Frühstück der Lehrer

Alles um sie herum war dunkel. Wo war das Licht von eben hin? Sie war doch gerade noch auf einer schönen Blumenwiese gewesen und nun war sie in einer riesigen Höhle. Kein Laut, außer ihr Atem und ihre Schritte die von den Wänden wiederhallten. Hier war sie doch schon einmal gewesen, oder etwa nicht? Vorsichtig schritt sie voran, bis sich ein langer und unheimlicher Schatten vor ihr aufbäumte. Ein Zischen war zu Vernehmen, ehe das Ding auf sie zu sauste und sie fressen wollte.

Schreiend wachte Helena in ihrem Bett im Kerker auf. Ihr Pyjama klebte an ihrem Körper. Trotz der Kälte im Kerker hatte es ihr den Schweiß aus den Poren getrieben. Ihr ganzer Körper zitterte, bis plötzlich ihre Zimmertüre geöffnet wurde. „Helena?", erklang ihr Name besorgt.
„Dad", wimmerte das Kind und krabbelte sofort auf dessen Schoß sobald er auf ihrer Bettkante saß. Zitternd vergrub sie ihr Gesicht in seinem schwarzen Umhang. Wie spät es wohl war, und warum war er noch wach?
Automatisch schlossen sich seine Arme um sie. Das das war früher nicht so selbstverständlich gewesen. Sie war klitschnass. „Helena, zieh dich bitte um", bat er sie sachte. Doch er fühlte wie sie sich weigerte aufzustehen. „So schlimm?" Was hatte sie denn so verstört?
Das Kind nickte. „Da war eine riesige fette Schlange, die mich fressen wollte!", flüsterte sie und knuddelte sich mehr an den Oberkörper ihres Vaters. Früher hätte er das wohl nicht zu gelassen. Aber diesen Verdienst konnte sie sich selbst zuschreiben. Immerhin hatte sie aus Severus Snape ein bisschen einen Menschen gemacht.
Eine riesige Schlange? Severus Gedanken wanderten prompt zu Nagini. Aber das Tier war schon lange nicht gesehen worden. Angeblich wussten die anderen Todesser auch nicht, wo sie war. Und das war nur gut so. Immerhin benahm sich die Schlange manchmal so wie der Lord. „Hier gibt es keine großen Schlangen", erklärte er beruhigend und streichelte über ihren Rücken. Er genoss diese Momente mit seiner Tochter. Was täte er nur ohne sie? „Und nun zieh dich bitte um! Die Schule beginnt heute und du willst doch nicht krank sein, oder?" Ohne auf Antwort zu warten, schubste er sie einfach von seinen Beinen.

Helena zog sich um, konnte aber danach nicht mehr schlafen. Darum schlich sie in das Schlafzimmer ihres Vaters. Doch er war nicht im Bett, sondern saß an einem Schreibtisch und schrieb etwas. Langsam trat das Mädchen an ihren Vater heran und stellte sich auf die Zehenspitzen um über seine Schulter zu blicken. Dabei streifte ihr Blick die Uhr. Es war bereits 2 Uhr morgens.
„Man klopft, wenn man eintritt!", tadelte er sie streng und sah über seine Schulter in ihr neugieriges Gesicht. Sie wurde rot und er musste sich ein Lächeln verkneifen. Man konnte es ihr so oft man wollte sagen, sie vergaß es stets und wurde dann aus Scham rot.
„Tut mir leid … ich kann nicht mehr einschlafen", murmelte sie und sah ihren Dad verlegen an. Sie mit 12 Jahren, sollte sich doch nicht mehr von einem Traum einschüchtern lassen. Aber sie konnte nie bei solchen Träumen sagen, ob es einer war, oder ob es eher ein Vision-Traum war.
Severus seufzte, dass hatte er befürchtet. Er selbst konnte noch nicht ins Bett, weil er noch diesen Brief an Lucius schreiben wollte. Manchmal war Dumbledore wirklich unfair. „Leg dich ins Bett, und schlaf!", seufzte er und setzte die Feder wieder an.
Helena strahlte und warf sich in sein Bett. Es roch immer so schön nach verschiedenen Kräutern, so wie ihr Vater selbst. „An wen schreibst du?", fragte sie neugierig, nachdem sie sich in seine schwarze Samtdecke gewickelt hatte.
Schnell unterzeichnete er den Brief, ehe er antwortete. „An Mr. Malfoy! Wir werden die Einladung zum Essen annehmen. Keine Widerworte!", erklärte er streng, als er ihr Gesicht sah. Ihm gefiel das Ganze genauso wenig. Aber da mussten sie durch. Sie beide. „Und nun schlaf!", erklärte er und nahm seinen Pyjama aus dem Schrank und verschwand ins Badezimmer.

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Obwohl er spät ins Bett gekommen war, und ihr auch noch mindestens eine Stunde fehlte, waren beide schon früh wach. Immerhin war heute der 1. September und die Schüler gegen Abend eintreffen. Doch heute war der Tag, an dem die Lehrer schon alle wieder da waren und es war Tradition, dass sie heute gemeinsam frühstückten. Helena sollte mitkommen, da Snape sie nicht alleine lassen wollte. Er wusste ja, was sie anstellen konnte. Und er war nicht gerade erpicht darauf, einen großen Reparo anzuwenden, oder wieder eines seiner Bücher zu vermissen.
Das Kind war aufgeregt. Sie war zwar schon ein paar Mal im Lehrerzimmer gewesen, aber da waren sie alle Lehrer gewesen. Jetzt war es noch vor der Schulzeit. Vermutlich würden die Lehrer von ihrem Urlaub reden. Helena konnte sich gar nicht vorstellen, dass die Professoren Urlaub machten oder wo.

„Komm beeil dich!", vernahm sie Snapes strenge Stimme. Helena trödelte im Badezimmer, weil sie nach dem Duschen ihren flachen Oberkörper betrachtet hatte. Sie wollte auch endlich so wie Hermine und Lavender angeben können, dass sie schon so weiblich sind. Schnell zog sie sich ihr T-Shirt über und folgte ihrem Dad in die große Halle. Dort staunte sie nicht schlecht.
Alle Tische waren mal wieder weg und in der Mitte war ein riesiger Tisch. Dumbledore saß mittig und erhob sich freudig, als er Severus und Helena eintreten sah. „Guten Morgen ihr beiden! Ich hoffe ihr habt gut geschlafen und freut euch schon darauf, endlich wieder Unterricht zu haben!"
Naja. Helena verzog leicht das Gesicht. Die Ferien waren viel zu kurz gewesen. Aber heute Abend würde sie endlich wieder Harry sehen können. Und Ron und seine Geschwister. Ginny würde ja auch endlich nach Hogwarts kommen. Nachdem Severus Helena leicht anstieß, grüßte sie mit einem höflichen „Guten Morgen".
Hagrid lachte. „Komm her, meine Kleine! Fang hat dich gestern vermisst, wieso bist du nicht noch einmal vorbeigekommen?" Der Halbriese klopfte auf einen leeren Stuhl neben seinem. Anscheinend hatte er schon geahnt, dass sie mitkam.
Helena lachte und ließ sich neben ihm nieder. „Tut mir leid, Hagrid. Aber ich hatte noch ein paar Hausaufgaben zu machen", erklärte sie mit einem ein wenig verzogenen Mund.
„Hättest du nicht getrödelt, hättest du das schon lange erledigt!", schnarrte Snape und ließ sich auf einen Platz gegenüber von Helena nieder.
Helena biss sich auf die Lippen um nichts Freches zu sagen. Sie wusste, wie wenig er Ungehorsam und ungesittetes Verhalten mochte. Und seine Nerven schienen schon gespannt genug zu sein, weil die Schüler heute wieder kamen. Die innigen Momente, die sie in den Ferien gehabt hatten, würden wohl weniger werden. Nachdem ihr dies klar geworden war, stocherte sie nur noch in ihrem Frühstücksmüsli herum.
„Severus? Remus hat die Papiere unterschrieben. Dennoch brauchen sie jemanden, der sicher geht, wer Harry aufnimmt an Vollmondnächten. Ich habe ihnen erklärt, dass du dich sicher gerne um den Jungen kümmern wirst!", lächelte Dumbledore und biss herzlich in ein gebuttertes Brötchen.
Der Tränkemeister, der sich soeben seinem Kaffee gewidmet hatte, verschluckte sich. Er durfte also Babysitter spielen, wenn der Werwolf wieder sein Tier raus ließ. Severus rieb seinen Nasenrücken. Remus konnte ja nichts dafür und irgendwo hatten sie sich ja angefreundet über das vergangene Jahr. „Nun denn, ich hoffe, dass Potter das auch zu schätzen weiß!", knurrte er. Immerhin hatten die Dursleys den Jungen endgültig aus dem Haus geworfen. Daran war vielleicht er ein Stückchen schuld gewesen.
Das Kind wurde hellhörig. Hatte Remus etwa Harry adoptiert? Oder was sollte das sonst bedeuten? Doch sie fragte nicht, da ihr Vater ihr schon tadelnde Blicke zuwarf. Lag wohl daran, dass sie in den letzten Minuten mehr Müsli auf den Tisch verteilt hatte, als in ihren Mund verschwand. Vermutlich würde er ja sowieso nicht antworten. Und sie wollte nicht unartig sein, wenn er bei seinen Kollegen saß.
Seine Nasenflügel blähten sich. Dieses Kind schien wieder einmal ihre Manieren vergessen zu haben. Der Tisch sah um ihre Müslischüssel herum aus wie ein Schlachtfeld. „Helena! Würdest du bitte anständig essen, oder gar nicht?", fuhr er sie an und sah, wie sie aus einem Gedanken schreckte.
Das Kind verzog leicht den Mund und schob die Schüssel von sich. Wenn es ihm nicht passte, wie sie aß, dann eben nicht. „Tut mir leid", murmelte sie und senkte den Kopf.
Leich verwirrt sah er sie an. Was war nun wieder los? Dieses Kind warf immer noch Rätsel auf und brachte ihm zum Nachdenken.
Dumbledore schüttelte lächelnd den Kopf. Es war immer wieder witzig den beiden zu zusehen. „Ich glaube, dass Helena bedenken hat, ob du auch noch so nett bist, wie in den Ferien sobald der Unterricht begonnen hat!", sprach er aus.
Mit aufgerissenen Augen sah die junge Halliwell den Schulleiter an. Woher wusste er das? Konnte er so gut beobachten, oder hatte er einfach nur in ihren Gedanken gestöbert?
Severus Augenbraue wanderte indes nach oben. So war das also. Sie war die ganze Zeit über schon so seltsam wegen so etwas. Das war doch absurd. Sicher würden sie nicht mehr stundenlang beisammen sitzen können, aber sie konnte doch immer an einem Abend vorbei kommen. Dass sie so an ihm hing war ihm neu, aber dem war er nicht abgeneigt.
„Nun gut, ich habe euch noch etwas anderes zu verkünden. Ich habe vor eine Sekretärin einzustellen und habe auch schon eine gefunden. Meiner Meinung nach, muss sich ja schließlich jemand um die ganzen Papiere kümmern, die ins Haus flattern!", erklärte Dumbledore, während sich das große eicherne Portal öffnete.
Eine dunkelhaarige Frau trat ein und schenkte der Runde ein Lächeln. Ein erfreutes „Alice!", entkam Helena. Severus wusste nicht recht, was er machen sollte, daher entschied er sich wie alle seine Kollegen aufzustehen und die neue Angestellte willkommen zu heißen. „Guten Tag euch allen. Ich bin Alice Stone. Hoffentlich werden wir gemeinsam gut auskommen!", meinte sie augenzwinkernd.
„Dann fehlt nur noch Lockhart!", seufzte Albus. Und der würde sich wohl erst am Abend blicken lassen und eine große Show abziehen. Wieso hatte er ihn bloß eingestellt?

Nachdem alle wieder platzgenommen hatten und Helena Alice in Beschlag genommen hatte, redeten McGonagall und Dumbledore mal wieder über die Ankunft der Erstklässler und das man vernommen habe, das Peeves wieder einmal etwas plane. Der Poltergeist schien immer irgendeine Dummheit im Sinn zu haben. Nur Dumbledore und dem blutigen Baron schien er Gehör zu schenken. Helena selbst war schon einmal zum Opfer dieses Nervenbündels geworden. Doch im Moment waren ihre Gedanken nur bei Alice.
„Und wann beginnst du mir beizubringen, wie ich dieses Empathizeugs mache?", wollte das Mädchen der Wächterin entlocken und sah dabei kurz zu ihrem Dad. Das könnte unheimlich hilfreich sein.
Alice lachte. Sie ahnte, was das Kind vorhatte. „Der Unterricht wird früh genug beginnen. Aber missbrauche deine Kräfte nicht! Du kennst die Regeln!" Die Dunkelhaarige versuchte Gideons Stimme zu imitieren. Der Älteste war auch ihr Mentor gewesen und sie hatte noch gut seine tadelnde Stimme im Kopf.
Severus hingegen konnte es nicht ganz verstehen. Was sollte nun diese junge Frau als Sekretärin hier anfangen? Würde sie da überhaupt etwas zu tun haben? Vermutlich wäre sie nur das Mädchen für alles. In seinen Gedanken sah er sie schon Kaffee kochen und Süßigkeiten holen für Albus. Andererseits würde sie ja auch seiner Tochter etwas beibringen. Unbedacht hing sein Blick bei Helena und der jungen Frau. Beide schwatzten und lachten. Das was auf der Party geschehen war, empfand er immer noch als peinlich. Sie hatte ihm geholfen und seither nicht mehr erwähnt.
Mit einem vielsagenden Lächeln sah Albus, wie Severus die beiden jungen Frauen begutachtete.