4. Kapitel

Narcissa hörte das Feuer im Kamin rauschen und lief aus der Küche ins Wohnzimmer. Ihr Sohn trat gerade schwankend aus dem Kamin. Erschrocken sah sie, dass sein Gesicht voller Blutergüsse und notdürftig geheilten Platzwunden war. Als er nun einen Schritt in das Zimmer machte, fiel ihr auf, das er versuchte sein linkes Bein nicht zu belasten.

Sie hatte ängstlich auf seine Rückkehr gewartet, weil sie mit so etwas gerechnet hatte. Irgendjemand würde seine Frustration an einem Malfoy abreagieren wollen. Aber das man ihn im Ministerium angegriffen hatte, erschreckte sie zu tiefst.

„Draco! Was ist passiert?"

Er sah sie gezwungen lächelnd an. „Jemand hat mich für Vater gehalten." Sie sah ihn erschrocken an. Für sie hatte er nie Ähnlichkeiten mit seinem Vater gehabt. Er war ihr kleines Baby – das würde er immer bleiben. Lucius war ... nun ja, eben Lucius.

Sie zog Draco zum Sofa und begann sofort Heilungszauber über seine Wunde zu sprechen. Zwischendrin fragte sie: „War denn niemand da, der eingegriffen hat? Das kann doch nicht sein! Im Ministerium sind doch Unmengen an Sicherheitsleuten und Auroren! Und das keiner einen Heilungszauber ordentlich wirken kann – eine Schande, was heutzutage im Ministerium arbeitet!"

„Sicherheitsleute haben geholfen. Ich wollte nicht länger im Atrium bleiben als notwendig, daher habe ich sie gebeten, nur die Blutungen zu stoppen."

Narcissa sah ihn prüfend an. Er war erwachsen, er musste diese Dinge selber entscheiden. „Was ist mit deinem Bein?"

„Ich weiß nicht genau. Aber es fühlt sich nichts gebrochen an." Er zog seine Robe aus und dann sein Hemd. Narcissa zog erschrocken die Luft ein. An seiner Hüfte zog sich ein Bluterguss bis fast zur Achselhöhle und sie war sich sicher, dass er auch bis weit in den Oberschenkel reichte. Kleinere Flecken waren über seinen ganzen Oberkörper und an den Armen verteilt.

„Was genau ist passiert?" Fragte sie scharf. Draco schüttelte nur den Kopf. „Du regst dich dann nur unnötig auf. Und es ist nun mal passiert – jetzt lässt sich nichts mehr daran ändern."

Stumm begann sie mit den Heilungszaubern an seinem Oberkörper. Sie fand neben den Flecken auch kleinere, weiße Narben. Er würde ihr wohl nie erzählen, wie er an diese gekommen war, wenn er ihr von den heutigen Ereignissen nichts erzählen wollte.

Andere hatte sie selber geheilt, damals als der Dunkle Lord bei ihnen gelebt hatte.

Sie musste feststellen, dass sie ihren eigenen Sohn nicht mehr kannte. Er war ihr fremd geworden. In den Tagen, in denen er nun hier wohnte, war er die meiste Zeit auf seinem Zimmer. Jedes Mal, wenn sie zu ihm ging, um ihn zum Essen zu rufen, saß er am geöffneten Fenster und sah hinaus. Egal bei welchem Wetter, egal zu welcher Uhrzeit. Er schien kaum zu schlafen.

Manchmal setzte er sich zu ihr ins Wohnzimmer. Dann starrte er stundenlang stumm in die Flammen des Kamins. Wenn sie versuchte ein Gespräch mit ihm zu führen, merkte sie nach kurzer Zeit, dass es automatisch in einen Monolog ihrerseits endete.

Sie war froh ihn hier zu haben, aber es machte ihr auch ein wenig Angst. Sie wusste nicht, was sie mit ihm machen sollte. Seine Stille machte sie nervös. Miss Granger hatte ihr einige Bücher gegeben, in denen Fälle von Menschen beschrieben wurden, die lange Zeit in einem Gefängnis gelebt hatten.

Darin war oft von unvorhersehbaren Gewaltattacken die Rede gewesen. Draco hätte nie die Hand gegen sie erhoben, aber was wusste sie denn jetzt von ihm?

Sie seufzte unbewusst. Dann richtete sie sich auf. Die blauen Flecken waren verschwunden. „Ich habe das Essen fertig. Komm in die Küche, dann können wir essen."

ooo

Schweigend setzten sie sich an den Küchentisch und Narcissa füllte die Teller mit einem Eintopf. „Ich weiß, die Frage klingt merkwürdig – aber kochst du alle Mahlzeiten?"

Narcissa sah erstaunt von ihrem Löffel auf. „Aber ja doch! Wer sollte denn sonst kochen?"

Eine leichte Röte überzog Dracos Wangen. „Naja, früher hast du nie gekocht oder irgendetwas im Haushalt gemacht."

Narcissa lachte. Mittlerweile hatte sie gelernt, über solche Dinge zu lachen. Sie war sehr stolz darauf, dass sie nun alles alleine schaffte. „Schatz, früher hatten wir Hauselfen. Aber ich konnte schon immer kochen. Als Tochter aus gutem Hause hat man das von mir erwartet – sonst hätte ich die Elfen ja nicht anweisen können."

Draco nickte. Er schluckte schwer. „Mutter, die ... ich habe heute mein Vermögen vorgelegt bekommen. Oder zumindest das, was man mir wieder zurückgeben wird. Die Frau vom Ministerium hat gesagt, Vaters ganzes Vermögen wurde konfisziert und an die Opfer der Todesser vergeben, oder so etwas."

Er sah von seiner Suppe auf. Narcissa nickte. „Ja, man hat deinen Vater nach der Schlacht gleich weggebracht. Aber das weißt du ja. Ich wurde auch zuerst in Gewahrsam genommen. Aber noch am gleichen Abend kam Harry Potter und sprach sich für mich aus. Allerdings durfte ich nur für wenige Tage in unser Manor zurück. Dann kamen Leute aus dem Ministerium. Sie haben mir Papiere vorgelegt. Alles, was deinem Vater gehört hatte, wurde konfisziert. Mir blieb nur, was mir persönlich gehörte. Das war meine Mitgift, einiges aus unterschiedlichen Erbschaften und mein Schmuck. Einige Möbel hat man mir zugestanden."

Sie rührte gedankenverloren in der Suppe. „Ohne Andromeda hätte ich nicht gewusst, was ich tun sollte. Ich habe zuerst in einer Pension gewohnt. Aber das war sehr kostspielig und die anderen Pensionsgäste waren nicht sehr freundliche zu mir. Andromeda hat mich dann dazu gebracht, mir ein Haus zu suchen. Und dann haben wir dieses Cottage gefunden."

Sie sah auf und Draco konnte das warme Strahlen in ihren Augen sehen. „Ich mochte es sofort. Die Rosen am Eingang und der kleine Garten ... das war zu schön, um wirklich für mich zu sein. Das Haus hat einer alten Muggeldame gehört. Sie war so nett. Ihr Mann war gestorben und sie wollte zu ihrem Sohn und seiner Familie ziehen.

Mein Geld hat gereicht das Haus zu kaufen und es wird auch noch eine Weile reichen. Aber ich brauche nicht viel." Sie lächelte wieder.

Draco sah seine Mutter erstaunt an. Früher hätte sie über das Haus die Nase gerümpft und es als heruntergekommen bezeichnet. Sie hatte monatlich mehr Geld für neue Roben und Schuhe ausgegeben, als eine normale Familie im Jahr für den Lebensunterhalt ausgab. Nun 'brauchte sie nicht viel'? Seine Mutter hatte sich sehr verändert.

Sie war offener. Ihr Gesicht zeigte mehr Emotionen. Sie schien wärmer – die Eiskönigin schien aufgetaut. Er mochte sie. Sie war wie die Mutter, die er nur einen Sommer lang erlebt hatte, sich aber immer zurückgewünscht hatte. Damals als sie ohne seinen Vater in Frankreich am Meer Urlaub gemacht hatten.

Er strahlte sie über das ganze Gesicht an. „Du hast dich wirklich verändert!" Sie lachte wieder. Vollkommen ungezwungen und herzlich. Ein Geräusch, das er seit damals nie wieder gehört hatte. „Ja, das glaube ich! Ich kann es selbst manchmal nicht glauben, aber ich bin viel zufriedener, als ich je gehofft hatte zu sein."

Spontan stand Draco auf, lief um den Tisch und küsste seine Mutter auf die Wange. Erstaunt stellt er fest, als er wieder an seinem Platz saß, dass seine Mutter Tränen in den Augen hatte.

ooo

Narcissa war in diesem Moment mehr als nur zufrieden – sie war glücklich! Sie würden das gemeinsam in den Griff bekommen. Bei ihr hatte es auch lange gedauert, aber nun war sie mit ihrem Leben zufrieden. Draco würde das auch schaffen. Ohne die drohenden Schatten von Voldemort und Lucius würde er zu dem Mann werden, den sie sich immer als Sohn gewünscht hatte!