Kapitel 3: Ich sehe dich. Dein Gesicht.
Underneath your clothes
There's an endless story
There's the man I chose
There's my territory
And all the things I deserve
For being such a good girl honey
"Ich will es versuchen", flüsterte er so leise, dass Evey meinte, sich verhört zu haben. Sie hielt mit der Liebkosung seiner Hand inne und blickte nun forschend zu ihm auf. Natürlich bemerkte sie seine Unruhe und sofort lächelte sie.
"Du musst dich nicht dazu zwingen", wollte sie sichergehen, dass ihm das nicht einfach nur herausgerutscht war. Er schüttelte den Kopf und atmete tief ein und aus. "Ich will es", bestätigte er seine vorherigen Worte und Evey fühlte sich unglaublich glücklich.
Ganz langsam und vorsichtig löste sie ihre Hände und sie wanderten zu seiner Maske. Sie fuhr das Grinsen nach. Wie sein echtes Lächeln wohl aussah? Dann ließen sie von dem Gesicht ab und wanderten gen Hinterkopf. Unter den Haaren musste die Maske zu lösen sein. Sie ließ sich Zeit und beobachtete V genau, wie er immer unruhiger wurde.
Schlussendlich legte er seine Hände auf ihre Hüfte, strich vorsichtig darüber. Nie hatte er eine Frau so intim berührt. Evey war solche Liebkosungen ebenfalls nicht gewohnt und lief Gefahr, sich dadurch von ihrem Tun ablenken zu lassen. Doch es dauerte nicht lange, ehe sie die Perücke mitsamt der Maske langsam von seinem Kopf zog.
Er erstarrte mitten in der Bewegung, hielt sogar den Atem an. Auch Evey wagte es kaum, sich zu bewegen und doch musste sie diesen letzten Schritt wagen. Sie schoss die Augen, versuchte sich darauf vorzubereiten, was sie erwartete. Dann spürte sie, wie sich Hände um ihre schlossen und die Maske aus ihrer Reichweite gelangte. Ein dumpfes Scheppern erklang, als V sie auf den Boden fallen ließ.
Erst dann öffnete Evey zaghaft ihre Augen und betrachtete den Mann vor sich. Sein Gesicht war furchtbar entstellt. Es war übersäht von wulstigen, hässlichen Brandnarben. Einen Moment, der beiden vorkam wie eine Ewigkeit wagte sie es nicht, sich zu bewegen.
"Deine Augen sind wunderschön", flüsterte sie, woraufhin er zusammenzuckte. Noch immer betrachtete sie das Gesicht des Mannes, den sie liebte. Beinahe sofort gewann sie jede einzelne Narbe und unnatürliche Erhebung lieb. Sanft tasteten ihre Hände nun nach seinem Gesicht.
Trotz seiner Wundern fühlte sich seine Haut unendlich weich und geschmeidig an. Er war blass, was wohl an der Maske lag, die er tagtäglich trug. Seine Augen blitzten vor Erleichterung auf. Sie waren von einem hellen Himmelblau, beinahe wirkten sie silbern. Ein warmer Ausdruck lag in ihnen.
Ohne noch weiter nachzudenken, legte Evey ihm die Hände in den Nacken und zog sein Gesicht nahe an ihres. Kurz vor seinen Lippen hielt sie inne und versank in seinen Augen. Der Bann löste sich erst, als V die letzten Millimeter überbrückte und seine Lippen mit den ihren verschloss.
Gewitter rollten durch ihren Körper. Sie fühlte sich wie elektrisiert. Nie hätte sie es sich zu träumen gewagt, dass seine Lippen so weich waren. Es gierte sie nach mehr und sie presste sich fest an diesen starken, muskulösen Körper des Mannes, den sie nie wieder gehen lassen wollte. Eine Weile küssten sie sich noch, dann spürte sie, wie er langsam an Festigkeit verlor.
Die letzten Akkorde klangen in der Schattengalerie. Als Evey wieder bewusst wurde, dass das alles nur eine Halluzination war, bemerkte V das natürlich auch.
"Ein jeder Song geht zu Ende, meine geliebte Evey. Aber das bedeutet nicht, dass wir ihn nicht genießen können", versuchte er sie zu trösten und hauchte ihr noch einen sanften Kuss auf die Lippen, ehe er dahinschwand und sie alleine zurückblieb. Der letzte Akkord war verklungen und der bittere Geschmack der Realität machte sich in ihr breit.
Doch in diesem Moment fasste sie einen Entschluss. Sie wollte diese Erfahrung nicht vergebens sein lassen und suchte fast sofort nach Pergament und einem Füllhalter. Einen Augenblick schwebte die Feder noch über dem Papier, ehe sie sich senkte und in schöner, geschwungener Schrift ihre Spur hinterließ.
Drei Monate später stellte sie ihren ersten eigens geschriebenen Roman einem Verlag vor, der sofort von der Geschichte begeistert war. Außerdem wirkte Evey eifrig bei der Errichtung eines neuen britischen Reiches mit. Sie bestimmte wesentliche Teile der Verfassung und stellte sich auch den Meinungen anderer. Harte Kritik traf sie, weil sie kaum Informationen über V durchsickern ließ. Immer wieder argumentierte sie, dass er eine Idee war. Ein Ideal.
Dennoch, jeden Abend da sie nach Hause kam und in der Küche stand, in der V für sie ihr Abendessen bereiten würde, überrollte sie wieder ihre Trauer. Dann spielte sie wieder einen Song der Juke-Box ab. Wahllos. Aber nie denselben als am vorhergehenden Abend.
Sie gedenkte seiner durch die Musik.
"In gewisser Weise bin ich Musiker."
Nun verstand sie seine Worte völlig.
