„Sasuke." Schließlich war es Kakashi, der das Wort ergriff, während er in die dunklen Augen des Uchiha-Sprosses blickte, den er nicht erwartet hatte in naher Zukunft zu treffen – und schon gar nicht in seinen eigenen vier Wänden. Dass der junge Mann, zu dem das unfreundlichem, zuweil arrogante Kind herangewachsen war, nicht hier war, um ihn zu töten, war ihm schnell klar gewesen. Wäre es anders gewesen, hätte Sasuke nicht gezögert. Jedes Zögern wäre hier in Konoha immerhin tödlicher Natur angesichts der Tatsache, dass Sasuke ein Nukenin war, dem Dorf den Rücken gekehrt hatte. Also musste etwas anderes der Grund für das Hiersein des jungen Shinobi über ihm sein, dem einst eine so blühende Zukunft angedacht war, ließ sich doch das Talent Sasukes nicht leugnen. Kakashi hatte wie viele in Konoha bedauert, dass Sasuke gegangen war, doch es hatte ihn nicht so sehr überrascht, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war. Schon als sie sich kennenlernten hatte der damals frisch gebackene Genin keinen Hehl daraus gemacht, dass er trainierte, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen: Rache für den Tod seiner Familie, für das Massaker an den Uchihas, das sein eigener Bruder zu verschulden hatte. Eine schwere Bürde für einen Heranwachsenden. Und nicht nur er und die Konohanin hatten Sasukes Potential erkannt, auch Orochimaru hatte sich früh eingemischt und schließlich auch erreicht, dass der junge Uchiha ihm gefolgt war, um zu lernen anstatt in seinem Heimatdorf zu verweilen.
Die Stille wurde so drückend, dass Sasuke schließlich das Wort ergriff, als ertrage er sie nicht mehr. „Kakashi-sensei." Kakashi erhob sich langsam und ganz automatisch folgte der Schwarzhaarige seiner Bewegung und erhob sich ebenfalls, bis sie einfach nebeneinander auf dem Bett saßen. Diesen Raum hatte keiner seiner Schüler je betreten, das kleine Chaos, das der Jonin sein Heim nannte. Doch Sasuke Uchiha war nicht mehr sein Schüler. In dem stillen jungen Mann mit dem rabenschwarzen Haar und denk undurchschaubaren dunklen Augen erkannte er nur zu gut sich selbst nach dem Verlust seiner Freunde. Allein der Blick verriet dem weißhaarigen Shinobi, was Sasuke geprägt hatte. Ihm selbst war es so ähnlich ergangen.
Obwohl er genau wusste, dass er sich besser auf das Hier und Jetzt konzentrieren sollte, denn immerhin hatte er einen Nukenin im Hause, der in so manchem Bingobuch stand – übrigens auch in seinem – doch ohne sein Zutun wanderten seine Gedanken wieder zu Obito. Er war auch ein Uchiha gewesen. Damals war der Clan erblüht und mächtig. Keiner hatte geahnt, wie schnell diese mächtige Familie fallen würde, noch dazu durch die Hände einer der ihren. Umso größer war nun die Ironie, dass von den lediglich drei verbliebenen Menschen mit dem Kekkei Genkai des Sharingan gleich zwei in diesem Raum waren und dass einer von ihnen kein Uchiha war, in deren Adern doch das Blut floss, das diese Fähigkeit vererbte. Sollte er raten, so wäre dies der Grund für Sasukes Hiersein. Den dritten Träger des Sharingan, Itachi Uchiha, würde der junge Mann neben ihm gewiss nicht aufsuchen, um etwas über diese Fähigkeit zu erfahren, war es doch Itachi, den er zu töten trachtete, um damit Vergeltung für seine getötete Familie zu erlangen.
Als Sasuke beharrlich schwieg und ihn nur unverwandt ansah, meinte der Weißhaarige leise. „Du bist wegen des Sharingan hier." Es war mehr eine Feststellung, denn eine Frage. Was sonst sollte dem Schwarzhaarigen das Risiko wert sein, sich in feindliches Gebiet zu schleichen, um ihn aufzusuchen? Dass sich Orochimaru mit dem Sharingan gut auskannte, für jemanden, der es selbst nicht besaß, stand außer Frage, allerdings blieb fragwürdig, inwiefern der Schlangenninja vertrauenswürdig war. Einen Moment glaubte er so etwas wie Unsicherheit in Sasukes Blick flackern zu sehen, doch er mochte es sich eingebildet haben, denn schon starrte ihn der junge Mann, der einst nicht mehr als ein talentiert aber überheblicher Junge gewesen war, eisern an. Ein kleiner Teil von Kakashi hoffte zwar, dass sich Sasuke entschieden hatte um der Freundschaft zu Naruto willen heimzukehren, doch im Grunde wusste der Jonin bereits, dass dem nicht so war. Andernfalls wäre der Schwarzhaarige nicht hierher zu ihm gekommen, sondern säße nun in Narutos Appartement.
„Nein, ich bin nicht wegen des Sharingans hier.", erklärte Sasuke kurz angebunden, während der Kopierninja die Gelegenheit nutzte, seinen ehemaligen Schüler eingehend zu mustern. Er hatte sich verändert, war erwachsen geworden, doch sein Blick war der gleiche geblieben und Einsamkeit lag deutlich darin. Die einst mit dem Wappen seines Clans bestickte Kleidung war einem Jimbei gewichen, den er lässig weit offen trug und der um die Hüfte von einem dicken gedrehten Band gehalten wurde, wie es auch Orochimaru getragen hatte. Auch das Schwert, das der Schwarzhaarige bei sich trug, war neu – zumindest aus Sicht Kakashis. Und doch, trotz dieser Veränderung, konnte man noch immer den Jungen sehen, der vor Jahren das Dorf verlassen hatte. Sasuke sah sich selbst noch ähnlich, könnte man sagen.
„Warum dann?" Kakashis Stimme ließ keinen Aufschluss darüber, was er über Sasukes Verneinung dachte. Sie klang ruhig und gelassen, ja schon beinahe gelangweilt. Doch in Wahrheit überraschte diese Eröffnung des weißhaarigen Shinobi. Wenn Sasuke ihn nicht wegen des Kekkei Genkai aufsuchte, das sie teilten, dann konnte es eigentlich nur um das Chidori gehen, welches er ihn einst gelehrt hatte. Eine besondere Technik. Doch Kakashi fragte nicht nach, sondern wartete nur geduldig auf eine Antwort des Nukenin, der so friedlich, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, auf seinem Bett saß.
Nach einigen Momenten der Stille, in denen der Jonin sich bereits überlegt hatte, wie er den Eindringling, und als solchen musste er Sasuke betrachten, der nun ein Nukenin war, nötigenfalls festsetzen konnte, ergriff dieser erneut das Wort. „Kakashi-sensei, ich bin wegen Ihnen hier." Der Weißhaarige verengte die Augen. „Und wie darf ich das verstehen?" Alle seine Sinne waren angespannt. Gut, dass weder Naruto noch Sakura ahnten, dass Sasuke hier war. Sie hätten wenig Verständnis dafür, wenn der Jonin ihren Freund angriffe – und dazu würde es zweifelsfrei früher oder später kommen, denn Kakashi hatte nicht vor, seine Pflicht zu vernachlässigen und einen Nukenin einfach ziehen zu lassen und freiwillig ergäbe sich der Uchiha-Spross gewiss nicht. Langsam glitt seine Hand zu der Tasche an seiner Hüfte, die er zum Glück nicht abgelegt hatte. Normalerweise tat er es, doch er war zu müde gewesen, als er heimgekehrt war. Nun hatte es etwas Gutes. Noch bevor seine Finger den Griff eines Kunai umschließen konnte, richtete sich der Schwarzhaarige langsam auf.
„Was denken Sie, Kakashi-sensei?...Oder nein... Kakashi-san", wandte sich Sasuke an den weißhaarigen Shinobi, den er über die Schulter hinweg ansah. Dass ihm der junge Mann den Rücken soweit zuwandte ließ den Angesprochenen stutzen, ebenso wie die Anrede, wenngleich sie wohl angemessener war, waren doch ihre gemeinsamen Zeiten als Lehrer und Schüler vorbei. Dennoch schloss sich seine Hand um sein Kunai. Wenn Sasuke seinetwegen hier war, suchte er womöglich den Kampf und hatte lediglich auf das Erwachen des Älteren gewartet, auch wenn er derzeit nicht den Anschein machte.
„Sie können die Hand vom Kunai nehmen." Der Jonin machte keine Anstalten diesem Hinweis Folge zu leisten. Ihm war klar gewesen, dass Sasuke seine Handlungen bemerken würde. Schon damals, als er das Sharingan nicht unter Kontrolle gehabt hatte, war er ein aufmerksamer Beobachter gewesen. Jetzt, mit diesen roten Augen, die von dem Kekkei Genkai der Uchiha-Familie zeugten, war abzusehen, dass er noch mehr Details und Handlungen seines Gegners wahrnahm als bisher. Was dies betraf, konnte Kakashi aus eigener Erfahrung sprechen. Ihm selbst war es nicht anders ergangen, als er lernte sein Sharingan-Auge zu benutzen. Es war anzunehmen, dass Sasuke mit dieser Fähigkeit besser umgehen konnte, als er, war doch Sasuke tatsächlich mit den entsprechenden Anlagen geboren, anders als der weißhaarige Jonin, der sein Auge als Geschenk erhielt.
„Was willst du, Sasuke?" Ihm war nicht nach Spielchen und Herumraterei. Sollte ihm der junge Nukenin einfach sagen, was es war, das er von Kakashi wollte. Langsam drehte sich Sasuke zu ihm um, noch immer die Gelassenheit in Person. Er hatte weder zur Waffe gegriffen, noch machte er Anstalten dergleichen zu tun. Überhaupt machte er nicht den Eindruck, als fürchte er einen Angriff. Ein wenig naiv, wie Kakashi fand. Dennoch, das wusste er, durfte er den jungen Mann nicht unterschätzen. Niemand vermochte genau zu sagen, wie gut Sasuke geworden war, doch angesichts seines immensen Talentes, das sich schon in jungen Jahren gezeigt hatte, musste Kakashi davon ausgehen, dass der Schwarzhaarige inzwischen auf dem Niveau eines Jonin war. Alles andere würde Kakashi zumindest eher wundern. Orochimaru hatte den Uchiha-Spross sicher gut trainiert.
„Was ich will?", wiederholte Sasuke tonlos. Dann wechselte der Gesichtsausdruck des Nukenin von einem Augenblick auf den anderen und in das eben noch regungslose und desinteressiert wirkende Gesicht kehrte eine Regung, die der Weißhaarige nur schwerlich zu deuten vermochte.
„Sie. Ich will Sie."
