Langsam kam Kermit zu sich. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus, um dem Gefühl der Übelkeit Herr zu werden.
Was war geschehen?
Als er sich der Umgebung bewusst wurde, in der er sich befand, fluchte er laut. Diese seltsam, bizarre Umgebung und die drückende Atmosphäre machte ihm schnell klar, dass er sich nicht mehr in Sloanville befand. Unwillkürlich glitt seine Hand zu seinem Holster. Gott sei Dank, der Eagle war noch da. Wenigstens eine beruhigende Entdeckung in dieser unheimlichen Welt.
Kermit erhob sich ächzend. *Toll, ich habe mir schon immer mal gewünscht, in eine andere Dimension zu reisen*, dachte er sarkastisch. Bei dieser Erkenntnis zog sich alle in ihm zusammen. Warum musste so was ausgerechnet ihm passieren? Ihm, der nur an das glaubte, was er mit eigenen Augen sah.
Caines und Peters Fähigkeiten waren ihm schon immer mehr als suspekt vorgekommen. Wenn möglich, dann hielt er sich mit Freuden von diesen irrationalen Dingen fern. Doch diesmal blieb ihm keine andere Wahl. Die fremde Welt tat sich vor ihm auf und sie war real, viel zu real. Es gab schlichtweg keine einzige rationale Erklärung dafür, warum er sich plötzlich in dieser seltsamen Welt wieder fand. Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war Cara, die ohnmächtig auf dem Boden gelegen hatte.
Cara! Der Gedanke traf ihn wie einen Schlag in die Magengrube. Kermit straffte sich grimmig. Egal wo er hier war und wie er hierher gekommen war, oberste Priorität hatte für ihn jetzt Cara zu finden. Es stand für ihn außer Frage, dass sie sich hier irgendwo befinden musste.
Das abgestorbene Gras raschelte leise unter seinen Füßen, als er sich langsam um die eigene Achse drehte, um einen Hinweis darauf zu bekommen, in welche Richtung er sich wenden sollte. Sein Blick fiel auf eine halb verfallene Hütte, die ziemlich weit entfernt war. Falls Cara diese Hütte auch entdeckt hatte, was er stark annahm, dann gab es eigentlich nur eine Richtung in die sie auf ihrer Suche nach Peter und Caine gehen würde.
Leise seufzend machte er sich auf den Weg zu dieser Hütte, fest entschlossen ihr eine Standpauke zu halten, sollte er sie dort vorfinden.
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Zum wiederholten Male stolperte Cara über einen Stein. Der plötzliche Ruck ließ sie erschreckt die Augen aufreißen, die ihr immer wieder zufielen. Eine unerklärliche bleierne Müdigkeit hatte sie überkommen und sie nahm an, dass es an der erdrückenden Atmosphäre um sie herum lag.
Dickköpfig wie sie war, war sie einfach nur gelaufen und gelaufen, hatte automatisch einen Fuß vor den anderen gesetzt. Mittlerweile hatte sie sämtliches Zeitgefühl verloren. Ihre Uhr war schon bei einem ihrer ersten Stürze kaputt gegangen und angesichts des seit ihrer Ankunft herrschenden Dämmerlichts, fiel es ihr schwer, die Zeit einzuschätzen.
Mit einem resignierten Seufzer ließ sie sich auf den Stein sinken, über den sie gestolpert war und stützte den Kopf auf die Arme. Tränen drängten an die Oberfläche, Selbstzweifel machten sich breit.
Wie sollte sie hier jemals Peter und Caine finden, hier, wo alles so anders war? Sie war sich sicher, zumindest einige Kilometer hinter sich gebracht zu haben, doch immer noch erschien ihr die Umgebung unverändert zu sein.
Ein schrecklicher Verdacht keimte in ihr auf, der sie ruckartig den Kopf heben ließ. Was, wenn sie die ganze Zeit gelaufen war, ohne tatsächlich vorwärts zu kommen, wie man es manchmal in den Träumen erlebte? Was, wenn diese fremden Mächte, die hier ohne Zweifel am Werk waren, sie nicht zu Caine und Peter vorstoßen lassen wollten?
Panik machte sich in ihr breit bei dem Gedanken, womöglich für alle Zeiten in dieser feindlichen Gegend gefangen zu sein.
*Ich muss raus hier*, hallten die Worte wie ein Mantra in ihrem Gedächtnis nach.
Sie atmete tief durch, um sowohl ihren Körper, als auch ihre Gedanken wieder in den Griff zu bekommen. Ihre Augen blieben an der Böschung hängen. Langsam konnte sie wieder einen klaren Gedanken fassen. Der logischste und einfachste Weg zu sehen, ob sie sich getäuscht hatte oder nicht, war die vermeintliche Sicherheit des Flussbetts zu verlassen.
Bevor sie den Gedanken auch nur zu Ende gedacht hatte, hatte sich ihr Körper schon in Bewegung gesetzt. Wenige Minuten später hatte sie die Böschung erklommen und stand nun auf er Ebene.
Grenzenlose Erleichterung durchflutete Cara, als die entdeckte, dass sie nicht im Kreis gelaufen war. Mehrere Dinge fielen ihr auf. Der Wind hatte aufgehört, ja es fühlte sich sogar so an, als hätte sich die Luft um einige Grad erwärmt, sie fror nicht mehr. Das Flussbett zu ihrer Linken breitete sich aus und endete an einem Abgrund, der steil nach unten abfiel. Früher musste da wohl ein Wasserfall gewesen sein, denn die Felsen wirkten an dieser Stelle wie blankpoliert. Insgeheim dankte sie ihrem Schutzengel, dass sie in ihrem Tran nicht weiter im Flussbett gelaufen war, sie war sich nicht sicher, ob sie diesen Abgrund rechtzeitig erkannte hätte.
Doch das, was sie am meisten erfreute und sie all ihre Müdigkeit vergessen lies war die Hütte, die wenige Meter von ihr entfernt am Waldrand stand. Nur am Rande registrierte sie, dass dieser Wald nicht verbrannt war, auch wenn er dennoch keinen einladenden Eindruck machte, denn auch hier waren die Bäume verdorrt und grau-braun verfärbt.
Ein Schauer der Vorfreude und Erwartung erfasste sie. Dieses Gefühl in ihrem Inneren sagte ihr, dass sie genau hier Caine und Peter finden würde. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht überbrückte sie die restlichen hundert Meter zu der baufälligen Steinhütte.
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"Darling, gibst du mir bitte das Salz?"
Laura lächelte ihren Ehemann verliebt an. Caine erwiderte das Lächeln und reichte Laura das Gewünschte. Ihre Fingerspitzen berührten sich, Laura nutzte die Gelegenheit, Caine sanft über den Handrücken zu streichen, bevor sie den Salzstreuer entgegen nahm.
Peter beobachtete die beiden zufrieden. Es war so schön, seine Mutter und seinen Vater zu beobachten. Wann immer die beiden zusammen waren, konnte er die Liebe und das Vertrauen spüren, das von den beiden ausging.
Das beschauliche Abendessen wurde unterbrochen, als die Türe der Hütte aufgerissen wurde. Eine junge, erschöpft wirkende Frau stand im Türrahmen.
"Wie schön, ich habe euch endlich gefunden!", rief sie überschwänglich aus.
Die drei Personen in der Hütte sprangen von ihren Stühlen auf und starrten der Frau überrascht entgegen, nicht sicher was sie zu erwarten hatten. Noch nie war ein anderer Mensch in die Einsamkeit ihrer Hütte eingedrungen.
Cara blieb mitten in der Vorwärtsbewegung stehen. Das Fehlen jeglichen Wiedererkennens seitens Caine und Peter kam ihr nicht geheuer vor. Und wer war die fremde Frau bei ihnen?
"Peter, Caine?" fragte sie und trat zögernd einen Schritt näher, das Lächeln war ihr längst aus dem Gesicht gewichen.
Der Klang ihrer Stimme brachte sowohl in Caine als auch Peter eine Seite zum klingen. Beide hatten den Bruchteil einer Sekunde das Gefühl, sie müssten die Frau kennen, doch dieses Gefühl verschwand so schnell wie es gekommen war. Äußerst misstrauisch und gar nicht freundlich sahen sie ihr entgegen.
Peter war es, der die Frage stellte, die Cara bis in die Grundfeste erschütterte.
"Wer sind sie?"
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Zur gleichen Zeit im City Hospital:
Jody konnte einen erschöpften Seufzer nicht mehr länger unterdrücken. Das stundenlange untätige und bange Herumsitzen an Caines und Peters Bett war äußerst ermüdend. Schon längst war die Sonne untergegangen. Jody hatte es nicht für nötig gehalten das Licht anzumachen. Annie konnte eh nichts sehen und sie selbst war froh, wenn sie die Gesichter der beiden still daliegenden Personen nicht mehr so genau erkennen konnte.
Jody fühlte sich vollkommen leer und ausgebrannt. Sie wusste nicht mehr wie viele Stoßgebete sie in den letzten Stunden gen Himmel geschickt hatte. Leider hatte es nichts gebracht. Zwischendurch waren Schwestern herein gekommen, um die Vitalfunktionen von Caine und Peter zu überprüfen, das war aber auch schon alles, was sie hier an Abwechslung gehabt hatten.
Der Zustand der Caines hatte sich nicht gebessert, aber auch nicht verschlechtert, was Jody als gutes Zeichen ansah. Tief in ihrem Innersten war das der Rettungsanker, der sie noch aufrecht stehen ließ. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, wie das Leben ohne Peter sein würde. Nein, noch lebten sie und solange sie lebten, gab es auch noch Hoffnung.
Die Nachtschwester öffnete die Zimmertüre und streckte den Kopf herein. Weder Jody noch Annie reagierten auf ihren Eintritt. Das Hin und Her der Schwestern, hatten sie schon viel zu oft an diesem Tage miterlebt.
"Mrs. Blaisdell, Detective Powell, ich soll sie im Auftrag von Dr. Sabourin nach Hause schicken. Sie meinte, sie sollen sich ein paar Stunden Schlaf gönnen und können morgen früh wieder kommen."
Jody zuckte fast zusammen, als sie nach all diesen Minuten und Stunden der Stille die Stimme der Schwester hörte. Schließlich sah sie ein, dass die Schwester recht hatte, sie konnte kaum noch die Augen offen halten.
"Annie, was hältst du davon? Ich denke Dr. Sabourin hat recht", meinte Jody.
Annie reagierte nicht auf ihre Worte.
Jody, die an Caines Bett gegessen hatte, erhob sich besorgt. Es war nicht normal, dass ausgerechnet Annie, mit dem scharfen Gehör, sie nicht gehört hatte.
"Annie?"
Die Schwester, die noch immer am Türrahmen stand, bemerkte nun auch, dass etwas nicht zu stimmen schien. Sie betätigte den Lichtschalter und trat nun ebenfalls in den Raum.
Der Grelle Licht der Deckenlampe tat Jody im ersten Moment in den Augen weh. Die letzten beiden Schritte zu Annie legte sie quasi blind zurück. Annie schien total in einer anderen Welt zu sein, es kam Jody so vor, als würde sie starr auf die Hand von Peter blicken, die sie fest umklammert hatte.
Besorgt legte Jody ihr die Hand auf die Schulter und rüttelte sie leicht.
"Annie, Annie, was ist los?"
Die leichte Berührung erlöste Annie aus ihrer Erstarrung.
"Peter, er hat gerade die Finger bewegt", flüsterte sie.
"Was?"
Jody war so überrascht von Annies Worten, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurück trat und dabei fast die Schwester zu Boden stieß. Ihr Blick war nun starr auf Peters Hand gerichtet.
"Da, schon wieder", wisperte Annie ungläubig und gleichzeitig voller Hoffnung.
Diesmal hatte auch Jody das leichte Zucken von Peters Fingern gesehen. Ohne die Augen von ihm zu lassen befahl sie der Schwester: "Holen sie sofort Dr. Sabourin, ich...ich glaube, Peter wacht auf."
Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, bäumten sich nahezu Zeitgleich die Körper von Vater und Sohn auf. Während die Drei noch fassungslos auf die von Zuckungen geplagten Patienten starrten, löste sich auch der Alarm der unterschiedlichsten Apparaturen.
"Ein Krampfanfall, wir müssen sie ruhig stellen", rief die Schwester aus und drückte Geistesgegenwärtig den Notfallknopf.
Jody stürzte sich auf Caine und versuchte ihn ruhig zu halten, während sich die Schwester und Annie um Peter bemühten.
Es war fast nicht möglich die beiden in ihren Betten zu halten. Die beiden Körper krampften immer wieder wie besessen. Die Muskeln waren bis zum Bersten angespannt, zuckten wirr und ihr Atem ging ruckartig. Weißer Schaum hatte sich auf ihren Lippen gebildet, ihre Gesichter hatten eine bläuliche Färbung angenommen und sie stießen gutturale, kehlige Laute aus.
Es kam Jody wie eine Ewigkeit vor bis das Notfallteam in das Zimmer stürmte. Dr. Sabourin erfasste die Situation mit einem Blick.
"Diazepam, schnell!", wies sie einen der Pfleger an, der nicht damit beschäftigt war, Caine und Peter in ihren Betten zu halten.
Mit vereinten Kräften gelang es den Helfern schließlich, die beiden so still zu halten, dass Dr. Sabourin ihnen das Mittel spritzen konnte.
Nach dieser Tat wandte sie sich an Jody und Annie.
"Verlassen sie bitte das Zimmer, wir brauchen Platz zum Arbeiten."
Ein erneutes Aufbäumen von Caine und Peter und die ruhigen Anordnungen von Dr. Sabourin war alles, was sie noch sahen und hörten, bevor sich die Türe vor ihrer Nase schloss.
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Cara trat einen Schritt näher zu Peter und Caine. So hatte sie sich das Wiedersehen wahrlich nicht vorstellt.
"Peter, erkennst du mich denn nicht? Ich bin es, Cara."
Instinktiv streckte sie die Hand nach ihm aus, doch Peter wich mit einem fast angewiderten Gesichtsausdruck vor ihr zurück.
"Nein, ich kenne sie nicht", gab er zurück.
Unglauben spiegelte sich in Caras Gesichtszügen wieder. Was ging hier nur vor?
"A...aber du musst mich doch kennen, wir sind wie Bruder und Schwester füreinander", flüsterte sie hilflos.
Peter schüttelte energisch den Kopf.
"Ich habe sie noch nie in meinem Leben gesehen. Was soll das sein? Eine Falle um mich und meinen Vater zu trennen? Damit kommen sie nicht durch", stieß er hasserfüllt hervor.
Caras Blick irrte von Caine zu Peter, hin zu der fremden Frau, die die Augen geschlossen hatte, und wieder zurück zu Peter. Angestrengt forschte sie in seinem Gesicht nach einem Anzeichen von Wiedererkennen, doch da war nichts. Alles was sie in seinem Augen lesen konnte war Hass, eine bodenlose Leere und tiefes Misstrauen.
"Peter, erinnere dich doch. Du kennst mich. Man hat euch in diese Welt entführt und ich bin hier, um euch wieder zurück zu bringen", machte sie einen hilflosen Versuch, ihm das Gedächtnis zurück zu bringen.
Peter lachte rau. "So ein Unsinn. Wir leben hier schon seit Jahren, genauer gesagt seitdem der Tempel zerstört wurde. Wirklich ein mehr als mieser Versuch. Machen sie, dass sie hier verschwinden, bevor wir sie hinaus werfen und richten sie ihren Komplizen aus, dass wir so leicht nicht zu bekommen sind."
Caras nächste Aktion wurde durch ihre pure Verzweifelung hervorgerufen. Spontan überbrückte sie die restliche Entfernung zu Peter, packte ihn an den Aufschlängen seines Hemdes und rüttelte ihn.
"Bitte, Peter, tu mir das nicht an. Erinnere dich, ich bin es doch!", rief sie voller Schmerz aus.
"Nehmen sie gefälligst ihre Finger von mir!", empörte sich Peter und versuchte, sie von sich zu schieben.
Der Ausdruck von tiefstem Ekel, als sie ihn berührte, bohrte sich wie ein glühendes Messer in Caras Herz.
Im selben Moment fühlte sich Cara hart im Nacken gepackt und wurde unsanft von Peter zurück gezogen.
"Das reicht! Verschwinden sie aus meinem Heim!", tönte Caines Stimme dicht an ihrem Ohr.
Er war es, der sie so unsanft gepackt hatte und sie nun, trotz ihrer Gegenwehr, ohne große Kraftanstrengung zur Türe zog, die Laura ihm schon geöffnet hatte. Mit einem harten Stoß schubste er Cara aus der kleinen Hütte, so dass sie auf Händen und Knien auf dem felsigen Boden landete.
"Wagen sie es nie wieder, auch nur in die Nähe unseres Heims zu kommen", hörte sie Caines donnernde Worte.
Dann wurde die Türe der kleinen Hütte mit Wucht zugeschlagen, dass das Dach zitterte.
Kaum war die Türe ins Schloss gefallen, wandte sich Peter an seinen Vater.
"Wer war das?", wollte er wissen.
Caine zuckte die Schultern. "Ich weiß es nicht, mein Sohn."
"Meinst du, das war eine Falle von unseren Feinden? Wenn, dann war sie aber mehr als offensichtlich."
"Auch das kann ich dir nicht sagen, Peter."
Laura, die verhindern wollte, dass noch mehr über dieses Thema gesprochen wurde, entschloss sich zu handeln. Nach außen hin ziemlich durcheinander wirkend, trat sie auf ihren Mann zu, die Augen hatte sie wie in Furcht aufgerissen.
"Ich hatte Angst vor ihr", mischte sich Laura mit zitternder Stimme in das Gespräch ein.
Caine nahm seine Frau fest in die Arme und warf seinem Sohn einen bedeutungsvollen Blick zu.
"Keine Angst, mein Liebling, ich werde dafür Sorgen, dass weder dir noch Peter jemals etwas geschehen wird", versetzte Caine zu allem entschlossen.
Laura schmiegte sich eng an ihn und drückte ihr Gesicht an seine Brust. Keiner von beiden entdeckte das zufriedene Lächeln auf ihren Lippen.
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"Dr. Sabourin kommt gerade", flüsterte Jody in Annies Ohr, die Mühe hatte, ihre Fassung zu bewahren.
Beide Frauen erhoben sich von ihren Stühlen, Annie die Finger um Jodys Hand verkrampft.
Jody konnte ein entsetztes Stöhnen nicht unterdrücken, als sich ihr Blick mit dem von Dr. Sabourin traf. Es war klar: Sie hatte keine guten Nachrichten.
"Wie geht es meinem Sohn und seinem Vater?", brachte Annie heraus. Ein Satz den sie schon viel zu oft in den letzten Stunden, oder waren es Tage? ausgesprochen hatte.
Dr. Sabourin ergriff Annies freie Hand und führte sie zurück zu ihrem Stuhl.
"Bitte setzten sie sich, Annie."
"Oh Gott, sie sind doch nicht..." Annies Gesicht verlor jegliche Farbe, sie konnte den Satz nicht vollenden.
Dr. Sabourin schüttelte den Kopf. Dann erinnerte sie sich daran, dass Annie blind war und meinte laut: "Nein, sie sind beide noch am Leben."
Die Betonung des Wörtchen 'noch' entging Jody nicht. Tränen sprangen in ihre Augen.
"Was ist passiert?", flüsterte sie.
Dr. Sabourin legte eine kurze Pause ein, um sich zu sammeln, dann meinte sie: "Die beiden hatten einen sogenannten Grand Mal Anfall, das ist ein generalisierter Krampfanfall."
"Oh Gott!" Annie schlug die Hand vor den Mund, um ihr Schluchzen zu unterdrücken.
"Aber was hat ihn ausgelöst?", erkundigte sich Jody mit dünner Stimme.
Dr. Sabourin zuckte die Schultern. "Wir wissen es nicht. Obwohl wir sofort ein EEG machten, blieb es ergebnislos. Es gibt keinen Hinweis auf das Herdgeschehen, also in welchem Teil des Gehirns sich dieser Krampfanfall abgespielt hat, noch irgendeine andere Ursache."
"Es muss doch etwas geben, irgendeinen Hinweis. So einen Anfall bekommt man doch nicht von einer Sekunde zur anderen!", rief Annie voller Schmerz aus.
"Leider doch, Annie. Das kann jedem Menschen passieren, allerdings ist es höchst merkwürdig wenn zwei Menschen gleichzeitig denselben Anfall erleiden", gab sie zurück.
Jody, die Dr. Sabourin ansah, dass sie mit ihren schlechten Nachrichten noch nicht am Ende war, warf ein. "Was haben sie uns noch zu sagen. Da ist doch noch etwas."
Dr. Sabourin seufzte leise, es fiel ihr schwer den beiden alles mitzuteilen.
"Ja, sie haben recht Jody. Annie, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll."
Annies gesamter Körper verkrampfte sich. Die Hände, die sie mittlerweile zu Fäusten geballt hatte, zuckten vor Anspannung.
"Heraus damit, Dr. Sabourin."
"Als wir das zweite EEG bei den beiden machten, haben wir noch etwas anderes festgestellt..." erneut zögerte sie einen Moment, um einen tiefen Atemzug zu nehmen. "Die Pausen zwischen den einzelnen Gehirnströmen haben sich deutlich verlängert und kommen immer öfter vor. Mittlerweile haben wir auch die endgültigen Testergebnisse erhalten und…und...es tut mir so leid, Annie, aber ich muss ihnen sagen, dass wir nichts mehr für sie tun können."
"Das ist nicht Wahr! Sie dürfen meinen Sohn und seinen Vater nicht einfach sterben lassen!" Annie schrie die Worte regelrecht hervor.
Die ansonsten immer so starke und beherrschte Frau verlor vollkommen ihre Fassung. All die Anspannung der letzten Stunden brach wie eine Flutwelle aus ihr hervor. Schluchzend brach sie in den Armen von Dr. Sabourin zusammen.
Jody nahm Annies Ausbruch mit versteinerter Miene zur Kenntnis. Sie fühlte sich so hilflos und geschockt, dass sie nicht einmal weinte. Sie konnte nur noch an eines denken: Sie Sterben! Peter stirbt!
Kapitel 10Cara kämpfte sich verwirrt auf die Beine. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie konnte nicht verstehen, was da gerade in der Hütte geschehen war.
Ein Brennen an ihrer Handfläche ließ sie nach unten schauen. Durch den harten Aufprall hatte sie sich einen kleinen Riss an der Handfläche zugezogen, aus dem ein paar Tropfen Blut quollen. Ungewollt schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, ob dieser kleine Riss nicht auch dem Riss ihrer Beziehung zu den beiden Shaolin gleichzusetzen war. Sie hoffte von Herzen, dass dies nicht tatsächlich ein schlechtes Omen war.
Ein kleiner Felsen, gerade recht als Sitzgelegenheit, fiel ihr in der Nähe des Abhangs auf. Sie hielt darauf zu und setzte sich niedergeschlagen hin. Auf keinen Fall wollte sie sich allzu weit von der Hütte entfernen.
Tausende Fragen schossen ihr durch den Kopf. Fragen, auf die es keine Antwort gab. Vor allen Dingen, wer war die fremde Frau, die sich mit ihnen in der Hütte befand? Als sie die Türe geöffnet hatte, hatte sie für einen Moment das Gefühl gehabt, die Frau zu kennen, doch der Gedanke war dann sofort wieder verschwunden, als sie Peter und Caine erblickt hatte. Erstaunt erkannte sie, dass sie sich jetzt, nur wenige Minuten nach dem Geschehen, beim besten Willen nicht an das Gesicht der Frau erinnern konnte.
Immer wieder spulte sich die Szene in der Hütte vor ihrem inneren Auge ab, fast verzweifelt suchte sie in der Erinnerung nach irgend einem Hinweis, der das alles erklären konnte, doch sie fand nichts.
Die Tränen, die sie bis jetzt noch zurück gehalten hatte, begannen zu fließen. Sie konnte einfach nicht mehr und ergab sich ihrer Verzweiflung. Das Gesicht in beide Hände vergraben, begann sie hemmungslos zu weinen. Wo zuvor noch das Hochgefühl vorgeherrscht hatte, die beiden endlich gefunden zu haben, wurde es nun durch abgrundtiefe Traurigkeit ersetzt.
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"Verdammter Mist", fluchte Kermit laut und kickte gegen die Wurzel, die scheinbar wie aus dem Nichts aufgetaucht war.
Sich auf diesem Boden ohne zu stolpern fort zu bewegen, glich fast schon einem Kunststück. Da war es bei seinen Missionen im tiefsten Dschungel einfacher gewesen, von einem Ort zum anderen zu gelangen, als hier.
Er wunderte sich darüber, denn der Boden zu seinen Füßen war eigentlich relativ eben. Es schien fast so, als wollte ihn irgend etwas oder jemand zurück halten, damit er die Hütte nicht erreichte. So oft wie in den vergangenen Stunden, war er in seinem ganzen Leben zusammen noch nicht gestolpert.
Endlich kam die verfallene Hütte in Sicht. Er seufzte erleichtert auf und hoffte gleichzeitig, dass sein Instinkt ihn nicht getrogen hatte. Zeitgleich stellten sich ihm die Nackenhärchen auf, ein todsicheres Alarmzeichen für ihn.
In einer fließenden Bewegung zog er den Eagle aus dem Halfter und kauerte sich auf den Boden, während er gleichzeitig die Umgebung näher in Augenschein nahm. Erneut fluchte er leise, als ihm bewusst wurde, dass er hier wie eine Zielscheibe auf dem Schießstand war, egal ob er kniete oder stand. Es gab nichts, außer diesem komischen Gras, wo er hätte Deckung suchen können.
Die Hütte und der Wald dahinter waren die einzigen Erhebungen in diesem Gelände und beides lag vor ihm. Der ideale Platz für einen Heckenschützen, wie er zugeben musste und er befand sich hier mitten auf dem Präsentierteller.
Knapp hundert Meter trennten ihn noch von der Hütte. Er erhob sich vorsichtig aus seiner knienden Position und schlich sich, nach allen Richtungen absichernd, näher heran.
Wenige Minuten später hatte er die Steinwand der Hütte erreicht. Erleichtert seufzte er auf, dass ihn weder eine Kugel getroffen, noch ein Angriff stattgefunden hatte. Dennoch ließ seine Aufmerksamkeit nicht nach. Irgend etwas stimmte hier nicht, dessen war er sich sicher.
Kermit entschloss sich dazu, sich erst einmal rund um die Hütte umzusehen, bevor er sie betrat. Nachdem er es nun soweit geschafft hatte, wollte er keine unliebsame Überraschung erleben.
Dicht an die Wand gepresst, schlich er sich bis zum Ende des Mauersteins und lugte um die Ecke. Überrascht hielt er den Atem an, als er die zusammengesunkene Gestalt auf einem Felsbrocken sitzen sah. Cara. Grenzenlose Erleichterung, vermischt mit Besorgnis, durchflutete ihn. Vergessen war der Vorsatz, ihr eine Standpauke zu halten.
Mit wenigen Schritten erreichte er Cara, die ihn nicht kommen sah. Ihre gesamte Körperhaltung wirkte vollkommen trostlos auf ihn. Sein Gefühl sagte ihm, dass etwas vorgefallen sein musste.
"Cara", sprach er sie leise an.
Deutlich konnte er erkennen, wie sich ihre Schultermuskulatur noch heftiger verkrampfte. Im Zeitlupentempo hob sie den Kopf. Gejagte, tränenverhangene Augen schauten zu ihm hoch.
"Kermit?"
Dieses einzelne Wort zeigte deutlich ihr Erstaunen. Unwillkürlich sprang sie auf die Füße.
Kermit trat einen Schritt auf sie zu, sie simultan einen zurück. Es sah, wie Argwohn in ihren Augen aufflammte. In einer, wie er hoffte, nicht bedrohlichen Geste streckte er die Arme aus.
"Gott sei dank habe ich dich gefunden", sagte er das Erstbeste, was ihm einfiel.
"Bist du es wirklich?"
"Natürlich, wer denn sonst? Der Papst?"
"W...wie bist du hierher gekommen?" Noch immer schwang Argwohn in ihrer Stimme mit.
"Um ehrlich zu sein, das weiß ich nicht genau. Ich bin dir vom Krankenhaus aus nachgefahren, nachdem ich entdeckt hatte, dass du mir entwischt bist. Du lagst in Caines Appartement auf dem Boden und ich konnte dich nicht von diesem Buch weg bekommen. Ich habe dann nach dir gegriffen und plötzlich bin ich hier gelandet."
Er schüttelte den Kopf, denn er konnte er selbst nicht ganz glauben, was er da von sich gab.
Die Skepsis verschwand aus ihrem Augen, Schmerz trat an dessen Platz. Ein Schmerz, von dem Kermit wusste, dass er ihn auch mit verschuldet hatte. Sie machte keinerlei Anstalten auf ihn zu zu kommen, geschweige denn zu sprechen, und er getraute sich nicht näher zu kommen, da sie seiner Meinung nach viel zu dicht am Abgrund stand. Ein unbedachter Schritt und sie würde...nein...daran durfte er gar nicht denken.
In voller Absicht trat er einen Schritt zurück und deutete auf den Felsen auf dem sie eben noch gesessen hatte.
"Willst du dich nicht lieber wieder setzen? Du machst den Eindruck, als würdest du jeden Moment ohnmächtig werden", sprach er sanft auf sie ein.
Die widersprüchlichsten Gefühle zeichneten sich in Caras Gesichtszügen ab. Schock, Verzweiflung, Sehnsucht, Hoffnung, Trostlosigkeit, das alles schien in ihrem Inneren miteinander zu kämpfen. Sehr zögernd trat sie einen Schritt vor und ließ sich noch viel langsamer auf den Felsen sinken.
"Ich weiß nicht, ob ich froh sein soll oder nicht, dass du hier bist", brachte sie mit soviel Verzweiflung in der Stimme hervor, dass es ihm tief ins Herz schnitt.
*Komisch, dass sie ausgerechnet in dieser Situation daran denkt, was im Krankenhaus geschehen ist*, schoss es ihm durch den Kopf.
Er wusste nicht warum, aber in jenem Augenblick konnte er deutlich ihre Gedanken lesen. Er streckte die Hand nach ihr aus, ließ sie aber gleich darauf wieder sinken. Irgendwie wusste er, dass sie, zumindest im Moment, vor seiner Berührung zurück zucken würde.
"Ich für meinen Teil bin nicht besonders glücklich, hier gelandet zu sein", bekannte er trocken. "Aber wenn ich nun schon mal hier bin, könntest du mir vielleicht sagen was hier vorgeht."
"Ich weiß es nicht", flüsterte sie und starrte auf einen Fleck zu ihren Füßen. Ihm in die Augen zu sehen, getraute sie sich nicht.
"Sind Peter und Caine hier irgendwo, weißt du wenigstens das?", versuchte er das Gespräch auf vermeintlich sicheres Terrain zu leiten.
"Ja, sie sind hier, in der Hütte. Sie..."
Kermit überbrückte unbewusst den Abstand zwischen ihnen.
"Moment, willst du mir damit andeuten, dass sich Caine und Peter dort in der Hütte befinden und du nicht zu ihnen gegangen bist?", unterbrach er sie brüsk.
"Bin ich wohl, aber..." sie zögerte einen Moment. Kermit konnte ihr deutlich ansehen, wie schwer ihr die nächsten Worte fielen. "Sie haben mich nicht erkannt und...sie sind auch nicht alleine."
*Hat mich mein Gefühl doch nicht betrogen*, dachte Kermit, laut meinte er: "Was meinst du damit? Werden sie gefangen gehalten?"
Cara schüttelte den Kopf, ihre Schultern begannen erneut zu beben. "Nein, das nicht."
Die nächsten Worte brachen wie ein Wasserfall aus ihr hervor und in einer unwahrscheinlichen Geschwindigkeit. In kurzen, abgehackten Sätzen schilderte sie Kermit, was sich in der Hütte abgespielt hatte. Kermit hörte nur stumm und ungläubig zu. Die ganze Sache wurde für ihn immer undurchschaubarer und seltsamer.
Nachdem sie geendet hatte, herrschte einige Minuten lang nur Stille. Kermit musste erst verdauen, was sie ihm soeben mitgeteilt hatte. Der Ex-Söldner holte tief Luft und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht.
"Okay, dann fassen wir erst mal alles zusammen, was wir bis jetzt wissen. Peter und Caine sind definitiv hier, aber erkennen dich nicht. Bei ihnen befindet sich eine Frau in der Hütte, die dir zwar bekannt vorkommt, die du aber nicht einordnen kannst. Und von der Umgebung, in der wir uns befinden will ich gar nicht reden."
Cara nickte zustimmend, ihre Schultern strafften sich ein wenig und sie warf Kermit einen Seitenblick zu.
"Nicht gerade viel, was?"
"Nein."
Mehrere Minuten vergingen schweigend, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Dann erhob sich Kermit. Die ganze Untätigkeit, zu der sie verdammt zu sein schienen, zehrte an seinen Nerven.
"Cara, du bleibst hier. Ich werde zur Hütte gehen und mir selbst einen Eindruck verschaffen", befahl er ihr.
Caras Gesichtsfarbe wurde noch eine Nuance blasser.
"Nein, Kermit, das darfst du nicht", brachte sie hervor.
Kermit blickte von oben herab auf sie herunter und stemmte die Hände in die Hüften.
"Und warum nicht? Hast du mich etwa belogen?"
Die Worte waren heraus, bevor er sie zurück nehmen konnte. Er sah den altbekannten Schmerz in ihren Augen aufflackern.
*Kermit, du bist ein Idiot*, schalt er sich in Gedanken.
Seltsamerweise ging Cara mit keinem Wort auf das ein, was er gerade von sich gegeben hatte, sie meinte nur: "Tu, was du nicht lassen kannst, aber ich sage dir gleich es ist ein Fehler. Caine duldet keine Fremden in der Hütte. Er hat mir angedroht, dass das nächste Mal weniger glimpflich abgehen wird und ich bin eine Frau. Du bist ein Mann! Der Himmel weiß, was er mit dir machen wird."
Die Aussage machte dem Detective in aller Deutlichkeit klar, dass die junge Frau langsam aber sicher am Ende ihrer Kräfte war und auf dem besten Wege, sämtliche Hoffnung aufzugeben.
Spontan kniete er sich vor sie und legte einen Finger unter ihr Kinn, um sie dazu zu bringen, ihm in die Augen zu sehen. Sie zuckte vor seiner Berührung zurück, so dass er seine Hand sofort zurück zog und sich erhob.
"Hey, Cara, vertrau mir einfach, ja? Ich kann sehr gut verstehen, dass du Angst hast, aber wenn auch nur noch ein Teil vom alten Caine und Peter in ihnen steckt, dann werden sie nichts unternehmen", versuchte er ihr Mut zu machen.
"Ja sicher, sie werden dich natürlich sofort erkennen und dir um den Hals fallen", entgegnete sie sarkastisch.
Kermit erhob sich und holte tief Luft. Ihm war auch klar, dass seine Argumentation so viele Löcher wie ein Schweizer Käse aufwies und dennoch - er musste sich einfach mit eigenen Augen überzeugen. Die Diskussion hier führte eh zu nichts.
"Warte einfach auf mich, okay?"
Cara gab keine Antwort, sie vergrub erneut ihren Kopf zwischen ihren Händen, so als wolle sie alles in dieser Welt, einschließlich ihm, einfach ausschließen.
Kermit versetzte ihre Schutzhaltung einen heftigen Stich ins Herz. Alles in ihm schrie danach, Cara einfach in die Arme zu nehmen und ihr die Hoffnung zurück zu geben, doch er wusste, sie würde sich gegen seine Berührung nur wehren. Dass sie auch ihr Vertrauen in ihn verloren hatte, war vorhin deutlich zu Tage getreten.
Schließlich drehte er sich wortlos um und machte sich auf den Weg zur Hütte. Er war noch keine zwei Schritte weit gekommen, als er drei Personen erblickte, die um die Hütte herum kamen. Es waren Peter, Caine und diese Frau.
"Cara sie kommen gerade", machte er sie auf das Dreigespann aufmerksam, während er keinen der drei aus den Augen ließ.
Tatsächlich schien keiner der beiden Shaolin ihn oder Cara zu erkennen. Das, was er in ihren Gesichtern lesen konnte zeugte von Zorn und Entschlossenheit.
*Soviel zu meiner Theorie*, dachte er.
Kermit versuchte sich auf das Gesicht der Frau zu konzentrieren, auch bei ihm löste es ein Gefühl aus, als ob er es kennen müsste. Doch irgendwie gelang es ihm nicht, sich auf diese Frau zu konzentrieren. Es war, als ob irgend etwas unsichtbares, nicht greifbares seine Gedanken willentlich in eine andere Richtung drängte. Schließlich gab er es vorerst auf und beschränkte sich darauf, Vater und Sohn zu beobachten, die bei näherer Betrachtung einen ziemlich gefährlichen Eindruck auf ihn machten.
Kermit musste trocken schlucken. *Ist das nun der Moment, wo sich Freund gegen Freund stellt?*, fragte er sich in Gedanken. Er fühlte sich alles andere als wohl bei diesem Gedankengang, denn ihm war klar, wer hier den kürzeren ziehen würde, sollte es zu einem Showdown kommen.
Kermit kehrte an Caras Seite zurück, die sich von ihrem Stein erhob und den dreien mit großen Augen entgegen starrte. Obwohl er sie nicht berührte, konnte er ihr Zittern spüren.
Das Dreiergrüppchen erreichte Kermit und Cara. Kermit bemerkte, dass sich die Frau etwas zurück hielt und weiter entfernt stand. Peter und Caine hingegen stellten sich in etwa einem Meter Abstand vor sie. Der Ausdruck in ihren Augen konnte nur als unfreundlich bezeichnet werden und beide standen in einer Kampfpose vor ihnen. Nur mit Mühe konnte Kermit den Griff nach seinem Eagle unterdrücken.
"Ich habe ihnen doch gesagt, sie sollen verschwinden", herrschte Caine Cara an.
Kermit erstarrte beim Klang von Caines Stimme. In diesem hasserfüllten Tonfall, absolut untypisch für Caine, hatte er ihn noch nie reden gehört. Nun, da er mit eigenen Augen sah, wie sich die beiden benahmen, war es für ihn kein Wunder mehr, dass Cara so verzweifelt war.
Kermit war so versunken in seine Betrachtung von Caine, den er als den Gefährlicheren der beiden einstufte, dass ihm Caras Aktion im ersten Moment völlig entging.
Die junge Frau reagierte überhaupt nicht auf Caines Bemerkung. Ihre Augen hatten sich vom ersten Moment an, als das Dreigespann auf sie zukam, in Peters Gesicht festgesaugt. Mit neu aufkeimender Hoffnung forschte sie nach dem leisesten Zeichen von Wiedererkennen in seinen Augen.
*Es muss doch einen Weg geben, dass er mich wieder erkennt*, schoss es ihr durch den Kopf.
Ihr gesamtes Denken wurde überlagert von diesem einzigen Gedanken. Impulsiv überbrückte sie den Meter, der sie von ihm trennte und packte ihn, wie in der Hütte, an den Aufschlägen seines Seidenhemdes.
"Peter, bitte, ich bin es doch. Erinnere dich", flüsterte sie bittend.
Erneut keimte Ekel in Peters Augen auf. Er versuchte, ihren Griff von seinem Hemd zu lösen.
"Lassen sie endlich ihre dreckigen Finger von mir und verschwinden sie!", stieß er verärgert hervor.
Seine Haltung ließ Cara nur noch entschlossener werden. Sie sah es als einen letzten Versuch an, den Peter, den sie einst gekannt hatte, zu ihnen zurück zu bringen.
Wild schüttelte sie den Kopf. "Nein. Du musst dich erinnern. Du musst!", rief sie mit dem Mut der Verzweiflung aus und schüttelte ihn.
Ihre Sturheit wurde Peter zuviel, kalte Wut machte sich in ihm breit. Er sah in Cara nur den Feind. Einen Feind, der ihn und seine Familie auseinander bringen wollte. Er wollte nur noch, dass sie endlich ihre Finger von ihm löste.
So schnell, dass keiner der Anwesenden die Bewegung überhaupt wahr nahm, holte er aus und stieß Cara mit der flachen Hand gegen den Brustkorb.
Der Stoß war so heftig ausgeführt, dass Cara ein paar Schritte nach hinten taumelte, direkt auf den Abhang zu. Plötzlich hing ihr rechter Fuß mitten in der Luft. Sie ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten und versuchte sich gleichzeitig nach vorne zu werfen. Doch durch die panikartige Bewegung verlor nun auch noch ihr anderer Fuß seine Standfestigkeit und sie rutschte an dem steilen Abhang hinunter, begleitet von einem Aufschrei und dem Abbröckeln von Steinen und Erde.
Nur seinen jahrelang antrainierten Reflexen hatte es Kermit zu verdanken, dass er im Bruchteil einer Sekunde reagieren konnte. Er warf sich auf dem Absatz herum und hechtete auf den Abgrund zu, wo er auf dem Bauch landete. Seine Arme schossen vor, versuchten irgendetwas von Cara zu erfassen, das ihren Sturz verhindern konnte.
Er hatte Glück und bekam im allerletzten Moment eines ihrer Handgelenke zu fassen, was ihren rasanten Absturz mit einem Schlag beendete. Der heftige Ruck kugelte ihm fast den Arm aus und er stöhnte. Es fühlte sich an, als würde sein Arm regelrecht aus dem Gelenk gerissen. Sein Körper rutschte durch den enormen Druck einige Zentimeter weiter nach vorne, bis auch er zum Stillstand kam. Einen kurzen Moment lang hatte er das Gefühl, als würde ihr schmales Handgelenk doch durch seine Hand rutschen, doch dann schlossen sich seine Finger fest um ihr Handgelenk.
Cara zappelte in Panik in seinem Griff. Sie schwebte frei in der Luft, unter ihr gähnte der tiefe Abgrund. Sie versuchte mit der anderen Hand irgendetwas zu ergreifen, woran sie sich festhalten konnte, doch es gab nichts außer glattem Fels. Die wenigen Pflanzen, die zwischen den Felsen hervordrängten und die sie ergriff, gaben unter dem Gewicht einfach nach. Die herausgerissenen Stängel schwebten ebenso in die Tiefe, wie die losen Felsbrocken, die sie mit ihren wilden Fußbewegungen von der Felswand löste.
"Cara, um Himmels willen, halte still. Ich kann dich nicht hochziehen, wenn du so herum zappelst", keuchte Kermit, dessen Gesichtzüge sich durch die Anstrengung zu einer grotesken Maske verzerrt hatten.
Deutlich spürte er, wie ihr Handgelenk, das durch ihren Angstschweiß mit jeder Sekunde glitschiger wurde, Millimeter um Millimeter aus seinen Fingern herausrutschte.
Cara hielt inne in ihrem frenetischen Herumtasten. Mit vor Todesangst geweiteten Augen sah sie zu ihm hoch. Der Schock hatte ihr die Sprache verschlagen, sie konnte ihm nur durch ihre Augen mitteilen, dass er sie nicht im Stich lassen durfte.
Kermit versuchte Cara, trotz der enormen Schmerzen in seinem Schultergelenk, nach oben zu ziehen. Da er auf dem ebenen Boden ebenfalls kaum Halt fand, führte die ganze Aktion nur dazu, dass er selbst noch ein Stück weiter nach vorne gezogen wurde. Er schwebte nun fast ebenso zwischen Himmel und Erde, wie auch sie.
Nur seine enorme Willenskraft und sein ausgezeichnetes Balancevermögen verhinderte, dass er ganz nach vorne kippte. Wie sehr wünschte er sich in jenem Moment eine dieser vermaledeiten Wurzeln, die ihm das Herkommen so schwer gemacht hatten, in Reichweite zu haben, um seine Beine darum schlingen zu können. Doch es gab nichts – rein gar nichts – nur den glatten Fels und das abgestorbene Gras.
Mit Grauen wurde Kermit klar, dass er keine Chance hatte, sie alleine empor zu ziehen. Würde er noch einmal einen Versuch wagen, würde es ihn vollends über die Kante ziehen und er würde mit Cara gemeinsam in die Tiefe stürzen. Auf der anderen Seite würde er den Teufel tun und sie einfach loslassen. Nicht in hundert Jahren würde das geschehen!
Peter und Caine fielen ihm wieder ein. Es gelang ihm vorsichtig den Kopf ein wenig zur Seite zu drehen und in Peters Richtung zu schauen, der mit vollkommen unbeteiligter Miene und verschränkten Armen den Rettungsversuch beobachtete.
"Verdammt, hilf uns!", herrschte Kermit Peter an.
Peter schüttelte verneinend den Kopf.
"Warum sollte ich? Es ist nur eine Frage der Zeit bis sie sie nicht mehr halten können. Auf diese Art und Weise müssen wir uns nicht die Finger an euch schmutzig machen. Alles erledigt sich von Selbst."
Mit diesen Worten drehte er sich um und schlenderte langsam, so als würde er einen Spaziergang machen, auf die Hütte zu.
Kapitel 11"PPPPEEEEEETEEEEEERRRR!"
Caras panischer Schrei zerriss die Stille.
Der Schrei dröhnte in Kermits Kopf. Noch nie hatte er so einen verzweifelten Schrei gehört. Er hatte fast nichts menschliches mehr an sich.
Peter hielt mitten in der Bewegung inne, fasste sich an den Kopf und stieß ebenfalls einen Schrei aus. Purer, beißender Schmerz schoss mit der Gewalt eines Wirbelsturm durch seine Eingeweide. In schneller Reihenfolge schossen Bilder wie Blitze durch seine Gedanken - ein dreistöckiges Backsteingebäude, eine Frau mit langen blonden Haaren, eine Buchhandlung, ein Polizeirevier, ein Mann mit einer Sonnenbrille auf der Nase, ein Unfall, ein Wagen, der direkt auf ihn zukam, ein Krankenhaus.
Noch bevor er wusste, was er eigentlich tat, setzte er sich in entgegengesetzter Richtung in Bewegung. Dicht neben Kermit ließ er sich zu Boden gleiten. Seinen linken Schenkel legte er über Kermits Beine um ihn am Boden zu halten, so dass er nicht weiter vor rutschen konnte und streckte gleichzeitig die Arme nach unten aus.
"Gib mir deine andere Hand", schrie er Cara zu.
Cara reagierte im ersten Moment nicht, sie wimmerte nur wie ein Katze. Ihr Gesicht war zu einer grauenvollen Maske voller Todesangst erstarrt.
"Komm schon, Kleines, reich mir deine Hand", versuchte Peter erneut zu ihr durchzudringen.
Die Benutzung seines Kosenamens für sie, durchbrach die Mauer der Panik und Cara reagierte. Peter musste sich etwas strecken, doch dann gelang es ihm, ihr Handgelenk mit sicherem Griff zu umfassen.
"Auf drei ziehen wir", gab er Instruktionen.
"Okay", keuchte Kermit. Noch einmal holte er tief Luft und mobilisierte all seine verbleibenden Kräfte.
"Eins."
"Zwei."
"Drei."
Die beiden Männer begannen gleichzeitig zu ziehen und keuchten bald vor Anstrengung. Cara war eigentlich ein Leichtgewicht, aber im Moment schien sie mehrere Tonnen zu wiegen. Es war gerade so, als würde jemand von unten an ihren Beinen ziehen und sie nicht loslassen wollen.
Zentimeter für quälenden Zentimeter gelang es ihnen dennoch, ihren Körper weiter in Richtung des rettenden Bodens zu ziehen. Cara, die immer noch verzweifelt mit ihren Beinen irgendwie Halt zu bekommen versuchte, erschwerte ihnen die Arbeit zusätzlich, doch keiner der beiden Männer hatte genug Atem, um ihr zu sagen, sie solle das unterlassen.
Langsam, wie in Zeitlupe tauchte ihr blonder Schopf vom Abgrund auf. Als nächstes erschienen ihre Augen. Große, angstgeweitete, starre, auf Peter gerichtete Augen.
Der Schock aus nächster Nähe in diese Augen zu blicken war fast zu viel für Peter. Dieser Blick brachte eine Seite tief in ihm zum klingen, brannte sich noch tiefer in seine Seele und nahm ihm fast den Atem. Je länger er in diese weit aufgerissene Augen schaute, desto mehr Erinnerungen kehrten zurück. Sie bereiteten ihm körperlichen Schmerz, so dass er sie fast losgelassen hätte, was er im letzten Moment noch verhindern konnte.
Dann war es geschafft. Ein letzter Ruck und Cara landete auf festem Grund. Kermit, am Ende seiner Kräfte, kippte einfach zur Seite und blieb dort schweratmend liegen. Cara hingegen lehnte gegen Peter, der weiterhin ihr Handgelenk umklammert hielt und ebenso wie alle anderen nach Luft schnappte.
Es dauerte mehrere Minuten, bis sich die noch immer am ganzen Leib zitternde Cara wieder regte und zu Peter hoch sah.
"D...du erinnerst dich jetzt, nicht wahr?", flüsterte sie voller Hoffnung.
Peters Blick bewölkte sich. Ja, da war etwas gewesen, aber er war sich nicht sicher, was das war. Vorhin noch hatte er das Gefühl gehabt, er kenne sie, doch dieses Gefühl nahm nun rapide ab. Mittlerweile konnte er sich nur noch deutlich an den körperlichen Schmerz erinnern, aber nicht an das, was es ausgelöst hatte.
"Erinnern? Woran?"
Fragend schaute er auf sie herab, noch zu schwach seine Finger von ihrer Hand zu lösen, obwohl sich die Berührung mit jeder Sekunde die Verstrich unangenehmer anfühlte.
Kermit spürte die Veränderung, die in Peter vor sich ging. Mit purer Willenskraft rappelte er sich hoch und wandte sich den beiden zu. Ihm entging nicht der harte Glanz, der in Peters Augen zurück kehrte.
"A...aber du musst dich doch erinnern, du hast mich Kleines genannt", stotterte Cara, hin und hergerissen zwischen weinen und schreien.
"Ich weiß nicht mehr", entgegnete Peter in dessen Stimme ein überraschter Klang mitschwang.
Kermit, der das Zucken in dessen Arm bemerkte, legte schnell seine Hand auf die Stelle an der Peters Finger auf Caras Hand lagen. Unter allen Umständen wollte er verhindern, dass Cara womöglich noch einmal in den Abgrund gestoßen wurde und zwar dieses Mal endgültig.
Etwas seltsames passierte in dem Moment als Kermits Finger Kontakt mit Peters und Caras Hand bekamen. Ein Zucken, ähnlich wie ein Stromstoß, fuhr durch Peters Körper. Er schrie auf und krümmte sich vornüber. Cara, die die Hand nach Peter ausstrecken wollte, bemerkte erstaunt, dass ihre Hände wie zusammengeschweißt waren, sie bekam sie nicht weg. So etwas ähnliches wie ein blauer, wabernder Schimmer hatte sich um ihre Hände gebildet. Genauso erging es auch Kermit.
Hilflos mussten sie zusehen, wie sich Peters Körper unter heftigen Krämpfen wand. Keiner der Drei bemerkte, dass auch Caine urplötzlich auf die Knie gesunken war und leise stöhnte. Dann, von einem Moment zum anderen hörten die Zuckungen plötzlich auf. Nur Peters leises Keuchen erklang.
"Peter?", erkundigte sich Cara ängstlich.
"I...i...ich erinnere mich wieder. An alles", flüsterte Peter.
Die grenzenlose Erleichterung, die sowohl Kermit als auch Cara durchflutete, war körperlich spürbar.
"Gott sei dank", wisperten beide gleichzeitig.
Peter schaute nach oben. Direkt in Caines Augen, der sich den dreien in der Zwischenzeit genähert hatte.
"Vater?"
Zwei Augenpaare richteten sich auf den Mann, der nun vor ihnen kniete. Atemlos beobachteten sie, wie Caine langsam die Hand hob und sie auf die Stelle legte, an der ihre Hände noch immer miteinander verbunden waren. Er schloss die Augen in Konzentration.
Das bläuliche Licht glomm erneut auf, ausgehend von der Stelle an der sich alle Vier berührten. Es nahm an Intensität zu und breitete sich aus, bis es alle Vier in einem kraftvollen Leuchten umschlossen hielt. Die unsichtbare Schranke der Caines, die bis jetzt Teil ihres Denkens gewesen war und sie von ihrem Erinnerungsvermögen getrennt hatte, löste sich langsam auf. All die Ereignisse, sowohl hier, als auch im Krankenhaus, kehrten in die Erinnerung zurück. Mehrere Sekunden hielt dieses Glühen, das sich auf der Haut wie sanftes Streicheln und kribbeln anfühlte an, bevor es blasser wurde und schließlich ganz verschwand.
Peters Augen wanderten von einem zum anderen, man konnte förmlich sehen, wie sich die Rädchen in seinem Gehirn drehten. Sein Blick blieb auf Caras Gesicht hängen. Ein Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.
Völlig übergangslos meinte er: "Ich habe dich vermisst Kleines."
"Und ich dich erst", wisperte Cara, bevor sie sich in seine Arme warf und er sie so fest hielt, dass man meinte, ihre Rippen knirschen zu hören.
Mehrere Minuten verstrichen in Stille, nur durchbrochen von Caras Freudenschluchzern, und den leise gemurmelten Worten des Trostes von Peter.
Irgendwann hatte sich alles so weit gesetzt, dass die Realität wieder die Oberhand bekam. Peter entließ Cara aus seiner Umarmung und richtete sich ein wenig auf.
"Was war denn das, dieses Licht?", erkundigte sich Kermit, der wie üblich nicht so ganz glauben konnte, was er gerade erlebt hatte.
"Das ist das Band, das euch verbindet. Es hat euch geholfen, uns zu finden und uns die Erinnerung zurück zu bringen", entgegnete Caine.
Kermit verdrehte innerlich die Augen. Die Antwort brachte ihn nicht sehr viel weiter.
Cara mischte sich ein. "Aber wie? Ich meine, wie ist das alles möglich, was geht hier eigentlich vor?"
Caine zuckte in seiner typischen Manier die Schultern.
"Ich weiß es nicht. Eure Liebe, eure Zusammengehörigkeit, eure Sorge für den anderen waren stärker, als der Bann, den man über uns gelegt hat", erwiderte er.
"Bann, also so was." Kermit schüttelte ungläubig den Kopf. "Wer soll denn da dahinter stecken. Was ist so stark, dass er nicht nur einen, sondern gleich zwei Shaolin so an der Nase herum führen kann? Was hat das Ganze hier überhaupt für einen Sinn?"
Ein weiteres Schulterzucken von Caine war die unbefriedigende Antwort.
Peter schaute sich zum ersten Mal seit dem Vorfall um. "Heiliges Kanonenrohr, das gibt es doch gar nicht", entfuhr er ihm.
Die Welt vor seinen Augen hatte sich total verwandelt. Nun nahm er die Umgebung genauso wahr, wie Kermit oder Cara. Schmerz durchflutete ihn, als ihm in aller Deutlichkeit klar wurde, dass dieses Zusammensein mit seiner Mutter und seinem Vater inmitten einer traumhaften Landschaft nichts anderes als ein riesengroßes Luftschloss gewesen war.
Exakt dieses Wissen katapultierte ihn auf die Beine. In all der Aufregung war diese dubiose Frau vollkommen in Vergessenheit geraten. Natürlich war weit und breit nichts mehr von ihr zu sehen, sie hatte sich längst aus dem Staub gemacht.
"Ich wette, wenn wir diese Frau finden, dann wird es auch einige Antworten auf unsere Fragen geben", meinte er grimmig und lenkte damit die Aufmerksamkeit aller auf diese Tatsache.
Er hörte Kermit leise fluchen und er sah auch den Schmerz in den Augen seines Vaters aufflackern, dem wohl in dem Moment auch bewusst worden war, dass er einem Trugbild erlegen war.
"Dann sollten wir uns schleunigst auf die Suche machen, bevor sie noch einen größeren Vorsprung bekommt", erwiderte Kermit ebenso entschlossen.
"Aber deine Schulter", warf Peter ein, dem natürlich aufgefallen war, dass Kermit seine Linke Seite schonte.
"Vergiss es. Ich will Antworten und ich will sie jetzt, verdammt noch mal", erwiderte er barsch.
"Okay, wir teilen uns auf. Cara, du gehst mit Peter, Caine und ich machen uns jeweils alleine auf den Weg. Auf diese Weise können wir diesen Wald, oder was immer das darstellen soll, schneller durchforsten. Wenn einer von euch beiden diese Frau entdecken sollte, gebt Bescheid, auf welchem Wege auch immer."
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Eine gute Stunde später trafen alle auf dem Gelände erneut zusammen. Kermit schleppte eine Frau hinter sich her, deren Hände mit Handschellen auf den Rücken gebunden waren.
Peter blickte den beiden entgegen. Er konnte nicht glauben, dass er diese Frau, die nun mal so überhaupt keine Ähnlichkeit mit seiner Mutter hatte, als Laura angesehen hatte. Am Ausdruck in den Augen seines Vaters erkannte er, dass dieser exakt dasselbe dachte.
Cara sah die Frau mit großen Augen an, sie sprach das aus, was alle dachten: "Ich fass es nicht, das ist doch Schwester Carmen!"
"Gut erkannt, Prinzessin. Auf die Erklärung bin ich mal gespannt", erwiderte Kermit und brachte die Frau nicht gerade sanft dazu, sich an die Mauer der Hütte zu setzen.
Wie ein wütender Bulle baute er sich vor der deutlich eingeschüchterten Frau auf. "Also, heraus mit der Sprache, was soll dieser ganze Affenzirkus hier bedeuten?"
Von der Frau kam keine Antwort. Sie hatte ihre Augen gen Boden gerichtet und verweigerte stur die Aussage.
Cara mischte sich ein. "Mo...Moment mal, sie müssten doch tot sein. Wir haben sie in Peters Krankenzimmer sterben sehen", warf sie ein.
Peters Augen weiteten sich. Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch ein scharfer Blick seines Vaters warnte ihn davor, so dass er seine Lippen wieder schloss. Sein Vater hatte recht, es war nicht die Zeit für nebensächliche Fragen.
Die Frau zuckte bei Caras Frage zusammen. Kaum hörbar erwiderte sie: "Das war auch eine Täuschung."
"Danach sieht es ja wohl aus. Es stellt sich jetzt nur die Frage von wem", übernahm Kermit die Gesprächsführung.
Da Carmen nicht reagierte, packte er sie unsanft am Kragen ihres Shirts und brachte sie dazu, zu ihm hoch zu schauen. Ein stahlharter Blick, den selbst die immer präsenten dunklen Gläser seiner Sonnenbrille nicht mindern konnte, bohrte sich in die verängstigten Augen.
"Ich will wissen wer hier dahinter steckt. Ich wiederhole mich nicht gern", meinte er in dieser dunklen, bedrohlichen Tonlage, die selbst den hartgesottensten Verbrecher eine Todesangst einjagte.
"I...ich kann nicht. Sie werden mich umbringen", gab die Frau zurück.
"Lady, mir scheint sie haben den ernst der Lage noch nicht erfasst. Es spielt keine Rolle, wovor sie sich fürchten, denn wenn sie mir nicht erzählen, was ich wissen möchte wird es mir das größte Vergnügen bereiten sie höchstpersönlich, und für sie sehr schmerzhaft, über den Jordan zu befördern."
Sämtliche Farbe wich aus den Wangen der ehemaligen angeblichen Krankenschwester. Es war ihr deutlich anzusehen, wie unwohl sie sich in ihrer Haut fühlte. Angstschweiß trat auf ihre Stirn und lief in kleinen Bächen an ihrem Gesicht herunter.
"I…ich.." mehr brachte sie nicht hervor.
Es kostete Kermit nicht viel Kraft den wehrlosen Körper der Frau leicht anzuheben und sie wieder fallen zu lassen. Es war nicht so heftig, als dass er ihr wirklich weh getan hätte, aber es reichte, um ihr zu verdeutlichen, dass er nicht scherzte.
"Wer steckt hinter dieser Sache?"
Von den Lippen der Frau drang nur ein leises wimmern. Mit einer fließenden Bewegungen griff Kermit hinter sich und befreite den Desert Eagle aus seinem Halfter. Er drückte den kalten Stahl hart gegen ihre Kehle.
"Zum letzen Mal, wer?", hakte er in seinem härtesten, tödlichstem Tonfall nach.
Keine Antwort.
Laut erklang das ansonsten leise Klicken, als er die Waffe entsicherte und den Abschussbolzen nach hinten einschnappen ließ.
"Sing Wah, die Sing Wah", gab sie ihm, halb wahnsinnig vor Angst, die Antwort. Dann brach sie weinend zusammen.
Kermit ließ die Frau los, als hätte er sich verbrannt. Für alle war es ein Schock zu erfahren, dass der schlimme Verdacht, den sie alle schon insgeheim hegten, sich bewahrheite.
Peter brachte die ganze Sache auf den Punkt.
"Verdammter Mist, wir sind in der Welt der Sing Wah gefangen."
Kapitel 12Sobald sich die Aufregung ein wenig gelegt hatte, kehrte das Grüppchen in die Hütte zurück. Carmen hatte man an das halb verfallene Bett gefesselt, wo man sie leicht im Auge behalten konnte. Caine kümmerte sich um Kermits Schulter und Peter versorgte Caras verschrammte Hände.
Nachdem das alles erledigt worden war und man sich dabei leise unterhielt, was man in den letzten Stunden so erlebt hatte, versammelten sich die Anwesenden um den Tisch zur Lagebesprechung.
Zugegeben, die Hütte war nicht unbedingt der beste Ort, um sich aufzuhalten. Das Dach schien jeden Moment einfallen zu können, anstelle der vormals gemütlichen Einrichtung sah man nur halb verrottete Möbelstücke, Mörtel, Dreck und Staub. Aber dennoch war es im Moment der sicherste Aufenthaltsort, bot die Hütte doch einen gewissen Schutz, sollte ein Angriff statt finden.
"So, und was machen wir nun?", begann Peter das Gespräch.
"Wir schauen, dass wir so schnell als möglich hier weg kommen", erwiderte Kermit trocken.
"Wie nett, und du hast sicherlich schon eine besonders tolle Idee, wie uns das gelingen könnte", gab Cara mit zuckersüßer Stimme zurück.
"Wenn ich es wüsste, wären wir schon längst wieder weg hier", knurrte Kermit.
"Wir müssen das Portal finden", warf Caine mit seiner ruhigen Stimme ein und zog somit alle Aufmerksamkeit auf sich.
"Was meinst du damit, Dad?", fragte Peter.
Caine warf Kermit und Cara einen Blick zu. "Ihr beide seid durch ein Portal hierher gekommen, das das Buch von Shambhala geöffnet hat. Nun obliegt es uns, das Portal zu suchen, das die Sing Wah nutzen, um hierher zu gelangen."
"Hm, und du bist sicher, dass wir uns nicht in irgend einem Teil eines Gehirns aufhalten, sondern in einer anderen Welt?", warf Peter ein, nicht sehr von dem überzeugt, was sein Vater hier sagte.
"Das...ist das einzige, was ich mit Sicherheit weiß", gab Caine in seiner bedachten Art zurück.
Peter fuhr sich in typischer Geste durch die Haare.
"Na toll. Und wie sollen wir das bitte schön anstellen? Ich sehe hier kein Portal, nur verdorrte Bäume, Gras und endlose Weite. Und überhaupt, wie soll dieses ominöse Portal überhaupt aussehen?"
Caine warf seinem Sohn einen tadelnden Blick zu.
"Wir sehen das, was man uns glauben machen will zu sehen."
"Moment mal! Dieser Bann, den man um uns gelegt hat, ist doch gebrochen, ergo muss diese Welt um uns herum auch real sein und exakt das widerspiegeln, was wir sehen", entgegnete Peter.
Caine schüttelte den Kopf. "Das ist nicht so mein Sohn. Der Bann um unser Denken ist gebrochen, doch ob das, was um uns herum real ist oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Wir können uns hier ebenso mitten unter den Sing Wah befinden, oder direkt vor dem Portal, als auch in einer Lagerhalle oder tatsächlich in dieser Umgebung."
Kermits Blick wanderte von den Dreien zu der fünften Person, die wie ein Häufchen Elend auf dem Bett kauerte.
"Oh, ich weiß da Jemanden, der uns das genau sagen kann", meinte er grimmig und machte Anstalten sich zu erheben.
Caines Hand auf seinem Arm hielt ihn zurück. "Sie...ist auch nur ein Bauer in diesem Spiel. Sie ist zu verängstigt und würde uns nur eine falsche Auskunft geben."
Kermit hieb voller Frustration mit der Faust auf den Tisch, so dass ein Stück Holz absplitterte.
"Verdammt, und was sollen wir sonst tun? Hier herum sitzen und warten, bis man uns in einer goldenen Kutsche abholt?" Er schüttelte den Kopf. "Nein, Caine. Das mag vielleicht ihr Weg sein, aber es ist gewiss nicht meiner."
"Überreagieren bringt aber auch nichts, Kermit. Ich denke, Caine wird von uns allen am ehesten wissen, was zu tun ist", ließ sich Cara mit leiser Stimme hören, bemüht die Wogen zu glätten.
Kermit rieb sich frustriert die Augen unter seiner Sonnenbrille, blieb aber ansonsten doch ruhig und sagte nichts mehr.
Peter war es, der die eintretende Stille unterbrach. "Also, was tun wir jetzt Paps?"
Caine erhob sich von seinem Stuhl und verbeugte sich leicht vor den Dreien.
"Ich werde über das Problem meditieren, ihr", er schaute jeden einzelnen mit einem strengen Blick an, "ruht euch aus."
"Meditieren, meditieren, toll. Als ob das das Problem lösen wird", murmelte Kermit unhörbar für die anderen beiden, während er Caine mit den Augen folgte, bis dieser die Hütte verlassen hatte.
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Inzwischen war die Dämmerung herein gebrochen. Die Stimmung in der Hütte war alles andere als gut. Die Anspannung, die jeden Einzelnen ergriffen hatte, war fast körperlich zu spüren. Caine war nur einmal in die Hütte zurück gekehrt und ihnen mitzuteilen, dass sie im Morgengrauen aufbrechen würden, da sich das Portal woanders befände. Mehr hatte er nicht gesagt und war gleich darauf wieder verschwunden.
Es war klar, dass diese Worte nicht unbedingt zur Beruhigung der Hiergebliebenen beitrugen. Wenn möglich, wurde die Anspannung noch heftiger und gleichzeitig lähmender. An Schlaf war nicht zu denken. Die einzige Person, die die Augen zuhatte war Carmen, alle anderen waren hellwach.
Cara ließ traurig den Blick über die anderen beiden schweifen. So hatte sie sich ihre Wiedervereinigung nicht vorgestellt. Dass sie hier nun einfach herum saßen und sich kaum etwas zu sagen hatten, tat ihr beinahe körperlich weh. Jeder saß oder stand für sich alleine in einem Teil des Raumes und starrte nur vor sich hin. Es kam ihr so vor, als wäre dies hier die Ruhe vor dem Sturm. Sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, als dass sie sich morgen früh in eine unbekannte Schlacht stürzten und sie spürte, dass die anderen beiden es ebenso empfanden. Nur allzu gerne wäre sie zu Peter gegangen und hätte sich an seine Schulter gekuschelt, hätte sich sagen lassen es würde alles wieder gut, doch ihre eigene Anspannung und Peters Gesichtsausdruck verhinderten, dass sie es tat. Die gemeinsamen Kuschelstunden mit ihm, das geschwisterlich-liebvolle Verhältnis, das alles schien ihr Meilenweit entfernt zu sein.
Hinzu kamen noch ihre widersprüchlichen Gefühle gegenüber Kermit. Gut, er hatte ihr das Leben gerettet und dabei sein eigenes aufs Spiel gesetzt, als er sie vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt hatte, aber das änderte nichts daran, dass sie sich nach wie vor von ihm betrogen fühlte.
Sie fragte sich allen Ernstes, wie man sich dermaßen alleine fühlen konnte, wo doch alle Menschen, die sie am liebsten auf der Welt hatte, um sie herum waren. Immer mehr verfestigte sich in ihrem Denken, dass der morgige Tag wohl auch ihr letzter sein würde. Sicherlich, irgendwo, tief in ihrem Inneren, wusste sie, dass es Blödsinn war so zu denken, doch die gedrückte Stimmung und die angespannte Erwartung zog sie immer tiefer in den Strudel von Hoffnungslosigkeit hinein.
Cara konnte einen erschreckten Laut nicht unterdrücken als Peter urplötzlich aufsprang, so dass sein Stuhl hintenüber kippte. Ein entschuldigender Blick streifte sie.
"Ich sehe nach meinem Vater. Ich brauche dringend frische Luft", stieß er hervor
Eine Sekunde später war er durch die Türe verschwunden.
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Peter fand seinen Vater wenige Meter von der Hütte entfernt am Waldrand vor. Er saß im Schutz der abgestorbenen Bäume im Schneidersitz auf den Boden, die Handflächen ruhten auf seinem Knien, Zeigefinger und Daumen formten ein O. Er schien weit weg von allem irdischen zu sein.
Peter zögerte seinen Vater in der Meditation zu unterbrechen. Irgendwie hatte er das Gefühl, er störte etwas wichtiges. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als Caine die Augen öffnete, zu ihm hinüber sah und ihm mit einer kurzen Handbewegung andeutete, näher zu treten.
"Ich wollte nicht stören", entschuldigte sich Peter.
"Du störst nicht, mein Sohn", erwiderte Caine und sah zu, wie sich sein Sprössling umständlich vor ihm zu Boden gleiten ließ.
Caine betrachtete seinen Sohn eingehend. Wellen von Schmerz, Schuld und noch etwas anderem, das er nicht genau definieren konnte, schwappten auf ihn über.
"Du bist durcheinander", stellte er fest.
Peter fuhr sich mit einer fahrigen Bewegung durch die Haare.
"Ist das ein Wunder?" Er machte ein weitausholende Geste mit der Hand. "Nach all dem hier?"
"Nimm es an und lass es gehen", erwiderte Caine.
Peter lachte bitter.
"Ist das deine Standardantwort auf alles? Nimm es an und lass es gehen?"
Zur Antwort bekam der jüngere Shaolin nur das berühmte Schulterzucken seines Vaters.
"Dann sag mir bitte, wie ich das tun soll. Warum haben wir nicht gemerkt, was hier geschehen ist? Was ist der Zweck des Ganzen hier? Warum tut man uns das an? Was wenn wir es überleben, aber nicht Kermit oder Cara? Warum müssen wir ständig Menschen, die uns nahe sind in solche Situationen hinein ziehen? Warum? Warum? Ich habe tausend Fragen und nicht eine einzige Antwort und alles was du tust ist mit der Schulter zu zucken und mir zu sagen, ich soll es einfach loslassen!"
In einem plötzlichen Ausbruch von Energie sprang Peter auf und begann wie ein Tiger im Käfig hin und her zu laufen. Mehrmals fuhr er sich mit zittrigen Händen über den Mund und durch die Haare, bevor er weiter sprach.
"Dort drinnen", er deutete zur Hütte, "sitzt meine kleine Schwester des Herzens. Nicht nur, dass ich um ein Haar zugelassen hätte, dass sie in diesen Abhang gestürzt wäre ohne etwas zu unternehmen, nein sie sitzt nun dort und ängstigt sich halb zu Tode vor dem Unbekannten. Das kann ich deutlich spüren und was tue ich um ihr diese Furcht zu nehmen? Nichts! Mein Gott, ich bin Shaolin, ich sollte zumindest in der Lage sein einem anderen Menschen Mut zuzusprechen, doch nicht mal dazu bin ich in der Lage."
Peter streifte sich die Ärmel seines Hemdes hoch. Die Handflächen zeigten nach oben, so dass der Drache und der Tiger sichtbar waren. Er hielt seinem Vater anklagend die Arme hin.
"Sag mir, Vater, wozu sind diese Brände gut, wenn ich nicht einmal die Menschen, die ich liebe beschützen oder helfen kann?"
In einer fließenden Bewegung erhob sich Caine und umfasste sie Handgelenke seines Sohnes. Sein Blick bohrte sich förmlich in seine Seele. Peter musste kein Gedankenleser sein, um zu erkennen, wie sehr er mit diesen Worten seinen Vater verletzt hatte.
Er versuchte, plötzlich beschämt, seine Handgelenke aus dem Griff seines Vaters zu befreien, doch diese Bemühung war so nutzlos, als würde man versuchen einen Großbrand mit einem einzigen Eimer Wasser zu löschen.
"Tut mir leid, Paps. Ich wollte das nicht sagen", entschuldigte er sich und schaute zu Boden.
"Ich verstehe deine Zweifel, deinen Schmerz. Doch bezweifle niemals den Nutzen dieser Brandmale. Sie sind das äußere Zeichen dessen, was wir sind. Shaolin. Der Drache und der Tiger verleihen uns ein höheres Bewusstsein, lassen uns Dinge tun, die für viele Menschen unbegreiflich sind und dennoch schützen sie uns nicht vor dem Leben und dessen Umständen."
Caine zog leicht an den Handgelenken, Peter gab dem unausgesprochenen Wunsch seines Vaters nach und schaute in seine Augen. Verständnis strahlte ihm entgegen. Die nächsten Worte seines Vaters nahm er tief in sich auf.
"Niemand, weder ein Shambhala Meister noch ein Shaolin haben Einsicht in das Schicksal, das für jeden Einzelnen von uns einzigartig ist. Wir können nicht vorhersehen, was der nächste Tag bringen mag. Die Male schützen uns auch nicht vor unseren eigenen Emotionen, das sind Dinge mit denen jeder Einzelne von uns alleine fertig werden muss. Peter, du musst lernen, dass ein Shaolin auch nur ein Mensch ist. Nimm die Emotionen an, setze dich mit ihnen auseinander, denke nach und dann rede über das, was dich wirklich bedrückt."
Mit diesen Worten ließ er Peters Handgelenke los und trat einen Schritt zurück.
Der Körper des jungen Shaolin zuckte wie unter einem Stromschlag, ungeweinte Tränen schimmerten in seinen Augen.
*Nimm die Emotionen an, setze dich mit ihnen auseinander.*
Immer wieder hallten die Worte in ihm nach. Es war, als hätten diese Worte die unsichtbare Barriere durchbrochen, die er um den kleinen Teil errichtet hatte, den er so gerne als Realität anerkennen wollte. Eine Realität, die nicht existierte. Eine Realität, die sich im Angesicht der Geschehnisse in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Eine Realität, mit der er sich nicht hatte auseinander setzen wollen und nun gezwungen war es zu tun. Eine Realität, die nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte.
Nicht länger fähig auf beiden Beinen zu stehen, sank Peter auf die Knie. Er schlang beide Arme beschützend um seinen Magen und krümmte sich vornüber.
"Warum?" brachte er stammelnd hervor. "Warum ausgerechnet Mutter? Wie konnten sie das uns nur antun. Ich kann verstehen, dass ich darauf herein gefallen bin, aber dass du es nicht gemerkt hast, das ist...das ist..." Peter fehlten einfach die Worte, um weiter sprechen zu können.
Der Kloß in seinem Hals ließ ihn nach Luft schnappen, seine Schultern fingen an zu beben, erste Tränen liefen seine Wange hinab. Zu schmerzhaft war die Erinnerung an die letzten Stunden.
Eine leichte Berührung an seiner Schulter ließ ihn erneut zusammen zucken. Wie durch einen Schleier hindurch nahm er wahr, wie sein Vater sich neben ihn kniete und ihn in die Arme schloss. Peter gab nach. Umhüllt in der beschützenden Umarmung seines Vaters barst der letzte Damm und er brach in herzzerreißendes Schluchzen aus.
Es dauerte lange, bis sich Peter wieder beruhigte. Die Anspannung der letzten Stunde forderte ihren Tribut, doch schließlich lag er ruhig an der starken Schulter seines Vaters gelehnt und versuchte seine Beherrschung zurück zu erlangen.
"Wieso hast du es nicht gewusst?", flüsterte er mehr zu sich selbst.
Ein tiefer Atemzug, ganz untypisch für Caine, hob seine Brust.
"Vielleicht habe ich gewusst, dass es falsch ist. Aber auch ich wollte daran glauben."
Peter erstarrte und hob den Kopf von Caines Schulter. Aus den Worten hatte entschieden mehr geklungen, als nur die wörtliche Aussage. Zum ersten Mal, seitdem er dieses Gespräch angefangen hatte, wurde ihm bewusst, wie sehr auch sein Vater unter dem Erlebten leiden musste.
Unwillkürlich hob er seine Hand und schmiegte sie an die Wange des Shambhala Meisters. "Es tut mir so leid, Paps. In meiner Selbstsucht habe ich nicht einen Gedanken daran verschwendet, wie hart es für dich gewesen sein muss. Ich weiß, wie sehr du Mutter geliebt hast."
Caine lächelte traurig und legte seine Hand auf Peters. "Es war ein schöner Traum", erwiderte er weich, seine Augen teilten Peter mit, was er mit Worten nicht ausdrücken konnte.
Peter erwiderte das Lächeln zurückhaltend. Eine Frage drängte sich ihm noch auf, doch er zögerte. Das leichte Nicken seines Gegenübers forderte ihn auf, sie zu stellen.
"War...war Mutter so, wie ich sie hier erlebt habe? Ich meine, kann ich diese Stunden s...so in Erinnerung behalten oder sollte ich besser alles vergessen?"
Caines Lächeln wurde breiter, seine Augen blickten in die Ferne und er seufzte leise. "Oh ja, so war sie, mein Sohn. Auch wenn diese Frau ein Trugbild war, so ist sie doch entstanden aus meinen Gedanken und meiner Erinnerung. Laura war ein edler Geist mit einem Herz aus purem Gold. Das was wir sahen und erlebten, wurde kreiert durch meine und Lauras gemeinsamen Stunden. Ich sehe keinen Grund, warum du es vergessen solltest."
Die Worte seines Vaters legten sich wie Balsam über Peters verwundete Seele. Er konnte direkt körperlich spüren, wie sich eine zentnerschwere Last von seinen Schultern hob. Unbewusst – oder vielleicht auch bewusst – hatte Caine ihm ein Stück heile Welt geschenkt. Auch wenn alles nur ein Luftschloss gewesen war, so hatte er nun deutliche Erinnerungen an seine Mutter, die er wie einen Schatz hüten wollte und tief in seinem Herzen verschloss.
Peter konnte ein leises, befreiendes Lachen nicht unterdrücken.
"Wenn ich das so sehe, dann sollte ich den Sing Wah direkt dankbar sein für diese Stunden." Gleich darauf wurde er wieder ernst. "Wenn ich nur wüsste, was sie damit bezwecken. Es sieht den Sing Wah einfach nicht ähnlich, uns angenehme Stunde zu bescheren."
Caine zuckte erneut die Schultern und entließ Peter aus seiner Umarmung. "Der Grund ist mir ebenfalls unbekannt, doch ich bin sicher, er wird sich uns zu gegebener Zeit offenbaren."
"Ah ja, back to cryptic, was Paps? Und was tun wir jetzt?"
Caine warf seinem Sohn einen gespielt strengen Blick zu.
"Meditieren."
ooooooooooo
Cara rang sich zu einem Entschluss durch. An ihrer Denkweise hatte sich nichts geändert, doch sie wollte wenigstens noch ein paar Dinge klar stellen, bevor es endgültig zu Ende ging. Wie eine alte Frau erhob sie sich und schlurfte die wenigen Schritte zu Kermit hinüber, der mit verschränkten Armen an der Wand lehnte und in die Ferne zu starren schien. Auf ihren bittenden Blick hin, ließ er sich gut einen Meter von ihr entfernt auf den Boden gleiten und schaute sie fragend an.
"Ich möchte reinen Tisch machen, falls wir hier nicht lebend heraus kommen", wisperte sie.
"Cara, so was darfst du nicht sagen, nicht einmal denken", entgegnete Kermit nun doch überrascht von dieser seltsamen Aussage.
"Sage mir nicht ständig was ich zu tun oder zu lassen habe. Ich bin ein erwachsener Mensch und kein sechsjähriges Kind, dem man noch die Nase putzen muss", gab sie verletzt zurück.
Kermit hob die Hände an. "Hey, nun mal ruhig. Ich will dir nichts vorschreiben, es läge mir fern das zu tun", schwächte er ab.
"Vor nicht allzu langer Zeit hast du aber eben genau das getan", erinnerte sie ihn.
Kermit schloss für einen Augenblick die Augen. Nun kam es also doch, das Gespräch, das er befürchtet hatte.
*Einen schlechteren Zeitpunkt wie diesen konntest du dir nicht heraus suchen.*
"Hör mal, Prinzessin, ich kann nicht mehr machen, als immer wieder zu sagen wie leid es mir tut. Ich denke, wir sollten das Gespräch verschieben, bis wir wieder zu Hause und in Sicherheit sind."
Cara schüttelte vehement den Kopf. "Nein, ich will es jetzt klären. Wer weiß, ob ich je wieder die Gelegenheit dazu haben werde. Ich...ich will einfach, dass du weißt, was in mir vorging. Ich wollte dich nicht so anschreien im Krankenhaus, es tut mir leid."
"Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen musst. So wie ich dich behandelt habe, ist es kein Wunder, dass du so reagiert hast, du..."
Cara unterbrach ihn mitten im Satz. "Hör mir einfach zu Kermit. Ich möchte nur, dass du meine Beweggründe verstehst. Mehr will ich nicht."
Kermit holte tief Luft. Dann deutete er ihr mit einer Handbewegung an fort zu fahren.
"Ich höre", erwiderte er leise als sie keine Anstalten, machte etwas zu sagen.
Cara zuckte zusammen. Sie zögerte noch einen Moment, um sich Mut zu machen, dann begann sie.
"Bis zu jenem Zeitpunkt habe ich dir vollkommen vertraut. Für mich warst du ein Freund, ich habe niemals geglaubt, dass du mir so etwas antun könntest. Du hast mein Vertrauen auf gröbste Art und Weise missbraucht und das tut weh, Kermit, verdammt weh. Vor allem weil ich..."
Cara brach mitten in ihrer Rede ab, als ihr bewusst wurde, was sie gerade von sich geben wollte. *mich in dich verliebt habe*, vollendete sie in Gedanken den Satz.
*Soviel zu dem Thema reinen Tisch machen, ich schaffe es nicht mal jetzt.*
Kermit hielt den Blick unverwandt auf ihre Augen gerichtet.
"Weil du was?", erkundigte er sich.
Sie konnte ihm nicht länger in Augen sehen aus Angst er könne entdecken, was in ihr vorging und senkte den Blick zu Boden.
"Nichts", erwiderte sie in einem Tonfall, der deutlich machte, dass sie zu diesem Thema nichts mehr sagen würde.
Kermit holte tief Luft, schonungslose Offenheit war alles, was ihm übrig blieb in der Hoffnung den Riss zu kitten, der sich vor ihnen aufgetan hatte.
"Das muss ich dann wohl so akzeptieren. Cara, schau, ich weiß, dass ich großen Mist gebaut habe. Glaube mir, egal was du denken magst, ich habe es nicht in der Absicht getan, dir weh zu tun. Im nachhinein kann ich dir nicht einmal mehr genau sagen, was da in mir vorging. Ich hatte einfach nur den Wunsch dir alles leichter zu machen. Dass ich einen großen Fehler damit machte, war mir nicht bewusst bis zu jenem Moment in Peters Krankenzimmer, wo du mich sehr effektvoll auf den Boden der Tatsachen zurück geholt hast. Ich kann nicht mehr tun, als mich bei dir zu entschuldigen. Leider kann ich weder die Zeit zurück drehen, noch alles ungeschehen machen und ich kann nur hoffen, dass du mir verzeihen kannst, was ich dir damit unbeabsichtigt angetan habe."
Caras Stimme klang so leise und traurig, dass er Probleme hatte sie zu verstehen.
"Mit Verzeihen hat es nichts zu tun. Verziehen habe ich dir, nur...es geht einfach tiefer. Ich habe mein Vertrauen in dich verloren, das ist der Punkt. Und ohne Vertrauen..." den Rest des Satzes ließ sie offen. Es war auch so klar, was sie damit andeutete, ohne es aussprechen zu müssen.
Minutenlang herrschte Stille zwischen den beiden. Kermit kämpfte mit dem Wunsch sie einfach in die Arme zu nehmen und ihren Schmerz, der ihr mehr als deutlich ins Gesicht geschrieben stand, einfach wegzuküssen, und dem Drang irgend etwas zu zerschlagen. Mit wenigen Worten hatte sie es geschafft sein Herz in Stücke zu reißen und das schlimmste war, er konnte nur sich selbst die Schuld dafür geben und keinem anderen. Und dennoch, er musste es einfach wissen, ungeachtet, was ihre Antwort mit ihm anstellen würde.
"Meinst du, du kannst mir irgendwann wieder vertrauen?"
Nun war es endlich heraus.
Sie zögerte mehrere Sekunden mit der Antwort.
"Ich weiß es nicht, Kermit. Ich weiß es einfach nicht", erwiderte sie in einem Tonfall, der ihm deutlich machte, wie sehr sie sich das einerseits wünschte, aber andererseits einfach noch nicht konnte.
Bevor er noch etwas erwidern konnte, stand sie auf und ging mit eingezogenen Schultern aus der Hütte, einen sehr nachdenklichen Kermit Griffin zurück lassend.
Kapitel 13Ein sanftes Rütteln an ihrer Schulter weckte Cara. Verschlafen öffnete sie die Augen und schaute direkt in das lang vermisste Gesicht von Peter. Mit einem Schlag erwachte sie vollkommen. Obwohl sie am vorigen Abend geglaubt hatte, niemals einschlafen zu können, war ihr das anscheinend doch gelungen.
Bruchstücke der letzten Nacht kehrten in ihre Erinnerung zurück. An etwas konnte sie sich jedenfalls noch genau erinnern, an das Gefühl von Wärme und starken Armen, die sich beschützend um sie geschlossen hatten.
Das erste wirkliche Lächeln seitdem sie in diesen Irrsinn gestolpert war, umspielte ihre Lippen. Es war Peter, der sie da gehalten hatte, anscheinend hatte er nun doch zu seinem wahren Selbst zurück gefunden. Cara konnte nicht sagen, wie froh sie darüber war. Alleine dafür lohnte sich dieses seltsame Abenteuer.
"Sind die anderen schon wach?", erkundigte sie sich.
Peter lächelte sie an. "Ja. Du hast noch Zeit, schnell etwas zu essen und dich frisch machen, dann werden wir aufbrechen", meinte er und deutete auf den verwaisten Tisch, auf dem sich ein paar schrumpelige Früchte und ein Eimer mit Wasser befanden.
Cara spürte wie sie leicht errötete, als ihr bewusst wurde, dass sie die Einzige war, die solange geschlafen hatte. Alle anderen waren längst schon wach. Selbst Carmen hatte man schon aus der Hütte gebracht.
"Okay, ich bin in fünf Minuten draußen", meinte sie, nur um etwas zu sagen.
"Du kannst dir auch 10 Minuten Zeit lassen, es ist noch immer dunkel", erwiderte Peter im Hinausgehen und winkte ihr kurz zu.
Exakt zur versprochenen Zeit gesellte sich Cara zu den anderen. Ein Blick in die angespannten Gesichter rings um sie herum genügte, um ihren Guten Morgen Gruß im Keim zu ersticken. Eine nicht zu erklärende Spannung lag in der Luft, die man fast mit den Händen greifen konnte. Allen war bewusst, dass es ab jetzt ums Ganze ging.
Ohne ein Wort zu äußern drehte sich Caine um und ging zielstrebig auf das Wäldchen zu, die anderen folgten etwas langsamer. Kermit und Peter nahmen Carmen, der man die Hände vor den Bauch gefesselt hatte, in die Mitte und Cara ging ein paar Schritte vor ihnen.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie das Grüppchen so betrachtete. Alle schienen dazu entschlossen ihr Letztes zu geben, vor allem Kermit schien ihr ein vollkommen anderer Mensch zu sein, denn so wie jetzt hatte sie ihn noch nie erlebt. Ob sie wollte oder nicht, sie spürte förmlich, wie sich ein sehr ungutes Gefühl in ihrer Magengegend ausbreitete und nicht mehr weichen wollte.
Nur das etwas heller werdende Grau ließ darauf schließen, dass die Sonne aufgegangen war. Es wurde auch kaum wärmer, doch zum Glück wehrten die relativ dicht stehenden, abgestorbenen Bäume den kalten Wind ab. Der einzige Vorteil war, dass sie nun etwas besser sahen wohin sie traten und dadurch in diesem Gewirr aus Wurzeln, abgestorbenen Zweigen und scharfen Felsen schneller voran kamen.
Cara hielt die erzwungene Stille, in der das Knacken der trockenen Zweige unter ihre Füßen überlaut klang, nicht mehr länger aus. Sie drängte sich zwischen Peter und Carmen und versuchte mit ihr ein Gespräch anzufangen, gab es aber nach wenigen Minuten wieder auf, da sie nie mehr als nur ein paar leise gemurmelte Worte, denen die Furcht deutlich anzuhören war, zur Antwort bekam. Die Versuche mit Peter oder Kermit zu kommunizieren verliefen in ähnlicher Art und Weise, so dass Cara wieder freiwillig ihre ursprüngliche Position einnahm und vor ihnen herging.
Wie lange sie nun schon in diesem Wald umher geirrt waren, konnte niemand genau sagen. Die Zeit schien ihre Bedeutung in diesem Gewirr zu verlieren. Auch diese beklemmende Umgebung, schien all die Personen zu beeinflussen. Mittlerweile kletterten sie mehr oder weniger automatisch über die Felsformationen, oder stiegen über die knorrigen Wurzeln.
Für Cara sah die gesamte Umgebung immer gleich aus. Sie fragte sich, ob sie nicht im Kreis herum liefen. Beinahe verzweifelt wünschte sie sich dieser Wald solle endlich aufhören. Mit jedem Schritt, den sie hier machte, wurde ihr unheimlicher zumute.
Cara schaute zu Boden und stellte erstaunt fest, dass sich weiße Nebelschwaden zu ihren Füßen bildeten. Tatsächlich schien es auch ein wenig wärmer geworden zu sein, doch das konnte auch Einbildung sein. Der Nebel nahm mit rasanter Geschwindigkeit zu. Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie bis zu den Oberschenkeln in der dichten Suppe stand.
Caine hob die Hand und bedeutete allen anzuhalten, und sich um ihn zu versammeln.
"Das gefällt mir überhaupt nicht", gab Peter seinen Gefühlen Ausdruck.
"Wir dürfen uns nicht täuschen lassen, dieser Nebel ist nur Illusion. Ein Angriff steht unmittelbar bevor", meinte Caine, ohne auf Peters Worte einzugehen.
Kermit wandte sich wütend Carmen zu. "Daran sind sie schuld. Sie haben diese Irren auf uns gehetzt", beschuldigte er sie.
Carmen zuckte ertappt zusammen. "Sie werden mich umbringen, wenn ich nicht gehorche", flüsterte sie.
"Keine Sorge, das werde ich liebend gern erledigen", erwiderte Kermit eiskalt und zog seine Waffe aus dem Holster.
Caine trat zwischen die beiden. "Jetzt ist nicht der Zeitpunkt zu streiten. Peter, Kermit nehmt die Frauen in eure Mitte und seht zu, dass niemand vom anderen getrennt wird", gab Caine letzte Anweisungen.
Kermit schluckte seine harsche Bemerkung hinunter und tat, was Caine von ihnen verlangte. Nicht zum ersten Mal wünschte er sich, Peter hätte seinen Job nicht gekündigt. Dann hätten sie wenigstens nicht nur seinen Desert Eagle zur Verteidigung gehabt.
Aus dem Augenwinkel bekam Peter mit, wie sich sein Vater konzentrierte, um den Nebel zu vertreiben. Doch er schien kein Glück zu haben, denn innerhalb von wenigen Sekunden wurden sie vollkommen von der weiß-gräulichen Nebelwand eingeschlossen. Das schlimmste daran war nicht einmal, dass man nicht mehr weit sehen konnte, sondern die Grabesstille. Mit den Nebelschwaden wurden auch sämtliche Geräusche verschluckt, so dass sie die Widersacher erst bemerkten, als diese direkt vor ihnen standen.
Nur dem harten Training und kampferprobten Sinnen der drei Männer war es zu verdanken, dass sie noch rechtzeitig reagieren konnten. Cara hatte sich instinktiv zu Boden gekauert und Carmen mit sich gezogen, froh um den geringen körperlichen Kontakt. Ihr entging nicht, dass Carmen genauso wie sie am ganzen Leib zitterte.
Es war unmöglich in dieser Umgebung einen klaren Schuss abzugeben, ohne nicht in Gefahr zu laufen, einen der ihnen zu treffen, geschweige denn zu erkennen, mit wie vielen Männern sie es zu tun hatten. Kermit wurde das schnell bewusst und er steckte die Waffe zurück, um sich ganz auf seine Söldnerinstinkte zu verlassen. Ab und zu drang ein Kampfgeräusch durch den Nebel, doch sonst hielt sich diese fast in den Ohren schmerzende Stille.
Peter wurde von einem der Angreifer hart an der Schulter getroffen und stolperte zur Seite. Zusammen mit dem Gegner fiel er zu Boden. Es gelang ihm die Oberhand zu behalten, und ein kräftiger Schlag gegen das Kinn des Gegners ließ diesen kampfunfähig am Boden zurück. Im letzten Moment spürte er den zweiten Mann, der sich von hinten an die beiden Kämpfenden heran geschlichen hatte und stoppte ihn mitten in der Bewegung mit einem harten Tritt in den Magen. Bevor der Mann Zeit hatte zu sich zu kommen, schnellte Peter aus seiner knienden Position hoch und setzte mit einem Spinning Kick gegen seinen Hals nach. Der Mann zuckte kurz und fiel dann wie ein gefällter Baum um.
Kermit hatte weniger Glück. Ein kräftiger Schlag gegen seine Schläfe raubte ihm fast das Bewusstsein. Aus reinem Instinkt schlug er blindlings zurück und trieb so seinen Gegner mehrere Meter nach hinten. Trotz der bunten Sterne, die vor seinen Augen tanzten, setzte er nach und warf sich auf den Angreifer. Der Mann landete mit dem Rücken hart gegen einen Baum und Kermit nutzte die Chance, um ihm seine Faust in den Solarplexus zu rammen, bevor er selbst keuchend zu Boden ging.
Caine war nicht minder beschäftigt. Drei Männer griffen ihn gleichzeitig an. Caine gelang es dem Ersten mit einer geschmeidigen Drehung auszuweichen, dem zweiten versetzte er einen Handkantenschlag gegen die Halsschlagader und den Angriffsschwung des dritten Gegners nutzte er aus, um ihn mit einem kräftigen Schub gegen den ersten Mann laufen zu lassen. Die beiden Männer gingen benommen von dem Aufprall zu Boden und Caine nutzte die Gelegenheit, um beide mit seinem Nervengriff in die Bewusstlosigkeit zu schicken. Zeit zu Atem zu kommen hatte er nicht, denn schon setzte ein vierter Mann nach.
Der Nebel lichtete sich etwas. Cara hob den Kopf und entdeckte, dass sie zumindest Schemenweise wieder etwas erkennen konnte. Der beschützende Kreis um sie herum hatte sich längst gelüftet. Mit Schrecken erkannte sie, dass sowohl Carmen als auch sie hier mitten auf dem Präsentierteller hockten. Zwar hatte es den Anschein, als ob Peter, Kermit und Caine langsam aber sicher die Oberhand über die Angreifer gewinnen konnten, doch darauf wollte und konnte sie sich nicht verlassen. Ebenso wusste sie, dass sie gegen keinen der Männer eine Chance haben würde, sollte man sie angreifen.
Nur knappe zwei Meter neben sich erkannte Cara ein dichtes Gebüsch und entschloss sich, dort Schutz zu suchen. Ohne weiter darüber nachzudenken kam sie aus ihrer hockenden Position hoch und zog Carmen mit sich nach oben.
Kaum stand sie auf den Beinen, wurde ihre Aufmerksamkeit von etwas ganz anderem angezogen. Kermit, der vollauf mit einem weiteren Gegner beschäftigt war, bemerkte den zweiten Mann nicht, der sich ihm mit einem Messer in der Hand von hinten näherte.
"Kermit, hinter dir!", rief sie laut aus.
Zwei Dinge geschahen gleichzeitig. Carmen, die Caras Unaufmerksamkeit für sich nutzte, befreite sich aus ihrem leichten Griff um ihren Oberarm und rannte auf den Mann zu, wobei sie rief: "Hier bin ich, nehmt mich mit."
Der Mann selbst änderte plötzlich seine Angriffsrichtung und kam direkt auf Carmen zu, das Messer zum Stoß erhoben. Es war offensichtlich, dass der Mann Carmen nicht mehr als eine der ihren ansah und sie töten wollte. Cara schrie entsetzt auf, vollkommen unfähig sich zu bewegen. Ebenso erging es Carmen.
Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich Caine direkt neben Carmen auf und trat dem Mann das Messer aus der Hand. Ein zweiter, mit aller Kraft ausgeführter, Kick traf den Mann mitten in die Brust und riss ihn von den Beinen.
Kermit, der sich inzwischen seines letzten Angreifers entledigen konnte, wirbelte herum und versetzte dem am Boden liegenden Mann einen Tritt gegen die Schläfe. Sein Blick glitt zu Cara.
"Vorsicht!", schrie er ihr zu.
Sein Ruf rettete ihr das Leben. Instinktiv drehte sie sich halb herum. Mehr im Unterbewusstsein bekam sie mit, dass ein Mann mit einem dicken Ast hinter ihr stand und gegen ihren Kopf zielte. Durch diese winzige Drehbewegung landete der Schlag nicht an ihrer Schläfe sondern zwischen ihren Schulterblättern. Der heftige Stoß in ihren Rücken ließ sie vorwärts taumeln, direkt in Kermits Arme. Beide wurden von der Wucht zu Boden gerissen.
"Rückzug!", schallte es in dem Moment durch den Wald.
Dann, innerhalb von Sekunden, waren alle Angreifer plötzlich verschwunden, ebenso wie der Nebel. Peter starrte erstaunt auf seine Hände, die gerade noch um den Hals eines der Angreifer lagen und nun ins Leere griffen. Noch ein wenig verwirrt rappelte er sich auf die Beine.
Ein schneller Rundblick bestätigte ihm, dass die Männer endgültig weg waren. Cara befand sich mit Kermit am Boden, sein Vater stand mit geschlossenen Augen wenige Meter von ihm entfernt und Carmen kauerte wie ein zitterndes Häufchen Elend am Boden. Instinktiv ging er in ihre Richtung und zog sie wortlos in seine Arme.
Kermit schob Cara vorsichtig von sich herunter und richtete sich in eine sitzende Position auf, wobei er die noch immer nach Luft schnappende Frau ebenfalls nach oben und an seine Brust zog. Behutsam tastete er ihren Nacken und Rücken ab und seufzte erleichtert auf, als er feststellte, dass sie sich nichts gebrochen hatte. Er wartete noch einen Moment ab, um sie wieder zu Atem kommen zu lassen, bevor er ihr Kinn sanft anhob und ihr besorgt in die Augen schaute.
"Alles klar bei dir? Hast du Schmerzen?", erkundigte er sich fürsorglich.
Cara schnaubte durch die Nase, ungeweinte Tränen schimmerten in ihren Augen.
"Natürlich tut's weh, was denkst du denn? Morgen werde ich da wohl einen riesigen blauen Fleck haben, doch auf der anderen Seite", sie hielt kurz inne, ihre Augen drückten ihre gesamte Erleichterung aus, die sie empfand, "Warum soll es mir anders gehen als euch? Ist bei dir alles in Ordnung?"
Kermit grinste schräg trotz der Prellungen, die er während des Kampfes erlitten hatte.
"Sicherlich. Es ist noch alles dran wo's hingehört", erwiderte er in seiner typischen Art.
"Klar, das würdest du auch sagen, wenn dir das Blut herunter laufen würde", meinte Cara nicht ganz überzeugt.
Kermit beschloss sicherheitshalber das Thema zu wechseln. Er erhob sich und zog Cara mit nach oben, vorsorglich einen Arm um sie gelegt.
"Keine Zeit für lange Diskussionen. Wenn niemand verletzt worden ist, sollten wir besser schauen, dass wir von hier weg kommen bevor man uns erneut angreift", meinte er.
Cara erbleichte. In all der Aufregung, und vor allem bedingt durch die lang vermisste Nähe zu Kermit, hatte sie das, was in den letzten Minuten hier geschehen war verdrängt. Nun kehrte die Erinnerung mit aller Macht zurück und versetzte ihr einen Schock, als ihr klar wurde wie knapp sie einem wirklich Desaster entkommen waren.
Sie spürte wie ihre Knie unter ihr nachgaben, doch sie fiel nicht. Das verhinderte Kermits fester Griff um ihre Taille und zum ersten Mal war Cara wieder froh, ihn an ihrer Seite zu haben.
"Schon gut, wir haben es überstanden", hörte sie Kermits beruhigende Stimme in ihr Ohr flüstern.
Sie erlaubte sich ihren Kopf auf seine Brust zu senken und sich noch ein wenig länger festhalten zu lassen. Seine Nähe gab ihr die Kraft, sich von dem Schock zu erholen.
"Oh Mann", wisperte sie nur.
Nach wenigen Sekunden straffte sie sich wieder und löste sich widerwillig von Kermit. Einen kurzen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke, Worte waren in diesem Moment nicht nötig. Mit einem Male hatte Cara gar nichts mehr dagegen, dass Kermit ihre Hand fest umschlossen hielt, als er mit ihr zu den anderen dreien ging.
Als Kermit Carmen in Peters Armen erblickte, verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck.
"Ich könnte sie mit bloßen Händen erwürgen", zischte er.
Cara, die Angst bekam, Kermit konnte seine Drohung wahr machen, zog ihn unwillkürlich ein Stück von ihr weg.
Carmen wagte nicht hoch zu schauen, sie hatte nach wie vor den Kopf an Peters Schulter vergraben. Ihre Schultern bebten, sie weinte.
"Was geschehen ist, kann man nicht mehr rückgängig machen", warf Peter ruhig ein. "Aber immerhin will sie uns nun helfen. Sie hat eingesehen, dass sie einen Fehler gemacht hat."
"Und was sagt uns, dass sie uns diesmal wie Wahrheit sagt? Das kann genauso gut eine Falle sein", erwiderte Kermit.
Cara als auch Caine schüttelten den Kopf.
"Ich denke nicht, Kermit. Die Sing Wah wollten sie töten, sie gehört nicht mehr zu ihnen", warf Cara ein.
"Auch das kann ein Plan sein, ich traue ihr absolut nicht", entgegnete Kermit barsch.
Er sah, wie Carmen unter seinen Worten zusammen zuckte, aber er verspürte keinerlei Mitleid mit ihr. Caine trat zu seinem Sohn heran. Er schob die Hand unter Carmens Kinn und hob es an Abschätzend sah er in die tränenverhangenen Augen.
"Sie haben sich entschieden?", erkundigte er sich.
Carmen versuchte zu lächeln, was aber kläglich misslang.
"Ja, das habe ich", flüsterte sie. "Ich werde euch helfen so gut ich es kann."
Caine hielt noch mehrere Sekunden lang den Blickkontakt, bevor er einen Schritt zurück trat und sich aufrichtete. Peter und Carmen taten es ihm gleich.
"Sie sagt die Wahrheit", meinte er mit einer Stimme, die keinerlei Widerspruch duldete.
Peter streckte Kermit die rechte Hand entgegen und meinte, "Den Schlüssel für die Handschellen bitte."
Zu aller Überraschung, sogar zu seiner eigenen, griff Kermit in seine Hosentasche und reichte ihm das gewünschte Objekt.
Peter schloss die Handschellen auf, reichte Kermit beide Gegenstände zurück und begann sanft die angeschwollenen Handgelenke von Carmen zu massieren. Er schaute zu seinem Vater.
"Meinst du, sie werden noch einmal angreifen?"
Der ältere Caine zuckte die Schultern. "Im Moment droht keine Gefahr. Die Sing Wah werden nicht so schnell zurück kehren und ihr Link zu ihnen ist unterbrochen, sie kann sie nicht mehr kontaktieren."
"Wie und woher? Ach, vergiss es, darauf werde ich eh keine richtige Antwort bekommen. Wichtiger ist, was wir nun machen."
Der Shambhala Meister warf seinem Sohn einen Blick zu, als wolle er sagen, was für eine Frage.
"Wir suchen das Portal und kehren in unsere Welt zurück", erwiderte er als würde das alles erklären.
Peter ahmte die Schulterbewegung seines Vaters unbewusst nach und lächelte auf Carmen hinunter, die noch immer ziemlich angeschlagen wirkte.
"Okay, worauf warten wir dann noch?"
Mit diesen Worten nahm er Carmen an die Hand und zog leicht an ihrem Arm.
"Du führst."
