett und wartete darauf, dass sie sich vorlehnte und ihre Vorderseite leicht mit ihrer Bettdecke bedeckte, bevor er fortfuhr.

Er knöpfte vorsichtig das Band ihres Krakenhauskittels auf. Ihre Rückseite entblößte sich vor ihm. Er sah auf die Oberseite ihres lavenderfarbenen Schlüpfers und die sanfte Kurve ihrer Hüften.

Nicht die Unterhose, die sie während der Attacke trug. Irgendjemand hat ihre Sachen aus der Wohnung geholt.

Dann blieb ihm fast der Atem im Hals stecken.

Keine tiefen Schnitte. Sie würden nicht vernarben oder sie wären sehr schwach und mit Laserchirurgie behandelbar, sofern sie es wollte. Oberflächliche Schnitte, die lediglich bluteten und schlimmer aussahen, als sie wirklich waren. Er hatte sie wirklich nicht verletzten wollen, wenn man es genau wollte, nur seinen Standpunkt klarstellen.

Das war allerdings nicht das, was ihn interessierte.

Das was ihn beinahe nach Luft schnappen ließ war etwas anderes, etwas auf der linken Seite ihres Kreuzes. Etwas, das er auf der Fotographie nicht hatte erkennen können: etwas, von dem er sich nicht sicher war, dass irgendjemand anderes es wahrgenommen hatte. Es war schwach zu erkennen, klein, aber unmissverständlich. Braune Punkte, die wie Leberflecke aussahen, aber keine waren. Jemand anderes hätte vermutlich nicht einmal das Muster darin gesehen. Aber er tat es.

Ein S und ein M.

Er hielt inne, dann presste er seine Fingerspitzen leicht dagegen. Er hörte Molly scharf einatmen, aber sein Fokus lag auf den Punkten. Als er seine Hand wenige Sekunden später zurückzog, waren sie verschwunden.

"Sherlock?"

Sie sind gut, Moriarty.

,,Sherlock, was tun Sie da?" quietschte Molly.

Er zog seine Hand zurück und lächelte ihrem nervösen Gesichtsausdruck entgegen. ,,Entschuldigung. Musste nur sichergehen, dass nichts übersehen worden ist."

,,Indem sie meinen Rücken anfassen, ganz unten?" fragte Molly komplett verwirrt.

,,Sie wissen, dass meine Methoden nicht immer orthodox sind." sagte er während er flink ihren Krankenhauskittel zuband.

,,Das ist ja verdammt nett ausgedrückt." murmelte sie.

Er hob seine Augenbrauen, amüsiert und ja, ein bisschen beeindruckt, davon, wie gut sie sich benahm.

Er ging zum Stuhl auf der anderen Seite des Betts, setzte sich hin und sah sie aufmerksam an.

,,Nun, erzählen Sie mir genau, was geschehen ist."


Tbc…