Kapitel 4: Draußen ist frische Luft

Am Haupteingang des Bahnhofs angekommen mit seinem Koffer in der einen Hand und einem zitterndem Kaffeebecher in der anderen, war sich Harry seiner Idee nicht mehr sicher. Er hatte die letzten 4 Tage lang mit Kreacher hin und her diskutiert, was er nun tun sollte. Hogwarts schwänzen oder hingehen, und sich von allen begaffen und beglückwünschen lassen über einen Sieg von dem Harry bis heute noch nicht ganz wusste, wie er ihn zustande gebracht hatte. Trotz des hohen alters des Elfen, war ihm Harry in solchen Sachen nicht gewachsen. Er hatte sogar das Gefühl, dass Kreacher ihn einfach los haben wollte. Nun stand er da immer noch hin und hergerissen zwischen seinem Bauchgefühl und seinem Kopf.
Sein Kopf sagte ihm klar und deutlich, dass Hogwarts ihn braucht. Er muss bei dem Aufbau helfen, schließlich war es ja auch seine Schuld dass die Schule in seinem letzten Kampf gegen Voldemort so zerstört wurde. Er kann nicht einfach nur daheim sitzen und Däumchen drehen während alle seine anderen Mitschüler seine Schule, sein Zuhause wieder aufbauten.
Sein Bauchgefühl hingegen wollte dass er sich versteckte. Er wollte von niemand gesehen, erkannt oder sogar angesprochen werden. Harry hatte Angst davor was die anderen von ihm dachten. Ob sie ihm jemals verzeihen konnten, dass so viele durch die Hand Voldemorts sterben mussten, wenn er es hätte doch so einfach beenden können.

Alleine schon bei dem Gedanken an seine toten Freunde stieg ihm die Magensäure in den Hals und er hastete eilig in Richtung Toilette davon. Durch die Erleichterung und mehrere Hände Wasser im Gesicht fühlte er sich schon etwas besser und er konnte sich sogar im Spiegel ansehen. Nach dem Schock im Bad bevor er sich auf den Weg zu seinen Freunden machen wollte, hatte Harry es niemals mehr soweit kommen lassen. Er pflegte sich nun immer wieder. Zwar würde sein Gesicht wohl niemals ein Modemagazin schmücken, aber er würde sich so immerhin nicht mehr vor sich selbst erschrecken müssen. Das hatte er sich geschworen und sich auch daran gehalten. Die Augenringe waren zwar immer noch tief unter seinen Augen und auch der Bart war nicht ganz verschwunden aber mittlerweile sah es gewollt aus und nicht mehr Obdachlos. Er sah erwachsener aus, wenn man Kreacher glauben wollte sogar schon alt. Der Elf hatte sich in den letzten Tage immer mehr sorgen um ihm gemacht. Den Grund dazu verstand Harry bis heute noch nicht und jedes mal wenn er Kreacher danach fragte bekam er nur eine unverständliche Antwort.
„Wenn Master Harry es selbst nicht sehen kann, wird er es auch nicht sehen wenn Kreacher es ihm sagt" Mit dieser Antwort konnte Harry aber auch nichts anfangen und gab es daraufhin auch auf ihn weiter mit dieser Frage zu löchern. Es machte ihn nur unsicher. Etwas was Harry jetzt gerade nicht gebrauchen konnte.

Den Blick auf sein Spiegelbild geheftet, entschloss sich Harry dass er das ganze so nicht konnte. Er konnte niemandem in die Augen sehen und wollte auch nicht gesehen werden. Mit dem Türgriff schon in der Hand wollte er nun eigentlich nur noch aus dem Bahnhof stürmen, doch ein kleiner Gedankenblitz ließ ihn doch noch kurz zögern.

Unsichtbar.

Kurz darauf fand sich Harry sichtlich ruhiger auf der Plattform 9 ¾ wieder unter seinem Tarnumhang. Somit würde er alle seine Probleme umgehen, da ihn ja niemand sehen konnte und wenn er vorsichtig war, auch niemand bemerken würde. Harry war um einiges zu früh dran, daher war die Plattform noch leer. Nur ein paar einzelne Erstklässler sah er am Rand mit ihren Eltern herumstehen. Erinnerungen an sein erstes Mal im Hogwartsexpress erwachten in ihm zum Leben, doch er gab ihnen keine Chance und unterdrückte sie sofort wieder. Jetzt war nicht die Zeit um in Erinnerungen zu schwelgen. Er musste nun schnellst möglich und vor allem unauffällig ein leeres Zugabteil finden.

In der Mitte fand er dann auch endlich ein Abteil dass ihm zusagte. Die Sitze waren bequem und er hatte einen schönen Blick nach draußen. Das Abteil befand sich weit genug hinten, sodass Harry von seinem Platz aus in jeder Kurve auch die Scharlachrote Lok beobachten konnte, wie sie ihre grauen Rauchschwaden hinter sich herzog. Mit einem leichten Verwirrungszauber an der Tür, sodass jeder der die Tür öffnen wollte vergaß warum er das tun wollte und einfach weiterging, und noch einem Colloportus, welcher die Tür sicher verschloss, fand Harrys seine wohlverdiente Ruhe in seinem Abteil.
Harry wurde die komplette Zugfahrt weder belästigt noch bemerkt, was ihm gerade recht war. Nicht einmal die Dame mit dem Süßigkeitenwaagen machte einen Halt vor seiner Abteilungstür, was ihn einerseits aber auch etwas trübsinnig stimmte. Schokolade und anderer Süßkram hatte selbst in seiner Stimmung nie geschadet, aber dass nahm Harry gerne für seine Ruhe in kauf. Je näher Hogwarts rückte desto unruhiger wurde Harry auf seinem Platz. Immer wieder verspürte er den drang sich bewegen zu müssen und marschierte somit auf und ab zwischen seinen Sitzbänken. Der Boden würde schon bald bleibende Furchen von ihm haben. Mittlerweile war Harry jedoch sehr froh, dass er sich keine Schokolade holen konnte, die hätte er nämlich schon längst wieder verloren. Um sich etwas zu beruhigen presste er seinen überhitzen Kopf gegen die kalten Fensterscheiben, welche daraufhin sofort zu beschlagen begannen. Doch auch durch die beschlagenen Scheiben konnte Harry schon die Umrisse von Hogsmead erkennen. In wenigen Minuten würde der Hogwartsexpress anhalten und hätte somit sein Ziel erreicht. Nur noch wenige Minuten bis er die Sicherheit seines Abteils verlassen müsste. Sich draußen den anderen stellen. In die Kutschen steigen, die von den Thestralen gezogen wurden.

Diesmal bemerkte Harry jedoch rechtzeitig wie er zu Hyperventilieren begann. Da er keine Tüte zur Hand hatte und sich auch grade nicht daran erinnern konnte wie man eine her zauberte, kauerte er sich einfach auf den Boden und versuchte somit seine Atmung wieder in den Griff zu bekommen.

Es wird alles wieder gut.
Draußen ist frische Luft.
Die Sonne scheint.

Es wird alles wieder gut.
Draußen ist frische Luft.
Die Sonne scheint.

Es wird alles wieder gut.
Draußen ist frische Luft.
Die Sonne scheint.

Mit diesem Mantra immer wieder vor sich hin singend beruhigte sich Harry allmählich. Er hatte keine Ahnung wie lange er auf dem Fußboden lag. Sicher war er sich nur, dass der Hogwartsexpress noch nicht wieder zurück gefahren ist und ihn mitgenommen hatte. Es schien fast so, als ob selbst der Zug wollte dass Harry nach Hogwarts geht.

Nachdem er sich aufgerappelt hatte und alle seine Sachen zusammengesucht hatte machte sich auch Harry auf den Weg nach draußen. Weit und breit konnte er keine Stimmen mehr vernehmen, wodurch er sich sicher war, dass alle anderen Schüler schon längst in der Schule waren.

Den ersten Schritt auf den Asphalt der Plattform gesetzt, und Harry musste sich eingestehen dass sein Mantra recht behielt.

Es wird alles wieder gut. Es war alles gut, es war ja niemand hier.

Draußen ist frische Luft. Es war sogar gute frische Luft, die Harry gierig in sich aufnahm, nachdem er vorhin mehrmals nur den Dreck vom Boden geatmet hatte.

Die Sonne scheint. Wenn auch nicht mehr lange, sie war schon fast hinter den Bergen am Horizont verschwunden, aber ein paar einzelne Strahlen wagten sich noch über die Gipfel.

Durch die Verzögerung, in der Harry mit dem Fußboden gekuschelt hatte, wusste er nun aber leider nicht wie er zur Schule kommen konnte. Die letzten Sonnenstrahlen waren schon längst untergegangen und die Nacht ist hereingebrochen als Harry endlich den Entschluss fasste, dass er auch gut zu Fuß sei.

Wenig später vor dem gewundenem Eingangstor angekommen, kam aber eine weitere Schwierigkeit auf ihn zu. Es war deutlich zu sehen, dass die Tore schon geschlossen waren und auch die Schutzschilde schon darüber gelegt waren.
Harry war nun soweit schon gekommen und jetzt machte ihm ein schön geschwungenes Eisentor einen Strich durch die Rechnung.

Keine Ahnung wo her es kam und doch war es da. Dieses kleine hysterische Lachen, dass er in letzter Zeit öfters von sich gab ohne es wirklich zu wollen. Doch diesmal war es passend. Er hatte es soweit geschafft. Er hatte mehrere Panikattacken überstanden.

Sich mehrmals übergeben.

Seit Tagen vor lauter Aufregung kaum etwas hinunter bekommen.

Und jetzt stand er hier. Endlich angekommen.

Um doch den Eintritt von einem Eisentor verwehrt zu bekommen,dessen Stäbe so große Abstände aufwiesen, dass man sogar auf einem Pferd durch es hindurch reiten konnte, wenn die Schilde nicht wären.

Genervt und am Ende seiner Kräfte für diesen Tag, warf sich Harry gegen die Schilde. Das Brizzeln und Brickeln fühlte sich gut auf seiner Haut an, auch wenn es etwas brannte. Es war warm, fast wie die Sonnenstrahlen vorhin. Er hatte sich als kleiner Junge schon einmal einen Stromschlag am Toaster geholt, als er diesen sauber schrubben sollte, und genauso fühlte sich es jetzt auch an. Harry fing an am ganzen Körper zu zucken und ein lauter Schrei brach aus seiner Kehle heraus. Nicht etwa aus Schmerz, nein nur aus reiner Frustration. In seiner Vorstellung hatte es sich um einiges Schmerzhafter angefühlt, mehr wie Stiche und Verbrennungen. Doch in der Realität konnte Harry gerade nur die Wärme und das Brickeln spüren. Was ihn nur noch mehr frustrierte. Warum konnte nichts so sein wie er es sich dachte?
Harry holte mit der Faust aus um auf die Schutzschilde einzuschlagen, welche sich weigerten ihm zu gehorchen, als dass Brizzeln und Brickeln von einer Sekunde auf die andere aufhörte und er mit dem Gesicht voraus gegen das Eisentor prallte.

Aus den Augenwinkeln heraus vernahm er gerade noch wie sich eine dunkle Gestalt rennend auf ihn zubewegte, doch dann versank die Welt um ihn herum wieder einmal in eine tiefe und ruhige schwärze. Und Harry sank mit einem zufriedenem kleinen Lächeln am Eisentor zusammen, dass nur von dem Blutrinnsal über seinem linken Auge etwas bedeckt wurde.