©Sunrisepainter: Mit Sonne im Herzen


Was letztes Mal geschah:

Am Abend erzählte Midori der Mutter von ihrem kleinen Erlebnis in der Stadt. Diese quittierte die lebhafte Fantasie ihrer Tochter nur mit einem Lächeln und zwinkerte den beiden älteren nur zu.
Haruka und Takuya zogen es vor über den Vorfall zu schweigen.
Lediglich einen Satz sagte Takuya noch dazu bevor sie ins Bett gingen:
»Mach dir nicht so viele Gedanken um Midoris Sonnenengel, Haru – chan. Ich bin mir sicher, dass ihr ihm nicht nochmal begegnet werden.«
Wenn er gewusst hätte, was am nächsten Tag noch alles passieren würde, hätte er bestimmt etwas anderes gesagt.


Kapitel 4:

Eine Wand verschwindet

Nervös schob Haruka ihre Schulbücher von der einen auf die andere Seite ihres Tisches, dabei entwich ihr ein zweites Mal an diesem Tag ein tiefer Seufzer. Takuya, der neben ihr saß, warf ich einen fragenden Blick zu:
»Alles in Ordnung? Du wirkst heute so verstört.«
Sie schüttelte bloß den Kopf und machte ein zerknirschtes Gesicht:
»Ich hatte Probleme bei den Matheaufgaben. Der Lehrer wird sicher böse sein.«
»Wirklich? Das ist alles?« Ihr Cousin zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen. Er glaubte ihr kein Wort. Haruka senkte ihren Blick und betrachtete eingehend die Tischplatte. Wie alle anderen war auch sie mit verblassten Schriftzügen und Schülerkunstwerken versehen, deren Haltung gegenüber der Schule eindeutig zu erkennen waren. Ja, sie hatte ihm nicht die Wahrheit gesagt. Bei weitem nicht. Sie hatte die halbe Nacht nicht einschlafen können, weil ihr einfach zu viele Gedanken durch den Kopf gegangen waren. Die Hausaufgaben waren dabei das kleinere Übel gewesen.

Immer wieder hatte sie gegrübelt, ob Midoris Theorie vielleicht nicht doch ein Fünkchen Wahrheit enthalten hatte. Warum sonst hatten nur die beiden Mädchen die seltsame Frau bemerkt? Immer wieder war deren schönes Gesicht vor ihrem geistigen Auge aufgetaucht. Sie konnte sich an jedes Detail ihres makellosen Gesichts erinnern. So als ob sie schon ihr ganzen Leben kannte. Ein Gefühl der Vertrautheit hatte sie beschlichen, als sie in ihre Augen geblickt hatte. An so etwas wie Engel glaubte sie nicht, aber sie war sich sicher, dass die Frau die Schwestern ebenfalls kannte. Vielleicht waren sie sich schon einmal begegnet. Doch auch so viel Haruka in ihrer Vergangenheit suchte: sie fand nichts.
Doch die seltsame Frau war nicht der einzige Grund, warum sie kein Auge zu getan hatte. Viel größere Angst hatte sie von ihrem nächsten Schultag. In dem Dorf, in dem sie bis vor kurzem noch gelebt hatte, hatte sie viele Freunde und sich nie als Außenseiter gefü gab es so etwas nicht, weil sich jeder mit jedem verstand. Gab es mal Auseinandersetzungen, so waren sie am nächsten Tag gleich wieder vergessen. Doch Haruka bezweifelte, dass man sie in Ruhe lassen würde. Die Blick der Mädchen in der Cafeteria hatten Bände gesprochen und sie war sich hundertprozentig sicher, dass Kaito und seine Freunde sich irgendwie an ihr rächen würden. Dafür, dass ihr Cousin sie verteidigt hatte. Sie würden eine Gelegenheit finden, bei sie ihnen schutzlos ausgeliefert war.

»Haru – chan?«, riss sie Takuyas besorgte Stimme aus den Gedanken. Sie schüttelte leicht ihren Kopf und wollte gerade den Mund öffnen, um ihn von ihren Sorgen zu berichte, als es zum Stundenbeginn läutete.
Augenblicklich wurde es still in der Klasse und der Lehrer betrat mit einem freundlichen Lächeln den Klassenraum.
Haruka gefiel der Unterricht, auch wenn er nur halb so gelassen war wie der Unterricht in ihrer alten Schule. Dort waren die Klassen um einiges kleiner gewesen, sodass alles viel gelassener abließ. Man machte Späße und konzentrierte sich nur halbherzig auf den Unterrichtstoff. Hier in Tokio allerdings waren die Lehrer etwas strenger. Das Lerntempo war schneller und Haruka war so begierig darauf etwas neues zu lernen, dass sie ihrem Lehrer fast jedes Wort von den Lippen ablas. Er war ihr nicht böse, dass sie Probleme bei den Aufgaben hatte und erklärte ihr freundlich nochmal alles von vorne. Sie fand das die Mathestunde viel zu schnell vorbei war.
»Haruka, kann ich kurz noch mit dir sprechen?«, fragte der Mann sie, als nach dem läuten alle Schüler ihre Sachen zusammen packten und so schnell wie möglich zum Mittagessen eilten. Das Mädchen nickte bloß.
»Ich warte in der Kantine auf dich, Haru – chan«, meinte Takuya als er mit einigen Jungen davon ging.
»Danke«, murmelte sie und ging nervös zum Lehrerpult. Wollte er sie vielleicht doch noch ausschimpfen? Wollte er es bloß nicht vor der ganzen Klasse tun?
Doch als sie das Lächeln auf dem Gesicht des Lehrer sah, verschwanden ihre negativen Gedanken auf der Stelle.
»Nun, ich hab mit Freude festgestellt, dass der Unterricht dir zu gefallen scheint«, meinte er.
Sie nickte heftig und lächelte leicht:
»Ja, man lernt hier viel mehr, als in meiner alten Klasse.«
»Mir scheint, als würdest du sehr wissbegierig sein. Das erlebt man nicht oft bei Schüler. Außerdem hast du das Talent, dass du sehr pfiffig bist und unbekannte Sachen schnell begreifst«, lobte er sie.
»Vielen Danke«, flüsterte sie glücklich und ihre Wangen röteten sich etwas.
»Ich wollte nur sagen, dass du ruhig weiter so machen sollst. Vielleicht gehörst du dann bald zu den Klassenbesten«, meinte er zuversichtlich. Haruka hatte da ihre Zweifel, aber sie wollte ihm nicht widersprechen.
»Es wäre schön, wenn du Takuya auch ein wenig mehr zum Arbeiten anspornen könntest. Der Gute lehnt sich dieses Schuljahr sehr zurück, weil er letztes Jahr sehr gut abgeschnitten hat, wie ich von seinem vorherigen Lehrer gehört habe. Aber das hier ist die Oberschule, da muss er sich schon ein bisschen mehr anstrengen.«
Wieder nickte Haruka artig. Insgeheim aber fragte sie sich, ob das wirklich alles war, worüber er mit ihr hatte reden wollen.
»Ich versprechen Ihnen, dass ich ihn daran erinnern werde«, erklärte sie lächelnd.
»Da bin ich mir sicher«, nickte der Lehrer, »und da gäbe es noch eine Sache, worüber ich mit dir sprechen wollte.« Er schob sich seine Brille, die während des Gesprächs hinunter gerutscht war, zurück auf die Nasenwurzel und blickte sie ernst an.

Haruka hatte eine böse Vorahnung worum es gehen könnte, doch sie wartete geduldig darauf, dass er weiter sprach.
»Nachdem Ereignis gestern habe ich mich gefragt, was wohl der Anlass dafür war und ob du nicht vielleicht doch eine Rolle dabei gespielt hast. Dem Rektor habt ihr zwar erzählt, dass die beiden Jungen eine Auseinandersetzung wegen belanglosen Dingen hatten, aber ich kann das nicht so ganz glauben«, sprach er seine Bedenken aus und musterte sie durchdringend, als sich ihr ganzer Körper anspannte, »Takuya scheint zwar jemand zu sein, der sich leicht provozieren lässt, aber was ist wirklich geschehen?«
Nervös wich sie seinem Blick aus und nestelte stattdessen an ihrer Bluse herum. An dieses Schuluniform würde sie sich bestimmt nicht gewöhnen. Und der Blick des Lehrers verursachte bei ihr eine gewaltige Unsicherheit. Sie dufte ihm einfach nicht erzählen, dass Kaito sie gepiesackt wollte. Das wäre erstens Petzen gewesen und hätte zweitens dazu geführt, dass man ihn vielleicht noch härter bestraft hätte als mit einmal Nachsitzen. Sie hätte dann am Ende die Quittung dafür erhalten. Andererseits wollte sie ihn auch nicht anlügen. Beim Rektor war ihr das schon schwer gefallen, aber da hatte Takuya das Reden übernommen, während sie zur Bestätigung nur mit dem Kopf hatte nicken müssen.
»Sensei«, begann sie, nachdem sie tief durchgeatmet hatte und sah ihm tief in die Augen, »Kaito und Takuya haben sich gestritten, um irgendeine dumme Tauschkarte eines Spiels, bevor jemand eingreifen konnten, schlugen sie auch schon auf einander ein. Schließlich sind Junpei – sama und Kouichi dazwischen gegangen.«

Es war genau die gleiche Lüge, die ihr Cousin dem Rektor aufgetischt hatte und sie wusste das der Lehrer sie kannte. Einen Moment blickte er sie noch misstrauisch an und sie schaffte es sogar diesen Blick zu erwidern. Schließlich nickte er:
»Gut, dann glaub ich dir nochmal. Du darfst dann zum Mittagessen gehen.«
Haruka atmete erleichtert aus. Natürlich konnte sie hören, dass er immer noch seine Bedenken hatte, aber wenigstens bombardierte er sie nicht weiter mit unangenehmen Fragen. Sie verabschiedete sich mit einer kurzen Verbeugung und sah dann zu, dass sie in die Kantine kam.

Wie immer ging es beim Mittagessen laut und lustig her. Die Schüler alberten herum und unterhielten sich ausgelassen darüber, was sie am nächsten Wochenende machen würde.
Haruka hielt Ausschau nach ihrem Cousin, konnte ihn aber nicht entdecken. Ihr Blick fiel auf ein anderes bekanntes Gesicht. Lachend winkte das Mädchen sie zu sich hinüber. Megumi.
Haruka erwiderte das freundliche Lächeln schüchtern und ging dann zum Tisch des Mädchens mit den lustigen Pandazöpfen. Haruka spürte die abweisenden und gleichzeitig neugierigen Blicke der anderen Mädchen, die an diesem Tisch saßen. Gleich fühlte sich unwohl und spielte nervös mit dem Saum ihrer Bluse.
»Hallo Haruka – chan, willst du uns nicht zu uns setzten?«, Megumi schien die Blicke der anderen Mädchen gar nicht zu bemerken. Vergnügt klopfte sie auf den Platz neben sich. Die Brünette zögerte. Einerseits wollte sie so schnell wie möglich Takuya finden, aber andererseits fand sie das Mädchen wirklich nett. Sie nickte kurz und setzte sich dann neben Megumi.
Diese begann sofort sie nach allen möglichen Dingen zu fragen. Wie ihr die Schule bisher gefiel und woher genau sie kam. Haruka versuchte alle Fragen knapp und wahrheitsgemäß zu antworten, während sie immer wieder zu den anderen Mädchen schielte, die so taten, als würde sie gar nicht existieren. Immerhin war ihr das lieber als die stechenden Blicke.

Plötzlich kicherte Megumi:
»Wie kommt es eigentlich, dass Kouichi – kun dir gestern geholfen hat?«
Haruka spürte wie alle Mädchen um sie herum plötzlich aufsahen und sich gegenseitig alarmierte Blicke zuwarfen. Sie versuchte sich nichts dabei zu denken.
»Ich denke, weil er ein Freund von Takuya – kun ist und dachte er müsste mir deswegen helfen«, sprach sie die erste Erklärung aus, die ihr in den Sinn kam. Ehrlich gesagt, wusste sie es selbst nicht genau. Vielleicht lag es einfach nur daran, dass der Junge mit den dunklen Haaren von Natur aus nett war. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder, der eine stetige Regenwolke über seinen Kopf spazieren zu tragen schien.
»Hm, ich dachte ihr kennt euch schon länger«, meinte Megumi und schien wirklich etwas enttäuscht zu sein. Haruka runzelte die Stirn. Was hatte das zu bedeuten?
»Kennst du ihn denn?«, wollte sie wissen. Megumi schüttelte den Kopf und wurde tatsächlich etwas rot um die Nase:
»Es ist eben so, dass er sich nicht viel mit anderen abgibt. Er ist zwar immer freundlich und nett zu jeden, aber wirklich viele Freunde hat er nicht. Eventuell liegt es daran, dass er immer zu beschäftigt mit seiner Band ist.«
»Er ist in einer Band?«
»Ja, er spielt Gitarre und singt sogar«, Megumis Augen begannen zu leuchten, »und das verdammt gut,wenn du mich fragst. Da er auch noch total süß aussieht, ist er ein absoluter Mädchenschwarm an seiner Schule.« Jetzt verstand Haruka langsam, warum die Mädchen vorhin so hellhörig geworden waren, als Kouichis Name gefallen war. Und offensichtlich hatte Megumi ebenfalls etwas für ihn über. Haruka konnte das verstehen. Immerhin hatte Kouichi eine unheimlich warme Ausstrahlung.

»Bei seinem Bruder ist es genauso, wobei ich mich frage, was die Mädchen an dem finden«, Megumi schnaubte, »er ist so total anders und manchmal macht er einem sogar Angst, wenn er so böse aus der Wäsche schaut.«
Im Stillen musste Haruka ihr Recht geben, aber sie sagte nichts dazu.
»Also jetzt bist du aber unfair«, es war das erste Mal, dass sich ein anderes Mädchen zu Wort meldete. Sie hatte rote, kurze Haare und trug eine Brille.
»Ich meine«, ihr Blick wurde verklärt, »Kouji ist doch so unheimlich reif und erwachsen.«
Haruka konnte ein Kichern gerade noch unterdrücken, doch Megumi schien das als Herausforderung zu sehen.
»Ach ja? Hast du ihn schon einmal lächeln gesehen? Ich wette der Typ ist ein emotionaler Eisklotz.«
»Er hat andere Qualitäten«, versuchte das Mädchen ihren mutmaßlichen Schwarm zu verteidigen.
Die Mädchen begannen einen richtigen Streit darüber, welcher der Zwillingsbrüder wohl am besten Charaktereigenschaften besaß. Haruka hörte schon lange nicht mehr zu. Ihre Gedanken drifteten wieder zu dem vorherigen Tag und den beiden Zwischenfällen. Ängstlich sah sie sich um, aber konnte den gemeinen Jungen, der ihr ein Bein gestellt hatte, und dessen Freunde nicht entdecken. Erleichtert atmete sie aus und stocherte in ihrem Reis herum.

»Hey du!«, eine Hand wedelte vor ihrem Gesicht herum und überrascht hob sie den Kopf. Das Mädchen mit den roten Haaren warf ihr einen abschätzigen Blick zu, doch dann grinste sie:
»Also, vom ersten Eindruck: Wen von den beiden findest du süßer? Kouichi oder Kouji?«
Erstaunt blinzelte Haruka. Hatte man sie wirklich gerade nach ihrer Meinung gefragt?
Anscheinend schon, denn auch die anderen Mädchen am Tisch blickten sie nun neugierig an.
Sie wurde etwas rot um die Nase und begann, wie immer, wenn sie nervös war, an ihrer Kleidung zu nesteln.
»Na ja, ich kenne die beiden ja gerade mal einen Tag lang...«, meinte sie behutsam ohne jemanden anzusehen.
»Aber jetzt mal so vom ersten Eindruck«, meinte ein weiteres Mädchen, dass eine auffällige Haarspange trug.
Haruka wollte gerade den Mund aufmachen, um zu antworten, als sie hart am Arm gepackt wurde und von ihrem Sitz gezogen wurde. Sie gab einen quietschenden Laut von sich und blickte in ein wütendes Paar Augen. Als Haruka die Person erkannte, wurde sie kreidebleich im Gesicht.

»Was fällt dir eigentlich ein mich beim Rektor anzuschwärzen?«, wütend rüttelte Kaito sie an ihren Schultern. Panisch sah Haruka sich um. Der einzige Fluchtweg wurde von zwei weiteren Jungen aus Kaitos Jahrgang versperrt. Yutaka, der Junge mit der Topfrisur, war nicht dabei.
»I-ich...«, stammelte sie und Tränen stiegen ihr in die Augen, »bitte, du tust mir weh.«
»Du bist eine Petzte, weißt du das? Eine Heulsuse und eine miese Petzte!«, höhnte er und seine Verbündeten lachten gemein.
»Ich ha-habe eu-euch nicht ver-verpetzt«, stammelte sie und versuchte sich aus seinem harten Griff zu befreien.
»Ach ja, und kannst du mir dann mal erklären, warum ich nachsitzen muss?«
»Lass sie los, Kaito«, meinte Megumi mit schriller Stimme und stand plötzlich neben Haruka. Der Junge lachte bloß und zog seinem Opfer an den Haaren.
»Kein Wunder, dass dich alle für nervig halten, wenn du dich immer mit den Memmen abgibst, Panda! «
»Bitte!«, versuchte es Megumi nochmal und sah ihn flehend an. Doch Kaito ignorierter sie einfach.
»Wenn du mir nicht bald antwortest, dann zeige ich dir mal, dass das gestern nur 'ne Lachnummer war. Dorftrottel wie dich kann ich nämlich gar nicht ausstehen!«, knurrte er und verdrehte ihr den Arm so, dass sie jetzt mit dem Rücken zu ihm stand. Vor Schmerz musste sie die Zähne zusammen beißen und ihr Atem beschleunigte sich.
»Bitte, lass mich in Ruhe...«, ihre Stimme war gerade noch ein Flüstern.
»Von wegen!«
»Kaito, du solltest lieber auf sie hören, sonst sieht es düster für dich aus«, mischte sich nun eine weitere, dunkle Stimme ein. Haruka konnte nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen, dass ein weiterer Junge hinter ihnen aufgetaucht war.
»Was mischt du dich da ein, Minamoto?«
Der Name kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht mehr, wo genau sie ihn schon mal gehört hatte.

»Willst du das ich ernst mache?«, knurrte der bekannte Fremde.
Kaito murmelte etwas unverständliche uns ließ das Mädchen los. Haruka atmete erleichtert aus und stolperte zitternd einen Schritt rückwärts, sodass sie gegen Megumi stieß, die immer noch neben ihr stand.
»Lasst uns gehen. Hier sind zu viele Versager auf einem Haufen«, schnaubte Kaito und stolzierte mir seinem Gefolge davon, jedoch nicht ohne den Mädchen noch einen vernichtenden Blick zu zuwerfen.
»Oh, Kouji, das war ja so mutig von dir«, seufzte ein Mädchen mit blonden Haaren. Während des ganzen Vorfalls hatten sie sich nicht einmal umgeschaut. Als würde es sie nicht interessieren.
Haruka horchte auf und sah erst jetzt, dass ihr „Retter" der Zwillingsbruder von Kouichi war. Kouji Minamoto. Jetzt fiel ihr es wieder ein. Er hatte seine Hände in den Hosentaschen vergraben und wie immer einen düsteren Gesichtsausdruck.
»Go – gomen«, sie machte eine Verbeugung und wurde wie immer rot im Gesicht.
»Hm«, machte der Junge nur und ging dann einfach an ihnen vorbei, »ich hab das nicht für dich getan. Mit Kaito hab ich sowieso noch eine Rechnung offen und das weiß er.«

Damit ging er gemächlich auf einen Tisch etwas abseits hinüber. Haruka sah, dass dort auch Kouichi, Izumi und ein ihr unbekannter Junge saßen.
Als er bei ihnen ankam, hoben sie ihre Köpfe und deuteten ihn sich zu setzten. Kouichi sagte etwas zu dem anderen Jungen, der nickte und dann davon ging. Kurze Zeit später tauchten auch der vermisste Takuya und Junpei auf und setzten sich zu ihnen. Haruka zog misstrauisch die Augen zusammen, als sie näher zusammen rückten und flüsternd etwas diskutierten.
Takuya schien über irgendetwas verärgert zu sein und begann auf Kouji einzureden, der keine Miene verzog. Kouichi und Junpei warfen ab und zu etwas ein, während Izumi sich immer wieder verhalten um sah. Dabei begegneten sich die beiden Blicke der Mädchen.
Die Blonde lächelte ihr freundlich zu, während Haruka schnell den Kopf abwandte.

»Du brauchst nicht verärgert sein, weil dein Cousin dich nicht gebeten hat sich zu ihnen zu setzten. Die vier haben manchmal so Tage, an denen sie sich von anderen abgrenzen und ihre Köpfe zusammen stecken. Als würden sie etwas verheimlichen.« Haruka zuckte zusammen und schaute Megumi verwundert an.
»Verheimlichen?«
Das andere Mädchen zuckte mit den Schultern und stand auf, weil es bereits geklingelt hatte:
»Keine Ahnung, was sie für ein Geheimnis haben. Aber die sind schon seit der vierten Klasse so. Seit sie befreundet sind. Vorher kannten sie sich nicht mal.«
Nachdenklich erhob sich auch Haruka und brachte ihr Tablett weg. Was konnte das für eine merkwürdige Freundschaft zwischen den Vieren sein? Eigentlich erzählte ihr Takuya immer alles, aber Izumi, Junpei und die Zwillinge hatte er noch nie erwähnt. Wollte er ihr wirklich etwas verheimlichen? Vielleicht wussten sie etwas, was kein anderer wusste und waren deshalb befreundet. Doch sie konnte nur spekulieren. Sie nahm sich fest vor ihren Cousin nach der Schule danach zu fragen, doch jetzt musste sie zuerst einmal zurück in den Unterricht.

»Tut mir Leid, aber ich kann heute nicht nach Hause mit dir gehen...äh..ähm...ich hab noch etwas wichtiges zu erledigen«, erklärte Takuya, nachdem die Schule aus war. Etwas perplex stand Haruka ihm gegenüber auf den Schulhof und wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte.
»Also, das ist nicht schlimm«, sie täuschte ein Lächeln vor.
»Ach ja?«, er kratzte sich erleichtert am Hinterkopf, »das ist gut. Vielen Dank, Haru – chan. Bist du dir sicher, dass du auch den Weg alleine findest?«
Sie nickte, doch in eigentlich war sie sich überhaupt nicht sicher. Obwohl das bereits ihr zweiter Schultag war, kam ihr Tokio immer noch so unheimlich fremd und groß vor. Doch sie wollte keine Last für ihren Cousin sein.
»Gut, dann sehen wir uns heute Abend«, er winkte zum Abschied und lief dann hinüber zu seinen Freunden, die schon ungeduldig auf ihn warteten. Haruka zog die Augenbrauen zusammen. Schon wieder traf er sich mit Izumi und Co. Langsam wurde sie misstrauisch. Ob Megumi mit ihren Vermutungen Recht gehabt hatte?

Sie seufzte leise und machte sich dann auf den Weg nach Hause. Eigentlich ging es sie ja auch nicht an, was die vier so besprechen. Wahrscheinlich war es auch nur halb so dramatisch wie sie sich vorstellte.
Sie wollte nicht eifersüchtig sein, nur weil Takuya lieber mit ihnen zusammen war als mir ihr. Sie konnte ihn wirklich verstehen. Es machte ihn bestimmt keinen Spaß immer den Aufpasser für sie spielen zu müssen. Und wenn sie nicht bald eigene Freunde fand, dann würde ihr Leben in Tokio ziemlich trostlos aussehen. Mit Junpei und Kouichi hatte sie sich ziemlich gut verstanden. Izumi schien auch sehr nett zu sein und was Kouji betraf...er hatte sie doch heute vor Kaito gerettet.
Sie schüttelte energisch den Kopf.
Nein, das waren Takuyas Freunde und sie hatte kein Recht sich in ihre Gruppe zu drängen. Er hätte das sicher auch nie gemacht.

Mit diesem Gedanken betrat sie den Stadtpark. Eigentlich gingen sie hier nie durch, aber Haruka hatte Lust ein wenig zu bummeln. Zumal jetzt im Frühjahr die ersten Kirschbäume blühten.
Sie schlenderte den Kieselweg entlang und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem blassen Gesicht. Gleich fühlte sie sich etwas besser.
Sie kam an einer großen Wiese vorbei, wo einige Jungen Fußball spielten. Anscheinend trafen sie sich hier immer nach der Schule. Sie wollte eigentlich an ihnen vorbei gehen, als sie einen von ihnen erkannte. Sie zuckte zusammen und wollte schnell weglaufen, doch da hatte er sie schon entdeckt.
Er gab seinen Freunden ein Zeichen und zu fünft kamen sie auf sie zu gelaufen. Panisch blickte Haruka sich um. Wie konnte sie Kaito und seinen Freunden nur dieses Mal entkommen? Es war niemand in der Nähe, der ihr hätte helfen können. Lediglich eine Mutter, die mit ihrem Kind beschäftigt war und daher alles andere nicht zu bemerken schien.
Ihr blieb also nichts anderes übrig als zu flüchten. Als die Fünf bemerkten, was sie vorhatte, beschleunigten auch sie ihre Schritte.

So schnell sie ihre Füße tragen konnte, raste sie auf dem steinigen Weg dahin, ihre Verfolger dicht hinter ihr.
Haruka war noch nie eine schlechte Läuferin gewesen.
Bei Wettrennen lag sie immer auf den vorderen sechs Plätzen, doch sie wusste, dass sie den Jungen nicht entkommen konnte.
Früher oder später würden sie sie eingeholt haben. Außerdem war ihre Schuluniform nicht gerade zum Laufen geeignet. Bald erreichten sie das Ende des Parks und Haruka hatte die Hoffnung, dass ihr doch jemand helfen würde. Vielleicht ein Polizist, der gerade jetzt auf Streife war.
Doch dieses Mal hatte sie kein Glück. Ein Blick über die Schüler verriet ihr, dass die Jungen sie fast eingeholt hatten. Außerdem ging ihr langsam die Puste aus. Sie musste sich also schnell etwas einfallen lassen.
Ihr fiel eine unbelebte Gasse ins Auge. Schnell raste sie um die Ecke herum und hoffte, dass sie dort einen Platz finden würde, an dem sie sich verstecken könnte.
Es war fast schon Ironie des Schicksals, dass sich die dunkle Gasse als Sackgasse herausstellte. Sie war nun umringt von drei großen Mauern und es gab nur einen Ausgang, der ihr jetzt versperrt wurde.
»Schaut mal, was uns jetzt da in die Falle gegangen ist«, ertönte auch schon Kaitos Stimme. Haruka zitterte und ihre Augen suchten verzweifelt nach einem Ausweg aus dieser misslichen Lage. Doch sie war ihnen hilflos ausgeliefert.

Ängstlich wich sie zurück, als die Jungen wie eine Wand auf sie zu gingen. Einer ließ schon seine Knochen knacken und Kaitos Stimme ließ das Blut in ihren Adern gefrieren:
»Jetzt zeigen wir dir mal, was wir mit Petzten und Lehrerlieblingen machen!«
Sie kniff die Augen zusammen und wich noch weiter zurück, sodass sie mit den Rücken gegen die kalte Steinmauer stieß.
Sie erwartete den ersten Schlag, doch der kam nie. Stattdessen hörte sie einen verwirrten Ausruf.
Überrascht wollte sie die Augen wieder öffnen, doch musste sie auch gleich wieder schließen, weil sie von einem hellen Licht geblendet wurde.
Sie glaubte einen Schemen wahr zu nehmen und dann spürte sie plötzlich wie der Widerstand der Mauer hinter ihr nach gab. Auf einmal konnte sie noch weiter zurück. Bis sie schließlich über ihre eigenen Füße stolperte und mit dem Hinterteil auf etwas Weichem landete.
Als das Licht verschwunden war, fand sie sich auf einer stillen Wiese wieder. Von Tokios Straße, der dunklen Gasse oder Kaito und seinen Freunden war nichts mehr zu sehen.
Das einzige, was sie sah, war die Frau, die Midori und sie bereits am Tag zuvor gesehen hatten. Wieder trug sie dieses seltsame Gewand und den Stab. Doch diesmal stimmte etwas ganz und gar nicht.
Die Frau schien regelrecht vor ihr in der Luft zu schweben.