Die Augen der Sklaven

Kapitel 4 – Vertraue dem Fremden

Legolas stand am Fenster und betrachtete den Sonnenaufgang im Druadan-Wald. Mit einem Seitenblick auf das Bett, bemerkte er, dass das Mädchen immer noch friedlich schlief. Er wusste nicht mehr, wie lange er gebraucht hatte um sie von seiner Aufrichtigkeit und seinen wohlwollenden Beweggründen zu überzeugen, doch irgendwann, es muss schon späte Nacht gewesen sein, hatte sie sein Angebot, im Bett zu nächtigen, angenommen, während er sich mit der zweiten Schlafgelegenheit im Raum zufrieden gegeben hatte. Nach dieser unruhigen Nacht, die von der Sorge um das Mädchen geprägt war, verlangte es ihn nach frischer Luft und dem Duft des Waldes, also versicherte er sich ein letztes Mal, dass keine Gefahr drohte und verließ dann die Hütte. Als er kurz darauf zurück kam, fand er die junge Frau Tee kochend und die Stube säubernd vor. Sie schien noch immer ungeheure Schmerzen zu haben, doch ging verbissen ihrer Arbeit nach. „Was denkt Ihr was Ihr da tut?", fragte Legolas halb schockiert, halb belustigt. „Eure Stube in Ordnung halten und Frühstück bereiten", gab sie zurück, ohne ihn anzusehen, so als ob es das natürlichste der Welt wäre.

„Setzt Euch, bitte, Ihr müsst Euch ausruhen", versuchte er sie umzustimmen, doch sie schüttelte nur vehement den Kopf. „Ich habe gesagt, setz dich!", sagte Legolas bestimmend, nahm ihr den Besen aus der Hand und drückte sie auf die Sitzgelegenheit hinunter. Elanor sah ihn erstaunt an, nicht nur, dass er zu einer direkten Anrede gewechselt war, sondern dass er sie so vehement vom Arbeiten abhielt. Etwas sanfter setzte der Elb nun hinzu: „Ich möchte, dass du dich ausruhst, firieth [1], hörst du? Ich kann meine Stube alleine bereiten und ein Mahl werde ich auch zubereiten können." „Wieso habt ihr mich dann her geholt?", fragte Elanor überrascht. „Was soll ich tun, wenn nicht Euch dienen. Den Dienst an Euch verweigere ich." Der Elb schüttelte leise lachend den Kopf und packte sie bei den Schultern. „Du sollst mir nicht dienen. Ich möchte dich und die anderen befreien, Elanor, und dafür musst du mir vertrauen. Du kennst dich hier aus, kennst die Rhythmen des Tages, die Mädchen und die Lady besser, als ich es je könnte. Wenn wir von hier fliehen möchten, müssen wir zusammenarbeiten. Wir müssen alle täuschen, damit wir genug Zeit zur Flucht haben, denn wir sind wenige die den Waffen fähig sind und umso mehr bedürfen unserer Hilfe."

Das leuchtete dem Mädchen ein und sie beobachtete stumm, wie der Elb alle Arbeiten erledigte, die eigentlich ihr zugefallen wären, während sie sich schonen musste. Sogar ein Frühstück reichte er ihr und behandelte sie freundlich, obgleich ihr Misstrauen ihm gleich einem kalten Schwall Wasser immerzu ins Gesicht geschleudert wurde.

Es waren fast zwei Tage vergangen und sie hatte sich gut erholt, sodass sie wieder ohne Schmerzen stehen und gehen konnte, nur das Bücken fiel ihr noch schwer, als Legolas begann ihr von seinem Plan zu berichten. So sehr sie dem Fremden auch misstraute, so bewunderte sie ihn doch für die Genialität seines Plans. Die Aufgabe den Plan an die anderen Mädchen weiterzugeben, war Elanor zugefallen, so machte sie sich auf den Weg ins Haus um neue Lebensmittel zu besorgen, denn sie wusste, dass Elwen an diesem Tage Küchendienst hatte. Keiner der Wachen hielt sie auf, als sie mit gesenktem Blick durch die Flure eilte und dann in den Keller zur Vorratskammer ging. Dort nahm sie sich getrocknetes Fleisch, Obst, Wein und einige Kleinigkeiten, die dem Zwergen sicherlich köstlich munden würde, und verstaute sie in ihrem großen Korb, nur um dann hinauf zu eilen und unter dem Vorwand noch ein Laib Brot zu benötigen, die Küche zu betreten. Elanor wehte der Geruch von frisch gebackenem Brot, einem dicken Eintopf und die Hitze des Ofens ins Gesicht, doch mit einem schnellen Blick erkannte sie, dass Elwen am Spültisch stand und ein Wächter sie dabei beaufsichtigte. Elanor griff in ein Regal rechts von ihr und packte einen großen Laib Brot in den Korb, dann gesellte sie sich zu ihrer Freundin und nahm auch noch einige Teller mit. Als einer jener ihr aus den Händen glitt und am Boden zerschellte, fluchte die Wache lauthals. „Ich werde kurz hinaus gehen, wehe ihr verschwindet! Und wenn ich zurück komme sind die Scherben fort.", schimpfte er und ging dann hinaus. Nun war es an der Zeit Elwen in den Plan ein zu weihen, den Legolas und Gimli geschmiedet hatten.

Am gleichen Tag ging der Elb mit dem Naugrim zusammen, mit dem er den Plan abermals besprochen hatte, zu der Sklavenhändlerin und forderte ein Schwert für seine Dienerin ein. „Wofür braucht sie ein Schwert?", hatte Meril ganz erschrocken erwidert. „Wir Elben pflegen unsere Sklaven nicht nur für den Haushalt einzusetzen, sondern auch für den Kampf, MyLady. Und ich schliefe nachts sicherer, wenn ich weiß, dass Elanor mich in der Gefahr verteidigen könnte.", antwortete der Elb charmant. „Wenn sie Euch nicht im Schlaf ermeucheln würde", gab die Menschenfrau zu bedenken, doch da schaltete sich der Zwerg ein: „Dieses Mädchen ist meinem Freund so hörig, sie würde jedes seiner Haare einzeln anbeten." Das entsprach nun nicht ganz dem, was der Elb sich an Bekräftigung erhofft hatte, aber es reichte um die grausame Person dazu zu bringen, ein Schwert aus ihrer Waffenkammer zu holen und es den Freunden zu übergeben. Als Elanor das schlichte Schwert in den Händen hielt und einige Male durch die Luft schwang, überrollte sie die Erinnerung an ihre Familie und die Schwertübungen mit ihrem Vater. Sie musste sich setzen und brach in Tränen aus, was die Gefährten in Unverständnis verharren ließ. „Was hast du denn, Mädchen?", fragte der Zwerg verwirrt, doch sie schüttelte nur den Kopf, als Zeichen, dass sie nicht darüber reden mochte. So ließen die Freunde sie allein und erst spät am Abend kam Legolas zurück. Er hatte erwartet, dass sie schlafen würde, doch sie lag nur stumm im Bett und das Schwert neben ihr. Auf ihren Wangen waren noch die Bahnen ihrer getrockneten Tränen zu sehen und ihre Augen waren starr zur Decke gerichtet. Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ans Bett. „Kann ich etwas für dich tun?", fragte er einfühlsam, denn das Mädchen schien weit fort mit ihren Gedanken zu sein. Wie erwartet schreckte sie bei seinen Worten hoch, wischte sich über die Wangen und setzte sich auf. „Entschuldigt bitte", murmelte sie und stand auf, um das Schwert sicher zu verstauen. „Wenn du mir sagst, was dich bedrückt, kann ich dir vielleicht helfen", redete er weiter auf sie ein.

Das schien die junge Frau zur Einsicht zu bringen, denn sie wandte sich zu ihm um und setzte sich zögerlich wieder aufs Bett. „Als ich gerade den 15. Winter erreicht hatte, lehrte mich mein Vater den Schwertkampf. Er war ein Dúnadan und dies war seine Bedingung, dass ich ihn auf seinen Reisen begleiten durfte. Doch bevor es dazu kam, kamen sie und holten mich fort. Meine Eltern, in dem ehrbaren Wunsch mich zu verteidigen, starben am selben Tag. Als ich die Hand um den Schwertknauf legte, wurde mir bewusst, dass ich, selbst wenn die Flucht gelingen würde, alleine sein werde." Während sie sprach, hatte sie ihre Hände angestarrt, als könnten sie ihr die Geschichte erzählen, die sie niemals in ihrem Leben vergessen würden, doch jetzt, wo sie geendet hatte, sah sie den Elben in die Augen und bemerkte den Schleier von Trauer der über seinem schönen Gesicht lag. Legolas legte seine Hand auf ihre und drückte sie sacht. „Es tut mir Leid, was dir und deiner Familie geschehen ist, doch du wirst nicht allein sein. Wenn du möchtest, begleite mich und Gimli nach Minas Tirith, Elessar weiß eine gute Magd immer zu schätzen", versuchte der Elb sie zu trösten, doch als er sie ansah, versank er in den braunen Tiefen ihrer Augen. Auch Elanor merkte, wie sie sich im Anblick des schönen Mannes verlor, räusperte sich und stand rasch auf. „Nun, dann will ich Euch von meinen Fähigkeiten überzeugen, damit Ihr ein gutes Arbeitszeugnis an den König ausstellen könnt." Damit fing sie wieder an die Stube zu kehren und alles ordentlich her zu richten. Legolas hingegen blieb auf dem Hocker sitzen und versuchte den Anblick ihre Augen zu vergessen, die sich wie feurige Glut in seine Seele gebrannt hatten.

Am nächsten Tag erschien Meril um zu fragen, ob alles nach den Wünschen der Herren war und als sie Elanor fröhlich pfeifend die Wohnstube des Zwergen fegen sah, war sie doch mehr als irritiert. Der Elb hatte augenscheinlich vergessen, sie für das Vergehen zu bestrafen, doch als sie ihn darauf ansprach, versicherte er ihr, dass sie genug bestraft wäre. „Sagt, MyLady, auf unserer Reise sahen wir wilde Pferde durch den Wald streunen, wer ist der Besitzer dieser edlen Rösser?", fragte Legolas, all seinen Charme einbringend. „Sie sind wild, wer sie fangen kann, der darf sie mit seinem Brandzeichen versehen.", antwortete die blonde Frau. „Aie, Elanor", rief er das Mädchen zu sich, die auch sogleich kam. „Fang dir ein Pferd, damit du auf der Reise in den Düsterwald nicht laufen musst!", wies er sie an und Elanor nickte scheinbar ergeben. „Ihr wollt sie mitnehmen?", fragte Meril schockiert, als das Mädchen mit einem Seil in den Wald geeilt war. „Ihr gabt sie mir als Eigentum und ich pflege mein Eigentum mit mir zu führen, was also Eure Frage betrifft: Ja, das tue ich.", räumte der Prinz ein. „Wann werden die Herren denn abreisen?", wollte die Sklavenhändlerin wissen, denn langsam schien der Elb es zu bunt mit ihr zu Treiben. Das Mädchen lebte wie eine Prinzessin bei ihm, war Disziplin los und verlottert, denn augenscheinlich teilten sie ein Bett, so vertraut wie sie waren. „Morgen", antwortete der Elb freundlich und ging dann wieder in seine Behausung, wo er sich ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen konnte.

Kaum eine Stunde später Elanor mit einer sandfarbenen, prächtigen Stute zu ihrem ‚Herrn' zurück, der sie für ihren guten Fang lobte. Das Pferd war nicht sehr wild und ließ sich daher problemlos reiten. Als die beiden in dieser Nacht schlafen gingen, sprachen sie sich gegenseitig Mut zu, denn kaum, dass die Sonne aufging, würde der Tag der Flucht gekommen sein.

[1] firieth – sterbliche Frau