- Kapitel 4 -

Tikkis Tag im Zoo

Zweifel waren für Fragt Viel etwas Ungewohntes. Sie war gewohnt ihrem Instinkt zu folgen, ihm zu vertrauen und niemals zu zweifeln. Das hatte immer gut funktioniert – bis gestern. Sie verstand nicht, warum es keine Vorwarnung gegeben hatte. Es gab sonst immer welche. Man musste sie nur zu lesen wissen und ihnen vertrauen.

Traurig steckte Fragt Viel eine Nase unter der Schlafstatt ihres Jungen hervor. Seine Wut und Angst tobten noch immer durch die kleine Höhle in diesem neuen Bau. Das beschränkte sie auf ihren Platz unter dem Bett und machte es ihr unmöglich, ihr neues Zuhause zu durchstöbern. Sie mochte diese neue Höhle. Sie war viel größer, verwinkelter und interessanter als Langhaars Bau. Außerdem gab es hier Ratten, die sie alle jagen und fressen durfte, ohne irgendwelche Rücksichten nehmen zu müssen. Dazu waren überall unzählige kleine Risse und Löcher in den Wänden, die sie erkunden konnte. Sie hatte sich fest vorgenommen, diesen Bau innerhalb eines Mondes rattenfrei zu bekommen. Das bedeutete zwar, dass sie mehr dieser Biester töten musste, als sie fressen konnte, aber so hatte sie es geschafft, viele von diesem Pack zu vertreiben. Sollten sie woanders leben. Ihr Junges und Halbgesicht steckten die nicht mehr mit irgendwelchen Krankheiten an.

Bei dem Gedanken an eine weitere interessante Jagd, wurde Fragt Viel noch langweiliger. Sie hatte ihr Junges heute wieder trösten müssen, bis es eingeschlafen war, und so musste sie die Nacht über hier verbringen. Jetzt lag er oben und hatte dieses Nicht-Tier in seinen Armen, das er wie einen Freund behandelte, obwohl es gar nicht am Leben war. Sie verstand nicht ganz, was er an diesem Ding fand, aber solange es ihn in der Nacht beschützte, wo Fragt Viel es selbst nicht konnte, war es okay. Wenigstens hatte er aufgehört, es am Tag mit sich herumzutragen.

Auf der Suche nach Ablenkung stöberte sie mit der Schnauze durch ihren Beutel. Es war nicht schwer zu finden, was sie suchte. Sie kramte die gläserne Kugel aber nur dann hervor, wenn es ihr das Gefühl befahl. Solche Dinge hatten die Angewohnheit, viel mehr Raum im Leben zu beanspruchen als ihnen zustand. Man musste immer darauf achten, ihre Macht klein zu halten.

Heute aber musste sie in dieses Ding blicken. Sie musste herausfinden, warum sie seit Tagen Gefahr für Halbgesicht spürte, aber dies gestern nicht mal ansatzweise geahnt hatte. Deshalb schaute sie nun, ohne es zu erzwingen, in die Kugel. Unzählige zusammenhanglose Bilder formten sich und verschwanden wieder im Nebel. Fragt Viel wusste, dass Menschen fast nie Bilder in der Kugel sehen konnten und das nur, weil sie versuchten etwas zu sehen. Sie begriffen nicht, dass das Leben ihnen nur die Bilder sandte, die sie sehen durften. Zwang auszuüben endete immer darin, dass man nichts sah. Eine Weile sah sie ihrem Sohn Tapsig zu. Sein Name war inzwischen nur noch selten zutreffend, bemerkte sie mit ein wenig Stolz. Die Jahre der Erfahrung zahlten sich langsam aus. Dann folgten unzusammenhängende Bilder der Vergangenheit, die wie kleine Schneeflocken vorbei flogen. Bruchstücke von Erinnerungen an Angst, Leid, aber auch Freude. Ein wenig ungeduldig wurde Fragt Viel dadurch schon, denn keines dieser vergangenen Bilder zeigte Halbgesicht oder ihr Junges, sondern nur den heimatlichen Dschungel, der irgendwo weit weg lag.

Fragt Viel schnaubte amüsiert. Die Zweibeiner glaubten doch allen Ernstes, dass die Welt eine Kugel war. Selbst ihr Junges hing diesem Irrglauben an.

Jetzt fing auch noch die Kugel an sie zu langweilen. Einige Zeit schaute sie zu, wie eine Familie ihres Volkes lebte und jagte. Es war ein Bild, das ihr ein wenig wehtat, aber nicht sehr. Schließlich hatte sie mehr bekommen, als sie aufgegeben hatte. Außerdem war ihr Schmerz von damals noch immer nicht vergangen. Sie würde so lange bleiben bis…

Die Bilder in der Kugel sprangen und Fragt Viel schreckte aufmerksam hoch. Halbgesicht war aufgetaucht. Sie lag in einem Bett, in weißer Kleidung, und hatte ein kleines Wesen im Arm, dass sie verträumt anschaute. Die Arme eines Mannes lagen beschützend um ihre Schultern, er beugte sich herunter zu dem kleinen Wesen und nun erkannte sie Kräutermann. Fragt Viel mochte ihn. Er roch nach Erde. Auch bei ihrem Volk waren diejenigen besonders angesehen, die sich mit den heilenden Kräften der Pflanzen auskannten. Wer einmal von einer Großen Giftigen gebissen worden war, achtete sie sehr und brachte dieselbe Achtung auch seinen Kindern bei. Außerdem war Kräutermann auch nett zu ihr und mischte sich nicht in die Erziehung ihres Jungen ein! Unbewusst fletschte sie die Zähne. Fragt Viel wusste inzwischen, dass ihr Junges seine Eltern nicht akzeptierte und versuchte deshalb ihre Eifersucht in den Griff zu bekommen, aber es gelang ihr nur schwerlich. Es war ihr Junges und das von Halbgesicht! Sie war bereit für dieses Recht zu kämpfen, das sie sich verdient hatte. Er brauchte sie, denn kein Zweibein konnte ihn so unterstützen wie sie! Fragt Viel konnte es nicht gebrauchen, wenn ihr jetzt Fremde in ihre Aufgabe hineinpfuschten.

Das Bild von Halbgesicht verschwand und Fragt Viel freute sich für sie. Das bedeutete wohl…

Natürlich! Das war es. Es war doch so einfach und hätte Fragt Viel eine Hand besessen, sie hätte sich damit vor die Stirn geschlagen. Stolz mischte sich mit Trauer. Halbgesicht war kein Junges mehr – und damit brauchte sie auch keinen Schutz mehr von Fragt Viel. Damit hatte sie ihre Antwort, warum sie keine Vorwarnung für Halbgesicht bekommen hatte. Das Leben hatte viel eher als Fragt Viel begriffen, wann die richtige Zeit gekommen war.

Im Grunde war Fragt Viel froh, nun weniger Verantwortung zu tragen, aber es machte sie auch traurig und ein wenig besorgt. Würde Halbgesicht allein in dieser gefährlichen Zweibeinerwelt bestehen können? Kräutermann war nicht gerade ein großer Kämpfer, doch auch solche Mitglieder einer Gemeinschaft musste es geben. Er war klug, freundlich und seine Hände konnten heilen – alles in allem ein akzeptabler Gefährte für Halbgesicht.

Sie beschloss, einer Verbindung nicht im Wege zu stehen. Es würde sicher nicht zum Nachteil ihres verbleibenden Jungen sein, wenn jemand in der Nähe war, der seine unzähligen Verletzungen heilen konnte.

Nun, da jetzt nichts Zukünftiges mehr in der Kugel zu sehen war, war die Ablenkung wohl vorbei. Enttäuscht wollte sie noch einmal trotz des Krachs die Augen schließen, als sich die Wolken in der Kugel noch einmal verfestigten.

Für einen kurzen Augenblick glaubte sie sich selbst zu sehen, doch dann begriff sie, es war ein anderer ihres Volkes. Vor Aufregung zitternd starrte sie auf das Bild. Ruhelos rannte er hin und her, hin und her – in einer recht kleinen Höhle. Dümmlich aussehende Zweibeiner pressten ihre Nasen gegen eine Scheibe und zeigten auf den einen ihres Volkes, der ab und an stehen blieb und wütend zu fauchen schien. Seine ganze Körpersprache zeugte von Aggressivität, aber auch von Verzweiflung. Dabei war er jung, aber nicht sehr kräftig und auch nicht sonderlich attraktiv. Trotzdem sagte sein Bild ihr schon, dass sie sich nicht mit ihm paaren würde. Ein solches Männchen bekam fast nie eine Gefährtin. Nicht bei dieser Schulterform und den schwächlichen Hinterläufen. Furchtbar!

Das Männchen in der Kugel blieb stehen und schien sie durch die Kugel anzustarren. Sein Blick war so durchdringend, dass sie versuchte, sich darunter wegzuducken. Dieser da war verrückt – oder auch nur verzweifelt.

Die Bilder der Kugel verblassten.

Eigentlich hatte Fragt Viel auf ein paar Antworten auf die Vorwarnungen gehofft, die sie seit einiger Zeit beschäftigten. Doch stattdessen schien das Leben der Ansicht zu sein, sie wäre nicht richtig ausgelastet mit einem Jungen, der Konflikte anzuziehen schien. Für einen Moment war sie versucht, die letzten Bilder zu ignorieren. Doch diesen Gedanken schüttelte sie ab. Man war dem Leben verpflichtet, vor allem wenn einem eine längere Lebensspanne gegeben war! Das durfte man nicht ignorieren – so hatte es sie ihre Mutter gelehrt.

Über ihr krachte es laut, ein Schrei – dann war Ruhe. Sie rollte die Kugel vor das Bett.

„Oh, Mann", japste ihr Junges. „Ich kann nur beten, dass der nicht mal raffiniert wird."

Zwei Füße schwangen über die Bettkante. Ihr Junges stand auf, tat einen Schritt und schlug dank der Kugel lang und schmerzhaft hin.

„Unaufmerksam!", fauchte Fragt Viel tadelnd.

„Hinterhältig!", lobte ihr Junges sie, aber in seltsam aggressivem Ton.

„Du vergisst Halbgesichts Lehren immer wieder!", sagte sie ernsthaft.

„So früh am Morgen ist das unfair."

„Der Jäger achtet deine Jagd- und Ruhezeiten nicht", belehrte sie ihn.

„Meine Schlafgewohnheiten sind sowieso sehr einfach auszunutzen", sagte er, rappelte sich auf und tastete nach Fragt Viel, die sich seinen Händen nicht entzog. „Du erinnerst dich? Man kann mich in meinen vier Stunden nicht wirklich wecken."

Aber er war auch gut geschützt durch seine Kraft. Doch das erwähnte Fragt Viel nicht, denn sie wusste, es war ein schlechter Tausch für ihn. Stattdessen genoss sie die Berührung seiner Hände. Man konnte sich in diesen Zärtlichkeiten verlieren. Mehr als das. Man konnte die Sorgen vergessen.

Sie fragte ihn, wo man eine Höhle mit einer durchsichtigen Wand finden konnte, hinter der sich Zweibeiner die Nase platt drückten.

„Ein Gefängnis mit Zuschauern?", fragte er verwirrt. „So etwas gibt es nicht."

Sie versuchte es mit anderen Worten. Erwähnte den ihres Volkes.

„Ach, du meinst einen Zoo", sagte er zurückhaltend. „Kein guter Ort."

„Ich möchte dahin!"

„Das geht nicht."

„Warum?"

„Es ist kein Ort für dich."

„Warum?", fragte sie und verwendete erneut den Tik-Tik-Laut, der ihr ihren Namen eingebracht hatte.

„Dort gibt es Schlangen, die du nicht angreifen dürftest. Außerdem bezweifle ich, dass sie dich da reinlassen. Wir müssten dich schmuggeln und was willst du dort überhaupt?"

„Einen meines Volkes befreien."

Das verschlug ihrem Jungen erst mal die Sprache.

„Du willst, dass wir einbrechen und einen Mungo befreien?"

„Erst einmal kundschaften."

„Erst einmal?"

„Ja! Aber ich werd es auch allein versuchen."

„Kommt nicht in die Tüte!", sagte ihre Junges entschieden und nicht zum ersten Mal ergaben seine Worte für Fragt Viel überhaupt keinen Sinn. Zum Glück waren seine nächsten Worte eindeutiger. „Ich muss mit, weil du ja keine Türen öffnen kannst."

„Das könnte auch Halbgesicht."

„Meine Schwester wäre dabei nützlich, aber wir brauchen wahrscheinlich Magie, um es unauffällig hinzubekommen. Kameras, Bewegungsmelder, Wächter."

„Wir könnten andere um Hilfe bitten."

„Das wäre nicht ratsam", zweifelte ihr Junges. „Zumindest nicht vor dem Kundschaften. Das, was du willst, ist in der normalen, wie auch in der magischen Welt verboten. Ich denke, Tante Glenn und auch Ma und Dad würden vielleicht helfen, aber ich will sie weder in Schwierigkeiten, noch in Versuchung führen."

„Und Schneebart?"

„Ich glaub nicht, dass wir ihm noch mehr schulden wollen. Er könnte es wahrscheinlich mit dem Schnippen eines Fingers, aber so sollte die Welt nicht funktionieren. Oder, Tikki?"

Sie war erstaunt, wie gut er lernte.

„Gehen wir in diese verschlossene Höhle", sagte sie, weil sie kein Wort für einen solchen Ort kannte. Bei den Menschen schien es dafür sogar mehrere zu geben. Was ein schlechtes Licht auf sie warf. Gefängnis, Zoo, Zirkus, Heim, Arrest, Arbeitsverhältnis, Lohnsklave – alles Laute der Menschensprache, die irgendwie schon unangenehm aus ihren Mündern klangen. Man musste sie nicht unbedingt verstehen.

„Lass uns frühstücken", schlug ihr Junges vor. „Wir haben nur zwei bis drei Stunden, bevor die Gäste aufwachen und Hunger haben."

Fragt Viel fand, dass essen – nach einer Nacht ohne Jagd – das Zweitbeste nach streicheln war. Natürlich tauschten immer dann die Prioritäten, wenn sie wirklich Hunger hatte, aber das war in letzter Zeit nie geschehen.

Sie nahm ihren Tribut für die durchwachte Nacht in Form zweier Eier entgegen und legte sich dann auf dem obersten Küchenschrank zur Ruhe. Ab und an hob sie den Kopf, nur um zu sehen, ob ihr Junges neben Nahrung zubereiten keinen Unsinn machte – oder ob nicht irgendeiner dieser Zweigfuchtler hier vorbeikam. Sie hatte lange gebraucht, ehe sie die Macht dieser Dinger wirklich begriffen hatte, und es war ihr noch schwerer gefallen, sich halbwegs anzupassen.

Es war draußen schon lange hell, als Langhaar, Halbgesicht und Schattenauge erschienen. Fragt Viel hatte vor einigen Tagen entschieden, dass inzwischen Schattenauge besser passte als Treu. Obwohl natürlich beides passte, war es doch inzwischen ihre Augen, die für Fragt Viel hervorstachen. Es war eine Unart der Menschen, Namen ohne wirkliche Beziehung zu ihrem Träger zu vergeben.

Die drei weiblichen Menschen nahmen, was ihr Junges an Nahrung zubereitet hatte und gingen damit die anderen Menschen füttern. Wenigstens hatte Fragt Viel dieses Konzept schon vor Jahren begriffen. Nahrung geben, um Nahrung und andere Dinge erhalten zu können. Verrückt, aber schließlich war die Erde auch gemein zu ihnen gewesen und hatte ihnen kein Fell, dafür jedoch Schnee gegeben. Kein Wunder, dass sie sich in Stoffe einwickeln mussten. Selbst Fragt Viel hatte den Wert einer Decke und eines Kamins im Winter schätzen gelernt.

„Rica", sagte ihr Junges schließlich beim Reinigen der Teller. „Tikki will, dass sie und ich in den Zoo gehen und einen Mungo da rausholen."

„Gut, kommt nicht so spät…wie bitte?"

„Tikki will…"

„Ich hab verstanden, was Tikki will."

„Warum fragst du dann?"

„Weil du die übliche Vorwarnung vergessen hast", lachte Halbgesicht, nachdem sie erst einmal ein wenig überrascht gewesen war. „Hat sie gesagt warum?"

„Keine Ahnung. Sie hat mir ja noch nicht einmal gesagt, wie sie darauf kommt. Du weißt doch, wie sie ist. Manchmal hat sie diesen bestimmenden Ton drauf, als würde ich ihr gehören."

Halbgesicht schaute misstrauisch zu ihr hinauf und in diesem Moment wusste Fragt Viel, dass die Schwester ihres Jungen nun erwachsen war. Ihr konnte sie jetzt nicht mehr befehlen, sondern höchstens noch um die Rangordnung ringen.

„Sie war immer für uns da", murmelte Halbgesicht nachdenklich.

„Sicher ist sie einsam", meinte ihr Junges, was Fragt Viel sofort und heftig abstritt. So ein hässliches und schwaches Männchen wollte sie nicht! Das durfte man seinen Kindern nicht antun.

„Okay – bist du halt nicht einsam und fühlst dich nur verpflichtet", verstand ihr Junges es richtig. „Das Ergebnis ist dasselbe – sie braucht zur Abwechslung mal meine Hilfe."

Einen Moment dachte Halbgesicht nach.

„Warum fragst du mich nicht, Tikki?", fragte sie dann.

„Weil du nicht helfen kannst", pfiff Fragt Viel.

„Sie meint, du bist beschäftigt genug", übersetzte ihr Junges falsch.

„Als ob sie das jemals interessiert hätte", zweifelte Halbgesicht zu Recht.

„Na ja – es war eher eine Interpretation als eine Übersetzung", grinste ihr Junges. „Aber im Endeffekt glaubt sie wohl, es wäre nicht schwierig."

„Ihr werdet keinen Unsinn machen?"

„Definiere Unsinn", bat ihr Junges schalkhaft.

„Holt Hilfe, wenn es gefährlich ist, und lasst euch nicht erwischen", sagte Halbgesicht schließlich.

„Wir dürfen in den Zoo?"

„Ja, verflucht. Was soll ich sonst sagen?", meinte Halbgesicht ungnädig. „Tikki hat uns so oft geholfen und uns beschützt, dass wir einfach mal dran sind. Und wenn sie dich dabei haben will, kann ich es ihr kaum verbieten."

„Mir könntest du es verbieten", sagte ihr Junges zu seiner Schwester.

„Ich habe nie ohne Tikkis Zustimmung gehandelt, Tarsuinn. Niemals!"

„Ich weiß", gestand er leise und lächelte zaghaft.

„Also geht schon", murmelte Halbgesicht. „Ihr braucht nicht meine Erlaubnis."

„Danke, Rica", murmelte ihr Junges und umarmte sie. Auch Fragt Viel sprang von ihrem Schrank auf die Schultern der beiden und schmuste ein wenig. Ein wenig hatte sie Gewissensbisse, aber sie hatte beide Kinder gut erzogen. Das jüngere direkt und das ältere mit mehr Freiheit, über sich selbst zu entscheiden. Halbgesicht war zu alt gewesen, um sie zu dominieren, und so hatte Fragt Viel einen anderen Weg gefunden. Für eine ihres Volkes vielleicht unüblich, aber Anpassung war die besondere Gabe der Älteren.

„So – und was jetzt?", fragte ihr Junges, nachdem sie die Falle namens Zoo verlassen hatten. Es war schon Abend und sie saßen auf einer Bank. Die ganze Zeit über hatte Fragt Viel in einem Beutel auf dem Rücken ihres Jungen verbracht und immer nur vorsichtig daraus hervorgelugt. Ihr hatte nicht gefallen, was sie gesehen hatte. Eingesperrte Völker, die von Menschen begafft wurden und größtenteils glücklich dabei waren. Oder zumindest gleichgültig. Sie bekamen zu fressen, es wurde alles für sie alles gereinigt und kein Feind bedrohte sie – die Völker hier waren quasi nicht mehr am Leben. Oder zumindest waren sie außerhalb davon gestrandet. Einzig die Gestreiften hatten noch so was wie Willen gezeigt und ständig die Gaffer auf ihren Geschmack und ihre Fähigkeit wegzulaufen eintaxiert. Die Menschen wären sicher nicht so begeistert von diesen wunderschönen Tieren gewesen, wenn sie das gehört hätten. Aber wie immer, hörten sie nicht zu.

Sie hatten auch den ihres Volkes gefunden. Er war in einer Höhle namens Indienhaus gewesen und – sie beschloss ehrlich zu sich selbst zu sein – in der Einsamkeit nahe dem Durchdrehen. Er hatte überhaupt nicht auf ihre Worte gehört, sondern war nur auf und ab gelaufen, bis ein Mensch erschien, ihn mit einem kleinen Pfeil betäubte und fortbrachte.

„Ich meine", fuhr ihr Junges fort. „Er machte keinen guten Eindruck."

Das war eine Untertreibung.

„Er wird nicht mehr lange überleben", präzisierte Fragt Viel. „Es ist nur eine Frage der Zeit. Er erträgt es nicht, eingesperrt zu sein."

„Kann ich nachvollziehen."

„Wir warten darauf, dass es dunkel wird, und holen ihn heraus."

„Und wie stellst du dir das vor?"

„Du fuchtelst einfach mit deinem Knochen."

„Guck mal, Mama. Der Junge redet mit seinem Wiesel", sagte ein kleiner Mensch.

„Man zeigt nicht mit nackten Fingern auf andere Menschen", tadelte eine schmallippige Frau.

„Aber das Tier antwortet ihm."

„Na und! Wir reden ja auch mit deinem Vater, diesem Drückeberger. Komm endlich weiter."

Die Frau zog ihr widerstrebendes Junges mit sich, das immer noch misstrauisch zu ihnen herübersah.

Ihr eigenes Junges lachte herzhaft.

„Manchmal sind die Erwachsenen die Dummen", sagte er, kraulte Tikki hinter den Ohren und schaute sie dabei seltsam an. „Und diesmal bist eventuell du das. Ich kann nicht einfach rumzaubern, das ist in den Ferien verboten."

„Und was war das vor einigen Tagen?"

„Da war Professor Lupin da und hat es erlaubt. Er meinte, es würde nicht auffallen."

„Dann fällt es heute auch nicht auf."

„Aber die haben doch sicher Kameras und Bewegungsmelder. Du weißt doch, was das für Dinger sind und was sie können. Wenn ich zaubere, ist das schon schlimm genug, wenn das jemand filmt, haben wir ein riesiges Problem."

Na ja. Fragt Viel gab es nicht gern zu, aber sie hatte nur das mit den Kameras begriffen, weil Halbgesicht es ihr mal deutlich vor Augen geführt hatte. Doch wie diese Bewegungsdings funktionierten…?

„Ich schütze dich vor den Kameras", versprach sie. „Überleg du dir etwas wegen der Bewegungsmelder."

Sowas nannten die Menschen Führungskunst. Im Grunde nichts anderes als das Abwälzen von Problemen. Sie war nicht so.

„Ich hab keine Ahnung, was ich mit diesen anderen Dingern machen soll", fügte sie deshalb hinzu.

Ihr Junges schwieg eine Weile versonnen. Die Zeit verging langsam und die Sonne verschwand hinter den Häusern. Noch war es aber noch sehr hell.

„Ich weiß nicht, ob ich das hinbekomme", sagte ihr Junges schließlich flüsternd. „Du weißt doch genau, wie das bei mir mit dem Zaubern läuft. Mal auf, mal ab. Und das, was funktionieren könnte, wäre ein völlig neuer Zauber. Willst du mir da wirklich vertrauen?"

„Ja!", sagte sie kurz angebunden. „Sobald es dunkel ist, gehen wir hinein."

„Wie du meinst. Vielleicht funktioniert ja Möglichkeit eins schon."

Da es bis zum Sonnenuntergang noch eine Weile hin war, kauften sie sich noch etwas zu essen. Für Fragt Viel gab es ein wenig Hühnchenfleisch und ihr Junges hatte sich vor allem süße Dinge aus diesem Haus mit den vielen Sachen geholt.

Sie warteten noch eine Weile, bis es dunkel war, dann lotste Fragt Viel ihr Junges wieder zurück zum Zoo. Vorsichtig mied sie einen dieser Herren mit den seltsamen hohen Kopfbedeckungen. Sie dirigierte ihn in den Schatten, den ein Baum dank der Straßenbeleuchtung warf.

„Bring uns über die Mauer!", befahl Fragt Viel und wies ihm auch die Richtung.

„Das ist zu hoch", murmelte er leise, nach einem kurzen Tasten.

„Nutze deinen Knochen, den statt einen Zweig nutzt", forderte sie ihn ein wenig ungeduldig auf.

„Aber ich darf…, ich kann doch nicht rich…"

„Tu es einfach!"

Es war seine Unsicherheit, die ihn nicht erwachsen werden ließ. Fragt Viel wusste, wo die grundsätzliche Ursache für seine Angst vor sich selbst lag.

Wenigstens vertraute und gehorchte er ihr. Aus dem kleinen, dünnen und schwarz bemalten Knochen schoss eine Ranke und blieb am oberen Rand der Wand kleben. Sie fand diese neue Fähigkeit sehr praktisch.

„Hat es funktioniert?", fragte er und tastete nach dem Seil.

„Perfekt", lobte Fragt Viel ihn. „Und jetzt bring uns hinüber."

Sie kletterte in den Beutel und wenige Momente später erreichten sie die andere Seite der Mauer. Das Seil löste er danach umgehend auf, damit es nicht jemand durch Zufall finden konnte.

„Findest du den deines Volkes, Tikki?", fragte ihr Junges.

„Ja", versicherte sie fest.

„Und du achtest auf Bewegungsmelder und Kameras?"

„Ja."

„Warne ihn bitte. Ich brauch sicher eine Weile, um uns vor den Meldern zu verbergen – falls es überhaupt funktioniert."

Fragt Viel unterdrückte ein genervtes Seufzen. Wann begriff er endlich, dass niemand und nichts ihm im Weg stand? Für die Fähigkeiten, die Menschen seiner Art hatten, gab es keine Grenzen, außer die eigenen.

Sie schlichen los. Einige seltsame, sehr große Vögel auf langen Beinen hoben den Kopf aus ihrem Gefieder und starrten misstrauisch herüber. Fragt Viel fauchte sie vorsichtshalber an und machte ihnen klar, dass es hier keinen Grund gab Territorium zu verteidigen. Als Fragt Viel jedoch das großen Eier sah, welches diese Vögel hatten, da war sie doch zwischenzeitlich der Ansicht, sie sollte demnächst noch einmal hier vorbeischauen. Ganz diskret und ohne weitere Begleitung.

Fragt Viel riss ihren Blick von dieser leckeren Ablenkung los, denn sie erreichten einen Zaun und ihr Junges brauchte ihre Hilfe. Sie gab ihm Anweisungen, damit er das Hindernis problemlos überwinden konnte, während sie locker durch eine Lücke marschierte.

Sie sah eines dieser Kameradinger, welches mit dem gläsernen Auge, den Weg entlang schaute. Vorsichtig führte sie ihr Junges genau unter dieses Ding und dann auf dessen Rückseite. „Eine kleine Mauer, dahinter ein Graben. Zwei Sprünge lang. Zwei tief. Harter, glatter Boden", sagte sie ihm.

„Der Elefantengraben", fragte er flüsternd. „Was sollen wir da drüben?"

„Es ist der Eingang in die Höhle", erklärte sie ihm geduldig.

„Aber sie haben ihn aus dem Indienhaus weggebracht. Was wollen wir noch da?"

„Fragen. Seinen Geruch aufnehmen."

„Wen fragen?"

„Die anderen hier. Glaubst du, nur ich kann sprechen?"

„Ich kann nur dich verstehen. Zumindest bilde ich mir ein, wir würden uns unterhalten."

„Zweifle nicht immer an dir!", wies sie ihn zurecht. „Und jetzt hör auf mich. Bring uns jetzt einfach da hinüber!"

Allein wäre dieser Sprung für Fragt Viel eine einfache Übung gewesen, da sie viel weiter springen konnte als die Normalen ihres Volkes, aber sie wollte, dass er die Verantwortung spürte. Er schien immer über sich hinauszuwachsen, wenn er für andere da sein musste und nicht groß nachdachte.

„Du hast gut reden", murrte er.

Wieder war das Seil die Lösung, nur dass es diesmal an beiden Enden verklebt werden musste und er sich hinüberhangeln musste. Schnell liefen sie über den Sand, den am Tag noch die Großen Grauen bevölkert hatten, da sie sich nähernde Schritte hörten.

Sie erreichten eine Tür und ein „Alohomora" ihres Jungen später, standen sie in einer großen Höhle, die widerlich stank. Die Großen Grauen konnten dafür natürlich nichts, denn es war nicht ihre Art, ständig an einem Ort zu verweilen oder gar in einer Höhle zu schlafen.

„Bleib hier stehen", sagte Fragt Viel und ging selbst zu einer der Grauen.

Sie wusste genau, welche von ihnen die richtige war.

„Große Grauen. Mutter der Herde. Erschafferin der Pfade und der Wasserlöcher. Wach auf und höre meine Bitte."

Zwei riesige Ohren wedelten unwirsch und die Augen des weisesten Weibchens öffneten sich langsam. Geradezu verwirrt schaute sie auf Fragt Viel hinunter.

„Lange schon habe ich diese Anrede nicht mehr gehört", trompetete die Graue.

„Das unendliche Gedächtnis der Grauen ist legendär", schmeichelte Fragt Viel höflich.

Die lange Nase der Grauen senkte sich langsam auf Fragt Viel hinunter und betastete sie.

„Ich habe nie geglaubt, dass es eine wie dich gibt", murmelte die Graue. „Sag mir, Ältere. Was hält das Leben für mich und meine Herde bereit?"

„Niemand von deiner Herde wird vor seiner Zeit gehen müssen", sagte Fragt Viel ausweichend. Jeder würde zu seiner Zeit gehen. Egal, ob man es zu früh nennen würde oder nicht.

„Ich verspüre den Drang zu wandern", fuhr die Graue fort. „Werde ich jemals wieder wandern?"

„Nein!", erklärte Fragt Viel hart, doch die trüben Augen der Anführerin zwangen sie, noch ein wenig mehr zu sagen. „Doch du wirst noch zwei gebären, die dich das Wandern vergessen lassen."

„Zwei weitere, die niemals wandern", sagte die Graue traurig.

„Die auch niemals hungern", versuchte Fragt Viel es anders. „Die nicht vor deinen Augen sterben werden, Mutter der Herde."

„Ist es das wert?"

„Ja", sagte Fragt Viel überzeugt. „Mein Junges da drüben hat es mir heut erklärt. Du bist hier, um die Menschen zu lehren, die deines Volkes nicht zu töten, sondern sich an der Schönheit…"

Hier übertrieb Fragt Viel ausnahmsweise stark.

„…und Erhabenheit der Grauen zu erfreuen."

Endlich schien sie den richtigen Ton getroffen zu haben. Ein wenig Leben war in den Augen der Anführerin zu sehen.

„Du hast ein Menschenjunges adoptiert, Ältere?"

„Er hat von mir gelernt und so weiß ich, die anderen Menschen können es auch."

„Beweis es mir!"

„Junges, komm bitte her!", sagte Fragt Viel zur Antwort. „Hab keine Angst."

Er kam zu ihr und stellte sich neben sie. Die Graue berührte ihn vorsichtig mit ihrer Nase. Ein wenig mulmig war Fragt Viel schon, denn ihr war nur zu gut bewusst, wie gefährlich die Graue sein konnte.

„Sein Auge ist leer", sagte die Graue.

„Menschen stahlen sein Augenlicht", erklärte Fragt Viel ehrlich. „Doch dadurch lernte er zu hören."

„Er riecht nach dir", urteilte die Graue. „Er ist dein Junges."

Ohne dass Fragt Viel ihr Junges dazu aufgefordert hatte, berührte dieses mit der Hand die Nase der Grauen. Ganz sanft, aber für einen Moment stockte ihr der Atem. Sie konnte die Reaktionen der Grauen hier nur schwer einschätzen.

„Ich habe eine Bitte", versuchte Fragt Viel abzulenken.

„Sprich", sagte die Anführerin und schien die Berührungen des Jungen zu genießen.

„Einer meines Volkes ist hier."

„Ich habe ihn gesehen. Die Menschen brachten ihn weg. Er wird sterben."

„Wohin brachten sie ihn?"

„Dahin, wo manche sterben und manche gesund werden."

„Wo ist das?"

Keine Antwort.

„Du weißt es nicht, oder?", erkundigte sich Fragt Viel.

„Die kleinen Völker werden woanders hingebracht."

„Hilf mir, Große Graue", bat Fragt Viel. „Du sagtest selbst, er wird sterben. Doch es ist noch nicht seine Zeit."

„Du bist eine Ältere, du musst es wissen."

„Ich weiß es."

„Dann frag die Gestreiften. Sie waren da und sind zurückgekehrt."

Ein furchtsames Zittern durchfuhr Fragt Viel einen Augenblick lang. Instinktive Erinnerungen ihres Volkes durchfluteten sie.

„Ich danke dir, Graue", sagte sie und riss sich krampfhaft zusammen. „Mögen dein W…, mögen deine Kinder gedeihen und deine Weisheit erben."

„Geht den kleinen seitlichen Weg, er führt euch zu den Gestreiften", sagte die Anführerin, schubste ihr Junges in die richtige Richtung und deutete zusätzlich auf eine menschengroße Tür.

„Ich danke dir."

„Ich bin nur die Anführerin meiner Herde, du bist eine Ältere."

„Unsere Leben sind ähnlich lang."

„Doch nur die Älteren verstehen."

Fragt Viel fand, dass die Graue seltsam war. Sie war viel zu nachdenklich für eine normale Graue und doch auch keine Ältere. Es war, als wäre ihr Geist auch eingesperrt.

Vielleicht war das gut so. So konnte die Graue die Traurigkeit ihrer Existenz nicht erkennen. Sie mochte etwas vermissen, aber solange sie nicht begriff, was es wirklich war, würde sie ruhig und gelassen ein sicheres Leben führen.

Es war besser zu gehen.

Sie nahmen den Weg, den die Graue ihnen gewiesen hatte – ihr Junges öffnete das Schloss – nach einigen erfolglosen Versuchen – und betraten einen relativ engen, gefliesten Gang. Es roch nach Fleisch, Früchten und Exkrementen. Doch relativ schwach.

„Das ist sicher ein Gang für die Pfleger", vermutete ihr Junges leise.

„Keine Kameras", ignorierte Fragt Viel diese überflüssige Information. Wichtiger war, dass sie die Gestreiften deutlich riechen konnte. „Komm!"

Wieder schlichen sie voran und einige Türen später erreichten sie die Falle, in der die Gestreiften eingesperrt waren. Schon deren Anblick stellte Fragt Viels Mut vor eine große Bewährungsprobe.

„Heh, ihr!", fauchte Fragt Viel möglichst arrogant. „Hauskatzen der Zweibeiner."

Sie bekam die Aufmerksamkeit zweier Gestreifter. Ein Männchen und ein Weibchen.

„Beute!", fauchte das Männchen.

„Vorlaute Beute", pflichtete das Weibchen bei.

„Tiger?", fragte ihr Junges besorgt.

„Sie können uns nicht erreichen", beruhigte Fragt Viel und schaute wieder die Gestreiften an.

„Hört mir zu!", fauchte sie. „Sagt mir, wohin sie die Kranken bringen!"

„Ich möchte sein Genick knacken hören!"

„Sein warmes Blut kosten."

„Ich bin eine Ältere!", fauchte Fragt Viel so mutig sie konnte. Die dicken Stäbe trugen einiges dazu bei. „Ihr werdet mir zuhören."

Das Männchen stierte sie ein wenig irritiert an. Den beiden Gestreiften fehlte eindeutig die Intelligenz der Großen Grauen. Sie waren Normale. Jäger. Gnadenlose Jäger, wenn sie Hunger hatten. Fragt Viel respektierte das, doch sie hatte auch Angst.

Es gibt keine Grenzen für eine Ältere, hörte Fragt Viel plötzlich die Lehren ihrer Mutter in ihrem Kopf.

Sie schluckte ihre instinktive Angst herunter und fixierte die Augen des Männchens.

„Gehorche mir", fauchte sie.

„Du bist Beute", kam die stumpfe Antwort.

„Erinnere dich an einen Ort der Schwäche", forderte Fragt Viel und versank tief im primitiven Wesen des Gestreiften. „Zeig ihn mir."

Der Jäger wollte zurückweichen, doch nun, da Fragt Viel keine Angst mehr hatte, konnte sie ihn festhalten.

„Ich bin eine Ältere, Beschützerin des Gleichgewichts. Teile deine Erinnerungen mit mir", summte sie mehr, als dass sie sprach.

Erinnerungen durchfluteten sie, rissen sie mit sich, ließen den Drang zu jagen übermächtig werden.

Sie schüttelte das fremde Wesen ab. Es war schon Ewigkeiten her, dass sie so etwas gemacht hatte, und noch immer hasste sie jeden Augenblick davon. Schon in einem Vertreter ihres eigenen Volkes war es nicht schön, aber der Geist eines Fremden ließ einen das eigene Wesen vergessen – wenn man nicht aufpasste. Aus diesem Grund durfte man dies auch nicht mit einem Menschen tun. Die Zweibeiner waren so auf sich bezogen und voller Lügen, dass sie alles beiseite drängten, das einen Blick auf die Wahrheit warf.

„Folge mir", sagte Fragt Viel und wandte sich ohne Dank von den Gestreiften ab. Die hätten das sowieso nicht begriffen.

„Wissen wir nun, wo wir hin müssen?"

„Ja!"

„Ich bin begeistert", log er und streichelte sie.

Dann schlichen sie weiter. Aus dem Bau heraus, durch den künstlichen Wald mit den Wegen, an den schlafenden und wachen Völkern vorbei. Sie mied menschliche Wächter, die Kameras und einige der Völker, die für ihre Warnrufe bekannt waren. Ein kleines Gebäude, weitab von den großen Wegen, war ihr Ziel.

Lange bevor sie es erreichten, erblickte Fragt Viel eines von den Dingern, vor denen Halbgesicht sie immer gewarnt hatte. Bewegungswächter oder wie sie hießen. Sie warnte ihr Junges.

„Wir brauchen einen Ort zum Verstecken", bat er. „Ich brauch ein wenig Zeit."

Sie führte ihn hinter einen dichten Busch, wo er sofort begann einige Süßigkeiten aus dem Beutel zu holen und zu essen.

„Dafür sind wir nicht hier!", tadelte sie ihn.

„Wart es ab", flüsterte er und lächelte kauend. „Du musst mir gleich helfen. Hoffentlich bekomme ich endlich mal das Wingardium Leviosa ordentlich hin!"

Immer wieder schob er Nahrung in seinen Mund, wobei er niemals schluckte, bis er kaum noch seine Kiefer richtig bewegen konnte. Dann nahm er eine große, rosa Masse aus dem Mund und begann daraus einen Fladen zu formen.

„Denkst du, das könnte den Bewegungsmelder überdecken?", fragte er.

„Ja", sagte sie nach einem kurzen Kontrollblick. „Möchtest du das dem Ding über das Auge kleben?"

„Yep."

„Aber wenn es Bewegungen sieht…?"

„Es sieht Bewegungen von Dingen, die wärmer als die Umgebung sind", erklärte er und knetete die rosa Masse. „Okay, Tikki. Dirigiere mich bitte."

Er nahm seinen Knochen, deutete auf die Zeug in seiner Hand und flüsterte: „Wingardium Leviosa!"

Es war für ihr Junges und auch für sie eine schwierige Aufgabe, dieses Zeug auf das kleine Ding am Haus zu kleben.

„Mit Kaugummis die kleben, kannst du die Sicherheit ausheben", murmelte ihr Junges angespannt zwischen den Zähnen. „Mal schauen, ob die Filme Recht haben. Wir können, Tikki."

Sie schlichen nun näher an das Haus heran und ihr Junges schien mit jedem Augenblick irgendetwas zu erwarten. Doch nichts geschah.

„Irgendwie habe ich das Gefühl, in mir steckt mehr von Ma und Dad, als ich gern wahrhaben möchte", flüsterte ihr Junges. „Das macht fast genauso viel Spaß wie in Hogwarts herumzuschleichen."

Fragt Viel beschloss, ihn später dafür zu tadeln. Eines nach dem anderen.

Die Tür stellte für ihr Junges kein Problem dar und sie schauten vorsichtig hinein. Ein weiterer dieser Wächter musste ausgeschaltet werden, dann eine Kamera umgangen. Schließlich hörte sie einen vertrauten Klang. Fragt Viel schlich vor und schaute um eine Ecke. Sie erblickte den ihres Volkes in einer kleinen Kiste, der unter schlechten Träumen zu leiden schien, und eine Menschenfrau, die versuchte, ihn mit Streicheln zu beruhigen. Ein freundlicher Versuch, aber untauglich bei einem Erwachsenen ihres Volkes. Eine solche Berührung wurde nicht als angenehm empfunden, wenn man sie nicht von Jugend an gewöhnt war oder die Anpassungsfähigkeit der Älteren hatte.

Die Frau war im Weg und musste dazu auch noch unauffällig entfernt werden. Obwohl – sobald sie den ihres Volkes befreit hatten, würde es sowieso nicht unbemerkt bleiben.

„Bleib hier", flüsterte sie ihrem Jungen zu, dann lief sie los. Sie brauchte eine Ablenkung und dazu musste sie nach einer suchen. Irgendwas zum Herunterwerfen ließ sich doch immer finden.

Die Gänge hier waren kalt und der Geruch penetrant. Als Halbgesicht im Sterben lag, war es ähnlich gewesen.

Wie sie feststellte, gab es hier genug, um es herunterzuwerfen. Sie konnte sich nur nicht gleich entscheiden, was am meisten Lärm machen würde. Wenn – dann sollte es sich auch lohnen. Als sie sich endlich für eine ganze Reihe von kleinen, seltsamen Fläschchen entschieden hatte, ließen sie leise Schritte sich hinter einem Tisch verstecken. Ein Mensch, der versuchte zu schleichen und es nicht konnte, näherte sich. Damit konnte es nicht ihr Junges sein.

Neugierig, aber auch ein wenig genervt, schaute Fragt Viel, was nun kam. Sie hoffte, ihr Junges würde sich auch verstecken, sobald es dieses Trampeltier hörte. Der Zweibeiner war ein Mann in weißer Kleidung, wie sie in diesen Heil- und Sterbehöhlen üblich war. Seltsamerweise hatte er aber nicht das an, womit die Menschen ihre empfindlichen Füße schützten. Wie ein Einbrecher schlich er durch die Gänge. Fragt Viel folgte ihm, damit sie eingreifen konnte, sollte er über ihr Junges stolpern. Doch diese Gefahr bestand nicht. Der Mann blieb an einer Kiste stehen, hob extrem vorsichtig einen Deckel hoch, nahm einen gegabelten Stock zur Hand und stieß diesen in die Kiste. Ein vertrautes Zischen war zu hören und Fragt Viels Nackenhaare stellten sich unwillkürlich auf. Hass durchflutete sie.

Langsam und vorsichtig, den Stock noch immer im Kasten, griff der Mann mit der anderen Hand hinein und zog kurz darauf den Flachkopf heraus, den Fragt Viel schon gehört hatte. Er hatte das gefährliche Geschöpf im Genick gepackt – da wo Fragt Viel auch ihren Biss anbringen würde – und hielt es so fest. Diese Menschen und ihre Hände, was die alles konnten. Doch diese Bewunderung schüttelte Fragt Viel ab, denn statt dem Flachkopf das Genick zu brechen, reizte der Mann die sich windende Todfeindin und machte sie immer wütender. Als selbst ein Mensch die Wut des Flachkopfes sehen konnte, stellte er das Reizen ein und schlich sich in die Richtung, aus der Fragt Viel gekommen war. Dieser Mann handelte seltsam. Er schlich an dem Gang vorbei, in dem sie ihr Junges zurückgelassen hatte, und erreichte den Raum, in dem die Frau saß, die nichts von alledem bemerkte.

Der Mann holte aus.

„Spring, Menschenweibchen!", schrie Fragt Viel ohne nachzudenken und sprang selbst vorwärts. Für einen Augenblick vergaß sie, warum sie da war und dass die Frau sie nicht verstehen konnte. Dementsprechend überrascht waren alle. Der Mann setzte seine Bewegung fort und schleuderte den Flachkopf auf die Frau zu, wobei er aber gleichzeitig versuchte sich nach Fragt Viel umzuschauen.

Die Frau hingegen fuhr zwar zu den Geräuschen herum und reagierte aber ansonsten in keinster Weise, sondern glotzte nur starr auf die Szene. Man konnte ihr den Schock nicht verdenken. Vor allem, wenn man bedachte, dass eben ein bissbereiter Flachkopf auf ihr landete, der sofort den Kopf nach vorn auf sie zu schnellen ließ – und von zwei zuschnappenden Kiefern abgefangen wurde. Fragt Viel konnte das Genick knacken hören. Bewundernd schaute sie den ihres Volkes an. Er mochte zwar nicht der Stärkste sein, aber seine Zähne waren schnell, scharf und sehr genau.

„Jason!", keuchte die Frau. „Was soll…"

„Mistviecher!", schrie der Mann wütend. Er schaute kurz von Fragt Viel zu dem anderen ihres Volkes, zog einen seltsamen Gegenstand hervor und deutete damit auf die Frau. „Egal. Lösen wir es halt so."

„Was hast du vor, Jason?", schrie die Frau entsetzt und voller Angst.

„Du willst mir mein Leben kaputtmachen, Helen", herrschte der Mann sie an. „Das lasse ich nicht zu. Leb w…!"

Stupor!", hörte Fragt Viel ihr Junges flüstern. Ein Blitz zuckte durch den Raum und der Mann brach in den Rücken getroffen bewusstlos zusammen.

Man konnte es kaum ein Wunder nennen, dass die Frau namens Helen nur mit offenem Mund dastand.

Fragt Viel kümmerte sich nicht um sie, sondern wandte ihre Aufmerksamkeit dem ihres Volkes zu, der in beunruhigender Weise den toten Flachkopf zerfetzte, ohne ihn zu essen.

„Helen. Richtig?", übernahm ihr Junges die Menschenangelegenheiten. Sein Zauberknochen war schon verschwunden. „Ich geh davon aus, dieser Mann wollte Sie eben umbringen?"

„Es hat ganz den Anschein!", stammelte die Frau. „Ich dachte, er liebt mich. Ich wollte doch nur…"

„Wissen Sie, mir ist das relativ egal", unterbrach ihr Junges kühl. „Damit sind Sie uns was schuldig."

„Ja – ähem – natürlich!", stotterte Helen und fing sich dann ein wenig. „Wer bist du denn überhaupt und was hast du hier zu suchen?"

„Ich wollte helfen", log ihr Junges ohne mit der Wimper zu zucken. „Durch Zufall hab ich den Plan von Jason mitbekommen, aber niemand bei der Polizei wollte mir glauben. Also bin ich ihm nachgeschlichen."

„Und was war das für ein blauer Blitz?"

„Ein Taserschuss. Fünfzigtausend Volt geben einen schönen Blitz ab, oder?"

„Dann – ja, ähem – danke. Aber was soll ich jetzt tun?"

„Da habe ich keine Ahnung", meinte ihr Junges. „Vielleicht sollten Sie die Polizei rufen – sobald wir weg sind."

„Sobald ihr…?"

„Ich und die beiden Mungos."

„Was? Wie? Das kann ich nicht zulassen", murmelte die Frau.

„Sie schulden uns was. Ich nehme den Mungo mit und sie erzählen niemandem etwas von mir."

„Aber ich kann doch nicht…"

„Ist das Ihr Leben nicht wert?", fragte ihr Junges mit eiskalter Stimme. „Sie können behaupten, der Mungo wäre Ihnen durch die Tür entwischt, die er offen gelassen hat. Außerdem wissen Sie sicher, dass der Mungo sterben wird, wenn Sie ihn hier weiter einsperren, oder etwa nicht?"

„Mag ja sein, dass er krank ist…", begann die Frau.

Er wird in Gefangenschaft sterben!", fauchte ihr Junges. „Hören Sie auf, sich selbst zu belügen. Ich habe lange Zeit in Asien gelebt! Ich kenne mich mit Mungos aus."

„Sie gewöhnen sich mit der Zeit…"

„Keine Diskussion", befahl ihr Junges und Fragt Viel war beeindruckt von der Selbstsicherheit in seiner Stimme. „Sie haben die Wahl. Entweder Sie zahlen Ihre Schuld jetzt gleich oder aber ich nutze den Taser auch für Sie und lasse das Schicksal entscheiden, ob Sie oder Jason zuerst aufwachen!"

„Du…du drohst mir."

„Ja, Ma'am", sagte ihr Junges. „Weil es mir sehr ernst ist."

„Du gehörst zu diesen militanten Tierschützern, nicht wahr?"

„Wer?", war ihr Junges einen Moment verwirrt. „Egal. Ich nehme den Mungo mit. Setzen Sie sich da drüben hin und überlegen Sie sich, was Sie der Polizei sagen wollen."

Ihr Junges näherte sich dem ihres Volkes, der inzwischen den Flachkopf in sämtliche Einzelteile zerlegt hatte.

„Wir müssen los, Tikki", flüsterte ihr Junges.

„Pass auf das Weibchen auf", befahl sie ihm und sprach dann den ihres Volkes an. „Du wirst mir jetzt folgen."

„Du stinkst nach Mensch!", zischte er voller Abscheu und wich vor ihr zurück.

„Daran wirst du dich gewöhnen. Wir bringen dich hier raus."

„Ich bin keines Menschen Schoßhund!"

„Er ist mein Junges, nicht mein Herr!", wurde Fragt Viel langsam wütend.

„Noch schlimmer! Du hast wohl vergessen, welchem Volk du angehörst!"

„Was weißt du von den Entscheidungen einer Älteren!", wies sie ihn zurecht. Leider stellte sich diesmal der gewünschte Effekt nicht ein. Die Antwort war eine extreme Beleidigung, die Fragt Viels Fähigkeit in Frage stellte, gesunde Junge zu gebären.

Sie sprang nach vorn und biss ihm ins Genick. Seine Reaktion war langsam und schwach. Fragt Viel ließ ihn ihre Zähne fühlen.

„Gehorche!", presste sie den Gedanken in seinen Kopf. „Gehorche, Ausgestoßener!"

Sie spürte, wie bei der Nennung seines Namens der Widerstand erlosch. Vorsichtig ließ sie ihn los. Er blieb mit dem Bauch auf dem Boden – ein Anblick des Unglücks. Bei dem, was er getan hatte um sich seinen Namen zu verdienen, kein Wunder.

„Ich folge keinem Menschen!", flüsterte er.

„Das musst du nicht", versuchte sie ihn zu besänftigen. „Niemand verlangt das von dir. Das Leben sagte mir, du sollst leben und vielleicht auch dieses Menschenweibchen."

„Du wirst mich gehen lassen?"

„Du solltest bedenken, dass dies nicht unsere Heimat ist. Ohne Hilfe wirst du verhungern."

„Ich kann jagen!"

„Die Völker hier kennst du nicht und es gibt hier eine Zeit, in der es kälter als im Winter bei uns ist. Viel kälter!"

„Tikki!", mischte sich ihr Junges ein. „Es wird Zeit. Nicht, dass der Typ hier aufwacht."

„Einen Moment, Junges", bat Fragt Viel ihn.

„Er versteht dich?", fragte Ausgestoßener erstaunt.

„Ja", sagte Fragt Viel, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. „Er ist mein Junges. Er wird dich in die Freiheit bringen."

„Dazu brauchen wir ihn nicht", sagte Ausgestoßener.

„Das zeigt nur, wie wenig du weißt. Nur mit ihm kommen wir hier raus, ohne unzählige Menschen zu alarmieren, die dich wieder einfangen. Wirst du mir gehorchen?"

„Ja, Ältere."

„Dann bleib an meiner Seite", befahl sie knapp. „Junges! Wir gehen."

„Okay, Tikki", sagte ihr Junges sofort. „Ma'am, wenn Sie einen Rat von mir annehmen – betäuben Sie ihn mit irgendetwas. Er wird nicht ewig bewusstlos bleiben."

„Du hast mit dem Mungo gesprochen, nicht wahr?", fragte die Frau atemlos.

„Ja", antwortete er ehrlich. „Aber wenn man Sie ernst nehmen soll, sollten Sie niemals behaupten, Sie hätten Dr. Dolittle getroffen."

„Nein, das sollte ich wohl nicht", entgegnete die Frau und lächelte zum ersten Mal freundlich. „Wie lange soll ich warten, bevor ich die Polizei rufe?"

„Eine halbe Stunde wäre wirklich nett", meinte ihr Junges und auch er machte ein freundlicheres Gesicht.

Dann wollten sie gehen.

„Ach, noch etwas", hielt die Frau sie noch einmal zurück. „Ich hab vergessen Danke zu sagen."

„Danken Sie uns, indem Sie niemandem etwas von mir sagen, bitte. Sie zu retten, ist eigentlich verboten. Verstehen Sie?"

„Die Erste Direktive?", lachte sie bemüht, ohne dass Fragt Viel den Bezug verstand.

„So in etwa", erwiderte ihr Junges, doch dann folgte er Fragt Viels Drängen.

Der Rückweg war sehr einfach, denn sie folgten einfach ihrer eigenen Fährte zurück. So mussten sie keine Bewegungswächter unschädlich machen. Als sie die letzte Mauer überquert hatten, gab es noch ein kleines Problem, als Ausgestoßener nicht in den Beutel ihres Jungen klettern wollte. Sie musste ihrem Befehl ein wenig geistigen Nachdruck verleihen, ehe er seine Angst vor einer Falle überwand.

„Bring uns zu einem Wald", befahl Fragt Viel von der Schulter ihres Jungen aus. Sie wusste, Ausgestoßener würde niemals in einer Menschenhöhle leben wollen und auch können.

„Okay, Tikki", meinte er und dann fuhren sie mit einem dieser großen, rollenden Transporthöhlen aus der Stadt hinaus.

Sie fuhren bis zu einem Dorf außerhalb der Stadt, verließen es zu Fuß und sobald sie außer Sicht waren, durfte Ausgestoßener aus dem Beutel heraus. Er wollte sofort davon stürmen, aber Fragt Viels Befehl hielt ihn zurück.

Sie wollte gerade noch einmal versuchen ihn zu überzeugen, dass er mit ihr kommen sollte, doch da fühlte und sah sie die silbernen Fäden auf sich zukommen. Sie umwickelten Ausgestoßener und lähmten ihn. Fragt Viel zerbiss die Fäden, welche für sie gedacht waren, tat aber so, als hätte man sie eingefangen. Diesen Trick hatte sie sich abgeschaut und sie hoffte so, ihr Angreifer würde sich jetzt zeigen. Es war ein wenig seltsam, dass ihr Junges nicht gelähmt worden war.

„Guten Abend, Tarsuinn", sagte eine männliche Stimme. Ein Umhang fiel zu Boden und ein völlig in Weiß gekleideter alter Mann – Hut, Umhang, Handschuhe, Hosen, Schuhe alles weiß – kam zum Vorschein. Bartlos, faltig und auf einen Stock gestützt, der sich unter dem Gewicht bog. „Ich muss sagen, ich hätte mir mehr von dir erhofft, als einen kleinen Dieb zu sehen."

Ihr Junges zuckte nicht einmal zusammen.

„Ich hab mich schon gewundert, wo die Aurore bleiben", sagte er leise. „Ich hab Sie früher erwartet."

„Du irrst dich, Tarsuinn", sagte der Mann und lächelte. „Ich bin kein Auror."

Fragt Viel roch, wie plötzlich Angst ihr Junges befiel.

„Wenn Sie kein Auror sind, was wollen Sie dann?"

„Mit dir sprechen", entgegnete der alte Mann. „Nur deshalb habe ich dein verantwortungsloses Herumgezaubere vor dem Ministerium verborgen."

„Sehr freundlich von Ihnen", sagte ihr Junges sarkastisch. „Ich denke, dafür muss ich mir jetzt irgendeine Predigt anhören?"

„Ich habe nicht das Gefühl, dies könnte bei dir etwas bewirken. Wahrscheinlich denkst du sogar, du wärst im Recht."

Ihr Junges reagierte nicht auf die schwache, nachsichtig vorgetragenen Provokation.

„Nun", fuhr der alte Mann nach einer kurzen Pause fort. „Im Grunde wollte ich dich wegen etwas ganz anderem sprechen."

„Was halten Sie davon, wenn Sie sich erst einmal vorstellen?", fragte ihr Junges kühl. „Sie wissen ja anscheinend, wer ich bin."

„Ich weiß sogar, was du bist."

„Ach, nee", warf ihr Junges sarkastisch ein.

„Und nur deshalb spreche ich mit dir. Ich möchte dir helfen und dir deine Bestimmung mitteilen."

Wieder hielt ihr Junges den Mund. Fragt Viel konnte erkennen, wie die Gedanken in seinem Kopf flossen und wie angespannt er war.

„Aber du hast Recht, ich sollte mich zunächst vorstellen. Meine Name ist Grigori Noiturspa und wir sind gleichen Blutes."

„Was Verwandtschaften angeht, sollten Sie wohl eher mit meinen Eltern sprechen."

„Das meinte ich nicht. Du und ich, wir beide stammen von dem Einhorn ab. Unsere Verbindung zueinander geht auf sie zurück und ist uralt. Keines meiner Kinder zum Beispiel teilte dieses Blut mit mir."

„Und deshalb wollen Sie von mir was?"

„Zunächst einmal, dass du mir glaubst", verlangte der alte Mann.

„Und wie soll das gehen?", zweifelte ihr Junges.

„Ein guter Weg wäre, wenn ich dir meinen Zauberstab gebe, nicht wahr?"

„Was soll mir das bringen?"

„Du wirst ihn ohne Schmerzen berühren können, genau wie ich den deinen berühren könnte."

„Wirklich?"

Fragt Viels Junges wirkte ungläubig und sehr misstrauisch.

„Wirklich!"

Der alte Mann hielt ihm einen silbernen, glänzenden Knochen hin. Sehr, sehr leise flüsterte Fragt Viel, was sie sah. Ein wenig war sie erstaunt, als sie zusah, wie ihr Junges, entgegen ihrer Erwartungen, zögerlich den Knochen berührte – und nichts geschah, außer dass er einen Moment die Augenlider schloss. Dann zog er hastig seine Hand wieder zurück.

„Okay", sagte er. „Sie haben einen der Unberührbaren Zauberstäbe. Tolle Sache. Echt. Es hat nur nichts zu bedeuten."

„Oh doch, das hat es, Tarsuinn", widersprach der Alte nachsichtig. „Es gibt nur zwei Arten von Menschen, die diesen Zauberstab berühren können – und die andere hätte schon längst versucht dich umzubringen."

„Sie können mir viel erzählen."

„Ja, auch das kann ich. Doch das will ich nicht, da du mir nicht glauben wirst. Ich möchte dir nur zwei Sachen geben und dich um etwas bitten.

Zum einen habe ich hier ein kleines Buch für dich. Es enthält nicht viel, doch es kann dir ein paar Fragen beantworten und gibt dir Anleitung für zwei wichtige Zauber, die du unbedingt erlernen musst.

Das zweite Geschenk ist eine Einladung in meine Schule. Sobald du die siebte Klasse in Hogwarts abgeschlossen hast, bist du mir hochwillkommen und ich werde dir alles beibringen, was du bis dahin nicht gelernt hast. Vor allem, wie du die Menschen gegen die verteidigen kannst, die einen unserer Zauberstäbe missbrauchen.

Zuletzt die Bitte. Wirf beides nicht weg, sobald ich gegangen bin. Zeige sie Professor Dumbledore und grüße ihn von mir. Er kennt mich, auch wenn er von unserem Geheimnis bisher nichts wusste. Auch kann er dir erzählen, wer ich bin und wenn er mich sprechen möchte, weiß er, wo er mich finden kann."

„Und eh ich ihn sprechen kann, haben die Flüche auf den Geschenken schon gewirkt", murmelte ihr Junges.

„Warum sollte ich mir die Mühe mit den Geschenken machen, wenn ich dich hier und jetzt verfluchen könnte?"

„Warum sind Sie nicht einfach zu uns nach Hause gekommen und haben an die Tür geklopft?"

Der alte Mann lachte herzhaft.

„Ein guter Punkt", gab er zu. „Ein wenig instinktlos von mir, das gebe ich zu. Aber ich war ein wenig enttäuscht, einen kleinen Dieb vor mir zu haben, und wollte deshalb gleich mit dir sprechen. Das ist nicht unser Weg."

„Es gibt nicht unseren Weg", stellte ihr Junges sofort klar. „Ich lasse mir nicht sagen, was ich zu tun habe."

„Es ist aber dein Schicksal, dem Zauberstab zu dienen. Dein Blut verlangt es."

„Ich messe dem Blut nicht unbedingt einen großen Stellenwert bei!", wehrte ihr Junges ab.

„Oh, bitte verzeih. Ich vergaß, dass in diesem Land eine solche Ausdrucksweise recht vorbelastet ist. Vielleicht hast du ja gehört, dass mein Akzent nicht gerade ein britischer ist."

„Ich glaube eher, dass Sie ein Brite sind, der versucht einen ausländischen Akzent nachzumachen."

„Das ist nicht so ganz richtig. Ich bin zwar Waliser, aber ich lebe seit über einhundert Jahren auf dem Kontinent. Wenn man seine Muttersprache nicht oft verwendet, dann schleicht sich immer ein Akzent ein."

„So wie bei Schwarzenegger?"

„Wie wer?"

„Ein Schauspieler. Ist aber auch egal."

„Nun, wenn es egal ist", meinte der alte Mann und richtete sich ein wenig auf. „Dann nimm das hier und wenn du dazu Fragen hast, darfst du mir Eulen schicken."

Ein kleines Paket wurde ihrem Jungen hingehalten – der es jedoch nicht ergriff.

„Wenn Sie mir etwas geben wollen, dann kommen Sie zu mir nach Hause", sagte er vorsichtig und Fragt Viel pflichtete seiner Vorsicht bei. Dieser alte Mann ließ ihre Haare vibrieren, wobei sie nicht sagen konnte, ob er nun eine Gefahr darstellte oder nicht.

„Ich bin ein alter Mann", sagte der Alte und ein gequältes, aber falsches Stöhnen entfuhr ihm.

„Sie sind ein Zauberer", widersprach ihr Junges abfällig. „Entfernungen bedeuten für Sie nichts. Schließlich haben Sie es ja auch vom Zoo bis hierher geschafft."

„Deine Lehrer haben dir beigebracht, nichts von Fremden zu nehmen. Das ist gut", nahm der alte Mann sein Geschenk wieder zurück. „Ich werde dich und deine Schwester in den nächsten Tagen besuchen. Du darfst natürlich einladen, wen du willst, wenn du dich dadurch sicherer fühlst. Ich denke aber doch, du weißt, wie unfreundlich manche Zauberer auf uns reagieren, vor allem wenn man wie du mit dem Wilden Talent zu kämpfen hat."

„Haben Sie das Problem denn nicht?", fragte das Junge dann doch interessiert.

„Nein. Es wird von Generation zu Generation immer seltener und es betrifft ja nicht nur uns."

„Ich weiß. Auch normale Zauberer haben manchmal diese leicht chaotischen Tendenzen."

„Die man mit der richtigen Anleitung unter Kontrolle bringen kann und wenn man das geschafft hat, dann ist man bereit für magische Feinheiten. Ich habe dich heute bei deinem Zoobesuch beobachtet. Du bist auf einem guten Weg deine Magie zu kontrollieren, aber wie du sie einsetzt, gefällt mir nicht."

„Solange Sie mich nicht beim Ministerium anschwärzen, ist mir das relativ egal."

„Du bist sehr unhöflich und uneinsichtig."

„Und Sie verstehen nicht."

„Dann versuch es mir doch zu erklären."

„Nein."

Einen langen Augenblick schaute der alte Mann sehr unfreundlich und Fragt Viel wappnete sich schon für irgendeine Aktion, als sich sein Gesicht wieder entspannte.

„Ich werde dir später noch einmal diese Frage stellen. Vielleicht in Gegenwart deiner Schwester."

Ihr Junges zuckte nur gleichgültig mit den Schultern.

„Machen Sie das", sagte er. „Aber jetzt wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie Ihren Fluch von den Mungos nehmen könnten, bevor Sie gehen."

„Wie du wünschst", sagte der Mann, trat ein paar Schritte zurück, wedelte kurz mit seinem silbernen Knochen und legte sich dann das Fell an, das ihn unsichtbar machte. Erst jetzt stellte Fragt Viel etwas überrascht fest, wie fast nicht wahrnehmbar der Geruch des Mannes war. So, als würde er kaum schwitzen. Dann gab es einen leisen Knall. Viel leiser als bei den meisten Zauberern, die Fragt Viel gehört hatte. War dies ein Zeichen von Können oder war er noch hier?

„Wartet hier!", befahl Fragt Viel.

Sie selbst machte sich auf und schnüffelte da, wo der Mann gestanden hatte. Seine Fährte endete da, aber es gab eine schwache Geruchsspur, die hierher führte. Er war ihnen wirklich gefolgt, ohne dass Fragt Viel ihn bemerkt hatte.

„Ich möchte gehen!", rief Ausgestoßener ihr zu. „Du hast gesagt, ihr würdet mich gehen lassen."

„Das bringt dich um", sagte Fragt Viels Junges. „Das hier ist nicht Indien!"

„Was hat der Zweibeiner gesagt?", fragte Ausgestoßener angeekelt.

„Er sagte, dies ist kein Dschungel, den du kennst", übersetzte Fragt Viel. „Er denkt, du wirst hier sterben."

„Ich sterbe in Freiheit…"

„Aber allein!"

„Ich werde andere des Volkes…"

„Du wirst hier niemanden finden!", unterbrach ihn Fragt Viel. „Begreif es endlich. Wir sind auf dieser großen Insel wahrscheinlich die einzigen Freien unseres Volkes!"

Für einen Moment starrte Ausgestoßener sie panisch an, doch dann wurde sein Blick wieder dunkel.

„Dann ist es halt so", sagte er kühl. „Dein Versprechen gilt."

„Ja."

Ohne ein weiteres Wort rannte er davon.

„Das überlebt er nicht, Tikki", flüsterte ihr Junges besorgt und kniete sich neben sie.

„Er hat sich entschieden", sagte sie nur dumpf. „Ich hätte ihm befehlen können, mit uns zu kommen, aber dann wäre es dasselbe gewesen, als wenn wir ihn in der Falle gelassen hätten."

„Du könntest mit ihm gehen", sagte er und Fragt Viel sah ihn schwer schlucken. Seine Stimme versagte fast. „Mit dir würde er überleben."

Ein wenig irritiert schaute sie ihn an. Begriff er denn nicht?

„Ich hab kein Interesse, ihn zu meinem Gefährten zu wählen!", erklärte sie noch einmal. „Außerdem habe ich auf dich zu achten."

„Aber du kannst ihn doch nicht sterben lassen."

„Er hat so entschieden."

„Aber du könntest ihm helfen", beharrte er. „Tikki, ich will dich nicht verlieren, aber er soll auch nicht wegen mir sterben."

Ein wenig war sie hin und her gerissen zwischen der Pflicht ihrem Volk gegenüber und der, die sie gegenüber ihrem Jungen hatte.

„Du könntest ihm beibringen hier zu überleben", fuhr ihr Junges fort. „Ich kann ja mal versuchen, ob ich ein paar Tage ohne dich auskomme."

Noch immer konnte sich Fragt Viel nicht entscheiden.

„Wie kommst du in unsere Höhle?"

„Ich schaffe das schon, Tikki. Keine Sorge. Der Weg zurück ist nicht sonderlich kompliziert."

Lange schaute sie ihn schweigend an. Er wirkte von sich überzeugt. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, ihn ein wenig aus ihrem Schutz zu entlassen, damit er sich selbst beweisen konnte. Sie spürte keine unmittelbare Gefahr für ihn voraus. Nicht solange…

„Spätestens, wenn die keuchende und dampfende Schlange dich in den großen Bau holt, werde ich wieder bei dir sein", versprach sie, kletterte auf seine Beine und drückte den Kopf gegen sein Gesicht. Er streichelte sie zum Abschied – dann lief sie in den Wald.

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Einige Minuten lang stand Tarsuinn still und allein im Wald. Er wusste, alles war richtig und doch hatte er das Gefühl etwas Wichtiges vergessen zu haben. Der Besuch im Zoo war es nicht, auch mit dem alten Zauberer hatte nichts zu tun.

Zögerlich machte er einen Schritt – und viel lang hin.

Genau! Das war es. Wie sollte er ohne Tikkis Hilfe eigentlich nach Hause kommen?

Für einen Moment dachte er daran nach Tikki zu rufen, denn sicher war sie noch nicht außer Hörweite, doch dann überlegte er es sich anders. Er hatte Snape gesagt, dass Tikki keine Krücke, sondern eine Hilfe war und das stimmte auch.

Leider hatte Tarsuinn niemals gelernt, wie man einen Stock benutzte um seinen Weg zu finden. Das bedauerte er zum ersten Mal in seinem Leben. Aber wozu war er denn ein Zauberer? In seinem Buch – Für das Auge, das nicht sieht – gab es einige möglichen Zauber, der aber noch nie geklappt hatte und seine letzte Übung darin war ja schon mehr als ein halbes Jahr her.

Ob das Ministerium es als Notfall ansah, wenn ein blinder Junge ganz allein war und die Orientierung verloren hatte? Innerlich zuckte er mit den Schultern. Zeit es herauszufinden.

Praemittere Patronum!", sagte er konzentriert und vollführte eine fast höflich anmutende Geste mit dem Zauberstab. Von der Theorie her sollte jetzt eine Art Abbild von Tarsuinns innersten Guten aus dem Zauberstab kommen und im dann vorausgehen und so sicher nach Hause geleiten. In der Praxis bekam er einen schmerzhaften Schlag in die Hand, wie er ihn seit langer Zeit nicht mehr erlebt hatte.

„Dann halt nicht", murmelte er genervt. Es war offensichtlich, dass der Autor seines Buches niemals an einen Zauberer mit dem Wilden Talent gedacht hatte, denn dazu fehlte die Beschreibung der richtigen Gefühle.

Er wechselte den Zauberstab in die linke Hand. Was jetzt? Den Vorhersagezauber würde er auch nicht hinbekommen, auch wenn es praktisch gewesen wäre. Ein Zauber, der mit einem unangenehmen Kribbeln an der entsprechenden Stelle eine Sekunde vorher einen Schmerz vorhersagte war schon recht praktisch, aber laut Buch auch nur für Könner geeignet und außerdem illegal bei Sportspielen. Einen anderen Zauber, der seinen Zauberstab zu einem langen Stock machte und der dann wie ein Metalldetektor piepte, kannte er zwar und hatte ihn auch schon ein oder zweimal hinbekommen, aber hier war niemand, der seine vielen Misserfolge wieder rückgängig machen konnte. Außerdem hatte er ja schon einen Taststock aufgrund seiner Inkompetenz auf diesem Gebiet als Möglichkeit ausgeschlossen. Ob er nun piepte oder nicht, dass machte ohne Übung halt keinen Unterschied.

Eine weitere Möglichkeit für ihn war dann noch seinen Schutzgeist zu rufen, aber das wollte er nicht. Er kannte zwar die Beschwörungsformel und er mochte auch das Einhorn, was daraufhin erschien, aber laut Winona war dies nur eine Inkarnation seines familiären Unterbewusstseins. Und genau das schreckte ihn ab. Er mochte keine inneren Stimmen und zog es vor, wenn sie still blieben.

Delphinus sensus!", versuchte er einen Zauber, der eigentlich nur unter Wasser angewendet werden sollte. Dabei dachte er daran, wie es war mit einem Wassermenschen zu schwimmen und anscheinend erzeugte dies genau das richtige Gefühl. Doch die Auswirkungen des funktionierenden Zaubers waren fast noch schlimmer, als die des fehlgeschlagenen. Als wäre etwas in ihm erwacht, dass alle Sinne auf einmal überlagerte. Seine Ohren hallten von einem stetig an und abschwellenden Fiepen, Wellen von Hitze liefen über seine Haut, die Luft stank und in seinem Kopf bildeten sich Formen, wie in seinem Träumen, aber sie pulsierten. Mal waren sie schmerzhaft hell, mal fast nicht zu sehen und im Grunde glaubte er alles um sich herum zu sehen. Es war einfach zu viel für ihn.

Humanus sensus!", brach er den Zauber gerade noch ab, bevor ihm die Sinne schwanden und riss den Arm wie vorgeschrieben in die Höhe.

Es knallte laut neben ihm.

„Willkommen im Fahrenden Ritter, dem Nottransporter für

gestrandete Hexen und Zauberer…", begrüßte ihn einen Stimme.

Hätte Tarsuinn geahnt, was jetzt auf ihn zukam, vielleicht hätte er es weiter allein versucht.

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