Sally

Dwight blieb stehen und folgte Neas Blick. Dort, nur wenige Meter vor ihnen kreuzten menschliche Fußabdrücke den schmalen Pfad, der sie gerade eben erst hergeführt hatte. Die Schrittweite war riesig, es musste sich also um eine große Person handeln.
„Waren die vorhin auch schon da?", fragte Nea nervös und Dwight schüttelte den Kopf. „Nein, nein ich glaube nicht. Verdammt, ich weiß, dass die vorhin noch nicht da waren. Die hätten wir doch sehen müssen."
Dwight und Nea kannten beide nur eine einzige Person, die barfuß und mit solchen Schritten durch den Wald lief.
„Aber sie muss uns doch gesehen haben", wunderte sich Nea und spähte zwischen die Bäume: „Wir waren gerade mal eine halbe Minute in Jakes Hütte. Es kann nicht sein, dass sie uns nicht entdeckt hat."
„Woher willst du das wissen?", erwiderte Dwight: „Vielleicht haben wir gerade Schweineglück gehabt."
„Du hast recht, lass uns abhauen", beschloss Nea und machte bereits Anstalten loszulaufen. Doch Dwight zögerte. „Was ist denn los, Dwight? Komm schon! Oder willst du, dass die Jägerin uns kriegt."
„Was, wenn sie Jake hat?"
„Was…"
„Vielleicht steckt er in Schwierigkeiten", sagte Dwight und folgte mit seinem Blick den Spuren, bis sie im Dickicht verschwanden. „Vielleicht braucht er unsere Hilfe."
„Dwight, wir sind nicht mehr im Nebel", rief Nea, allerdings mit gedämpfter Stimme: „Wenn sie uns kriegt, dann war´s das."
„Mit ihm aber auch", konterte Dwight und klang dabei wagemutiger, als er sich fühlte: „Wenn jemand weiß, wie man Menschen aus den Klauen von blutrünstigen Psychopathen befreit, dann wir. Für Jake könnte jede Minute zählen."
„Woher weißt du überhaupt, dass sie Jake hat?", wollte Nea nun wissen: „Dwight, das ist Wahnsinn. Wir sind gerade erst rausgekommen. Dwight, bitte!"
„Ich weiß es nicht. Deshalb müssen wir uns ja vergewissern", antwortete Dwight: „Sie hat uns offenbar nicht gesehen, sie hat also keine Ahnung, dass wir hier sind. Das ist unser Vorteil." Dwight straffte die Schultern und beschloss: „Ich gehe jetzt da rein" Dann setzte er sich in Bewegung. Nea verharrte unentschlossen. Sie schaute Dwight hinterher, der den Spuren der Jägerin folgte. Dann blickte sie den Pfad entlang, nur um sich kurz darauf wieder Dwight zuzuwenden, der sich bereits mehrere Meter von ihr entfernt hatte. Nea unterdrückte einen Wutschrei und stampfte stattdessen frustriert mit dem Fuß auf den Boden, bevor sie eilig Dwight hinterherlief.
„Wenn wir sterben, ist alles deine Schuld", flüsterte sie ihm zu, der Absurdität ihrer Worte vollkommen bewusst. Dwight erwiderte nichts, denn sie hatten nun die letzten Meter bis zur Waldgrenze zurückgelegt. Gleich würden sie ins Halbdunkel eintauchen und sich zurück in die Höhle des Zyklopen begeben, aus der sie gerade erst entkommen waren. Nea warf ein Blick über die Schulter und sah die untergehende Sonne am Horizont. Dann drehte sie sich wieder nach vorne. Dwight schlängelte sich derweil zwischen den Bäumen hindurch, stets darauf bedacht die Fußspuren nicht aus den Augen zu verlieren. Es war nicht schwer, der Jägerin nachzustellen. Bei ihren Streifzügen durchs Unterholz ging sie nicht gerade behutsam vor und man konnte klar erkennen ,wo sie durchs Buschwerk gebrochen war. Abgebrochene Zweige lagen am Boden und säumten die Spur der Fußabdrücke, die Dwight und Nea immer weiter in den Wald hineinführte. Es dauerte eine ganze Weile, in der sie einfach nur der Fährte folgten, doch irgendwann stieg Dwight ein vertrauter Geruch in die Nase. Nea schien ihn auch wahrzunehmen und die beiden wechselten einen Blick.
„Sind wir wieder zurück?", fragte Dwight. Nea sah nach oben und lauschte auf die Geräusche des Waldes. Sie konnte die Baumwipfel im Wind schaukeln sehen und klar vernehmlich war irgendwo ein Specht ans Werk gegangen. „Nein", antwortete sie: „Wir sind immer noch in der realen Welt. Aber irgendjemand hat hier ein Lagerfeuer angezündet."
Dwight sah nun nach vorne und spähte zwischen den Bäumen hindurch. Die Sonne war mittlerweile beinahe vollständig untergegangen, weshalb der schwache, orange Schein im Dickicht immer deutlicher hervortrat. Er machte Nea auf das Feuer aufmerksam, woraufhin sie nickte und in Deckung ging.
„Wir müssen näher ran", sagte die Schwedin: „Von hier aus sehen wir gar nichts."
„Du hast recht", antwortete Dwight: „Das alles war meine Idee. Du bleibst hier, ich versuch mich anzuschleichen und die Lage auszukundschaften." Nea zog daraufhin die Augenbrauen nach oben und schenkte Dwight einen abschätzigen Blick. „Bleib ja hier. Du weißt vielleicht, was zu tun ist, aber im Tun selbst warst du leider nie der Beste."
Dwight wollte bereits protestieren, doch Nea brachte ihn mit einem auf ihre Lippen gelegten Zeigefinger zum Schweigen. Dann sah sie zum Lagerfeuer hin, das in der Ferne munter vor sich hin brannte. Aus der Distanz war niemand zu sehen, aber das musste nichts heißen. Vielleicht lag Jake verletzt oder gefesselt hinter irgendeinem Baum. Vielleicht fungierte das Lagerfeuer auch als Köder für eine Falle. Nein, dachte Nea, so arbeitete die Jägerin nicht. Sie setzte ihrer Beute nach und brachte sie in wilden Verfolgungsjagden zu Fall. Sie wartete nicht im Hinterhalt.
„Nea, hör mal…", setzte Dwight bereits an, doch sie brachte ihn erneut zum Schweigen. „Pst. Keinen Ton jetzt. Ich gehe näher ran. Du rührst dich nicht vom Fleck, es sei denn die Jägerin entdeckt dich hier. In dem Fall lenkt sie ab und lauf so schnell du kannst."
Mit diesen Worten trat Nea von dem Baum hervor, hinter dem sie Schutz gesucht hatte, und pirschte sich an das Lagerfeuer heran. Dabei nahm sie nicht die direkteste Route, sondern versuchte ihre Schritte so zu setzten, dass sie immer wieder hinter Sträuchern und Büschen verschwand. Die Jägerin sollte sie nicht kommen sehen. Nach einer guten Minute hatte sie einen Großteil der Strecke zurückgelegt und kniete sich wieder hinter einen Baum hin. Die Äste der Pflanze reichten bis tief auf den Boden und boten hervorragenden Sichtschutz. Vorsichtig zog Nea einen der Zweige beiseite und warf einen Blick in Richtung des Lagerfeuers. Sie konnte die große Gestalt der Jägerin nirgends entdecken und auch Jake war nicht zu sehen. Stattdessen saß eine etwas kleinere, gebeugte Figur auf einem Baumstumpf und wärmte sich die Hände an den Flammen. Sie trug ein altmodisches weißes Kleid, über den Kopf hatte sie einen Kissenbezug gestülpt und neben ihr lag eine alte, rostige Knochensäge.
Die Krankenschwester ist auch da, dachte Nea und fluchte innerlich. Dwight war derweil in Deckung geblieben und hatte seiner Kameradin zugesehen, wie sie sich an das Lagerfeuer herangeschlichen hatte. Unbewusst hatte er wieder begonnen an seinen Nägeln herumzubeißen und nervös verlagerte er das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Dann hörte er jemanden durchs Unterholz brechen. Mit stampfenden Schritten kam eine Gestalt hinter Dwight zum Vorschein und als er sich umdrehte, sah er sich plötzlich dem eiskalten Blick der Jägerin ausgesetzt. Diese schien ebenso überrascht zu sein, wie Dwight selbst, denn sie hielt kurz inne. Einen Moment lang starrten sich die beiden wortlos an. Dann ließ die Jägerin das Holz fallen, das sie unter ihrem linken Arm getragen hatte und fasste mit beiden Händen ihre Axt. Dwight wusste, dass es nun an der Zeit war, die Beine in die Hand zu nehmen.
Krachend rannte er los und stürmte durch Büsche und Sträucher hindurch. Die kleinen Äste und Zweigen blieben an seinen Kleidern hängen und rissen Schrammen in seine Haut, doch das war im Moment egal. Er musste entkommen. Fliehen. In panischer Angst sprang er über einen Stein und hörte wie die Jägerin einen wütenden Schrei ausstieß. Mit polternden Schritten nahm sie die Verfolgung auf und kam schnell näher. Unter keinen Umständen durfte sie ihn erwischen. Er war nicht mehr im Nebel und der Tod in der realen Welt war endgültig.
Am Lagerfeuer hatten sowohl Nea als auch die Krankenschwester den Schrei gehört und beide drehten sich um, die Krankenschwester überrascht, Nea erschrocken. Zum Glück war die Schwedin gut versteckt, ansonsten wäre sie wohl auch entdeckte worden. Mit wachsender Panik sah sie Dwight heranhetzen, die Jägerin dich auf den Fersen. Er rannte direkt auf das Lagerfeuer zu und die Krankenschwester folgte ihm mit fragendem Blick. Dwight versuchte einem tiefhängenden Ast auszuweichen, was ihm auch gelang, doch dafür stolperte über eine Wurzel, die er nicht gesehen hatte. Mit einem Aufschrei stürzte er und fiel direkt neben der Krankenschwester auf den Boden, die sich hastig erhob. Dann betrachtete sie Dwight für einen Moment, legte den Kopf schief und blickte dann zur Jägern. Diese kam bereits mit erhobener Axt herangestürmt, bereit den Schädel des Jungen zu spalten. Nea konnte nichts tun und saß hilflos in Deckung. Mit vor Schreck geweiteten Augen verfolgte sie die Ereignisse.
Ein Geräusch wie von einem Windstoß knallte durch die Luft und Dwight wurde einen Meter nach links geschleudert. An seinen Platz stellte sich die Krankenschwester und streckt die Hand in Richtung der Jägerin aus. Jeden Moment würde die Axt ihren Kopf treffen und vom Körper trennen, dachte Nea. Doch die Jägerin bremse abrupt ab und hielt mit erhobener Waffe inne. Die Krankenschwester schüttelte den Kopf und zum ersten Mal hörte Nea sie sprechen: „Nein"
Dann wandte sich die Killerin Dwight zu, der auf dem Boden kriechend nach seiner Brille gesucht hatte. Als er sie gefunden hatte, setzte er sie sich hastig auf die Nase und schaute sich panisch um, sichtlich erstaunt noch nicht tot zu sein. Über sich gebeugt konnte er die gesichtslose Maske der Krankenschwester erkennen. Hinter deren Schulter war die Jägerin zu sehen, die bedrohlich knurrte als sich ihre Blicke kreuzten. Dwight versuchte sich panisch vor den Monstern davonzuschieben, doch er spürte bald das Lagerfeuer im Rücken. Es gab keinen Ausweg. Aus den Augenwinkeln konnte er Nea sehen, die hinter einem Busch verborgen die Szene verfolgte.
Die Krankenschwester versucht nun Dwight die Hand zu reichen, offenbar um ihm aufzuhelfen. „Ganz ruhig, wir wollen dir nichts Böses", sagte sie dabei mit einer kratzenden und tonlosen Stimme. Dwight starrte nur auf die ausgestreckte Pranke der Killerin und wusste schwer atmend offenbar nicht was er tun sollte. Die beiden verharrten für einen Moment, dann zog die Krankenschwester ihre Hand zurück. Langsam schwebte zurück zu dem Baumstamm, auf dem sie vorher gesessen hatte, und ließ sich darauf nieder. Nea konnte ein oranges Licht in ihrer Handfläche erkennen, das erlosch, als sie die Finger zur Faust schloss. Die Jägerin hatte währenddessen Dwight nicht aus den Augen gelassen. Sie ließ ein weiteres aggressives Knurren hören, das Dwight zusammenzucken ließ und wandte sich schließlich von ihm ab. Scheppernd ließ sie ihre lange Axt zu Boden fallen und ging zurück in den Wald, eben jenen Weg entlang, den sie und Dwight gerade eben genommen hatten. Dabei marschierte sie direkt an Nea vorbei und die Schwedin hielt mit rasendem Herzen die Luft an. Einen Augenblick später schaute sie wieder zu Dwight, der immer noch am Boden lag und die Krankenschwester nicht aus den Augen ließ. Die hatte derweil die Hände in den Schoß gelegt und musterte Dwight mit schiefgelegtem Kopf.
„Warum bist du in den Wald zurückgekommen?", fragte sie nach einer Weile. Dwight löste sich nun aus seiner Starre und rappelte sich unbeholfen auf. Er wich einige Schritte zurück, doch er rannte nicht mehr davon. Die Krankenschwester schien auch kein Interesse daran zu haben, ihn in irgendeiner Weise aufzuhalten. Sie schaute ihn einfach nur fragend an.
„Ich… Wir…", stammelte Dwight, doch er brachte keinen zusammenhängenden Satz hervor. Nea biss sich auf die Zunge. Warum nahm Dwight das Wort Wir in den Mund. Die Killer wussten doch nicht, dass sie auch hier war.
„Ich habe… habe nach einem Freund gesucht", sagte Dwight nun und klopfte sich den Staub von den Kleidern. Dabei ließ er die Krankenschwester nicht aus den Augen. Diese nickte stumm. Nach einem Augenblick fragte sie: „Wolltest du zurück den Nebel gehen?"
„Nein, wir… Wir wollten nur schauen ob er… Ob er´s auch rausgeschafft hat. Er lebt hier in der Nähe."
„Warum sagst du andauernd Wir?", wollte die Krankenschwester wissen und schaute sich um. Nea zog eilig den Kopf ein. „Sind etwa noch andere hier?"
„Nein, nein", beeilte sich Dwight: „Ich bin alleine hier. Nur ich." Dabei schoss sein Blick kurz in Richtung des Busches, hinter dem sich Nea versteckt hielt. Dafür hätte sie ihm am liebsten den Kopf abgerissen. Auch der Krankenschwester war der Seitenblick nicht entgangen und sie drehte kurz den Kopf in die Richtung. Dann sagte sie: „Komm, setz dich, ich tu dir nichts."
Dwight zögerte kurz, folgte schließlich aber ihrer Einladung. Schweigend setzte er sich auf einen halb verrotteten Baumstamm, der neben dem Lagerfeuer lag. Mit stampfenden Schritten kehrte die Jägerin zurück und Dwight schaute nun zum ersten Mal von der Krankenschwester weg. Die Jägerin ließ eine Stapel Holz neben das Lagerfeuer fallen, warf zwei Äste in die Flammen und setzte sich dann direkt gegenüber von Dwight auf einen Stein. Sie würdigte den Jungen keines Blickes."
„Sally", sagte die Krankenschwester plötzlich und jagte Dwight damit einen Schrecken ein.
„Was?"
„Mein Name ist Sally, Sally Smithson."
Dwight starrte sie kurz an. Die Killer hatten Namen?
„Dwight Fairfield", antwortete er nach einem kurzen Moment. Die Krankenschwester nickte. „Wie schon gesagt, Dwight, du hast von uns nichts zu befürchten. Wir sind nicht mehr im Nebel. Diese Zeiten sind vorbei."
Dwight antwortete nicht. Er vertraute der Krankenschwester keinen Zentimeter.
„Ich bin froh, dass du entkommen bist", sprach Sally weiter: „Ich und die liebe Anna hier haben´s auch rausgeschafft." Sie deutet auf die Jägerin, die unterdessen ein Messer von ihrem Gürtel gezogen und begonnen hatte, ein Stück Holz zu bearbeiten. „Aber sonst weiß ich leider von niemandem. Tut mir leid, dein Freund ist nicht hier. Oder er versteckt sich ziemlich gut. Wir haben ihn jedenfalls nicht gesehen."
„Ich verstehe nicht", stammelte Dwight, doch die Krankenschwester sah ihn nur an. „Warum tötet ihr mich nicht mehr?", präzisierte Dwight seine Frage. Die Jägerin hatte nun begonnen leise ein russisches Schlaflied zu singen und den beiden Überlebenden lief ein Schauer über den Rücken. Sie kannten dieses Lied, die Verse und die Melodie. Sie bedeuteten Leid und Tod. Die Krankenschwester schien Dwights Angst zu spüren und seufzend sagte sie: „Ich weiß, kein Grauen dieser Welt kann dem gleichkommen, was wir euch angetan haben und es tut mir unendlich leid. Unsere Taten sind unverzeihlich und ich würde es niemals wagen dich um Vergebung zu bitten. Ich bitte dich nur zu verstehen, dass auch wir gefangene des Entitus waren."
Dwight schaute kurz zur Jägerin, Anna wie die Krankenschwester sie genannt hatte, und dann wieder zurück. Er wusste nichts zu erwidern. Mit zitternder Stimme sprach Sally weiter: „Der Entitus ist ein unbarmherziger und grausamer Herr. Man widersetzt sich seinen Befehlen nicht. Er hat uns genauso wie euch in die Jagden geworfen und uns zum Töten angetrieben. Jedes Mal, wenn wir uns wiedersetzt oder niemanden erwischt haben, hat er sich an uns gerächt. Ich wollte euch niemals Leid zufügen, das musst du mir glauben. Aber ich hatte keine Wahl. Wir alle hatten keine Wahl." Sie nickte zu Anna und sah dann zu Boden. Ein Wassertropfen löste sich vom Kissenbezug, der Sallys Gesicht verbarg und Dwight erkannte schockiert, dass es sich um eine Träne handelte. Dwight sagte nichts. Damals im Nebel hatte er der Krankenschwester jede Qual und alles Leid der Welt an den Hals gewünscht, doch jetzt erinnerte Sally ihn beinahe an Meg, die gebrochen und gequält von inneren Dämonen bei ihm zuhause im Bett lag.
Nea, die sich die ganze Zeit über verborgen gehalten hatte, beschloss nun sich ebenfalls zu zeigen. Sie umrundete das Lagerfeuer zu einem Viertel und trat dann hinter Dwight hervor. Die Jägerin hatte ihr Schritte bereits gehört und lauschend ihr Lied unterbrochen. Als sie Nea dort stehen sah, stand sie mit einem Ruck auf und ließ ihre Holzarbeit fallen. Die bedrohliche Statur der Jägerin veranlasste Nea umgehend zwei Schritte zurückzuweichen, bereit zur Flucht. Sally bedachte Anna unterdessen mit einem scharfen Blick und schüttelte den Kopf. Wieder sagte sie: „Nein" Nach einem Augenblick knurrte die Jägerin und ließ sich zurück auf den Felsen fallen. Schweigend hob sie das Stück Holz vom Boden auf und begann wieder daran zu arbeiten. Nea näherte sich nun vorsichtig dem Lagerfeuer. Sie hielt den Blick auf die Jägerin gerichtet, als sie sich neben Dwight auf den Baumstamm niederließ. Sally hingegen beobachtete den Neuankömmling und wartete einen Augenblick bevor sie fragte: „Und dein Name ist?"
„Nea", antwortete die Schwedin
„Nea, es freut mich auch dich hier in der realen Welt zu sehen", sagte Sally: „Seid ihr beiden die einzigen, die rausgekommen sind?"
Dwight und Nea schauten sich kurz an. Sollten sie der Krankenschwester verraten, dass beinahe alle Überlebenden in Sicherheit waren? Sie schien ihnen kein Leid zufügen zu wollen, aber konnten sie ihr vertrauen? Nea beschloss, dass sie die Entscheidung bereits gefällt hatte, als sie ins Licht des Lagerfeuers getreten war. „Fast alle von uns sind in Sicherheit", antwortete sie: „Aber zwei von uns haben sich noch nicht gemeldet. Deshalb sind wir zwei hierhergekommen. Um nach ihnen zu suchen."
„Dachtet ihr nicht an die Gefahr, die hier lauern könnte?", wollte Sally wissen: „Und warum seid ihr nicht in einer größeren Gruppe erschienen, wenn ihr den Wald absuchen wolltet?"
„Einige von uns haben´s nicht so gut überstanden wie andere.", gab Nea verbittert zurück und man konnte förmlich sehen, wie die Schuld die Schultern der Krankenschwester nach unten drückte. Sie blickte nach unten in ihren Schoß. „Das tut mir leid", sagte Sally: „Sind sie verletzt? Brauchen sie Hilfe?"
„Physisch gesehen sind sie wohlauf", antwortete Nea und ließ Sally dabei nicht aus den Augen. Die Krankenschwester schüttelte den Kopf und vergrub ihr Gesciht anschließend in den Händen. Dwight bemerkte, dass sie alle Bedrohlichkeit verloren hatte und es sich bei der einstigen Killerin um eine gebrochene Frau handelte.
„Und von den Killern seid nur ihr beide herausgekommen?", fragte Dwight nach einer kurzen Pause. Sally sah ruckartig auf, als sie das Wort Killer hörte. „Ja. Das heißt, ich glaube schon.", antwortete sie: „Wir sind uns hier im Wald über den Weg gelaufen. Sonst haben wir niemanden gesehen. Es könnte aber gut sein, dass auch einige der anderen entkommen sind."
Für kurze Zeit herrschte schweigen am Lagerfeuer. Anna hatte wieder zu singen begonnen. Schließlich fragte Sally: „Wie geht es dem rothaarigen Mädchen? Hat sie´s geschafft?"
Wieder wechselten Dwight und Nea einen Blick, bevor Nea antwortete: „Ja, sie hat´s geschafft. Aber ihr geht´s nicht gut." „Ihr Name ist Meg", fügte Dwight hinzu und Sally nickte: „Sie war die letzte, die ich im Nebel gesehen habe. Sie sah so verloren aus. Verlorener als sonst. Es freut mich, dass sie raus ist."
Wieder kehrte betretenes Schweigen ein. Dann fragte Nea mit einem Blick auf die Jägerin: „Wenn ihr uns nichts Böses mehr wollt, warum hat sie dann Dwight vorhin so nachgejagt." Sally folgte Neas Blick und antwortete dann: „Weil sie Angst hat."
„Sie hat Angst?", wollte Nea ungläubig wissen: „Vor wem denn?
„Vor euch"
„Uns?"
Sally nickte: „Ich weiß nicht, von wo der Entitus sie entführte hat, aber es muss irgendwo in Osteuropa gewesen sein. Sie versteht kein Englisch und ich habe gerade Mal ihren Namen aus ihr rausbekommen. Glaubt mir, Anna schaut vielleicht bedrohlich aus, aber im Inneren ist sie ein kleines Mädchen, das gerade erst zu sprechen gelernt hat. Im Nebel hat der Entitus sie gequält und misshandelt, aber Anna hat nie gewusst, warum er ihr wehgetan hat. Das einzige, was irgendwie mit ihren Schmerzen in Verbindung zu stehen schien, wart ihr. Ich glaube sie weiß, dass ihr nicht die Urheber ihrer Pein seid, aber nur indem sie euch tötete, konnte sie sich selbst vor weiteren Schmerzen bewahren. Zumindest für eine gewisse Zeit. Sie hat eine Riesenangst vor euch."
Nea und Dwight schauten gleichzeitig auf die Jägerin, die leise summend an ihrem Stück Holz herumschnitzte. Das Gesicht war wie immer zur Hälfte hinter einer Hasenmaske verborgen und Anna schenkte der Konversation am Lagerfeuer keine Beachtung. „Die Maske scheint ihr Sicherheit zu geben und auch das Schlaflied, das sie andauernd summt, fungiert offenbar als Anker, an dem sie sich festhalten kann", erklärte Sally.
„Woher weißt du das alles, wenn du nie mit ihr sprechen konntest?", fragte Dwight. Die Krankenschwester überlegte kurz, bevor sie antwortete: „Bevor ich in die Nebel entführt wurde, habe ich als Pflegerin im Crotus Prenn Asylum gearbeitet, einer Irrenanstalt. Ich habe mein halbes Leben hinter diesen Mauern verbracht und mich um geistig zerstörte Menschen gekümmert. Es gibt Muster und Phänomene, die immer wieder auftreten. Anna ist da keine Ausnahme."
„Heißt das, du warst mal ein Mensch?", fragte Dwight und sah Sally entgeistert an. „Eigentlich sehe ich mich immer noch als Mensch.", antwortete sie: „Aber du hast recht, vielleicht passt die Bezeichnung nicht mehr ganz."
Erneut machte sich betretenes Schweigen breit, bevor Nea das Wort ergriff. Dieses Mal richtete sie sich direkt an die Jägerin. „Und dein Name ist Anna?", fragte sie in holprigem Russisch. Dwight und Sally sahen erstaunt auf und auch die Jägerin hielt in ihrer Arbeit inne. Das Schlaflied war wieder verstummt und ausdruckslos starrte die Jägerin Nea an. Spannung lag in der Luft. Man hörte nichts außer das Knistern der Flammen und Nea machte sich bereit, loszulaufen, sollte die Jägerin auf eine aggressive Art reagieren. Nichts dergleichen geschah.
„Anna", sagte die Jägerin leise und legte sich eine Hand auf die Brust um zu verdeutlichen, dass sie sich selbst meinte. „Ich heiße Anna", sagte sie dann noch mal in Russisch. Es schien Nea, als ob Anna bereits seit einer Weile keinen Gebrauch von der Sprache mehr gemacht hatte. Mit Ausnahme des Schlaflieds. Sally und Dwight saßen gebannt daneben und beobachteten ohne ein Wort zu verstehen.
„Mein Name ist Nea", sagte die Schwedin und deutete auf sich selbst. „Das ist Dwight", sie deutete auf ihren Kameraden. „Und das ist Sally", sie deutete auf die Krankenschwester. Anna folgte ihren Gesten und sah einen nach dem anderen an. Dann wiederholte sie die Namen und lächelte anschließend. Dieser einfache Akt des Lachens nahm Anna bereits die Hälfte ihrer Bedrohlichkeit. Plötzlich konnte man die junge Frau hinter der Jägerin erkennen, die eigentlich nichts anderes als Zuneigung und Freundschaft wollte. Nur die Hasenmaske blieb ausdruckslos.
„Woher kommst du?", wollte Nea nun wissen. Sie sprach langsam und bemühte sich um Deutlichkeit, da weder sie noch Anna die Sprache einwandfrei beherrschten.
„Wald in Russland", antwortete Anna: „Mit Mutter in Haus in Wald gelebt."
„Sie hat wohl mit ihrer Mutter in einem Haus irgendwo in Russland gelebt", erklärte Nea Sally und Dwight: „Anscheinend in irgendeinem Wald."
„Wo ist ihre Mutter jetzt?", wollte Dwight wissen. Als Nea die Frage übermittelt, verschwand Annas Lächeln so schlagartig wie es gekommen war. Nervös spannten sich die beiden Überlebenden wieder an und Nea bereute es, dass sie das Thema aufgebracht hatte. Anna hatte gerade noch so zutraulich gewirkt. Jetzt war davon nichts mehr zu sehen.
„Anna allein", antwortete die Jägerin nach einer kurzen Pause: „Keine Mutter" Nea hielt kurz inne, bevor sie sagte: „Ich glaube, ihre Mutter ist tot. Und sie hat gesagt, sie sei allein. Ich glaube, sie hat keine anderen Familienmitglieder. Oder ihre Verwandten haben sie ausgestoßen."
„Warum sollten sie das tun?", fragte Dwight nervös, doch Sally warf ein: „Sag ihr, dass sie nicht allein ist. Sag ihr, dass sie mich hat."
„Du bist nicht allein", übersetzte Nea und deutete auf die Krankenschwester: „Du hast Sally. Und wir sind auch da." Nea wusste nicht warum sie den letzten Satz gesagt hatte, er war ihr herausgerutscht bevor sie ihn hatte zurückhalten können. Glücklicherweise schien Sallys Botschaft zu funktionieren, denn Annas Miene hellte sich wieder etwas auf. Sie schaute zuerst zu Sally, dann zu Dwight und schlussendlich zu Nea. Diese hatte das Gespräch mit der Jägerin so gebannt, dass sie gar nicht gemerkt hatte, wie um sie herum die Nacht hereingebrochen war.
„Fuck, Dwight, wir wollten doch vor Sonnenuntergang wieder zurück sein", rief sie, als sie einen kalten Wind im Nacken spürte: „Oh, verdammt, die anderen machen sich sicher schon Sorgen" Nea stand ruckartig auf und stieß Dwight dabei mit dem Ellbogen in die Seite, um ihn zur Eile anzutreiben. „Wir müssen los", sagte sie zu Sally, die daraufhin fragte: „Kann ich euch und euren Freunden irgendwie helfen? Kann ich irgendetwas tun?"
„Nein, wir kommen schon klar, wir…", setzte Nea an, doch sie brach mitten im Satz ab und dachte kurz nach. „Nea?", fragte Dwight, der sich bereits zum Gehen gewandt hatte. „Wir müssen unseren Eltern und der Polizei doch irgendwie beweisen, dass es den Entitus gibt.", überlegte Nea laut: „Wenn wir ihnen Sally zeigen, würde das wohl jeden Zweifel aus dem Weg räumen. Außerdem kann sie uns vielleicht Informationen über den Nebel geben."
„Du willst sie in die Stadt bringen?", fragte Dwight entsetzt.
„Wenn sie uns töten wollte, hätte sie´s doch längst getan", entgegnete Nea: „Natürlich können wir dich nicht zwingen…"
„Was immer ich tun kann, um euch zu helfen", sagte Sally: „Ich werde mit euch kommen. Ich hoffe nur, dass ich die anderen nicht zu Tode erschrecke."
„Wir haben´s auch überlebt", zuckte Nea mit den Schultern: „Aber wir sollten uns beeilen." Dann schaute sie zu Anna, die sich ebenfalls erhoben hatte. Die Jägerin hatte nicht verstanden, wovon gesprochen wurde, doch es schien um Aufbruch zu gehen. Nea erklärte ihr nun: „Ich und Dwight müssen gehen. Sally kommt mit uns. Du bleibst hier. Wir kommen später zurück"
Anna schien der Gedanke allein im Wald zu bleiben gar nicht zu gefallen, doch sie nickte grimmig. Anschließend setzte sich wieder auf den Felsen. „Sie hat verstanden", bestätigte Nea und bedeutete den anderen loszugehen. Sally wollte gerade noch ihre Knochensäge aufnehmen, entschied dann allerdings doch dagegen. „Die lass ich besser hier", murmelte sie leise.

„Was zum Teufel, Dwight, seid ihr wahnsinnig?", rief Ace und erhob sich nun doch. „Bitte, hört mir zu", sagte Sally und hob ihre Hände um zu zeigen, dass sie leer waren: „Ich will niemandem Leid zufügen. Ich weiß, ich bin die letzte, die ihr hier erwartet oder sehen wollt, aber bitte, hört mir zu."
Die Krankenschwester schwebte wenige Zentimeter über dem Boden und Dwights Mutter erbleichte, als sie die hängenden Füße entdeckt. „Ja… James. Ihre Füße" James schaute nun auch nach unten und zeigte eine ähnliche Reaktion wie seine Frau. Auch den Karlssons hatte es beinahe die Sprache verschlagen. „Was geht hier vor?", wollte Neas Vater wissen.
„Wir wollen euch erklären, wohin wir in den letzten sechs Monaten verschwunden sind.", antwortete Dwight.
„Warum ist sie hier?", fragte jemand ängstlich und Dwight drehte sich um, nur zu sehen, dass die leise Stimme Meg gehörte. Dem Mädchen stand die Panik ins Gesicht geschrieben und ihre Augen ließen nicht von der Krankenschwester ab. Ihre Unterlippe bebte und Dwight erkannte, dass er schnell handeln musste um eine Eskalation zu verhindern. „Sie ist nicht hier um jemandem von uns zu schaden. Sie will mit uns reden, nichts weiter. Sie kann uns helfen. Bitte hört ihr zu."
„Woher willst du das wissen?", fragte Ace zornig: „Kannst du Gedanken lesen, Junge? Wo kommt sie überhaupt her?"
„Ich bin genau wie ihr aus dem Nebel entkommen", ergriff die Krankenschwester das Wort: „Ich versichere euch, ich will euch nichts Böses."
„Das haben wir aber anders in Erinnerung", piepste Feng und drückte sich an die Wand, als Sally zu ihr hinschaute: „Ich weiß und es gibt keine Entschuldigung für meine Taten."
„Was? Wer sind sie überhaupt?", wollte nun Dwights Vater wissen.
„Mein Name ist Sally Smithson", antwortete die Krankenschwester: „Ich bin hier, weil ich euch helfen will. Ich weiß, ihr habt andere Erinnerungen von mir, aber wir sind nicht mehr im Nebel. Wir sind frei."
„Was für ein Nebel?", rief Neas Vater erbost: „Könnte mal bitte jemand erklären, was das ganze hier soll? Nea, wo wart ihr die letzten sechs Monate?"
„Im Reich des Entitus", antwortete Sally geradeheraus. Es wurde ruhig im Raum. „Nea wurde, genau wie alle anderen vermissten Personen, ins Reich des Entitus entführt. Wir nennen es den Nebel. Es ist verborgen vor der Welt und befindet sich nicht in dieser Realität." Den Überlebenden war dies natürlich bereits bekannt, doch auf den Gesichtern der Eltern zeichnete sich immer größere Bestürzung ab. Sie wussten offenbar nicht, was sie glauben sollten. „Der Meister dieses Reichs ist der Entitus.", sprach Sally weiter: „So nennen wir ihn zumindest. Ein dunkles Wesen, eine Existenz, die wir uns nicht erklären können. Wir wissen nicht, was es ist oder woher es kommt, aber der Entitus hat sich ein Reich aus dem nichts erschaffen und er kann es nach Belieben verändern und verformen. Er ist gewissermaßen Gott in seiner eigenen kleinen Welt."
„Ich verstehe nicht. Was hat das alles mit Dwight und Nea und all den anderen hier zu tun?", fragte Dwights Vater. „Der Entitus mag zwar mächtig sein, aber auch er braucht Energie.", erklärte Sally weiter: „Sein Reich erhält sich nicht von selbst aufrecht und auch er selbst ist angewiesen auf eine ständige Energiezufuhr. Wir sprechen hier allerdings nicht von herkömmlicher, physikalischer Energie. Der Entitus braucht etwas ganz anderes. Er braucht Hoffnung. Sie nährt ihn, stärkt ihn und hält seine Welt zusammen. Zu diesem Zweck entführt er Menschen aus der realen Welt, um sie als Überlebende in seinen Jagden zu missbrauchen. Diese Jagden laufen so ab, dass sich vier Überlebende in einer großen Arena wiederfinden zusammen mit einem Killer. Der Killer hat den Auftrag alle Überlebenden zu finden, zu fangen und zu töten."
Bei dem Wort schnappte Neas Mutter erschrocken nach Luft.
„Die Überlebenden haben eine Chance zu entkommen", fuhr nun Nea fort: „Sie können aus den Arenen und somit den Killern und dem sicheren Tod entfliehen. Zumindest für eine Weile. Denn egal wie die Jagd für einem ausgeht, nach einer gewissen Zeit landet man wieder in einer Arena. Der Tod bietet keinen Ausweg im Reich des Entitus. Nur Qual und Schmerz."
Dwight schaute in die Runde. Er konnte Meg sehen, wie sie bei der Erinnerung an den Entitus zitternd zu Boden starrte. Auch Feng und Claudette machte der Bericht sichtlich zu schaffe. Nur Ace und Nea ließen sich so gut wie nichts anmerken.
„Dieser gesamte Zyklus hat den alleinigen Zweck die Überlebenden über einen möglichst langen Zeitraum aller Hoffnung zu berauben", schloss Sally: „Der Entitus presst das letzte Bisschen aus ihnen heraus, bis sie irgendwann brechen und nutzlos für ihn werden. Was dann geschieht weiß ich nicht."
Stille machte sich breit. Neas Mutter stand wortlos auf und schloss ihre Tochter in die Arme. Die Geschichte hatte sie offenbar stark mitgenommen. Neas Vater erhob sich einen Augenblick später ebenfalls und machte einen zornigen Schritt auf Sally zu. „Sie glauben doch nicht etwa, dass wir ihnen diesen Blödsinn hier abkaufen? Meine Nea entführt in ein magisches Monsterreich und für sechs Monate irgendwelchen Killern zum Fraß vorgeworfen. Und was soll überhaupt die Maskerade?"
„Dwight und Nea dachten bereits, dass eine Erklärung schwer sein würde. Das ist einer der Gründe, weshalb ich hier bin. Als lebender Beweis", sagte Sally und langsam vergrößerte sich der Abstand zwischen ihren Füßen und dem Boden. Nach einem Moment schwebte sie knapp unter der Decke und Neas Vater wich fluchend zurück. „Der Entitus hat mich verformt, verzerrt und geprägt. Ich bin ein Produkt seiner Boshaftigkeit und werde es für immer bleiben. Und seine Kräfte entsprechen ganz offensichtlich nicht der Realität dieser Welt."
„Und das ist es, was mit ihnen allen geschehen ist?", fragte nun Dwights Mutter in die Runde: „Ihr Blick blieb an Meg hängen, die gedankenverloren und sichtlich erschüttert zu Boden starrte. Dann schaute sie zu ihrem eigenen Sohn. „Oh mein Gott, James, aber wenn das wahr ist… Das bedeutet ja…", stammelte Elizabeth und versuchte die Situation zu begreifen. Es war ganz offensichtlich zu viel und eilig nahm ihr Gatte sie in den Arm. Neas Vater hatte sich derweil wieder gesetzt und auch Sally schwebte nun wieder so knapp über dem Boden, dass es kaum auffiel.
„Gestern Morgen sind wir dann entkommen", sagte Dwight nun um die Stille zu brechen: „Keiner von uns weiß genau wie oder warum, aber irgendwie scheint der Entitus die Kontrolle über den Nebel verloren zu haben. Vielleicht ist er schwach geworden, vielleicht ist er gestorben oder vielleicht hat er sich auch einfach neue Opfer gesucht. Wir wissen es nicht."
„Wenn ihr aus diesem Nebel entkommen seid", fragte Neas Mutter, ihre Tochter immer noch in den Armen haltend: „dann können diese Mörder, von denen ihr gesprochen habt, die können dann doch auch entkommen sein. Die laufen jetzt aber nicht hier in Waltonfield herum, oder?" Sally seufzte, bevor sie antwortete: „Einer von ihnen befindet sich gerade eben in diesem Raum. Ich."
Für einen Moment kehrte Stille ein, dann sagte Elizabeth leise: „Sie haben das unserem Dwight angetan? Und Nea? Und Meg? Und all den anderen? Das waren sie?"
„Bitte versteht mich nicht falsch", erwiderte Sally: „Ich versuche mich nicht für meine Taten zu rechtfertigen, keineswegs. Wir Killer waren auch nur Sklaven des Entitus. Wir hatten keine andere Wahl, als seinem Wort zu gehorchen. Wenn wir uns widersetzten… Wir konnten nicht. Der Entitus hatte uns in der Hand, er hat mit unserem Verstand gespielt. Seine Grausamkeit galt nicht nur den Überlebenden."
„Hast du überhaupt die leiseste Ahnung, was wir in den letzten sechs Monaten durchgemacht haben?", fragte Meg mit Fassungslosigkeit in der Stimme: „Hast du überhaupt die leiseste Ahnung, welchen Qualen ihr uns ausgesetzt habt? Wir werden nie wieder normale Leben führen können. Wegen euch!" Meg hätte wohl wieder Tränen vergossen, hätte sie welche übriggehabt. Doch es wären keine Tränen der Trauer gewesen, nein, Meg verspürte im Moment nichts als blanke Wut. Ihr feuriger Blick schien Sally förmlich zu durchbohren.
„Auch wenn ihr es nicht glauben wollt, aber ich weiß genau, wie sich die Berührung des Entitus anfühlt", versuchte Sally sich zu verteidigen, doch bevor sie weitersprechen konnte, fuhr ihr Meg dazwischen. Vor Wut zitternd stand sie auf und brüllte Sally an: „UND TROTZDEM HABT IHR ES GETAN! IMMER UND IMMER WIEDER! SECHS MONATE! WIR WAREN SECHS MONATE IN DIESEM VERFICKTEN NEBEL GEFANGEN UND JEDEN TAG HABT IHR UNS DURCH DIE WÄLDER GEJAGT ALS WÄREN WIR TIERE! JEDEN TAG! SECHS MONATE! ICH HABE GEFLEHT, HABE GEBETTELT, ABER IHR HABT NICHT EIN EINZIGES MAL GNADE WALTEN LASSEN! SECHS MONATE LANG! UND WÄHRENDDESSEN IST MEINE MUTTER HIER OHNE MICH LANGSAM VERRECKT!" Meg beendete ihre Hasstirade und fiel kraftlos und erschöpft in ihren Stuhl zurück. Am ganzen Körper zitternd verbarg sie das Gesicht in den Händen. Niemand sagte etwas.
„Meg, ich… ich…", setzte Sally an: „Ich wage es nicht um Verzeihung zu bitten. Ich weiß, dass keine Sühne dieser Welt meine Schuld jemals bereinigen könnte und es tut mir unendlich, so unendlich leid, was ich jedem von euch angetan habe. Aber ich habe selbst gelitten. Der Entitus hat genauso mit mir gespielt wie mit euch. Schau mich doch an. Ich kann nie wieder unter Menschen wandeln. Ich bin ein Monster, gezeichnet für mein restliches Leben."
„Wie soll ich dich denn ansehen, mit diesem Ding auf deinem Kopf?", gab Meg hasserfüllt zurück. Sally erwiderte nichts und es dauerte einen Augenblick, bevor sie langsam die Hand hob und an den Kissenbezug über ihrem Kopf legte. Meg sah auf. Mit zittrigen Fingern öffnete Sally einen Knoten in der Näher ihres Halses. Dann griff sie mit der Rechten an ihren Hinterkopf und zog vorsichtig den Stoff zurück. Ausnahmslos jeder im Raum hielt gebannt den Atem an. Zuerst kamen braune Locken zum Vorschein, die Sally verspielt auf die Schultern fielen. Es war nicht, was die Überlebenden erwartet hatten. Sally zog den Stoff immer weiter zurück. Die Haut in ihrem Gesicht war genauso bleich wie an ihrem restlichen Körper. Mit einem letzten Ruck entfernte sie das Tuch endgültig von ihrem Kopf. Dann strich sie sich die Haare beiseite und schaute in die Runde. Die eine Hälfte der Anwesenden stieß erschrockene Schreie aus, die andere ließ entsetztes Keuchen hören. Sally war wohl einst eine hübsche Person gewesen, doch diese Zeiten waren vorbei. Eine lange Narbe zog sich quer über ihr Gesicht. Sie begann am Kinn, zog sich über den Mund, entstellte ihren Nasenrücken und kreuzte zu guter Letzt Sallys rechtes Auge, das für ewig verschlossen bleiben würde. Das Andere hingegen flammte mit einer orange glühenden Iris auf und Sally ließ es durch den Raum schweifen. Dwight konnte blaue Würgemale an ihrem Hals ausmachen und nun, da ihr Kopf frei lag, waren deutlich ihre kratzenden Atemzüge zu vernehmen.
„War das der Entitus?", fragte Claudette nach einer kurzen Pause und sie wich unwillentlich einen Schritt zurück, als Sally den Kopf zu ihr hindrehte und nickte. „Ich glaube, wir können alle sehen, dass nicht nur wir, sondern auch Sally einiges durchgemacht hat", sagte Nea und löste sich aus den Armen ihrer Mutter: „Wir können die Vergangenheit nicht mehr ändern. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber die Zukunft ist eine andere Sache. Wir haben immer noch keine Spur von Jake und David. Genau so wenig wissen wir, ob außer Sally und Anna noch andere Killer aus dem Nebel entkommen sind und wo sie sich gerade herumtreiben. Des Weiteren sind wir momentan die einzigen, die um die Existenz des Entitus wissen. Deshalb müssen wir etwas unternehmen."
„Wer ist Anna?", fragte Ace: „Sag bloß, ihr habt noch eine von denen getroffen."
„Anna ist die Jägerin", antwortete Dwight.
„Wie werden diese anderen Killer auf Menschen reagieren?", fragte nun Claudette und wandte sich damit an Sally, die umgehend antwortete: „Anna ist im Wald und wird dort auf keine Menschen treffen. Auch um Philip oder Lisa mache ich mir weniger sorgen. Evan und Herman könnten eventuell eine Gefahr darstellen und wenn Max hier herumläuft, dann müssen wir ihn so schnell wie möglich finden. Er weiß nicht, was er tut und könnte jeden in seinem Weg massakrieren?"
„Tut mir leid, aber diese Namen sagen uns nichts", kommentierte Ace.
„Bitte verzeiht", antwortete Sally und zählte die Killer an den Fingern ab: „Also Anna nennt ihr die Jägerin. Evan hat eine Vorliebe für Bärenfallen. Herman trägt einen weißen Doktorkittel. Lisa hat vom Entitus seltsame Zeichenmagie erhalten. Philip kann sich mit seiner Jammerglocke unsichtbar machen und Max… Max hat eine Kettensäge."
Die Überlebenden wussten nun genau, welcher Namen zu welchem Killer gehörte. Elizabeth zuckte bei der Erwähnung der Kettensäge zusammen und Neas Vater rief: „Von was für einer kranken Scheiße reden wir hier überhaupt? Ihr wollt mir also sagen, dass ein Unzurechnungsfähiger mit einer Kettensäge in der Nachbarschaft rumrennt und Leute abschlachtet?"
„Ich glaube, wenn einer von ihnen rausgekommen wäre, hätten wir das bereits mitbekommen", warf Nea ein: „Natürlich können wir das nicht wissen. Hoffentlich sind sie immer noch im Nebel gefangen." Sally nickte: „So leid es mit für Max tut, aber wahrscheinlich ist es das Beste für ihn."
„Das Beste für ihn?", empörte sich Feng: „Er ist ein kaltblütiger Killer. Er schwingt eine verdammte Kettensäge. Er hat nichts als die Hölle verdient."
„Nein, Max nicht", widersprach Sally: „Er weiß nicht, was er tut. Max hat den Verstand eines Kindes, das nie von seinen Eltern erzogen wurde. Für seine Gewalt und Grausamkeit ist einzig und allein der Entitus verantwortlich zu machen. Genau wie bei Anna."
„Diese Geplänkel hier bringt uns nicht weiter", ging Nea dazwischen, bevor Feng etwas erwidern konnte: „Wir haben andere Dinge zu besprechen. Erstens müssen wir herausfinden, ob Jake und David noch im Nebel sind und wenn ja, wie wir ihnen helfen können. Zweitens, müssen wir sichergehen, dass keiner der Killer unbemerkt entkommen ist und jetzt Jagd auf unschuldige Leute macht."
„Wir müssen die Polizei informieren", rief Dwights Vater: „Eine Großfahndung einleiten. Warum habt ihr so lange damit gewartet?"
„Weil uns die Polizei nie glauben würde", antwortete Ace: „Wenn wir zu denen hingehen und ihnen die ganze Geschichte erzählen, würden sie uns einfach als irgendwelche Verschwörungstheoretiker oder Panikmacher abstempeln. Die organisieren keine Großfahndung, wenn ihnen ein paar dahergelaufene Kerle etwas von Monstern und alternativen Realitäten erzählen. Verständlich, würde ich sagen. Aber jetzt…" Ace nickte mit dem Kopf in Richtung der Krankenschwester: „Jetzt haben wir Sally."
Sally hatte sich mittlerweile wieder den Kissenbezug über den Kopf gestülpt und sagte nun: „Genau deswegen bin ich hier. Ich habe genug Schaden angerichtet, ich kann nur versuchen, ihn wieder gut zu machen. Wenn die Polizei mich sieht, werden sie sich eine andere Meinung bilden. Sobald wir sie überzeugt haben, werde ich an der Suche nach den vermissten Personen teilnehmen. Sollten wir dabei auf einen der Killer stoßen, kann ich am ehesten zu ihnen durchdringen und ein Blutbad vermeiden."
„Wir müssen handeln", beschloss Ace: „Und zwar jetzt. Hat jemand von euch ein Auto, mit dem er mich und Sally ins nächste Präsidium bringen kann?"
Dwights Vater nickte: „Ich kann das übernehmen"
„Was soll der Rest von uns tun?", wollte Nea wissen.
„Gar nichts", antwortete Ace: „Fürs erste solltet ihr hierbleiben. Wir wissen nicht wie gefährlich es da draußen ist, bevor die Polizei die Gegend gesichert hat. Ich hoffe, die Fairfields können ihre Gastfreundschaft noch etwas verlängern."
Elizabeth nickte: „Natürlich"
„Aber was, wenn schon jetzt jemand in Gefahr ist?", rief Dwight: „Wir müssen den Menschen helfen, sie warnen. Die wissen doch gar nichts."
„Und das sollte auch so bleiben. Eine Massenpanik ist das letzte, was wir jetzt brauchen", widersprach Ace. Dann stand er auf und ging quer durch den Raum. James folgte ihm und die beiden gingen in den Flur hinaus. Sally verweilte kurz und sah zu Meg, die den Blick auf den Boden gesenkt hielt. Langsam kniete sich die Krankenschwester hin um mit Meg auf einer Augenhöhe zu sein. Dann sagte sie: „Es tut mir leid. Alles, was passiert ist." Dann erhob sie sich und folgte den beiden Männern, die das Haus bereits verlassen hatten. Klickend hörten die Verbleibenden die Tür ins Schloss fallen und Stille kehrte ein. Keine Blicke kreuzten sich und niemand sagte ein Wort, bis Dwights Mutter nach einem Moment das Schweigen brach: „Ihr seid bestimmt hungrig. Ich mache euch etwas zu essen. Fühlt euch ganz wie zu Hause" Mit diesen Worten verschwand sie in der Küche. Nun ergriff Neas Vater das Wort: „Wie ist das möglich?", wollte er wissen: „Dass sich über all die Zeit ein dunkles Wesen in den Wäldern versteckt hat und es nie jemandem aufgefallen ist?"
„Ich weiß, dass alles ist etwas schwer zu verdauen", antwortete Nea und wurde von ihrem Vater gleich darauf unterbrochen: „Das kannst du laut sagen!"
„Aber es ist die Wahrheit", behauptete Nea und setzte sich nun an den Tisch.
„Ich kann es kaum glauben, dass du all das durchmachen musstest", sagte nun Neas Mutter und Tränen standen in ihren Augen: „Dass ihr alle das durchmachen musstet"
„Mir ist es, als könnten wir es selbst kaum glauben", bemerkte Claudette und schaute einen Überlebenden nach dem anderen an. Bei Dwight blieb ihr Blick hängen und er nickte ihr zu. „Es fühlt sich alles so surreal an", sprach sie weiter: „Als wären die letzten sechs Monate ein schrecklicher Alptraum gewesen." Claudette sah nun an sich hinab und schien erst jetzt den Tee zu bemerken, den sie bei Sallys Erscheinen verschüttet hatte. „Ich sollte das saubermachen", sagte sie und begab sich in die Küche.
„Wir haben ein Gästezimmer bereit, sollte sich jemand etwas ausruhen wollen", bemerkte Dwight und trat an den Tisch. Niemand meldete sich und Nea schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass jemandem nach schlafen zu Mute ist", sagte die Schwedin und Dwight nickte. „Es wird wohl eine lange Nacht werden." „Hoffentlich keine Aufregende", bemerkte Feng und spähte aus dem Fenster. Claudette war mittlerweile mit einem Putzlappen in der Hand zurückgekehrt und hatte sich darangemacht, den Tee vom Boden aufzuwischen. „Ich mach das schon", sagte Dwight und nahm ihr das Tuch aus der Hand. Claudette bedankte sich schüchtern.
Plötzlich hörte man eine Polizeisirene in der Ferne und alle schauten gleichzeitig aus dem Fenster. Jeder von ihnen wusste, dass Ace, James und Sally das Präsidium noch nicht erreicht haben konnten. Jemand anderer hatte hier Alarm geschlagen. Der Ton kam immer näher und schließlich raste ein Streifenwagen auf der Straße vor dem Haus vorbei. Blaues Licht flutete für einen Moment ins Wohnzimmer und der schrille Klang des Martinshorns wurde schlagartig tiefer, als das Auto passierte. Dwights Mutter kam aus der Küche und stellte sich ans Fenster. Mit ihrem Blick verfolgte sie den Polizeiwagen, wie er in eine Seitenstraße einbog. Langsam entfernte sich der Ton wieder, doch er verschwand nicht.
„Ich kann das Blaulicht immer noch sehen", stellte Dwights Mutter fest: „Die haben nicht weit von hier gehalten." Nea fluchte und sprach aus, was alle dachten: „Verdammt, das muss einer der Killer sein. Die Nach war einfach zu ruhig." „Das wissen wir nicht", erwiderte Dwight. „Was soll es denn sonst gewesen sein?", entgegnete Nea: „Ich hoffe ein Streifenwagen reicht aus. Die sind doch nie und nimmer auf den Hinterwäldler vorbereitet." „Ich rufe schnell jemanden an", sagte Dwights Mutter: „Sie wohnt dort in der Nähe. Vielleicht weiß sie etwas. Dwight, schau derweil nach den Töpfen"
Dwight tat wie geheißen und begab sich in die Küche. Elizabeth schnappte sich unterdessen ihr Handy aus der Hosentasche und suchte kurz nach einem Kontakt. Dann wählte sie ihn aus und drückte auf den grünen Anrufknopf. Anschließend hielt sie das Mobiltelefon ans Ohr und wartete, darauf, dass jemand antwortete. Es läutete einmal, zweimal, dreimal. Jeder im Raum starrte sie gebannt an. Dann hob endlich jemand ab.
„Hi Kate", grüßte Dwights Mutter. Erst nach einem Moment sprach sie weiter: „Hör mal, ich habe eben einen Streifenwagen in eurer Nähe halten sehen. Ist etwas passiert? Weiß du von etwas?" Die Frau am anderen Ende der Leitung schien nun zu antworten und Elizabeth hörte ihr eine ganze Weile zu. Dabei nickte sie mehrmals mit dem Kopf und sagte jedes Mal leise: „Aha" Dann verabschiedete sie sich von ihrer Bekannten und wandte sich dem Raum zu. Alle Augen waren auf sie gerichtet und die Anspannung aller Beteiligten war beinahe greifbar.
„Offenbar hat es einen Einbruch gegeben", erzählte Dwights Mutter: „Ganz in Kates nähe. Der Täter scheint spurlos verschwunden zu sein. Die Familie war zuhause, wurde allerdings nicht attackiert. Wahrscheinlich hat der Einbrecher die Flucht ergriffen, als er entdeckt wurde. Ein gewöhnliches Verbrechen, nichts weiter."
Alle entspannten sich wieder. Es war also doch kein Killer aus dem Nebel entkommen und auf eine wehrlose Vorstadtfamilie losgegangen. Nea wagte kaum sich vorzustellen, was der Doktor oder der Hinterwäldler für ein Blutbad anrichten würden. Sie konnte nur hoffen, dass außer Sally und Anna niemand sonst dem Nebel entflohen war.

Anna saß gemütlich am Lagerfeuer, die nackten Füße den Flammen entgegengestreckt und bearbeitete ein grobes Holzstück. Dabei summte sie leise das Schlaflied ihrer Mutter. Über der Glut hatte sie ein Kaninchen, das sie zuvor gefangen hatte, an einem Gestell auf Zweigen und Ästen aufgespießt. Der Schädel des Tieres war vollkommen zertrümmert. Annas Wurfäxte verfehlten selten ihr Ziel. Ihre Finger waren rot vom Blut des Kaninchens, da sie es nach der Jagd gehäutet und ausgeweidet hatte. Annas Maske zeigte zwar die Schnauze eines Hasen, doch das bedeutete nicht, dass sie die Tierart verschonen würde. Sie hatte Hunger und ihre Mutter hatte sie gelehrt, wie sie sich den Magen füllen konnte. Die Jagd war eine der zwei Sachen, die Anna mit Bravour beherrschte. Die Andere war das Herstellen von Figuren, Spielzeug und Masken aus Holz
In ihrer Hütte in den russischen Wäldern hatte Anna oft versucht, Geschenke für die Mädchen herzustellen, die sie aus den umliegenden Dörfern entführt hatte. Die Kunst mit Holz zu arbeiten war ebenfalls eine Lehre ihrer Mutter gewesen. Zu dumm nur, dass keines ihrer Talente die Mädchen vor dem Tod hatte bewahren können. Anna legte das Holzstück in ihren Händen zur Seite und starrte in die Flammen. Mit geübtem Blick kontrollierte sie das Kaninchen. Die Mädchen waren so jung, so lieblich und so unschuldig gewesen. Anna hatte sich nie etwas anderes gewünscht. Eine Tochter nur für sich, um sie großzuziehen, sie zu versorgen und ihr all die Dinge beizubringen, die Anna einst selbst beigebracht bekommen hatte. Sie hatte die Kinder mit Essen versorgt, ihnen Decken gegen die Kälte gegeben. Sie hatte ihnen Geschenke gemacht und sie mit Stricken davor bewahrt, in die eisige Nacht hinauszulaufen und zu erfrieren. Doch es hatte alles nichts genützt. Jedes tote Mädchen hatte sie schwer getroffen und ihr Herz mit Dunkelheit gefüllt. Die Leichen hatte sie an einen speziellen Ort gebracht, der nach und nach mit immer mehr Grabhügel gefüllt worden war. Anna hatte die Ruhestätten mit Blumen geschmückt und verziert.
Ein Windstoß riss die Jägerin aus ihren Gedanken. Anna hatte ihr ganzes Leben lang dem Wind gelauscht und sie wusste zu erkennen, ob eine Böe ins Orchester der Natur passte oder nicht. Die Blätter der Bäume raschelten und mit einem Mal wurde es kalt. Anna stand auf und schaute sich um. Ihre schwarzen Augen spähten hinter der Hasenmaske hervor und ihr Blick drang tief in den Wald hinein. Mit einem argwöhnischen Knurren hob sie ihre große Axt vom Boden auf. Die Schneide der Waffe war messerscharf und die züngelnden Flammen reflektierten sich im Metall zu einem orangen Glitzern. Anna knurrte ein weiteres Mal, denn sie wusste instinktiv, dass sie nicht mehr alleine im Wald war. Es dauerte einen kurzen Moment, in dem sich Anna langsam um die eigene Achse drehte und nach möglichen Angreifern Ausschau hielt. Sie durfte niemanden an sich heranlassen. Ihre Axt war im Anschlag, bereit gegen jeden Feind zu fahren, der es mit Anna aufnehmen wollte. Dann entdeckte sie plötzlich einen schwarzen Nebel, der zwischen den Bäumen hervorstrich. Anna wich zurück und knurrte erneut, dieses Mal in die Richtung des Nebels. Ihre Hände zitterten, doch sie durfte sich ihre Angst nicht ansehen lassen. Im nächsten Augenblick zog sich der Nebel schon wieder zurück und verschwand in der Finsternis, den Blick auf einen weiteren Gast an Annas Lagerfeuer freigebend. Sie hatte sich am Boden zusammengekrümmt und ihr Körper hob sich unter tiefen Atemzügen. Schwarze, mumifizierte Haut spannte sich über ein markant hervorstechendes Skelett und graue, zerzauste Haare fielen vom Kopf der Kreatur. Ein brauner, zerrissener Fetzen schlang sich um ihren Leib und verbarg weniger als das Nötigste. Mit einem hörbaren Stöhnen hob Lisa Sherwood den Kopf und zeigte Anna ihr unförmiges Antlitz. Die Gesichtszüge der Frau waren längst verwest und verschwunden, während sich ihr Mund zu einem raubtierhaften Beißwerkzeug entwickelt hatte. Die dunklen Augen der Hexe starrten Anna für einen Moment an. Diese starrte mit schiefgelegtem Kopf zurück. Dann hob Lisa eine ihrer unförmigen Pranken, die sie bisher an ihren Körper gepresst hatte und schaute auf die mit Blut verschmierten Krallen. Kurz darauf fiel sie kraftlos zu Boden.