Kapitel 4
„Ich kann nicht es nicht fassen, dass du schon einen Tag Wehen hast und es mir nicht gesagt hast."
„Ich habe nicht schon einen Tag Wehen", protestierte Beckett.
Rick stieß spöttisch einen Seufzer aus und rutschte auf dem harten Plastikstuhl im Warteraum des Krankenhauses herum. Er starrte seine Frau ungläubig an. „Kate, du hast mir gerade gesagt, dass du seit gestern Morgen Wehen hast."
„Naja…" Sie schaute mit leicht geröteten Wangen weg. „Ich war mir nicht sicher, ob es richtige Wehen waren. Ich dachte, es könnten extra starke Übungswehen sein."
„Wenn du eine Woche über dem Termin bist?", fragte er barsch. Sie zuckte zusammen und er bemerkte, dass sein Ton zu harsch war, seufzte und fuhr mit seiner Hand über sein Gesicht.
„Es tut mir leid", murmelte er. „Ich sollte dich nicht anschreien. Entschuldigung." Er nahm Kates Hand.
„Ist schon gut", sagte sie sanft und drückte seine Finger. „Es tut mir auch leid. Ich hätte eher etwas sagen sollen. Ich wollte dir nur nicht noch mehr Sorgen aufhalsen."
„Wir sollen uns eigentlich gegenseitig Dinge erzählen, Beckett." Er fühlte sich für die direkten Worte schuldig, aber es musste gesagt werden.
Kate nickte und biss sich auf die Lippe. „Ich weiß. Es tut mir wirklich leid. Keine Zurückhaltung mehr, ich verspreche es."
„Gut." Er rutschte noch einmal auf dem unbequemen Sitz herum und schaute sich irritiert in dem kleinen Wartebereich um. „Was dauert denn so lange? Sie hätten dich längst aufrufen sollen."
„Rick." Seine Frau drückte erneut seine Hand um seine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. „Weißt du, wir brauchen nicht unbedingt hier sein. Die Wehen folgen noch nicht so dicht aufeinander."
„Ich dachte, du sagtest, dass sie alle zehn Minuten kommen", meinte er stirnrunzelnd. „Dr. Kowalewski sagte sie bei zehn Minuten anzurufen."
„Ja, sie anzurufen, nicht ins Krankenhaus düsen, Babe." Kate zog ihre vereinten Hände auf ihren Bauch und breitete seine Handfläche auf der Fläche über ihrem Baby aus. „Mir geht's gut. Uns beiden geht es gut. Wir müssen noch nicht hier sein."
Castle öffnete den Mund um zu antworten, sah dann aber die Ärztin persönlich von der Rezeption wegtreten. „Dr. K", rief er und sprang aus dem Sitz.
„Rick, Kate." Die Geburtshelferin lächelte sie an, als sie auf sie zukam. „Ich sagte Ihnen doch, dass ich Sie in weniger als einer Woche wiedersehe, ja? Wie geht es allen?"
„Gut", begann Kate, aber Rick unterbrach, immer noch nervös.
„Sie fühlt sich gut, Doktor, aber die Wehen sind ziemlich stark und kommen circa alle zehn Minuten."
„Ja, gut, gut", sagte die Ärztin und legte eine beruhigende Hand auf seinen Arm. „Beruhigen Sie sich, Rick. Sie haben das doch schon einmal hinter sich, nein?"
„Naja, es ist schon lange her", grummelte er und fühlte, wie seine Ohren heiß wurden. Beide hatten vermutlich Recht. Er musste mal herunterfahren. Der Megan Bailey Fall beschäftigte ihn nur zu sehr und machte ihn nervös. „Entschuldigung. Ich bin ruhig. Ich bin ruhig."
„Uh-huh", meinte Kate skeptisch. „Aber, Doktor, ich wollte Sie vorher anrufen um unser Beileid wegen Susan auszusprechen."
„Oh", sagte Rick und fühlte sich wie der größte Trottel der Welt. Er hatte es komplett vergessen. „Ja, herzliches Beileid. Falls wir irgendetwas tun können", fügte er ernst hinzu.
„Danke." Dr. Kowalewski hielt kurz inne und blinzelte stark. „Die ganze Praxis ist bestürzt sie zu verlieren. Sie war wundervolle Arzthelferin, wundervolle Person."
„Das war sie allerdings", stimmte Kate leise zu.
„Ich werde Ihnen die Beerdigungsdetails schicken", sagte die Ärztin, aber dann streckte sie den Rücken und kehrte zum brüsken professionellen Ton zurück. „Aber ich denke, dass sie nicht zu Beerdigung kommen können. Zu beschäftigt mit Baby, ja?" Ihr Lächeln war ein wenig kleiner als sonst, aber trotzdem ehrlich.
„Ich glaube, da haben Sie Recht", meinte Kate und wurde ein wenig blass. „Aber ich wollte ihre Zeit nicht vergeuden, Doktor. Wir können-"
„Nein, nein. Nicht vergeudet", verneinte Dr. Kowalewski. „Wenn Sie schon mal da sind, machen wir Untersuchung, nur um sicher zu gehen, ja? Kommen Sie mit in Untersuchungszimmer."
„Oh… naja… okay", meinte Kate und schaute Castle an. Sie schien plötzlich nervös zu sein und er konnte es nachvollziehen. Die Geburt ihres Babys schien immer abstrakt, etwas, das in ferner Zukunft lag, aber jetzt war der Zeitpunkt da und alles schien auf einmal sehr viel… realer.
„Ja", sagte er und gab Kate ein zuversichtliches Lächeln. „Lass uns schauen, was los ist." Dann reichte er ihr die Hand und half ihr beim Aufstehen.
„Ist alles in Ordnung, Captain?", fragte Aragon, als Beckett und Castle aus dem Untersuchungszimmer im Krankenhaus kamen. Kate hielt abrupt an, ihre Augenbrauen voller Überraschung hochgezogen, als sie ihre Leute im Wartebereich stehen sah.
„Ja. Was macht ihr alle denn hier?", fragte sie und sah ihren Mann an, der ebenso überrascht war.
„Wir bereiten alles für den Plan vor", antwortete Esposito. „Während du untersucht wurdest, haben wir mit Gates besprochen und die Details ausgearbeitet."
„Das habt ihr?" Kate sah erneut ihren Mann an. „Ähm… sollten wir das nicht besprechen?"
„Wir haben es schon besprochen, oder?", meinte Castle und legte einen Arm um ihre Schultern. „Wie du gesagt hast: das ist unsere beste Gelegenheit um sie anzulocken. Vielleicht die einzige Chance, die wir kriegen."
Kates Augenbrauen hingen nun fast an ihrem Haaransatz. „Also… bist du dann damit einverstanden?"
Castles Gesichtsausdruck wurde ernst. „Nur, weil du dich nicht beteiligst. Garantiert, absolut nicht beteiligst. Das gehört doch zum Plan, oder?", fügte er hinzu und drehte sich zu den Detectives.
„Natürlich", sagte Esposito, obwohl er ein bisschen ungewiss wirkte.
„Was hat die Ärztin gesagt?", fragte Ryan.
„Dass ich nach Hause gehen kann", antwortete Beckett mit einem Lächeln. „Wenn die Wehen alle fünf Minuten kommen, sollen wir wieder herkommen. Aber wenn wir das wirklich durchziehen, gehe ich auf keinen Fall von hier weg."
„Was durchziehen?", fragte Dr. Kowalewski, als sie sich von hinten näherte. „Kate, Sie sind noch da. Geht es darum, die Person zu fassen, die Susan ermordet hat?"
„Ja", sagte Kate und drehte sich zu der Ärztin. „Und wenn es Ihnen nichts ausmacht, würden wir gerne Ihre Hilfe in Anspruch nehmen."
„Hey, Castle", sagte Vikram und sah sich neugierig in der Wochenstation um, als er aus dem Aufzug stieg. „Was ist los? Warum hast du mich gebeten herzukommen? Ich nehme an, dass es mit dem Plan Bailey zu schnappen zu tun hat."
„Du nimmst richtig an", meinte Castle und deutete dem anderen Mann an ihm zu folgen. „Komm' mit hier rein."
„Ist das der Lagerraum, wo sie die Entführung vorbereitet hat?", fragte Vikram, als Castle die Tür für ihn offen hielt.
„Jap. Wir haben aber alles ausgeräumt, wie du sehen kannst."
Der Raum war wirklich leer, außer einem Drehstuhl und einem kleinen Schreibtisch, auf dem ein Laptop und ein großer Monitor standen. Vikram schaute sich mit Unbehagen um: kahle, fensterlose Wände, schmuddeliger grauer Krankenhausboden, hartes fluoreszierendes Licht.
„Ich habe mitbekommen, dass sie die Tür verstärkt und schalldicht hat machen lassen", kommentierte er und drehte sich um, damit er die Innenseite der Tür anschauen konnte, welche tatsächlich Anzeichen zeigte, dass sie modifiziert wurde.
„Das stimmt", bestätigte Castle. „Sie ist um einiges dicker als eine übliche Tür und sie hat auch das kleine Fenster überdeckt, wie du sehen kannst."
„Willst du, äh…" Vikram gluckste nervös. „Willst du mich hier einschließen?"
„Was?" Castle sah aufgeschreckt aus. „Nein! Nein, nicht dich. Beckett." Er schüttelte verlegen den Kopf. „Entschuldigung, das hätte ich sagen sollen. Wir wollen das hier in einen sicheren Raum für Beckett umwandeln, in dem sie bleiben kann, während wir die Falle für Bailey vorbereiten. Uniformierte Beamte werden an der Tür Wache stehen, und wir brauchen dich für – ah, ja, danke", brach er ab, als ein weiterer Mann den Kopf zur Tür hereinstreckte. „Kommen Sie herein, kommen Sie nur herein."
„Hi", begrüßte der Neuankömmling, der eine Jeans, ein Akte X-T-Shirt und einen Krankenhausausweis trug. „Ich bin Peter von der IT-Abteilung des Krankenhauses. Sind Sie Vikram? Wir haben vorher miteinander telefoniert."
„Ja, hi, schön Sie kennenzulernen", erwiderte Vikram und schüttelte Peters Hand.
„Peter ist einverstanden, dass du Zugriff auf die Sicherheitskameras des Krankenhauses bekommst", erklärte Castle. „Und du sollst eine Kamera im Kreißsaal installieren, damit Beckett hier drin bleiben kann und trotzdem alles mitbekommt, aber ohne in Gefahr zu sein."
„Ich denke, dass ich alles hier habe, was Sie dafür brauchen", sagte Peter und zeigte auf einen großen Karton, der auf dem Boden vor der Tür stand. „Ich habe Ihnen schon die Login-Daten auf dem Laptop voreingestellt. Hier, ich zeige es Ihnen mal."
„Ich werde, äh, ich werde mal…" Castles Stimme erstarb, als er sah, dass die beiden IT-Leute sich über den Computer gebeugt und ihn schon vergessen hatten. „Ich werde dann mal gehen."
Er trat in den Flur und wollte eigentlich in das Büro der Krankenhausführung gehen, wo seine Frau und ihr Team die letzten Details des Plans besprachen. Ein Signalton, der aus seiner Tasche kam, brachte ihn dazu eine andere Richtung einzuschlagen. Er duckte sich in einen nahegelegenen Wartebereich um ans Handy zu gehen.
„Hey, Alexis", sagte er und versuchte fröhlich und unbekümmert zu klingen. „Was gibt's?"
„Dad!", rief seine Tochter aus. „Kyle hat mir gesagt, was los ist. Warum hast du nicht angerufen und uns gesagt, dass Beckett Wehen hat?"
„Oh." Er verzog das Gesicht. Er hätte Alexis Bescheid geben sollen, bevor es ihr Freund tat. „Entschuldigung, Kleines. Es sind nur leichte Wehen, daher wollte ich euch nicht in Aufregung versetzen."
„Du hast versprochen mir und Grams gleich anzurufen, wenn es los geht", schalt Alexis sanft. „Aber ist schon gut, ich vergebe dir, weil Kyle mir auch das mit dem Fall und allem erzählt hat." Sorge klang in ihrer Stimme. „Ihr seid doch vorsichtig, oder? Ich meine echt und ernsthaft vorsichtig, nicht wie sonst immer."
Castle stieß einen entrüsteten Atemzug aus. „Wie sonst immer? Ich verbitte mir diese Andeutungen, junge Dame."
„Ganz im Ernst, Dad. Jetzt ist nicht die Zeit für ein Nahtoderlebnis, für die du und Beckett so bekannt seid", meinte Alexis. Sie klang so besorgt, dass in seiner Brust eine Mischung von Schuld und Stolz aufkam.
„Ich weiß, Liebling. Entschuldige meine Witzeleien", sagte er leise. „Ich verspreche dir, dass wir sicher sind. Wir lassen deiner Schwester nichts passieren."
Alexis war für einen langen Moment ruhig. „Ich kann nicht glauben, dass ich eine Schwester haben werde", sagte sie dann und das Staunen in ihrer Stimme ließ ihn lächeln.
„Ich weiß", antwortete er. „Und bald sogar. Hör mal, Kleines, lass Gram wissen, was los ist, aber kommt noch nicht ins Krankenhaus, okay? Ich gebe Bescheid, wenn es soweit ist. Versprochen."
„Okay. Was ist mit Kates Dad? Soll ich ihn auch anrufen?"
„Oh…", Gott, er hatte Jim total vergessen. „Nein, das sollte Kate selber machen. Ich erinnere sie daran. Danke, Liebes."
„Bitte. Sei vorsichtig, Dad. Hab dich lieb."
„Ich dich auch. Bis bald."
„Okay", sagte Dr. Sutherland und tippte zum letzten Mal auf seine Tastatur, als Beckett, Esposito, Ryan und Aragon zusahen. „Captain Beckett, Sie sind jetzt offiziell in der Wochenstation aufgenommen. Jeder, der Ihre Patientenakte im System abruft, sieht, dass Sie in Kreißsaal zwei liegen."
„Vielen Dank, Doktor", bedankte sich Beckett.
„Und ebenso vielen Dank dafür, dass Sie zusätzliche Krankenhauskleidung zur Verfügung stellen", fügte Ryan hinzu. „Wir haben über die ganze Wochenstation Beamte stationiert, gekleidet als Krankenhauspersonal."
„Lassen Sie mich wissen, wenn ich noch etwas für Sie tun kann", meinte der Krankenhausmanager, obwohl er bei dem Gedanken etwas blass wurde.
„Du gehst jetzt besser in den abgesicherten Raum", schlug Esposito Beckett vor. Sie nickte.
„Schon auf dem Weg."
Als sie Dr. Sutherlands Büro verließen, richtete sich Officer Hernandez auf, wo er zuvor gegen die Wand gelehnt hatte. Beckett nickte ihm zu und er lief im Gleichschritt hinter ihr her in Richtung Aufzüge.
„Ich melde mich bei Gates", sagte Ryan. „Wollte mal fragen, ob auf dem Zwölften alles glatt läuft."
„Alter, sie hat vier Jahre lang das Revier geleitet", erinnerte ihn Esposito mit einem bemüht leichten Ton. Ryan schnitt eine Grimasse, die wohl ein Lächeln als Antwort sein sollte.
„Ja, aber trotzdem", murmelte er und drehte sich weg, als er sein Handy ans Ohr hielt.
„Hey", sagte Espo mit leiserer Stimme, als er sich zu Aragon drehte. „Hör mal… bist du sicher, dass du das machen willst?"
„Natürlich". Sie sah ihn mit verengten Augen an. „Du wirst ja wohl nicht gefühlsduselig, oder?"
„Nein, nein. Es ist nur, weißt du, falls dir etwas passiert, wird Richie mir die Leviten lesen."
Marisa lachte sanft. „Nee, keine Sorge, Javi. Er mag dich doch jetzt."
„Aber jetzt mal im Ernst", meinte Javi leise. „Du weißt, dass du, naja, hier nichts beweisen musst, oder?"
„Darum geht es hier gar nicht", antwortete sie. „Schau mal, jeder Polizist würde so ziemlich alles für seinen Captain tun, richtig? Und Beckett… sie ist etwas Besonderes."
„Das ist allerdings wahr", musste Espo zustimmen.
„Sie hieß mich vom ersten Moment im Zwölften willkommen", fuhr Marisa fort. „Und als ich ihr von uns erzählt habe, hat sie nicht mal mit der Wimper gezuckt. Verstehst du?"
„Ja." Er nickte. „Ich verstehe. Aber, äh…" Er ließ den Satz unbeendet, drückte seine Lippen zusammen und sah sich im geschäftigen Flur des Krankenhauses um, schaute überall hin, nur nicht auf seine Freundin. Sein ganzer Körper drohte in Panik auszubrechen, und er wusste nicht, wie er das, was er sagen wollte, ausdrücken konnte.
„Hey." Aragons Hand lag auf seinem Arm, holte ihn zurück und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf sie. „Was ist los?", fragte sie sachte.
„Es ist nur… diese Megan Bailey", sagte er langsam und suchte nach Worten. „Angst ist ihr Ding, oder? Und sie hatte mich ziemlich schnell durchschaut. Fand heraus, dass meine größte Angst ist, die Leute, die mir wichtig sind, meine Familie nicht beschützen zu können." Er holte tief Luft. „Die Leute, die ich liebe."
Sein Herzschlag pochte in seinen Ohren, aber er war fähig die Augen zu heben und in Marisas zu schauen.
„Ich weiß, dass du Polizistin bist, dass du hart im Nehmen bist", fuhr er fort. „Du kannst auf dich aufpassen. Kannst auf mein Neandertaler-Getue verzichten. Aber… ich kann mir nicht helfen. Ich habe Angst", gab er fast flüsternd zu.
Marisa schaute ihn ernst und mit großen Augen an. Sie ging näher zu ihm hin, ließ ihre Hand seinen Arm entlang gleiten, bis sie an seiner Schulter angekommen war.
„Javi, es ist okay", sagte sie sanft. „Hey, ich habe auch Angst, aber wir haben es unter Kontrolle. Wir schaffen das." Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. „Und ich höre auch, was du nicht sagst."
Irgendwie gab ihre Aussage ihm den Mut, den er brauchte. Endlich war es an der Zeit die Worte loszulassen. „Ich liebe dich", flüsterte er.
Daraufhin erblühte das kleine Lächeln zur puren Freude auf ihrem Gesicht. „Ich liebe dich auch", flüsterte sie zurück. Esposito merkte, wie sich auch seine Lippen ohne sein Einverständnis nach oben bogen.
Aragon lehnte sich zu ihm, ihre Augen auf seinen Mund gerichtet, stoppte aber plötzlich, als sie jemand hinter ihm bemerkte. Sie trat hastig einen Schritt zurück und lief rot an.
„Hey, LT", grüßte sie peinlich berührt. Esposito ächzte innerlich, zwang sich aber, den Gruß mit einem Kopfnicken zu wiederholen, als der Officer bei ihnen ankam.
„Hey, Leute", erwiderte LT. „Ich habe die Sachen, die Sie brauchen, Aragon. Es ist alles da drin", fügte er hinzu und gab ihr eine kleine Reisetasche.
„Danke", antwortete sie und nahm die Tasche, als Espo kurz seine Augen schloss um sich wieder auf den Fall zu konzentrieren. „Ich sollte, ähm-"
„Ja", sagte er nickend. „Du ziehst dich besser um. Wir sehen uns da drin."
„Genau." Es gab wieder einen peinlichen Moment, da LT immer noch da stand und weil sie an einem öffentlichen Ort waren. Nach kurzem Zögern lehnte sie sich vor und gab Esposito einen schnellen Kuss auf die Wange. Dann zog sie sich mit einem sanften Lächeln zurück.
„Sei vorsichtig", war alles, was er sagte. Sie nickte und ging weg.
„Hey", sagte Ryan, als er mit seinem Handy in der Hand wieder zurückkam. „Also auf dem Revier ist alles klar und alles ist bereit. Wir sollten uns in Position bege-"
Er wurde vom gleichzeitigen Benachrichtigungs-Signal ihrer beiden Handys unterbrochen. Überrascht zog Esposito sein Handy aus der Tasche und schaute auf das Display, während Ryan auf seines schaute.
Die SMS war an sie beide versendet worden. Sie kam von Examensleiter des NYPD und war kurz und auf den Punkt: Ein Platz für das kommende Sergeant-Examen wurde gerade frei. Wollen Sie ihn?
„Ein Platz?", las Esposito laut vor und sah seinen Partner mit großen Augen an. Er sah sofort, dass Ryan genauso hin und her gerissen war wie er. Nur ein Platz für das Examen, sie waren aber zu zweit. Was sollten sie jetzt machen?
„Ich – ich muss, ähm", meinte Ryan plötzlich nervös und drehte sich weg. Erneut hob er das Handy an sein Ohr.
Esposito wollte nicht lauschen, wirklich nicht. Aber die Reaktion seines Partners machte ihn neugierig, und er konnte nicht widerstehen das Gespräch zu verfolgen.
„Ja, hallo, hier spricht nochmal Kevin Ryan", hört er. „Ja, ich habe mich gefragt, ähm, ob das, über was wir schon gesprochen hatten – ist sie noch frei?"
Esposito drehte sich mit gerunzelter Stirn weg. Es ging ihn nichts an, sagte er sich. Aber er sah auf sein Handy, auf die SMS vom Examensleiter und runzelte noch mehr die Stirn.
Sie mussten dringend reden. Aber Ryan war so geheimnistuerisch und Espo wusste einfach nicht, was er machen sollte.
„Es ist noch nicht zu spät, einen Rückzieher zu machen, wissen Sie?"
Aragon warf einen Blick über ihre Schulter auf Beckett, die auf dem Drehstuhl im abgesicherten Raum saß und sie beobachtete. „Ich weiß", antwortete sie ruhig. Sich umdrehend konzentrierte sie sich wieder auf ihr Spiegelbild in dem kleinen Spiegel, der an der Wand hing. Sie war dabei ihre Frisur der von Beckett so gut es ging anzugleichen. „Wie ist das?"
„Es sieht gut aus", murmelte Beckett und biss sich auf die Unterlippe.
Der Gedanke, dass sie jemanden in eine gefährliche Situation schickte, damit sie es nicht machen musste, war ihr unangenehm, aber sie wusste, dass der Plan solide war. Und sie musste zugeben – mit jeder neuen Wehe, die sie packte und sie jedes Mal keuchen ließ – dass sie auf keinen Fall in der Lage war, die Rolle zu spielen, die Aragon in diesem Katz- und Mausspiel mit Megan Bailey innehatte.
Nein, sagte sie zu sich selber, als sie zusah, wie Aragon ihre Bluse zuknöpfte – eine von Becketts Umstandsblusen, die sie aus ihrem Kleiderschrank für diese Gelegenheit entbehrt hatte – so musste es sein. Und Marisa kannte die Risiken. Sie war Polizistin, und eine verdammt gute. Sie konnte mit dieser Situation umgehen.
„Das fühlt sich so komisch an", kommentierte Aragon, während sie sich vom Spiegel wegdrehte und so Beckett aus ihren Gedanken holte. Der weibliche Officer tätschelte den falschen Bauch, den sie unter Becketts Bluse trug. „Hätte nicht erwartet wieder schwanger zu sein", fügte sie an und gluckste eher nervös als amüsiert aufgrund ihres eigenen Witzes und warf Beckett einen Blick zu.
„Es sieht gut aus", meinte Beckett wieder. Da sie fühlte, dass das nicht genug war, fügte sie hinzu: „Die Haare haben Sie gut hinbekommen. Aber schade um die Schuhe."
Becketts Schuhe hatten die falsche Größe, also trug Marisa ihre eigenen – schwarze Ballerinas, von denen Beckett vermutete, dass sie im hintersten Eck vergraben waren. Sie waren nicht unbedingt die Art von Schuhen, die eine Polizistin des NYPD oft bei der Arbeit tragen konnte.
„Denken Sie, dass sie scheußlich sind?", fragte Marisa mit einem Anflug von Panik und schaute auf ihre Füße. Oder versuchte es zumindest. Der Umfang des falschen Bauches war im Weg und die zwei Frauen mussten beide über das geteilte Leid lachen.
„Nein, nein. Sie sind okay", versicherte Beckett sie.
In dem Moment ging die Tür auf und Castle und Esposito traten ein. Beide hatten den gleichen besorgten Gesichtsausdruck.
„Alles klar hier drin?", fragte Castle, während Espo blinzelte und seine Freundin zweimal anschauen musste, als er ihre erweiterte Taille sah.
„Woah. Das ist unheimlich", kommentierte er. Marisa sah ihn mit verengten Augen an.
„Wie meinen?"
„Nichts. Nichts", wiegelte er ab und zuckte zusammen, als Castle ihn mit dem Ellbogen anstieß. „Aua. Alter, also echt."
„Sie sehen gut aus, Marisa", sagte Castle ehrlich und lächelte den weiblichen Officer an. „Ehrlich jetzt, die Ähnlichkeit ist verblüffend." Aufgrund ihrer Reaktion drehte sie sich zu seiner Frau. „Hey, sie hat selbst dein Augenrollen drauf."
„Du machst es einem leicht, Babe", stichelte Kate sanft und griff nach seiner Hand. Er gab sie ihr und sie drückte sie liebevoll. Dann nutzte sie die Gelegenheit und zog ihn näher zu sich heran.
„Wie geht's meiner Kleinen?", wollte Castle leise wissen und duckte sich, damit er ihr in die Augen schauen konnte. „Sind die Wehen noch regelmäßig?"
„Ja, jetzt alle neun Minuten. Mach' dir um mich keine Sorgen, Rick", sagte sie und sah ihn an. „Ihr müsst los. Es ist Zeit."
„Ich…" Er zögerte und packte ihre Hand fester. „Vielleicht sollte ich… sollte ich hier bei dir bleiben. Nur, falls etwas-"
„Nein", unterbrach ihn Beckett kopfschüttelnd. „Komm schon, du musst deine Rolle spielen. Es würde schon komisch aussehen, wenn du nicht bei mir wärst – ich meine, Stunt-mir – wenn sie im Kreißsaal ist."
„Ich weiß, aber…" Er hielt inne, schaute zu Boden und seufzte. „Nein, du hast ja Recht. Die Tür ist bewacht, und der Plan solide. Es wird schon klappen, richtig?"
„Das wird es." Beckett griff mit ihrer freien Hand nach seinem Kinn und hob sanft sein Gesicht zu ihrem. „Denk dran, wir geben uns der Angst nicht geschlagen. Darauf ist sie doch aus."
„Ja." Castles Gesichtsausdruck war jetzt entschlossen und hatte die Sorgenfalten vertrieben. „Richtig. Keine Angst."
„Ich liebe dich", murmelte sie. Er lächelte sanft und berührte ihre Lippen mit seinen.
„Ich liebe dich auch. Bis später."
„Alles bereit, Kate?", fragte Dr. Kowalewski, ihre Rolle spielend, als ein bestrebter Rick die Frau, die im Rollstuhl saß, zum Kreißsaal zwei schob. Aragon, mit dem Kinn auf der Brust, sodass ihre Haare das Gesicht verbargen, nickte.
„Die Wehen kommen immer schneller", sagte Castle. Er brauchte nicht die Fähigkeiten abzurufen, die er dank seiner Mutter hatte, um seine Stimme nervös klingen zu lassen. Er packte die Griffe des Rollstuhls fest mit seinen Händen, damit man nicht sah, dass sie zitterten.
„Gut, gut. Gleich hier hinein", sagte die Ärztin und winkte ihn durch die Tür.
Drei weitere Frauen in Krankenhaus-Montur – darunter zwei Undercover-Leute – folgten ihnen in den Kreißsaal. Castle stellte sich seine Frau vor, die in dem abgesicherten Raum saß, mit uniformierten Beamten vor der Tür und alles auf dem Bildschirm verfolgte, den Vikram installiert hatte. Er bekämpfte das plötzliche, lächerliche Bedürfnis zu grinsen und in die Kamera zu winken, die in der Ecke an der Decke hing.
„Da sind wir. Gleich hier hinauf", sagte die Ärztin und half Aragon aus dem Rollstuhl und auf das Krankenhausbett. Der falsche Schwangerschaftsbauch sah in Ricks Augen sehr real aus und es war unbeschreiblich verwirrend, eine Andere in den Kleidern seiner Frau zu sehen.
Aber Marisa lehnte sich entspannt gegen den Kopfteil des Bettes, das erhöht worden war, damit sie in einer sitzenden Position bleiben konnte, und gab Rick ein entspanntes Nicken. Dieses war überraschenderweise sehr beruhigend für Rick.
Dr. Kowalewski machte den CD-Player auf dem Beistelltischchen an und Musik erfüllte den Raum – ein munteres Streicher-Quartett, das eines von Becketts Favoriten war, wenn sie entspannende Hintergrundmusik hören wollte. Die Musik würde ihre Stimmen überdecken, falls jemand von außen lauschen sollte.
„Okay?", fragte die Ärztin und drehte die Lautstärke etwas auf.
„Alles klar", antwortete Aragon gefasst, obwohl ihr Gesicht angespannt aussah. „Was jetzt?"
Castle holte tief Luft und blies sie langsam wieder aus. „Jetzt… warten wir."
