Vom Brauchen und Gebrauchtwerden

Teil Vier

i)

„Moooo....Moment", ruft Katie hektisch und zieht den Saum ihres T-Shirts nach unten, während sie den Flur entlang zur Wohnungstür eilt. Unter ihren baren Füßen rutscht der verfluchte Teppich und sie stolpert mehr als dass sie läuft. Ihr entfährt ein leiser Schreckensschrei, als sie gegen die Tür segelt, weil der Teppich beschlossen hat, wegzugleiten. „Autsch", schimpft Katie, aber es tut zum Glück nicht wirklich weh, vielmehr ärgert sie sich über ihre Ungeschicklichkeit, wenn sie genau weiß, dass am Nachmittag ein Quidditchspiel ansteht.

„Katie?", dröhnt es dumpf von draußen, „Ist alles in Ordnung?" „Ja, nichts passiert", ruft Katie zurück, „Ich hatte nur einen kleinen Zusammenprall mit der Tür..." Sie drückt die Klinke nach unten und lässt Alicia eintreten, die sie hektisch in die Wohnung winkt.

„Schnell", zischt Katie und schaut sich misstrauisch um, bevor sie die Tür in ihre Angeln wirft. Alicia steht vollkommen verwirrt im Flur, ihr Gesicht ein einziges Fragezeigen und Besorgnis in ihrem Blick. „Ist wirklich alles okay?", hakt sie nach, „Bist du sicher, dass dein Hirn keinen Schaden davon getragen hat?"

Katie lacht und streckt ihrer Freundin die Zunge raus. „Ja, du dumme Nuss", erwidert sie vergnügt, „Ich habe nur keine Lust darauf, dass einer meiner Nachbarn im falschen Moment die Wohnung verlässt und dem Tagespropheten steckt, dass Katie Bell halbnackt Türen öffnet. Das könnte einen falschen Eindruck erwecken."

Alicia stimmt gutgelaunt in das Gelächter ein und schlüpft aus ihrer Jacke, die sie an Katies unordentlicher Garderobe ablegt. „Stimmt", grinst sie frech, „Manche könnten glauben, du seist leicht zu haben... Und das wollen wir ja nicht." „Du bist gemein", beschwert sich Katie und zieht Alicia an der Hand in Richtung Küche, wo ein voll beladener Tisch davon berichtet, dass Katie bis eben noch mit Frühstücken beschäftigt war.

„Mach' ruhig weiter, lass' dich von mir nicht stören", meint Alicia und lässt sich auf einem Stuhl nieder, während Katie ihr Tee zaubert und Ei mit Toast futtert. „Ich muss essen", erklärt sie kauend, „Ich muss ja nachher vielleicht spielen und kräftige Jungs vom Besen fegen, wenn sie meinem Quaffel zu nahe kommen." Alicia grinst. „Jaja", lästert sie gutmütig, „Erzähl' die Ausrede ruhig weiter, vielleicht glaubt sie dir irgendwann jemand."

„Das ist die Wahrheit", protestiert Katie, die schon immer mit einem sehr guten Appetit gesegnet war und sich von ihren Freundinnen über die Jahre hinweg so manchen Spruch hat anhören dürfen. „Ich weiß", lächelt Alicia und nippt an ihrem heißen Tee, „Macht der Gewohnheit. Ich muss dich einfach necken."

„Vergeben", gibt sich Katie großzügig, „Und nun erzähl' endlich mehr von deinem Treffen mit George am Freitag! Seit gestern Morgen sterbe ich beinahe vor Ungeduld... was hast du dir eigentlich dabei gedacht, mir das beim Verabschieden mal so eben ins Ohr zu flüstern?"

Alicia zuckt die Achseln. „Ich wollte es vor Angelina eben nicht so breit treten. Aber ganz für mich behalten konnte ich es auch nicht, verstehst du?" Katie nickt, weil sie ganz genau versteht und weil sie sich vorstellen kann, wie schwer das Leben für Alicia gerade ist.

„Naja, ich war im Hexenkessel, neuen Tröstetee besorgen...", sie lächelt ein bisschen verlegen, ihr Verbrauch ist enorm gestiegen und es ist ihr peinlich, schließlich ist sie kein Kind mehr, dem man Tröstetee kocht und verspricht, dass alles besser wird, doch vor Katie muss sie sich bestimmt nicht schämen, „und als ich rausgegangen bin, bin ich direkt in ihn hineingelaufen, oder er in mich."

Katie lächelt und rupft ihren Croissant in kleine Stücke, während sie aufgeregt zuhört. „Weiter", sagt sie ungeduldig und Alicia bekommt einen roten, leichten Schimmer auf den Wangen.

„Okay, okay...", stimmt sie zu und streicht sich eine verwirrte, braune Haarsträhne aus dem Gesicht, „Ich konnte erst gar nicht fassen, dass es tatsächlich George sein sollte. Er... Er sah so anders aus und doch so gleich. Wie ein verzerrtes Spiegelbild. Die Haare haben gestimmt, aber seine blauen Kinderaugen waren ganz trüb und das Lausbubenlächeln verblasst."

Alicias Lächeln zittert, als sie weiter erzählt, und ihre Augen, dunkelblau wie ein Gewitterhimmel, haben sich auf Katies Küchenfenster konzentriert. „Ich wollte ihn küssen, Katie, und mich einfach in ihm verlieren, bevor er vollends den Halt verliert. Ich dachte, wenn er schon geht, dann soll er mich wenigstens mitnehmen..."

Katie lässt ihren Croissant fallen und legt beide Hände auf Alicias, die blass und schmal und zerbrechlich auf dem Tisch ruhen. Katie malt mit ihrem Daumen Kreise und hört zu, wie sich Alicias Atem langsam beruhigt und zu tiefen Zügen zurückfindet.

„Wir haben uns ein bisschen unterhalten", fährt Alicia fort, bevor Katie fragen kann, wie es ihr geht, „Ich habe erzählt, was ich gekauft habe, und er brauchte etwas für seine Mum, also sind wir wieder in den Laden und haben an Dutzenden von Teesorten gerochen und er hat meine Hand gehalten, Katie, die ganze Zeit über. Es war beinahe so wie früher. Es war beinahe so, als wäre nie etwas passiert."

Katie drückt Alicias Hände mit ihren eigenen und schickt ein warmes Lächeln über den Tisch.

„Und zum Abschied hab' ich ihn geküsst", berichtet Alicia mit strahlenden Augen und Katie lacht und pfeift anzüglich, bis sich die Röte auf Alicias Wangen noch vertieft. „Ja, ja, ich weiß, immer rangehen", zitiert sie Katies ultimativen Anmachrat und erntet spontanen Applaus.

„Bravo!", ruft Katie und wippt unter dem Tisch mit ihren nackten Zehen, „Bravo, meine Liebe! So geht man mit Männern um. Und wann seht ihr euch wieder?"

Alicias gerade aufgebautes Selbstbewusstsein fällt ein Stück weit in sich zusammen. „Weiß ich nicht", muss sie zugeben, „Bisher hat er sich noch nicht gemeldet..." Katie haucht einen Luftkuss und schiebt sachte die Teetasse in Alicias Hände. „Kommt schon noch", lächelt sie und dann, um Alicia abzulenken, erzählt sie von ihrem Zusammentreffen mit ihrem alten Käpt'n, solange bis Alicia zur Arbeit muss und Katie feststellt, dass sie sich besser endlich anziehen gehen sollte, wenn sie nicht zu spät zur Teambesprechung kommen will.

ii)

„Schau mal einer an", hört Oliver eine ihm nur allzu bekannte Stimme irgendwo hinter seinem rechten Ohr, „Wenn das mal nicht unser allerliebster Oliver Wood ist, Puddlemere Uniteds neuer Starhüter, Traum aller Frauen, begehrtes Presseopfer..." Oliver grinst in sein Pint und dreht sich auf seinem Barhocker zur Seite, um mitten in Lee Jordans amüsiertes Gesicht zu starren.

„Ich könnte stundenlang so weitermachen", verkündet Lee gutgelaunt, „Soll ich?" Oliver, der nicht die geringsten Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Aussage hat, lehnt gespielt entsetzt ab und streckt beide Arme von sich. „Bitte, tu mir das nicht an!", krächzt er verzweifelt und Lee klettert auf den freien Hocker neben ihm.

„Keine Sorge, Kumpel, ich kann auch mal meine Klappe halten, wenn es erforderlich ist", teilt er Oliver verschwörerisch mit und legt ihm einen Arm um die Schultern. „Auch eines?", fragt Oliver und nickt in Richtung seines beinahe ausgetrunkenen Bieres. „Na klar, wenn der Herr Starspieler einen ausgibt", grinst Lee und kann seine große Klappe eben doch nicht halten.

Oliver winkt dem Barkeeper zu und kurz darauf haben sie zwei volle Gläser vor sich stehen. „Ach, es macht sich eben doch bezahlt, mit der Prominenz befreundet zu sein", stellt Lee fest und Oliver hebt beide Augenbrauen. „Ach, so ist das?", meint er, „Und ich dachte immer, die Leute mögen mich wegen meines liebenswerten Charakters."

Lee zuckt die Achseln. „Falsch gedacht", erklärt er unbekümmert und kann die Maskerade nur sekundenlang aufrechterhalten, bevor er Oliver zuzwinkert und sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht stiehlt. „Gut gespielt heute", meint er anerkennend und nimmt einen tiefen Zug seines Ales. „Danke", erwidert Oliver, der zwar gute Laune hat, weil sie gewonnen haben, aber der trotzdem nicht unbedingt immer über Quidditch reden will, aller anderslautenden Gerüchte zum Trotz.

„Und", beginnt er daher unauffällig einen Themenwechsel, „Womit hältst du dich über Wasser? Selbst Lee Jordan wird nicht von Gutaussehen leben können." Lee lacht und nimmt erneut einen Schluck. „Leider nicht", gibt er zu, „Obwohl ich daran arbeite... Nee, im Ernst. Erinnerst du dich an Potterwatch?"

Oliver kramt in seinem Gedächtnis, das zugegebenermaßen überlagert ist von Quidditchspielzügen, aber da ist etwas, was vertraut klingt, und er sucht vorsichtig nach der richtige Querverbindung. „Die Radiosendung, die ihr während des Kriegs ins Leben gerufen habt?", fragt er entgegen und erinnert sich an die Abende, die er mit Gänsehaut vor dem alten Radio seiner Eltern verbracht hat, gierig nach Neuigkeiten, die das Ministerium nicht preisgab.

„Genau", nickt Lee, „Da hab' ich Feuer gefangen, sozusagen. Hab' gemerkt, hey, das macht ja richtig Spaß. Und nun arbeite ich ein paar Tage die Woche für's Hexenradio, mache Interviews, Reportagen, was eben so anfällt. Den Rest meiner Zeit verbringe ich damit, mir mehr Quidditchwissen anzulesen und anzueignen. Kann ja nicht schaden, wenn man Spiele kommentiert."

Er erzählt es ganz locker, so, als würde es ihn nicht wirklich kümmern, doch Oliver kennt ihn gut genug, um zu wissen, dass sein Herz dranhängt am Quidditchkommentieren, an diesem Traum, den er hegt und pflegt, seitdem er in Hogwarts zum ersten Mal ein Magisches Megaphon in Händen hatte. Oliver war dabei, er hat den Tag nicht vergessen und er hat sich Quidditch in Hogwarts nie ohne Lee vorstellen können.

„Also willst du tatsächlich professionell werden", stellt er fest und kann in Lees Augen kurz die Angst aufflackern sehen, verurteilt zu werden für etwas, was Andere als albernen Kinderwunsch abtun würden. „Find' ich klasse", grinst Oliver und klopft Lee kurz auf die Schulter, „Du würdest die Liga ganz schön durcheinander bringen. Und wir brauchen dringend ein bisschen frischen Wind, find' ich. Sag' Bescheid, wenn ich dich mal irgendwem vorstellen soll, ja?"

Er hat es gut gemeint, aber als er die Gewitterwolken sieht, die in Lees Gesicht aufziehen, weiß er, dass es vollkommen falsch angekommen ist. „Deswegen bin ich nicht rübergekommen, okay?", erwidert Lee heftig und sein Bier zittert im Glas, „Ich wollt' einfach nur mit dir über alte Zeiten plaudern. Ich schaff' das schon alleine, was ich mir vornehme. Da muss nicht der große Wood kommen und mich an die Hand nehmen."

Oliver seufzt und wünscht, er könnte die Zeit kurz zurückdrehen. „Lee", sagt er so ruhig wie möglich, „Lee, hör mal, du hast mich falsch verstanden. Ich weiß, dass du dich nicht deswegen zu mir gesetzt hast. Ich weiß, dass du eher deine eigene Zunge verschlucken würdest, bevor du mich um meine Hilfe bätest. Ich finde nur, dass du es verdient hast, ein paar Kontakte ins Profiquidditch zu knüpfen, damit das was wird mit dem Kommentieren. Und hey, zufälligerweise kenne ich da ein paar Typen. Mehr sag' ich gar nicht. In Ordnung?"

Er sieht Lee bittend an und der Andere schaut noch einen Moment lang feindselig zurück, dann nickt er und zeigt wieder sein Grinsen. „In Ordnung. Tut mir Leid, Kumpel, ich bin da ein wenig empfindlich", gibt er zu und Oliver kann sich eine kleine Stichelei nicht verkneifen. „Weiß ich. Wir haben ja alle unseren Stolz", meint er betont unschuldig und verschluckt sich im nächsten Moment an seinem Ale, als Lee ihm im strategisch perfekten Moment auf die Schulter klopft.

„Idiot", hustet er und anklagend „Barnie, das hab' ich gesehen!", als der Barkeeper grinsend ein Glas abtrocknet. Barnie schaut pfeifend in eine andere Richtung und Lee lacht laut auf. „Na komm, Wood, nicht schmollen", witzelt er zurück, „Du warst doch früher nicht so empfindlich."

Oliver lacht. „Stimmt... Und an deine spitze Zunge müsste ich mich ja eigentlich längst gewöhnt haben. Du hast eindeutig zuviel Zeit mit den Weasley-Zwillingen verbracht."

Noch bevor Oliver klar werden kann, was er da eben ausgesprochen hat, bemerkt er den Schatten, der über Lees Gesicht wandert, und er murmelt „Scheiße". „Schon okay", Lee zuckt die Achseln, „Wir wollten ja über alte Zeiten reden, also alles gut. Und du hast schon Recht, ich hab' viel Zeit mit den beiden verbracht."

Oliver fährt sich seufzend durch die braunen Haare und schimpft sich einen verfluchten Idioten. „Lee, tut mir Leid. Ich... ich hab' nicht nachgedacht, so bescheuert das auch ist. Ich wollte keine Wunden aufreißen." Er schaut den Anderen zerknirscht an und überlegt fieberhaft, wie sie das Gespräch jetzt noch retten können.

Lee schaut ihm offen entgegen. „Ehrlich, Oliver, ist okay", antwortet er und zupft eine Zigarette aus einem zerknautschten Päckchen, „Ich brech' schon nicht gleich in Tränen aus, wenn Freds Name erwähnt wird. Aber bei Lina solltest du vorsichtiger sein, wenn du ihr zufällig mal begegnest." Er steckt sich die Zigarette in den Mund, doch er zündet sie nicht an, wie Oliver feststellt. Er kaut nur auf ihr herum und Oliver spart sich den Hinweis auf das Rauchverbot in Pubs.

„Wie geht's ihr?", fragt Oliver rundheraus, er denkt darüber nach, seitdem er am vorherigen Morgen Katie begegnet ist. Ihm ist klar, dass es Angelina am schwersten getroffen haben muss von den drei Mädchen. „Wie soll's ihr schon gehen", entgegnet Lee und hebt hilflos die Schultern, „Beschissen, natürlich. Fred ist tot."

Oliver nickt und starrt nachdenklich in sein halbgetrunkenes Ale. „Siehst du sie oft?", will er wissen und überlegt kurz, was er wohl verpasst an interaktivem Post-Hogwarts-Leben. Er hat sich nie bei ehemaligen Klassenkameraden oder Teammitgliedern gemeldet und jetzt tut es ihm Leid. Er weiß nicht einmal, warum er es nicht getan hat.

„Geht so", Lee trinkt sein Glas aus, „Katie am häufigsten, berufsbedingt. Irgendeine Gelegenheit ergibt sich doch immer wieder mal, um vorbeizuflohen und über Quidditch zu plaudern. Alicia hat viel zu tun... nicht nur der Job, sie kümmert sich quasi rund um die Uhr um Angelina, wenn es ihr nicht gut geht. Und Angelina igelt sich ein."

Oliver weiß nicht recht, was er sagen soll. Aus irgendeinem Grund ist es ihm nie in den Sinn gekommen, darüber nachzudenken, wie es den Anderen ergangen ist. Dabei war er dort, er war in Hogwarts, als Fred gestorben ist. Merlin, er ist so ein verdammter, egozentrischer Idiot.

„Ist doch alles Mist", stellt er rundheraus fest und Lee lacht. „Kannst du laut sagen... Und was soll man schon dagegen machen? Ich kann Lina nicht zwingen, sich mit mir zu treffen. Ich kann nur hoffen, dass es irgendwann mal wieder bergauf gehen wird. Katie hält mich jedenfalls auf dem Laufenden."

Oliver fällt plötzlich auf, wer fehlt in ihrer Aufzählung. „Und George?", er hebt fragend den Blick, „Wie geht es George?"

Lees dunkle Augen verdüstern sich. „Meinem sogenannten besten Freund? Keine Ahnung. Wenn er jetzt vor mir stünde, ich wüsste nicht, was ich zuerst täte – ihm eine reinschlagen oder ihn umarmen und nie mehr loslassen."

Oliver nickt erneut und versucht zu verstehen. Plötzlich ist der Krieg wieder präsent in seinen Gedanken und er begreift nicht, wie er ihn so einfach hat ausblenden können. Wie er es sich so leicht hat machen können, während seine Freunde ihre Dämonen bekämpfen. Und er beschließt, sofort wenn er nach Hause kommt, eine Eule zu Katie zu schicken.

iii)

Sonntage hat George zu seinen Chaos-Kreativ-Tagen erklärt. Der Laden hat nicht geöffnet, stattdessen verkriecht er sich in der Werkstatt und tüftelt an neuen Scherzartikeln herum oder verfeinert Techniken, lässt seiner Phantasie freien Lauf und erfindet, was ihm in den Sinn kommt. Er liebt es, auch wenn Freds Abwesenheit jede Minute lang spürbar ist und die Ideen nicht mehr so sprudeln wie sie es einst taten.

Er hat Dutzende von beschriebenen Pergamentseiten vor sich liegen, alles Beschreibungen und Konstruktionsansätze, aber noch Rohfassungen und unbearbeitet. Für heute hat sich George vorgenommen, alles durchzusehen und nach Priorität zu ordnen, bevor er mit dem tatsächlichen Erschaffen beginnt.

Er hat ihre Nasch- und Schwänzleckereien ausgeweitet, aber der Schwachpunkt daran ist, dass er jemanden braucht, an dem er sie testen kann. Früher... früher haben er und Fred das gegenseitig übernommen. Einer war das Versuchskaninchen, der Andere hat beobachtet und genau notiert, was wie verändert werden muss. Nun ist George alleine und er weiß genau, wenn etwas schiefgeht (und es geht immer, grundsätzlich etwas schief beim ersten Mal), ist niemand da, der ihm hilft. Und der Gedanke fühlt sich furchtbar an.

Er stapelt die Papiere mit Notizen zu den Leckereien auf einen Haufen und wühlt sich durch die ganzen anderen Pergamentrollen. Ich muss mir wirklich mal ein System überlegen, überlegt George seufzend, und verflucht wieder einmal sein chaotisches Naturell. Er findet ein Stück Schokolade zwischen zwei Seiten, aber er traut sich nicht, es zu essen und wirft es kopfschüttelnd lieber weg.

George zaubert sich eine Tasse Tee und kämpft sich weiter durch den Papierberg, der langsam kleiner wird und irgendwann sogar geordnet aussieht. „Geht doch...", murmelt er, greift sich einen Federkiel und setzt sich vor den Papierberg, der aus den Notizen zum neuen Sortiment der Nasch- und Schwänzleckereien besteht. Gedankenverloren knabbert George am Ende seiner Feder und überlegt, wie er wohl erreichen kann, dass die Punkte, die seine Masern-Weingummi bisher hervorrufen, nicht länger funkelnd grün sind, sondern die richtige Rotschattierung erreichen.

Dann wird ihm klar, dass er gerade seinen Exlodier-Federkiel-Prototyp im Mund hat und er schafft es gerade noch, einen Patronus ins Sankt Mungo's loszuschicken, bevor ihm schwarz wird vor Augen.

George wird davon wach, dass eine Medihexe versucht, ihm mit Zaubertrank versetzten Tee zu verabreichen. Er öffnet protestierend den Mund und atmet einen Schwall Flüssigkeit ein, der ihm zur Hälfte übers Gesicht tropft, aber ein beträchtlicher Anteil schafft es seine Kehle hinab. „Hey", keucht George und rudert wild mit beiden Armen, woraufhin ihn die Medihexe mit einem dunklen, strengen Blick bedenkt, der ihn hartnäckig an seine ehemalige Verwandlungslehrerin erinnert.

„Ganz ruhig bleiben, junger Mann", befiehlt sie energisch und drückt ihn resolut in die Kissen zurück, „Sie trinken jetzt Ihren Tee und keine Widerrede. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es in Ihrem Interesse sein sollte, wenn diese ständigen Explosionen anhalten. Mich persönlich würde das ja stören. Also legen Sie sich hin, trinken Sie regelmäßig und versuchen zu schlafen. Verstanden?"

George starrt sie aus großen Augen an und weiß nicht, was er tun soll, außer langsam zu nicken und sich den Becher mit Tee zu greifen, der sich dank Magie offensichtlich selbst auffüllt, um ihn zum Trinken zu zwingen.

„So ist's gut", stellt die Medihexe fest und ein kurzer Ausdruck von Zufriedenheit huscht über ihr Gesicht und lässt sie beinahe freundlich aussehen. Sie erhebt sich von seiner Bettkante, streicht ihre praktisch geschnittene Heilerrobe glatt und deutet auf eine kleine Glocke, die auf seinem Nachttisch ruht. „Wenn Sie irgendetwas benötigen, klingeln Sie einfach", erklärt sie, „Fragen Sie nach Heilerin Dowes, das bin ich."

George nickt und überlegt, wie viel Zeit wohl vergangen ist seit seinem kleinen Unfall. Und irgendwo hinten in seinem Kopf wispert eine Stimme, dass niemand da ist, um nach ihm zu sehen. Er tut weh, der Gedanke.

George räuspert sich. „Entschuldigung", sagt er höflich und ist verwirrt, dass er tatsächlich noch Manieren besitzt, er hatte es ganz vergessen, „Entschuldigung, aber... weiß meine Familie Bescheid?"

Heilerin Dowes bleibt im Türrahmen stehen und dreht sich zu ihm um. „Selbstverständlich haben wir Ihre Verwandten benachrichtigt", nickt sie, „Wir hatten den ganzen Flur voller Weasleys, die nur darauf warteten, dass sie zu Ihnen durften. Dann", ein schmales Lächeln huscht über ihr ernstes Gesicht, „Dann hat leider eine mittelgroße Explosion stattgefunden und alle ein wenig in Aufruhr versetzt, sodass wir beschlossen haben, dass es vermutlich weniger gefährlich für alle Beteiligten ist, wenn Sie erst ab morgen Besuch empfangen."

George murmelt etwas, wovon er hofft, dass es sich nicht so enttäuscht anhört, wie er sich fühlt. Wenigstens – und der Gedanke freut ihn – weiß er nun, dass seine Familie gekommen ist, dass er ihnen nicht völlig egal ist.

Heilerin Dowes zögert einen Moment. „Tut mir Leid", fügt sie hinzu, bevor sie den Raum verlässt und behutsam die Tür hinter sich zuzieht.

„Schon gut", antwortet George mit rauer Stimme und nippt an seinem Tee. Er fühlt sich wie ein kleines Kind, das nach seiner Mutter schreit und verzweifelt weinen und strampeln will, weil seine Mutter nicht kommen kann.

Morgen, tröstet er sich, morgen kommt Besuch, morgen wird alles gut.

Und dann schläft er ein, begleitet von dem einen Gedanken, der ihn seit Monaten aufrecht erhält.

Morgen wird alles gut.

tbc.

(Jetzt, wo ich meine Notizen wieder gefunden habe...)