Darf ich vorstellen, Hyperion!
Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ
Am darauffolgenden Morgen zum Frühstück stellte Ginny zufrieden fest, dass Hermione wie angeordnet die Kette trug. Sie erzählte ihrer Freundin zudem von Horace' Ergebnissen, worauf der Rothaarigen staunend der Mund offen stehen blieb.
„Echt wahr?" „Ja. Professor Slughorn war richtig angetan davon. Er will diesen Jemand unbedingt kennenlernen. Und das will was heißen." „Und du?", spitze Ginny.
„Was, ich?" „Was ist mit dir? Da die Kette ja nun, wie sollte es anders sein, nicht verflucht und so auch 1'000%ig nicht von Malfoy ist, würdest du den Typen denn dann gerne mal treffen? Ich mein… Wenn er dir schon so ein tolles Geschenk macht. Eines, was dich beschützen und dir Glück bringen soll. So was kriegst du nicht von jedem." „Nein", schmunzelte Hermione.
„Also?", bohrte Ginny weiter. Hermione selbst konnte auch nicht leugnen, dass sie inzwischen doch interessierter an der Geschichte war. Bevor sie der jüngsten Weasley aber antworten konnte, kamen die Eulen mit der Post. Und anders als gestern, bekam die Gryffindor, neben dem Daily Prophet, erneut einen Brief von dem hübschen, braunen Waldkauz, der ihr schon den Ersten gebracht hatte.
„Wenn man vom Teufel spricht", griente Ginny, als sie den Vogel sah. Kurz darauf blickte sie sich verstohlen um, um vielleicht den ominösen Schenker ausfindig zu machen. Doch wie bereits vor zwei Tagen, verhielt sich niemand auffällig. Keiner sah zu ihnen, als ihre Freundin den Brief vom Bein der Eule löste.
Anders als letztens machte sich der Kleine diesmal jedoch nicht auf und davon, als Hermione ihm einen Eulenkeks gab. Stattdessen verweilte er am Rand des Tisches und musterte die Hexe mit den großen, dunklen Augen, die unvorstellbar glänzten, ähnlich wie sein goldbraunes Gefieder.
Verdutzt, dass die Eule blieb wo sie war, strich Ginny ihr behutsam übers Köpfchen, was sich der Kauz gefallen ließ. Er schloss genüsslich die Augen und schuhute leise.
„Ganz weich", murmelte Ginny und begann zu lächeln. Hermione tat es ihr gleich, bevor sie den Brief entfaltete, der diesmal etwas mehr beschrieben war. Und wie schon der Letzte, trug auch dieser eine fein säuberliche Schrift, was ihr erneut positiv auffiel.
Das Gekrakel, was sie sonst immer versuchte von Ron und Harry zu identifizieren, um ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen, ließ sie nicht selten verzweifeln, da sie kaum ein Wort entziffern konnte. Was das anging, da waren die Zwei richtige Schlampen. Besonders Ron, der darüber hinaus ständig sein Zeug überall herumliegen ließ.
So sagte die Handschrift oft auch viel über einen Charakter aus. Und das, was sie aus der Schrift deuten konnte, ließ auf einen ordentlichen, stilsicheren Typen schließen. Die Worte waren nicht hart und kantig aufgesetzt, sondern weich und fließend. Das deutete meist darauf hin, dass die entsprechende Person, im Leben zwar mit beiden Beinen auf dem Boden stand, aber dennoch etwas Verträumtes in sich trug, was sich mitunter durch seinen Charakter zog. Es verriet ihr, dass sie es augenscheinlich mit einer sanften Seele zu tun hatte.
Schließlich begann sie zu lesen, wobei Ginny ihr teils ein wenig über die Schulter linste. Nebenbei streichelte sie den Kauz und sah sich in der Halle nach potenziellen Kandidaten um.
Liebe Hermione,
ich hoffe, du konntest dir durch Professor Slughorn die nötige Ruhe verschaffen.
Hermione hatte nur den ersten Satz gelesen, der gleich dafür sorgte, dass sie vor Scham knallrot anlief und sich recht panisch in der Halle umsah.
Er hatte es bemerkt! Er hatte mitbekommen, dass sie vor lauter Misstrauen bei Slughorn war und ihn um Hilfe gebeten hatte. Das konnte doch nichts Gutes bedeuten. Vermutlich hatte sie ihn damit vergrätzt.
„Lies weiter!", drängte Ginny sie dann aber und deutete energisch auf den Text, auf den die Löwin mit klopfendem Herzen sah und nochmal von vorn begann.
Liebe Hermione,
ich hoffe, du konntest dir durch Professor Slughorn die nötige Ruhe verschaffen. Es lag nicht in meiner Absicht, dich durch mein Geschenk zu verunsichern. Allerdings kann ich dein Misstrauen verstehen. In den letzten Jahren sind leider eine menge Dinge passiert, von denen wir uns alle wünschen, sie wären nie geschehen. Dennoch sind sie es und so werden es wohl auch nicht die letzten Dinge bleiben.
Dass du lieber auf Nummer sicher gehst, wenn dir ein für dich Fremder ein Geschenk zukommen lässt, verstehe ich und bin erleichtert, dass du dich nachhaltig auf diesem Weg zu schützen weißt. Inzwischen, denke ich, konnte Professor Slughorn dir aber sagen, dass du vor meinem Geschenk nichts zu fürchten hast. Ich habe bewusst ein Solches gewählt, da ich weiß, dass du in den vergangenen Jahren immer wieder irgendwie zu Schaden gekommen bist. Ich hoffe, dass diese Dinge mit dem Zauber nun ein Ende finden.
Daraufhin stockte sie kurz, da es ihr ein wenig in den Augen juckte. Als sie mit dem Handrücken darüber strich, merkte sie, dass es ein paar kleine Tränen waren, die ihr unbemerkt gekommen waren. Sie war gerührt, dass dieser Jemand scheinbar wirklich so sehr um ihr Wohl besorgt war. Schließlich las sie weiter.
Wie dir vielleicht schon aufgefallen ist, wird meine Eule noch immer an deiner Seite sitzen.
Und wie ihr das aufgefallen war. Nicht nur ihr, sondern auch den Übrigen am Tisch, die sich bereits zu ihr und Ginny drehten und Fragen stellten. Hermione hörte aber nicht weiter zu, sondern las den Rest.
Da ich dir meinen Namen nicht sagen kann, möchte ich dir meine Eule für ihre Botengänge zur Verfügung stellen. Er heißt Hyperion und ist, wie du merken wirst, sehr verschmust.
Ich überlasse ihn dir in der Hoffnung, dass du etwas mehr über mich erfahren möchtest und ich so mit dir in Kontakt bleiben kann. Ich würde mich wirklich sehr darüber freuen, dir auf diesem Weg ein wenig näher kommen zu können und später vielleicht auch noch auf einem anderen.
Bitte pass auf dich auf.
Damit endete der Brief, den Hermione noch etwas fassungslos in den Händen hielt, bevor sie auf den Waldkauz sah, der sich nach wie vor genüsslich von Ginny und schließlich auch von Neville streicheln ließ. Sie konnte das kaum glauben, aber irgendwie war sie gerade zu einer Eule gekommen. Und zwar zu einer wirklich Verschmusten.
„Wem gehört die denn?", fragte Neville, während Hermione überfordert auf den Vogel blickte. Der schaute sie mit seinen dunklen Augen an und hüpfte zu ihr, damit sie ihn ebenfalls streichelte. Sie ließ sich nicht lange bitten.
„Wenn ich das wüsste. Ich hab nun zum zweiten Mal einen Brief von jemandem bekommen, der mir nicht sagt, wie er heißt, mir jetzt aber seine Eule lässt, damit ich mit ihm schreiben kann." „Huh. Das klingt ja nach einer richtig heißen Lovestory", flötete Parvati begeistert, dem Ginny eifrig nickend zustimmte.
„Schreib ihm!", drängte die Rothaarige Hermione enthusiastisch.
„Aber -" „Kein aber! Schreib ihm. Wenn er sich schon so 'ne Mühe macht. Erst die Kette, jetzt die Eule. Wer weiß, warum er sich nicht zeigen oder verraten will. Das bringt dich aber mal auf andere Gedanken. Außerdem scheint er doch wirklich daran interessiert zu sein, mehr mit dir zu haben. Umsonst gibt doch kaum einer seine Eule weg." „Wie heißt die eigentlich?", erkundigte sich Neville, worauf Hermione nochmal in den Brief sah, bevor sie nachdenklich meinte: „Hyperion."
Sie konnte sich dunkel daran entsinnen, dass das der Name eines griechischen Gottes war. Genauer gesagt eines Titanen, der als Licht- und Sonnengott galt. Sie hatte darüber gelesen, als sie vor Jahren mit ihren Eltern in Griechenland im Urlaub war. Dort hatten sie unter anderem die Akropolis und auch einige Museen besucht.
Damals hatte sie fasziniert vor den imposanten Steinbildnissen dieser Götter gestanden, denen man so viele unglaubliche Kräfte nachgesagt hatte. Dinge, die man mit rationalem Denken nicht begreifen konnte und die so in der Mythologie verschwanden. Genauso die Magie, die seit gut sechs Jahren zu ihrem Leben gehörte.
Damals in Griechenland war sie Acht gewesen und hatte sich von alldem verzaubern lassen. Keine zwei Jahre später hatte sie echte Magie kennengelernt, und damit auch, dass dieser Mythos kein Mythos war, denn sie lebte in diesem.
Schließlich sah sie zurück zu Hyperion, der sie nach wie vor ansah, bevor er noch ein Stück zu ihr hüpfte und letztlich seinerseits zu schmusen begann, was sie aufs Neue lächeln ließ. Kurz darauf strich sie dem Waldkauz übers Gefieder und nahm sich fest vor, ihm ein paar kleine Leckereien bei Hagrid zu besorgen. Genauso, seinem eigentlichen Herrn heute Abend ihrerseits einen Brief zu schreiben, denn er machte sie in der Tat neugierig.
„Na dann bring ich dich mal zu Hedwig in die Eulerei", gab sie dem Kauz lächelnd zu verstehen, der sofort auf ihren Arm hüpfte und zufrieden schuhute. Das Ganze wurde ein wenig stutzig von Ron und Harry beobachtet, die es erst jetzt bemerkten.
„Wo kommt die Eule her?" „Hm? Unwichtig", würgte Ginny ihren Bruder augenblicklich ab. Sie wollte nicht, dass Ron Hermione hier irgendwie dazwischen pfuschte, was er zweifellos machen würde. Und zwar aus Eifersucht, auch wenn er selbst gerade nichts Besseres zu tun hatte, als sich mit dem blonden Strohkopf zu beschäftigen.
Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ
Am Abend verschwand Hermione zeitnah in ihren Schlafsaal, da sie hier die nötige Ruhe hatte. Zudem musste sie hier nicht permanent Ron und Lavender sehen, die einmal mehr den kompletten Gemeinschaftsraum mit ihrem Liebesgeplänkel unterhielten. Sie machte es sich auf ihrem Bett gemütlich und überlegte fieberhaft, was sie schreiben sollte?
So viele Dinge waren ihr heute durch Kopf gegangen. So viele Gedanken, die es galt festzuhalten, weswegen der Tag zu früh ein Ende gefunden hatte. Darüber hinaus stellte sich ihr die Frage, wie sie am passendsten anfing? Lieber Unbekannter? Hallo Fremder? Vermutlich war es ihm egal, wie sie ihn ansprach, Hauptsache sie schrieb ihm.
Lieber Unbekannter,
als Erstes möchte ich mich für dein Geschenk bedanken. Es tut mir leid, dass ich dem so viel Misstrauen entgegengebracht habe, aber wie du selbst sagtest, war viel passiert und vermutlich wird in nächster Zeit auch weiter Schlimmes passieren. Es hat ja bereits begonnen, doch daran will ich jetzt nicht denken.
Nun zu mir. Ich weiß im Grunde nicht, wie und wo ich anfangen soll? Mir schwirren dutzende Fragen im Kopf herum, die ich dir gerne stellen möchte, nur fürchte ich, wirst du mir sobald darauf keine Antworten geben. Auf die Frage, wer du bist? Offen gestanden interessiert es nicht nur mich, sondern auch meine beste Freundin. Sie hat mich erst dazu ermutigt, dir zu schrieben. Ich will es aber auch.
Vielleicht kannst du mir ja doch irgendetwas verraten? Wie alt du bist und ob du ebenfalls Hogwarts besuchst? Es würde mich interessieren, was für Hobbys und Vorlieben du hast. Allgemein, was für ein Mensch du bist. Erzähl mir einfach, was du mir über dich sagen willst oder kannst.
Wenn du Fragen an mich hast, will ich versuchen sie dir so gut wie möglich zu beantworten, wobei ich ein wenig das Gefühl habe, du scheinst mehr über mich zu wissen, als ich ahne.
Hoffentlich bis bald,
Hermione
Damit beendete sie ihren kurzen Brief und huschte noch schnell in die Eulerei, um Hyperion einen abendlichen Ausflug zu verschaffen. Der Kauz kam auch gleich, kaum dass er sie erblickte. Hermione musste ihn nicht einmal rufen. Offensichtlich hatte er darauf gewartet, dass sie ihm einen Brief brachte.
Sie kraulte ihn etwas, bevor er mit seinem kleinen Anhängsel verschwand. Allerdings flog er nicht in irgendeine Ecke des Schlosses, sondern in Richtung Hogsmeade. Erst als sie den Waldkauz nicht mehr sah, begab sie sich zurück in ihren Turm. Dort brütete Harry mal wieder über der Karte des Marauders.
„Was wolltest du denn in der Eulerei?" „Einen Brief wegschicken oder was tut man sonst dort?", zog sie ihn auf, sodass er leicht rot wurde, dann aber genauer bohrte.
„Hast du diesem Typen geschrieben?" „… Ja." „Hältst du das für eine gute Idee?", sah Harry sie besorgt an, was ihr jedoch ein wenig sauer aufstieß.
„Was? Darf ich mich nicht darüber freuen, dass mir jemand schreibt und gerne mit mir in Kontakt kommen will?" „So war das nicht gemeint!", ruderte Harry schnell zurück.
„Ich mein ja nur… Du weißt doch gar nicht wer das ist. Wer weiß, was oder wer sich dahinter versteckt?! Vielleicht ist es einer von seinen Leuten, der so versucht etwas über uns herauszufinden", gab Harry zu bedenken, worauf Hermione ihn skeptisch ansah.
„Warum sollten sie es erstens bei mir versuchen -" „Sie wissen, dass du meine beste Freundin bist und ich dir alles erzähle", meinte Harry, obwohl sie gar keine Antwort erwartet hatte.
„Schön und gut, nur warum habe ich dann von ihm eine Kette, mit einem starken Schutzzauber bekommen?" „Schutzzauber?", stutzte Harry, worauf sie nickte, neben ihm Platz nahm und ihm erklärte. Als sie geendet hatte, war er angenehm überrascht.
„Okay, das ist ein etwas seltsamer Aspekt." „Das dachte ich mir dann ja auch." „Komisch ist es trotzdem", murmelte Harry, was Hermione erneut ein wenig sauer stimmte.
„Und warum bitte?" „Ich finde es ziemlich verdächtig, dass sich der Typ nicht zeigen will. Und das mit dem heimlichen Verehrer ist doch auch weit hergeholt", meinte er lapidar, was ihr einen schmerzlichen Hieb ins Innerste versetzte.
„Danke!", motzte sie ihn wütend an, stand auf und verschwand in ihrem Schlafsaal. Dort schlug sie aufgebracht die Tür zu und warf sich heulend aufs Bett.
Wieso? Verdammt, warum gönnte ihr scheinbar niemand einen Menschen, der sie auf diese besondere Art gern hatte? War sie wirklich so unattraktiv? Ein langweiliges, hässliches Mauerblümchen, was nach der Meinung aller völlig uninteressant war? Was keiner lieben konnte? Warum musste ihr jetzt auch noch Harry mit so etwas Verletzendem kommen, wo Ron es ihr seit einer Weile ja schon recht deutlich vorlebte, dass sie als Frau nicht begehrenswert war? Warum? Mit diesen bitteren Gedanken schlief sie ein.
Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ
Am nächsten Tag saß Hermione schon sehr früh alleine in der Großen Halle und aß recht lustlos ihr Frühstück. Es war Samstag, weshalb alle bis in die Puppen schliefen. Noch dazu durften sie heute seit langem wieder nach Hogsmeade, worauf sie allerdings keine Lust hatte. Sie hatte sich stattdessen vorgenommen, sich in der Bibliothek zu verkriechen und ein gutes Buch zu lesen.
Mit ihren Hausaufgaben war sie gestern bereits fertig geworden, sodass sie mehr als genug Freizeit hatte. Von ihren Gedanken abgelenkt, wurde sie von einer einzelnen Eule, die durch's Fenster schwebte und lautlos neben ihr auf dem Rand des Tisches landete.
„Hyperion", erkannte sie den Kleinen, der ihr sein Bein entgegen streckte, an dem ein Brief befestigt war. Und der war diesmal richtig dick!
Freudig aufgrund dessen, nahm sie dem Waldkauz die Last ab, bevor sie ihm zum Dank ein paar Eulenkekse gab. Er blieb jedoch sitzen und wartete zusätzlich auf Streicheleinheiten, die er kurze Zeit später erhielt. Zeitgleich entfaltete Hermione die Papiere. Es waren fast drei Seiten Pergament, die sie sofort verschlang.
Er war auf ihren Wunsch eingegangen und versuchte ihr, so viel wie möglich von sich zu berichten. Zwar verriet er ihr weder sein Alter, noch ob er Schüler war, davon abgesehen schilderte er alles Mögliche.
Er wäre sportlich, las allerdings auch gerne ein gutes Buch, was sie schmunzeln ließ. Einige hatte er aufgezählt, die sie ebenfalls verschlungen hatte. Sie kam so nicht umhin zuzugeben, dass er Geschmack hatte, was sich auch auf musikalischer Ebene zum Großteil mit ihren Interessen deckte. Er hatte Sinn für Kulturelles und wäre zudem schon mal im Louvre gewesen, worum Hermione ihn gleich beneidete. Die ganzen Alten Meister wollte sie sich auch einmal ansehen.
Unter all der Kultur schien er dennoch nicht spießig zu sein, denn er amüsierte sich über ein paar der Weasley Scherze. Fred und George hatten dafür aber auch ein Händchen. Ebenso verriet er ihr sein Lieblingsessen, die Lieblingssüßigkeiten, wo doch einige zusammen kamen. Er meinte, da wäre er ein kleines Leckermaul, was Hermione abermals zum schmunzeln brachte. Zudem versuchte er sich etwas besser zu beschreiben, nur merkte Hermione mit der Zeit, dass er während des Schreibens immer mal gezögert hatte.
Anscheinend hatte er stellenweise sehr genau überlegt, was er ihr verraten konnte bzw. verraten wollte, denn in der anfangs durchgängig fließenden Schrift, tauchten ab und zu Abbrüche oder etwas dickere Tintenansätze auf.
Irgendwann war sie durch und begann sich diesen Jungen vorzustellen. Sie schloss die Augen und bastelte ein Gesicht zu all den Fakten. Heraus kam stets ein anderes, was abrupt endete, als ihr jemand auf die Schultern schlug.
„Du bist schon wach?" Es war Ginny, die sie frech angriente und letztlich zu Hyperion sah, der noch immer bei Hermione hockte. Sie streichelte den Kauz kurz, bevor sie neben ihrer Freundin Platz nahm und auf die drei Seiten Pergament sah.
„Er hat dir geschrieben?" Es war weniger eine Frage als mehr eine Feststellung. Der Brünetten entwich daraufhin nur ein verträumtes „Hm", ehe sie den Brief an Ginny weiterreichte. Die sog das Geschriebene ähnlich gierig auf, wie Hermione und kam nicht umhin, ein anerkennendes Pfeifen auszustoßen.
„Hermione, Hermione. Sieht so aus, als hättest du da einen richtig dicken Fisch an der Angel." „Hab ich das?", schmunzelte sie die Rothaarige an, die zufrieden nickte. In der Zwischenzeit kamen immer mehr Leute, womit sich Hyperion plötzlich erhob und durch das Fenster verschwand, was Hermione etwas verwundert zur Kenntnis nahm. Wahrscheinlich hatte er genug vom Warten.
Als sie sich umdrehte und sah, wer noch zum Frühstück gekommen war, hatte sie eher einen anderen Verdacht. Nämlich, dass ihm die Anwesenheit gewisser Schüler genauso wenig gefiel wie ihr, denn inzwischen wurde es auch am Tisch der Slytherins voll.
Hermione achtete nicht weiter auf die Schlangen, sondern steckte den Brief sauber weg, bevor sie sich erhob, um zu verschwinden. Ginny sah ihr jedoch fragend nach.
„Wo willst du hin?" „Schreiben", griente sie ihre Freundin an, die knapp nickte, dann aber fragte: „Und Hogsmeade? Wir wollten um Zwölf los." „Ein andermal. Viel Spaß euch." „Ähm… Ja, danke." Mehr hörte Hermione nicht mehr, da sie bereits halb aus der Halle raus war, auf den Weg in ihren Turm. Auf der Treppe zu diesem, eckte sie allerdings unsanft mit jemandem an und fiel rücklings auf die harten Steinstufen. Dabei stieß sie sich den Kopf am Geländer.
„Pass doch auch!", muffelte Hermione und rieb über die hämmernde Stelle, bevor sie aufsah. Vor ihr standen Lavender und Ron. Die dumme Gans hatte sich mal wieder wie eine Klette an ihn gekuschelt und zog Ron zudem recht schnell weiter.
„Komm Won-Won. Wir wollten doch nach Hogsmeade", zwitscherte sie fröhlich und tat ganz so, als hätte sie Hermione überhaupt nicht gesehen. Und Ron? Der kriegte nicht mehr als ein mageres „Sorry" rausgewürgt. Nur einen Moment später war er mit der Blonden weg. Damit war auch Hermiones bis eben noch gute Laune verschwunden.
War es inzwischen schon so weit, dass er es nicht einmal für nötig hielt, ihr wenigstens aufzuhelfen? Genauso ihr ein kleines, ehrliches Entschuldigung entgegenzubringen oder sie vielleicht zu fragen, ob sie sich etwas getan hatte?
Verdammt, seit er mit der hohlen Nuss zusammen war, schien sie nur noch Luft für ihn zu sein. Er schien sie überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Nicht einmal mehr als Freundin, was ihr wieder verstärkt wehtat. Immerhin hatten sie in den vergangenen Jahren gemeinsam so viel durchgemacht. Wie konnte er das alles jetzt wegen der vergessen? Wie konnte er sie so vergessen? Wie konnte…
Oh verdammt, Hermione. Hör auf damit!, schrie sie sich innerlich an. Das Ganze brachte doch nichts. Im Gegenteil. Je intensiver sie sich damit beschäftigte, umso mehr schmerzte es sie.
Vergiss es. Vergiss ihn, schallt sie sich, nur war das alles andere als leicht. Dafür tat es nach wie vor viel zu weh. Er tat ihr weh und ließ sie plötzlich allein in der Kälte zurück, die sie fürs Erste schaffte selbst zu vertreiben, indem sie sich aufrappelte. Dabei spürte sie einen dumpfen Stich im Handgelenk, als sie sich auf dem kalten Boden abstützte. Offensichtlich hatte nicht nur ihr Schädel etwas abbekommen, sondern auch ihre Hand. Und das zu allem Überfluss auch noch die Rechte! Das war ihre Schreibhand. Und die brauchte sie. Ohne wenn und aber, weshalb sie sich am Geländer hochzog. Dabei schwindelte ihr ordentlich.
Der Tag hatte mit dem Brief eigentlich richtig gut angefangen, doch jetzt? Sie konnte noch von Glück reden, dass sie, bei dem Aufprall mit dem Busenfass, die steile Treppe nicht ganz runter gesegelt war. So ging sie den Weg zurück, in Richtung Krankenflügel, um sich von Madam Pomfrey etwas geben und das Handgelenk richten zu lassen, welches immer stärker pochte und langsam dick wurde.
Zu dem Pochen in ihrer Hand, kam nach einer Weile auch ein immer heftigeres in ihrem Kopf. Irgendwann schob sie sich deswegen nur noch an den Wänden entlang, um dort Halt zu finden. Nur wurde es mit jeder Minute schlimmer, bis sie zusätzlich ein dumpfes Pfeifen in den Ohren vernahm, was sich mit dem Rauschen ihres Blutes vermischte.
„Oh nein. Nein…", murmelte sie zittrig, denn sie kannte diese Symptome. So kündigte sich eine Ohnmacht an, weswegen sie sich an der Wand herabgleiten lassen wollte, damit sie nicht wirklich umkippte. Nur war es dafür eine Sekunde zu spät.
Mit einem Mal wich ihr sämtliches Gefühl aus den Gliedern, während sich ihr Kopf von selbst in Watte einpackte.
Sie sah nur noch den Boden auf sich zukommen, konnte sich aber nicht mehr gegen die plötzliche Schwäche der Bewusstlosigkeit wehren und versank im Dunkel.
Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ
