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Wein. Unruhig schob er die Flasche auf dem Tisch hin und her. Sah das zu sehr nach Verabredung aus? Er packte die Flasche wieder weg. Severus wollte nicht den offensichtlichen Eindruck erwecken hierbei handelt es sich um eine romantisches Treffen. Auch wenn es so war. Ruhelos lief er durch den Raum, rückte ein paar Bücher zurecht und zerrte an den langen Vorhängen. Sollte er sie schließen? Aber dafür war es noch zu hell. Was würde das für einen Eindruck wecken? Ganz so als hätte er vor …
Tief holte er Luft und kehrte den Vorhängen den Rücken zu. Tee. Tee war die bessere Wahl. Jeder Mensch trank Tee. Alleine, oder auch in Gesellschaft. Also würde auch er Tee servieren. Wenn sie kam. Ob sie seinen Brief erhalten hatte? Natürlich! Eine Eule erreichte immer ihr Ziel. Was sie von seinen Zeilen wohl gehalten hatte? Ob seine Worte sie berührt hatten? So wie seine Lippen die ihrigen.
In seinem Leben gab es nur wenige, bedeutende Ereignisse. Eines davon war als er Lily zum ersten Mal gesehen hatte. Ein weiteres war ihr Tod gewesen. Danach folgte eine lange Zeit der grauen Eintönigkeit, einzig unterbrochen von seinen Schuldgefühlen und Harry Potter. Dieser erinnerte ihn an James und an seine Schuld. Wie sehr er ihn gehasst hatte. Sein Anblick war ihm unerträglich. Es brauchte fünf Jahre und den alles entscheidenden Endkampf um seine Einstellung wandeln zu können.
Tief in sich wusste er, dass es falsch war ihn büßen zu lassen, aber als er ihn zum ersten Mal sah. Sein Aussehen, dass James bis aufs Haar glich und in seine Augen blickte. Es waren Lilys Augen, da zerbrach ein weiteres Mal etwas in ihm. Was er glaubt bereits mit Lily gestorben zu sein, regte sich ein letztes Mal und dafür hasste er ihn. Energisch schob er diese Gedanken beiseite. Der dunkel Lord war besiegt und tot und das war alles was zählte.
Plötzlich sah er die kleinen Phiolen. Es hatte sie erschreckt. Schnell verschloss er sie in einem Schrank, dann blickte er sich suchend um. Was würde sie sehen? Es wirkte trist. In seinen Räumen war alles von dunklen Farben durchzogen. Sollte sie tatsächlich kommen, würde sie den einzigen Farbtupfer, ein Leuchten, in seinen Räumen bilden. Deshalb fand er sie so falsch hier. Sie war Licht und er? Zweifel begannen an ihm zu nagen.
Hatte er übereilt gehandelt? Impulsivität lag ihm nicht. Normalerweise ging er sehr überlegt an eine Sache heran. Bis natürlich auf diesen Kuss. An diesem war nichts wohl überlegt gewesen. Ein innere Stimme hatte ihn verführt und zu dieser Tat verleitet. Niemals hätte er sie unter anderen Umständen geküsst.
Angespannt inspizierte sie ihren Kleiderschrank. Was zog man für eine Verabredung mit Severus Snape an? Bei diesem Gedanken musste sie schlucken und sich setzten. Du meine Güte Severus Snape hatte sie eingeladen. Einfach so. Leicht begann sie zu schwitzen und ihr Herz flatterte aufgeregt wie ein kleiner Vogel in ihrer Brust. Was würde sie erwarten bei ihm? Was erwartete er von ihr? Ob sie sich darauf besser vorbereiten sollte?
Sie könnte vielleicht noch ein Buch lesen, schließlich war Severus Snape ein sehr gebildeter Mann und sie wollte nicht, dass er dachte sie wäre dumm. Immerhin traute er ihr niemals viel zu. Im Gegenteil, im Unterricht ignorierte er sie meistens und behandelte sie wie Luft. Das tat er jetzt offensichtlich nicht mehr. Ob es an dem Kuss lag, oder daran was sie zu ihm gesagt hatte? Oder vielleicht an beidem? Sie hätte so gerne mit jemanden darüber gesprochen und sich jemanden anvertraut, aber sie wagte es nicht.
Wer würde ihr schon glauben? Sie würde keiner Frau der Welt glauben, wenn sie ihr erzählte sie hätte eine Verabredung mit Severus Snape. Unruhig begann sie in ihrem Zimmer auf und ab zu laufen. Sie konnte nicht hingehen. Ein Blick in ihren Spiegel bestätigte ihr diesen Gedanken. Ihre Wangen glühten als hätte sie Fieber. Wenn sie so vor ihn trat, hielt er sie für verrückt und schickte sie erst recht fort. Sie musste sich unbedingt beruhigen. Am Besten sie zählte alle Direktoren der Schule von Hogwarts auf und das in umgekehrter Reihenfolge. Das würde sie bestimmt auf andere Gedanken bringen. Jedenfalls hoffte sie das.
„Was meinst du damit – Es hat gewirkt?", fragte Minerva Albus.
„Sogleich nachdem er unser Gespräch belauscht hatte, ich muss ihm bei Gelegenheit sagen, dass sich das nicht gehört, ist er hinab in seinen Kerker geeilt und ein paar Augenblicke später hinauf in die Eulerei. Severus hat einen Brief abgeschickt!", verkündete Albus stolz.
Minerva verdrehte innerlich die Augen. Albus konnte, auch wenn er ein Genie war, manchmal ziemlich eingebildet und nervig sein.
„Und daran glaubst du zu erkennen, dass dein abenteuerlicher Plan geklappt hat? Ich finde das ein bisschen weit hergeholt!", erwiderte Minerva.
Kopfschüttelnd betrachtete Albus sie. Ihr übergroßer Hang zum Pragmatismus war oft sehr hilfreich, doch zugleich stand dieser auch oft im Weg, so wie jetzt.
„Ich kenne ihn. Wem sollte er schon schreiben, außer ..."
„Dieser ominösen Unbekannten? Verräts du mir jetzt wer sie ist?", versuchte Minerva erneut ihr Glück.
„Noch nicht. Lass mich erst sicher sein." Sie würde ihm den Kopf abreißen, wenn sie ahnte das es sich um ihren Liebling Hermione Granger handelte und darauf hatte er gar keine Lust.
„Wann gedenkst du wird er sie treffen?"
„Kommenden Dienstag!", kam es entschlossen von Albus.
„Warum ausgerechnet dieser Tag?"
„Keiner außer ihm wird im Schloss sein und du kennst ihn. Severus ist ein Geheimniskrämer. Niemals würde er jemanden treffen, oder hier her bringen, wenn er befürchten müsste jemand könnte es herausfinden.", erklärte Albus schlüssig.
Er hatte immer auf alles eine Antwort, eine weitere nervige Eigenschaft von ihm, wie Minerva insgeheim fand.
„Also gut, dann lassen wir ihn am Dienstag wie geplant alleine und sehen was dabei herauskommt!", erwiderte Minerva leicht verschnupft und ließ Albus stehen.
Hermione apparierte nach Hogwarts, aber irgendetwas ging dabei schief. Ihr Herz und auch ihr gesamter Körper fühlte sich an, als wäre alles vollkommen durcheinander geraten. Das konnte bestimmt nicht nur alleine davon herrühren, dass sie schrecklich aufgeregt war, oder? Entschlossen schritt sie auf das Schloss zu. Sie hatte gehofft …, aber das würde nicht zu ihm passen. Severus würde ihr niemals entgegeneilen um sie hier abzuholen.
Kurz vor dem Portal hielt sie inne. Sie hatte gewusst, sie würde ihn treffen, schließlich war sie mit ihm verabredet, aber ihn so plötzlich vor sich zu sehen, brachte sie dennoch vollkommen durcheinander.
„Hallo!", brachte sie mit piepsiger Stimme über die Lippen. Energisch räusperte sie sich. Er musste sie nicht gleich für vollkommen einfältig halten.
„Du bist gekommen.", stellte er fest und zugleich klang es wie eine Frage.
War auch er unsicher? Nein, bestimmt nicht. Das war nur ein trügerischer Funke Hoffnung mit ihren Gefühlen nicht ganz alleine zu sein.
„Ich hatte eine Einladung!", erwiderte sie schlicht und hielt zugleich den Brief von ihm hoch.
Seine Worte, sie hatte sie auswendig gelernt. Er hatte geschrieben, dass auch er nicht unberührt geblieben war. Erneut begann der Funke in ihr zu glühen. Es musste so sein, denn wen dem nicht so wäre, dann wäre sie nicht hier. Er gab den Weg frei und ließ sie eintreten.
Schweigend stiegen sie Seite an Seite hinab in den Kerker zu seinen Privaträumen. Würde es wieder so wie beim letzten Mal laufen? Sobald sie eine Tasse Tee in der Hand hielt, warf er sie raus? Mühsam schluckte sie, als sie das Teeservice auf dem Tisch entdeckte.
Sie war hier. Sie war tatsächlich seiner Einladung gefolgt. Nun hatte er sie hier und er war mit ihr ganz alleine. Er war kein Mann der sich irgendwelchen Spinnereien hingab, aber gerade jetzt hatte er die verstecktesten Ideen und sie alle endeten gleich. Heftig holte er Luft. Es gab eine Zeit, da hielt er Sex für ein vollkommen überbewertete Sache und etwas was er nicht brauchte. Tja gerade beschlich ihn der Verdacht, sich in dieser Hinsicht eventuell doch geirrt zu haben.
Um für etwas Frieden in seinem Inneren zu sorgen, lenkte er sich damit ab indem er den Tee einschenkte. Besorgt nahm er zur Kenntnis, dass sie ihre Tasse kaum anrührte. Sie hatte, außer dem Hallo und der Erwähnung des Briefes, noch immer kein Wort gesagt.
„Wie war deine Reise?"
Überrascht musterte sie ihn bei dieser Frage. Das war vielleicht nicht der beste Beginn für ein Gespräch.
„Gut", kam es knapp von hier. Geistesabwesend nippte sie an ihrem Tee. Es war so still hier. Es konnte doch nicht so schwierig sein eine Unterhaltung zu beginnen, oder?
„Ich würde gerne mehr über dich erfahren.", sagte sie plötzlich.
Was konnte er ihr sagen, was sie verstehen würde? In seinem Leben gab es nicht sehr vieles, über das sich zu reden lohnte.
„Ich denke nicht, dass das beste Thema ist.", stellte er nüchtern fest.
„Und worüber sollten wir dann sprechen?"
Hermiones Frage war berechtigt. Über was sollten sie sprechen? Sie hatten praktisch, bis auf den Kuss, nichts gemein und bevor zwischen ihnen eine Unterhaltung zustande kam, geriet sie bereits ins Stocken.
„Erzählen mir was du vor hast. Wonach dürstet einen so hungrigen Geist wie dem deinigen?"
War das beleidigend gemeint, oder doch ein Kompliment? Misstrauisch verengte sich ihre Augen.
„Mir ist klar, dass dir meine Art im Unterricht nicht gefallen hat. Das hast du oft genug in beleidigender Form zum Ausdruck gebracht!", kam es abweisend von ihr.
Was hatte sie hier erwartet? Einen Severus Snape der sich vollkommen von dem Lehrer den sie bisher gekannt hatte unterschied? Nach dem Kuss hatte sie einfach falsche Vorstellungen von ihm bekommen. Langsam erhob sie sich.
„Ich fürchte unser Tee endet wie der Letzte!", sagte sie enttäuscht und bewegte sich auf die Tür zu.
Es war wohl das Beste, wenn sie ging. Der Kuss war zwar wunderschön gewesen, aber mehr auch nicht. Unglücklich griff sie nach dem Türknauf, doch eine andere Hand war schneller und hielt ihre fest.
„Ich wollte dich nicht beleidigen.", sagte er ungewöhnlich sanft.
Vorsichtig drehte sie sich zu ihm um und sah an den schwarzen Knöpfen seiner Kleidung nach oben mitten in sein Gesicht. Was war es nur was sie so an ihm faszinierte? Wie von selbst blickte sie auf seinen sinnlichen Mund und holte tief Luft.
Er schien ihre Gedanken zu spüren, denn er neigte sein Haupt ihr entgegen. Automatisch hielt sie die Luft an und schloss, in Erwartung seines Kusses, die Augen.
Wie war es nur so weit gekommen? Er wollte sie besser kennen lernen und nicht küssen, aber nun stand er hier und hielt sie praktisch in den Armen. Sie lud ihn förmlich ein sie zu küssen und nichts lieber würde er tun, aber er zweifelte daran ob es richtig war.
Es gelang ihnen nicht ein vernünftiges Wort miteinander zu wechseln. Alles was sie verband war das hier. Plötzlich leckte sie sich mit der Zunge über die Lippen und das brachte jeden Gedanken, bis auf einen, in seinem Kopf zum Verstummen. Was konnte schon so falsch daran sein sie zu küssen?
Nichts!
Wie selbst schlossen sich seine Lippen über die ihrigen.
