4.

Harry apparierte in eine Seitengasse ganz in der Nähe des Ministerium. Auch wenn er wusste, dass der Bereich vor dem Eingang zum Ministerium für innere Sicherheit mit mehreren Flüchen vor den neugierigen Blicken der Muggel zu schützen, so traute er den Zaubern doch nicht ganz. Wer wusste schon wie solche Bannkreise auf Muggel mit geringer Magiefähigkeit wirkten?

Auch wenn seine Kollegen es für ein wenig paranoid hielten, er hatte keine Lust vor seiner Arbeit anzukommen und von einem kreischenden Muggel begrüßt zu werden, der gesehen hatte, wie ein ausgewachsener Mann sich in reiner Luft manifestierte. Und es war auch kein großer Aufwand die fünf Schritte bis zu dem großen gläsernen Gebäude selbst zu gehen.

Er schritt durch die Dunkelheit hin zu der breiten gläsernen Drehtür, die für alle anderen außer ihm und seine Mannschaft heute Nacht geschlossen sein würde. Er fand es sehr faszinierend, wie die Tür jedes Mal erkannte, wen sie durchlassen durfte und wen nicht, aber das würde bestimmt eines der Rätsel sein, die er niemals ergründen konnte. Jeder Unbefugte würde zwar zur einen Seite der Drehtür hereingehen können, doch er würde nicht im Inneren des Gebäudes landen, sondern wieder draußen vor dem Ministerium, als hätte er nur vergessen die Kammer der Drehtür rechtzeitig zu verlassen.

Harry jedoch fand sich nicht auf der dunklen Straße wieder, sondern auf den kühlen weißen Marmorplatten, die das Foyer auskleideten. Nur ein paar Fackeln an den Wänden erleuchteten die große Halle und schufen so eine schummrige, ungastliche Atmosphäre. Die nie verwelkenden Pflanzen, die in regelmäßigen Abständen an den Wänden und neben Empfangsschaltern standen, warfen lange Schatten auf den hellen Boden.

Er hatte sich schon seit dem ersten Arbeitstag gefragt, warum die Empfangshalle so verdammt unfreundlich wirken musste. Sollte ein Feind in das Ministerium eindringen, würde er sich bestimmt nicht von einer kalten, abweisenden Halle abhalten lassen und die Arbeitsmoral der Angestellten wurde auch ganz bestimmt nicht durch dieses Ungetüm gesteigert. Man hätte wenigstens ein freundliches Gemälde oder einen Brunnen wie in St. Mungos hereinstellen können, aber scheinbar hatte das Geld zwar zu Marmor und seltenen Pflanzen aber nicht zu ein wenig Schnick Schnack gereicht.

Es war noch niemand da, wie er nach einem Blick durch das Foyer feststellen musste. Natürlich nicht, er war auch eine gute viertel Stunde zu früh dran und so wie er seine Truppe kannte, würde zuerst Ferdinand Skull hier eintreffen, genau zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit. Leon Happner würde wenig später hier ankommen und dann würden sie zu dritt auf Andrea Reign warten, die grundsätzlich ein paar Minuten zu spät kommt.

Harry schmunzelte leise vor sich hin. Wahrscheinlich hatte Andrea noch nasse Haare, weil sie ihre Planung mal wieder verhauen hatte und in der Badewanne vollkommen geschockt bemerkt hatte, dass es schon zehn vor zwei war, oder sie hatte noch Abdrücke ihrer Bettwäsche im Gesicht, weil sie gedacht hatte, noch schnell ein Nickerchen machen zu können.

An einen Pfeiler gelehnt wartete er bis schließlich ein leises Ploppen vor der Drehtür verkündete, dass Ferdinand erschienen war. Harry blickte auf die Uhr und stellte mit einem Lächeln fest, dass Ferdinand sich auch dieses Mal genau an die Regel gehalten hatte. "Guten Abend, Harry.", grüßte der braunhaarige junge Mann, der gerade aus der Tür trat. Er war gekleidet wie Harry, nur dass er kein Kopftuch trug. Seine kurzen braunen Haare waren wie immer nach hinten gekämmt und wirkten zu seinem schwarzen Kampfanzug seltsam unpassend.

Harry nickte ihm zu und ging ein paar Schritt in seine Richtung. Jeder Schritt hallte viel zu laut durch die Halle. "Furchtbar hier...", murmelte Ferdinand und schüttelte leicht seinen Kopf. Sein Vorgesetzter lachte leise auf. "Lange müssen wir uns ja nicht hier aufhalten. Gesetzt dem Falle, dass Andrea früh genug aufwacht um unserem kleinen Ausflug beiwohnen zu können."

Der frisch gebackene Auror antwortete mit einem Lachen, das jedoch stoppte, als ein zweites Ploppen die Ankunft von Leon verkündete. Der breitschultrige Mann trat schon ein paar Sekunden später zu ihnen und nickte jedem von ihnen einmal kurz zu. Eine überschwängliche Begrüßung hätte niemand von ihm erwartet, doch ab und zu wäre ein gemurmelter Gruß schon etwas sehr erfreuliches.

"Ich hoffe Andrea kommt bald...", murmelte Ferdinand und irgendwie klang es, als wollte er mit dem Gesagten nur die Stille vertreiben, die sich über das Foyer gesenkt hatte wie ein dunkler Schleier. Leon und Harry beließen es bei einem zustimmenden Nicken. Wieder breitete sich Schweigen aus.

Nach einer Frage nach ihrem Arbeitstag und dem Privatleben, die beide nur mit einem Schulterzucken beantworteten, gab schließlich sogar Ferdinand auf, die beiden in ein Gespräch verwickeln zu wollen. Er hätte es eigentlich wissen sollen, dass die beiden vor einem Auftrag grundsätzlich nicht zu langen Reden tendierten, vor allem nicht über die Arbeit oder die Familie.

Und bei Leon redete man sowieso immer gegen eine Wand aus beharrlichem Schweigen. In einem Anflug von Ungeduld trat Harry von einem Bein auf das andere. Andrea schien mitbekommen zu haben, dass es sich heute nur um eine Erkundungstour handelte, denn der Minutenzeiger der großen goldenen Uhr, den man im Halbdunkel nur mit Mühe erkennen konnte, kam der Markierung für die Zahl zwei schon ziemlich nahe.

Wenn es sich um einen wirklich gefährlichen Auftrag wie zum Beispiel das Stürmen einer Versammlung gehandelt hätte, wäre sie sicherlich nur wenige Minuten zu spät gekommen, da sie wusste, dass es bei solchen Missionen auch auf einzelne Minuten ankommen konnte. Wenn sie kein solches Genie wäre und im Kampf ein sehr gutes Gespür besitzen würde, wäre sie bestimmt schon des öfteren verwarnt worden, wenn nicht sogar schlimmeres.

Allen war die Ungeduld und die Genervtheit über Andreas Verspätung deutlich anzusehen, obwohl sie ja eigentlich wussten, dass Andrea es nicht mit Absicht tat, oder weil ihr ihre Arbeit nicht wichtig genug war, sie war nur einfach so verdammt zerstreut. Unruhig trat Harry immer wieder von einem Bein aufs andere und spielte mit dem schlanken schmucklosen Ring an seinem Ringfinger der rechten Hand.

Schließlich, fünfzehn Minuten später als eigentlich verabredet, kam die blonde Frau durch die Tür gehetzt, die Haare wirr vom Kopf abstehend und nur halb angezogen, die Weste hielt sie in der Hand und ihr schwarzes Hemd hatte sie gerade mal über einen Arm gezogen. "Es tut mir so Leid!", rief sie als sie auf die kleine Gruppe zulief, und man merkte deutlich dass dem auch so war, "Ich bin vor dem Fernseher eingeschlafen und mein Wecker hat nicht geklingelt weil die verdammten Batterien aus gegangen sind..."

Harry schüttelte leicht den Kopf. Niemandem passierte so etwas, nur Andrea und das mit entnervender Regelmäßigkeit. Es wollte ihm nicht in den Kopf gehen, wie ein einziger Mensch, ohne es zu beabsichtigen, so oft irgendwelche Pannen haben konnte. "Schon gut... zieh dich erst mal richtig an...", murmelte er und winkte leicht ab.

Eine Zurechtweisung würde eh zu nichts führen außer dass sich alle Beteiligten schlecht fühlen würden. Naja, außer vielleicht Leon, dem schienen solche Dinge immer am Arsch vorbeizugehen, doch Harry bezweifelte, dass er wirklich so kühl und distanziert war, wie er immer tat. Andrea schlüpfte schnell auch noch mit dem anderen Arm in den Ärmel und versuchte das Hemd so schnell wie möglich zuzuknöpfen.

Leider knöpfte sie die beiden Knopfleisten falsch zusammen, so dass zwei Knöpfe oben und zwei Knopflöcher unten frei hingen. Harry seufzte und bedachte sie mit einem mitleidigen Schmunzeln. Den Tag, an dem Andrea hier pünktlich ankam, vollständig angezogen und mental auf einen Einsatz vorbereitet, würde er grell rot in seinem Kalender anstreichen und zum Feiertag erklären lassen.

"Können wir dann?", fragte Leon mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, als Andrea gerade dabei war ihre Weste zu schließen. Harry nickte leicht. "Heute geht es nur darum das Territorium zu erkunden, deshalb sind wir nur zu viert.", erklärte er, ernst und in strengem Ton, wie man es bei einem Anführer erwarten würde. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog er seinen Zauberstab aus dem Halfter und vollführte damit eine komplizierte Bewegung.

Aus goldenen Linien wob sich ein Netz, dass sich, wabernd und zunächst noch undeutlich zu einer Landschaft formte. Über dem Netz bildeten sich Bäume, Felsen, Gräser, Wege und zu guter Letzt die mächtige Ruine in mitten eines Talkessels. Die Berge hatten die frühere Festung wohl vor allerlei Angriffen geschützt, denn sie war richtiggehend eingeklemmt zwischen ihnen. Doch anscheinend hatte sie einem Feind nicht trotzen können, der Zeit.

Harry beobachtete wie sich das Modell aus Magie allmählich zusammen setzte. "Wir werden hier hin apparieren...", er deutete auf einen der Hänge, wo sich ein goldenes Kreuz bildete, "Diese Stelle kann durch die Bäume und den Felsvorsprung von der Festung aus nur schwer eingesehen werden. Von dort aus, werden wir uns auf den Weg nach unten machen und die Burg einmal umgehen. Achtet dabei auf Geheimgänge, es befindet sich eine Falltür hier", wieder erschien ein Kreuz, "Hier und hier sind besser verborgene Geheimgänge. Doch ich denke, dass sich in diesem Areal noch mindestens ein Geheimgang befinden wird. "

Eine große Fläche neben der Burg begann golden zu glänzen, dort wo Harry weitere Türen und Gänge vermutete, die ins Innere der Burg führten, beziehungsweise von dort hinaus. Wenn sie die Versammlung stürmen würden, wäre es sehr wichtig, diese Gänge zu versperren, zum Einsturz zu bringen oder zu bewachen, da die Todesser durch sie entkommen könnten.

"Haben wir draußen alles untersucht werden wir nach drinnen gehen.", er wedelte erneut mit seinem schon ein wenig abgenutzten Zauberstab und die Burgruine trat in den Vordergrund. Das nur noch partiell vorhandene Dach wurde durchsichtig, ebenso wie die obersten Etagen. "Wir treten ein durch das Hauptportal und werden uns von dort aus nach oben hin durcharbeiten. Gebt acht auf verborgene Schächte und Fallen, ebenso wie mögliche Verstecke. Der Zustand des Gebäudes ist unbekannt, da es sich aber um eine Ruine handelt denke ich, dass wir nicht zu vorsichtig sind, wenn wir davon ausgehen, das Teile der Ruine einsturzgefährdet sind. Hier ist es wichtig die gefährlichen Bereiche ausfindig zu machen, damit wir beim Sturm keinen unserer Männer in Lebensgefahr bringen."

Der Reihe nach wurden auch die anderen Gebäudeteile wieder undurchsichtig und Harry erklärte weitere Details, die die drei aufmerksam in sich aufsogen. Sie kannten solche Besprechungen zur genüge, und auch wenn Harry sich des öfteren mal wiederholte und ihnen zum Tausendsten Male erklärte, so war es dennoch wichtig, denn so konnte wichtiges nicht in Vergessenheit geraten. "Noch weitere Fragen?", schloss der Schwarzhaarige schließlich und warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon nach Drei, doch in dieser Nacht sollten sie alle Zeit der Welt haben, es sei denn Voldemort hatte Wachen aufgestellt und das wollte er doch sehr bezweifeln.

Harry fragte sich für einen Moment wozu sie diesen Aufwand überhaupt betrieben, wozu sie hier standen und sich den Kopf zerbrachen und gespannt waren, wo der einzige Sinn der Aktion doch nur war, für Voldemort Abtrünnige zu entsorgen. Müllmänner stellten sich doch auch nicht jeden Morgen zusammen hin und sprachen den Aktionsplan durch... Doch Harry wusste nicht mal, ob die anderen drei wussten, was sie hier eigentlich taten. Er redete mit keinem darüber, außer Sam, denn er wollte auf keinen Fall Zweifel in seinen Kollegen schüren.

Es reichte schon vollkommen wenn er davon zerfressen war und nächtelang darüber grübelte, was eigentlich aus seinem Traum vom Auroren geworden war. Alle drei schüttelten ihre Köpfe, offenbar war alles klar und eigentlich war ja auch gar nichts, was sie nicht hätten verstehen können. Der Anführer der kleinen, aber ziemlich wehrhaften Gruppe nickte und streckte seine Arme aus, woraufhin die anderen seinem Beispiel folgten und sie schließlich in einem geschlossenen Kreis standen und sich alle an den Händen hielten.

Harry schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Koordinaten ihres Landepunktes, den er vorhin noch mit einem goldenen Kreuz markiert hatte. Er sah vor seinem inneren Auge die Bäume, die Gräser, den schmalen Weg und er glaubte die kalte Nachtluft riechen zu können, die dort draußen in der Wildnis viel klarer war als hier mitten in London. Der leichte Wind bewegte die Äste der Laubbäume und verursachte ein allgegenwärtiges Rauschen in ihnen.

Und mit einem Mal spürte er die feste, ein wenig feuchte Erde unter seinen Stiefeln, in die er leicht einsank, anscheinend hatte es hier gestern geregnet. Was er ebenso spürte war das Ziehen in seinem Magen das jedes Apparieren begleitete. Er würde sich nie daran gewöhnen, niemals... Langsam öffnete er die Augen. Vor sich erstreckte sich ein sanfter Abhang, der direkt zur Burg führte, würden im Weg nach unten nicht zahlreiche Bäume und ein recht stattlicher Felsbrocken liegen.

Die Landschaft war traumhaft, auch wenn er das meiste davon nicht wirklich sah, denn es war stockdunkel bis auf das schwache Licht des fahlen Mondes, der hoch am Himmel stand. Vielleicht würde Harry irgendwann mal hier in die Gegend ziehen, irgendwann, wenn das ganze zu Ende war und er in seinen wohlverdienten Ruhestand gehen konnte. Aber das war noch so weit in der Zukunft, dass er jetzt keine Pläne darüber machen wollte, es hätte doch keinen Sinn.

"Gehen wir nach unten. Haltet euch im Schatten.", wies er seine drei Untergebenen an, die schweigend nickten und so machten sie sich, immer im Schatten von Bäumen und dichten Büschen verborgen, auf den Abstieg. Die Erde war noch feucht und so rutschten sie bisweilen aus, doch alle schafften es schließlich heil unten am Fuß der Ruine anzukommen, auch wenn Andrea halbseitig mit Schlamm beschmiert war. Sie hatte sich einmal nicht mehr abfangen können.

Harry besah sich kurz den grauen Stein, aus dem die Wände der Burg bestanden. Wind und Wetter hatten ihm stark zugesetzt, so dass er mit der Zeit porös und instabil geworden war. Es würde ihn nicht wirklich wundern, wenn sie einige Bereiche der Burg nicht betreten können würden. Das war nicht nur schlecht für ihre Sicherheit, es war vor allem schlecht für seine Planung, denn er durfte seine Auroren nur in sichere Gebiete schicken und ein einsturzgefährdeter Flügel war nicht unbedingt das, was seine Vorgesetzten als sicher bezeichnen würden.

Schweigend gab er das Zeichen, auszuschwärmen und getrennt nach den Ausgängen der Geheimgänge zu suchen. Es raschelte als die drei sich umwandten und in verschiedene Richtungen in die Dunkelheit rannten, durch ihre schwarze Kleidung perfekt getarnt. Schon wenige Sekunden nach Harrys Kommando waren sie alle verschwunden. Auch der Schwarzhaarige machte sich auf den Weg, er würde sich das Areal direkt zu seinen Füßen vornehmen, in dem er einen Geheimgang schon auf den Karten gesehen hatte, doch er vermutete mindestens noch einen auf dieser Seite der Burg, jedoch etwas weiter entfernt davon.

Bei den meisten Burgen hier in dieser Gegend gab es mehrere Fluchtwege. Die meisten führten in die unmittelbare Umgebung, was bei einem Brand sinnvoll erscheint, nicht jedoch bei einer Belagerung, weshalb einige von ihnen auch weiter von der Burg entfernt an die Oberfläche stießen. Und da Tunnel gerne mal einstürzten und gewöhnlich ziemlich viele Menschen in so einer Burg hausten, die unmöglich alle durch einen einzigen Tunnel fliehen konnten, hatte man gleich mehrere angelegt, die in verschiedene Himmelsrichtungen führten.

Harry zog seinen Zauberstab und murmelte ein 'Lumos', so dass sein Zauberstab ihm zumindest so weit Licht spendete, dass er im Umkreis von drei Metern etwas erkennen konnte, denn das Mondlicht würde ihm bei seiner Suche nur unwesentlich hilfreich sein. Das hohe Gras um ihn herum würde seine Suche zusätzlich zur Dunkelheit erschweren, doch er lies sich nicht beirren und begann. Er streifte durch das leise raschelnde Gras, immer danach Ausschau haltend, wo sich das dichte Gras lichtete.

Schließlich stieß er auf eine schon von dichtem, dunkelgrünen Moos bewachsene Falltür, die in den Boden eingelassen war. Er ergriff den eisernen Ring, mit dem man sie hochheben konnte und stemmte sie mit einem unterdrückten Ächzen auf. Schnell leuchtete er in den Gang hinein, konnte aber keine Trümmer oder ähnliches erkennen, die auf den Einsturz des Tunnels hinwiesen. Alle Holzstreben, die den Gang stützten, waren noch stabil und sahen auch noch halbwegs gut erhalten aus. Außer den Spinnweben und der zentimeterdicken Staubschicht am Boden, lies nichts auf das hohe Alter des Ganges schließen.

Zufrieden nickte Harry und verschloss den Gang wieder. Er blickte zur Ruine und versuchte zu schätzen, wie weit der Gang von ihr entfernt war, damit er es sich zuhause in seinen Plan eintragen konnte, denn er würde nicht alle Gänge selbst versiegeln, dazu hätten sie beim Sturm nicht die Zeit. Andere würden es übernehmen, die bei den Falltüren Wache hielten und jeden fliehenden Todesser dort unten gefangen nahmen.

Wenn es ging, würde er den Gang jetzt schon verschließen, doch dann würden die Todesser am Tag der Versammlung, sollten sie in der Verborgenheit des Geheimganges in die Burg eintreten wollen, bemerken, dass etwas nicht stimmte und das wäre äußerst fatal für die Mission. Nun ja, hauptsächlich würde es den dunklen Lord stören, der seine untreuen Gefolgsleute selbst entsorgen müsste.

Harry blickte hoch zum Mond, der mit seinem fahlen Licht auf sie herab schien. Normalerweise verbreitete dieser Anblick das Gefühl von Ruhe und Geborgenheit in ihm, doch heute stimmte irgendetwas nicht, es lag etwas in der Luft, dass verhinderte, dass er sich auch nur für ganz kurze Zeit entspannen konnte. Er sah sich um, konnte aber außer Dunkelheit und das Gras in seiner nächsten Umgebung nichts sehen.

Ohne, dass es wirklich einen Grund dazu gegeben hätte, wurde er immer nervöser. Er wusste, dass etwas nicht stimmte, dass diese Nacht furchtbar enden würde, doch er wusste nicht woher er es wusste und genau das war es was ihn noch viel nervöser und unruhiger werden lies. Ein Gang war gefunden, weiter von der Ruine entfernt musste noch einer sein. Er riss sich zusammen, versuchte nur noch an die Suche nach dem Geheimgang zu denken.

Es war sowieso unlogisch sich Gedanken zu machen, erstens war dies hier nur eine Erkundung, es ging nur darum sich mit dem Gelände vertraut zu machen, was sollte also groß passieren? Und zweitens gab es gar keinen Anlass sich Sorgen zu machen, er hatte weder Spuren von Todessern gesehen, noch Stimmen gehört, noch war er auf feindliche Zauber gestoßen, es war alles ruhig, nur er selbst war es nicht. Vielleicht wurde er alt und begann Gespenster zu sehen.

Und so versuchte er sich selbst zu beruhigen und sich einzureden, dass es alles nur Einbildung war, auch wenn er ganz genau wusste, dass seine Intuition ihn noch nie betrogen hatte. Am liebsten würde er hier abbrechen und mit seinen drei Mann wieder zurück ins halbwegs sichere London apparieren.

Er stieg tief in seine Gedanken versunken den Abhang wieder hinauf, den sie vorhin herunter gegangen waren, immer Ausschau nach einer kahlen Stelle, oder einem Felsen, der nicht ganz so massiv aussah wie ein Felsen, oder ganz alleine mitten im Weg stand, dort wo normalerweise keine Felsen zu finden waren. Inzwischen hatte Harry alle Anzeichen einer verborgenen Tür zu erkennen gelernt. Es hatte lange gedauert, bestimmt zwei Jahre seiner Ausbildung mit über hundert Einsätzen dieser Art.

Und endlich, nach bestimmt einer Stunde Suche hatte er die Falltür im Boden gefunden. Sie lag fast an der höchsten Stelle des Berges, den Harry nach oben gelaufen war, am Fuß eines uralten Baumes, der seine Wurzeln über die Falltür hinweg hatte wachsen lassen. Mit einem Zauber bewegte Harry die knorrigen Wurzeln von ihrer eigentlichen Position weg, doch als er die Falltür öffnete, sah er schon, dass man diesen Gang wohl nicht mehr benutzen konnte.

Überall lag Schutt herum, die Balken an den Seiten des Ganges waren mit der Zeit morsch geworden und hatten schließlich der Last, die auf ihnen ruhte, nachgegeben, und so war der Gang komplett verschüttet. Zur Sicherheit sprach Harry mehrere Zauber, die eine Illusion aufgehoben hätten, wenn es sich dabei um eine gehandelt hätte, doch es stellte sich als Realität heraus.

Er verschloss den Gang wieder und lies die Wurzeln wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurück gleiten. Jeder eingestürzte Gang bedeutete weniger Auroren, die er draußen vor der Burg zurücklassen musste um auf die Flüchtlinge zu achten und das hieß, dass er insgesamt auch weniger Auroren benötigen würde. Er hoffte sehr, dass die drei anderen auch auf einige zerstörte Gänge stoßen würden, jeder Auror den er nicht mit hierher bringen musste, vereinfachte den Papierkram im Vorweg eines Einsatzes ungemein.

Wie jedes Mal vor einem Einsatz dachte er sich, dass es falsch war, die Zahl der Auroren aufs absolute Minimum zu reduzieren und so mögliche Risiken für die Beteiligten zu akzeptieren, aber er konnte sich einfach nicht durch diese Berge von Papier arbeiten, nicht wenn ihm so wenig Zeit dazu blieb und er auch noch andere Dinge zu tun hatte als Formulare auszufüllen. Es musste ein ganzer Einsatz geplant werden, das fraß schon genug Zeit seines Arbeitstages, es würde wahrscheinlich gerade mal so viel Zeit bleiben, dass es für die Formulare für die Mindestanzahl von Auroren reichte.

Irgendwann würde er einen eigenen Sekretär nur für diese Formulare beantragen, der dann den ganzen Tag nichts anderes machte als das und ihn davon befreite, sich auch noch darum kümmern zu müssen, denn es war für ihn eigentlich nicht tragbar aus bürokratischen Gesichtspunkten die Sicherheit schleifen zu lassen. Denn, auch wenn die Einsätze nur eine Farçe waren, es gab doch immer mal wieder Verletzte, denn diejenigen, die gefangen genommen werden sollten, wussten natürlich nichts davon und wehrten sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Der Abstieg ging logischer Weise schneller, auch weil die Angespanntheit in Harry immer mehr zunahm. Er hatte bis jetzt nichts von seinen drei Mitstreitern gehört, also musste es ihnen entweder gut gehen, oder sie waren tot, aber das hielt er doch für sehr sehr unwahrscheinlich. Es war fast unmöglich einen von ihnen anzugreifen und ihn sofort zu töten, denn sie waren so gut ausgebildet, dass sie die Gefahr förmlich rochen.

'Immer wachsam!', war die Devise gewesen, die ihre Lehrer ihnen eingebleut hatten - denn nicht nur Mad-Eye Moody lebte nach diesem Vorsatz - und obwohl sie zuerst alle Lehrer, die diesen Grundsatz immer wieder gepredigt hatten, für vollkommen paranoid gehalten hatten, spätestens nach den ersten beiden Jahren, hatten alle verstanden, dass man nur so eine Chance hatte zu überleben. Es konnte jederzeit passieren, man konnte jederzeit hinterrücks angegriffen werden, das war keine Wahnvorstellung, das war die blanke Realität, so unschön es klingen mochte.

Es war eine Lektion, die man nur lernte, wenn man sah, welche Folgen eine einzige Unachtsamkeit haben konnte. Ihre Ausbildung hatte ihnen allen einen hohen Blutzoll abverlangt und nicht jeder war bereit gewesen ihn zu leisten. Nach drei Jahren waren von dreißig Anfängern nur noch acht geblieben und sie waren noch ein sehr guter Jahrgang gewesen. Natürlich hatten auch die harten Prüfungen ihre Zahl gemindert, doch hauptsächlich war es die Belastung gewesen, unter der sie gestanden hatten.

Harry wusste nun, dass diese anfängliche Belastung nichts bedeutete im Gegensatz zu dem Druck, der nun jedes Mal auf seinen Schultern lastete. Wenn man als Anfänger nicht aufpasste, war entweder man selbst oder ein Kollege tot. Wenn er nicht acht gab, dann war seine ganze Truppe tot, oder zumindest extrem gefährdet. Aber er hatte gelernt damit umzugehen, irgendwie.

Er lief wieder an der schon entdeckten Falltür vorbei und fragte sich, wie viele Todesser ihnen dort unten wohl ins Netz gehen würden. Sie waren wie die Ratten. Er fand nichts abstoßender als die Flucht vor dem Kampf. Wenn sie sich denn schon auf Voldemorts Seite stellen wollten, bitte, aber dann sollten sie auch bis zum Letzten dahinter stehen und für ihre Einstellung bis in den Tod gehen. Er hatte so viele gesehen, die beim Verhör unter Tränen beteuerten nur unter dem Imperius gestanden zu haben und nichts, aber auch gar nichts davon hatte sich als Wahrheit herausgestellt.

Es war einfach nur widerlich und abstoßend eine solche Schwäche zu zeigen. Er selbst hatte so oft seinen Kopf für seine Überzeugung hingehalten, hatte Freunde sterben sehen, getötet von der dunklen Seite, war gefoltert worden, bedroht, und nichts hatte ihn davon abhalten können weiter zu kämpfen. Und er verstand es einfach nicht, wie man so schrecklich feige sein konnte und aus reinem Egoismus seine ganze Weltanschauung verraten konnte.

Gegen solche Todesser ging er besonders hart vor. Manche seiner Kollegen überprüften noch nicht mal, ob ihre Aussagen stimmten und sagten vor dem Zauberer Gamot aus, dass sie eine Strafmilderung für angemessen hielten, doch er prüfte gnadenlos jedes einzige Detail, auch wenn es ein wenig mehr Arbeit bedeutete. Nicht, dass er Gnade bei einem überzeugten Todesser walten lassen würde, aber diese behandelte er zumindest respektvoll und wie einen Menschen. Verräter waren in seinen Augen nicht mehr wert als ein wildes Tier.

Mehr als zwei Geheimgänge vermutete er hier auf dieser Seite nicht, denn er hatte die Seite des Eingangsportals gewählt und es war typisch, dass Geheimgänge eher auf die anderen drei Seiten mündeten, als auf diese. Wer wollte im Falle einer Belagerung schon direkt im Lager des Feindes auftauchen? Denn wenn ein Feind anrückte, geschah das meistens zur Frontseite hin. Egal wie stark ein Tor geschützt war, es stellte doch eine erheblich leichtere Hürde dar, als eine dicke Wand aus kaltem Stein.

Harry trat zu dem verfallenen Gemäuer und lehnte sich seufzend dagegen. Bald würden die anderen zurückkommen, zumindest hoffte er das. Dieser Teil der Erkundung war noch der einfachste, eine Falltür war schnell gefunden, das aufwendigste an der ganzen Sache war der Weg den man auf seiner Suche zurückzulegen hatte. Das wirklich Komplizierte kam erst noch, wenn man Flüche aufspüren musste, brüchiges Gemäuer, morsche Balken, Treppen, die unter einem einstürzen konnten, möglicherweise wildes Getier, das einen anfiel, ein verborgener Wächter, der einen aus dem Hinterhalt angriff.

Es gab so viele Gefahren, die ein altes Gebäude barg und nicht alle gingen von ihren Feinden aus, nein eigentlich gingen sogar die meisten vom Gebäude selbst aus. Er war einmal auf einer Erkundung gewesen, bei der sie die Gruppe in zwei Teile geteilt hatten, die eine blieb außerhalb des Gebäudes und suchte das Gelände ab, der Rest ging nach drinnen. Es war noch zu seiner Ausbildungszeit gewesen und er war in der ersten Gruppe.

Das Gebäude war in einem noch schlechteren Zustand gewesen, als dieses hier und es hatte beschlossen direkt über den Köpfen der Auroren in sich zusammenzufallen. Nur zwei der fünf hatten es überlebt, der Rest lag zerschmettert unter tonnenweise Stein und Schutt und würde nie mehr wieder das Tageslicht erblicken. Harry wusste nicht, ob Voldemort seine Versammlungen mitunter deswegen in diese Art von Gebäude verlegte um so auch ein oder zwei Auroren loszuwerden, am besten natürlich ein ganzer Trupp davon.

Vielleicht hatte der dunkle Lord aber auch einfach einen Hang zu malerischen, komplett verwitterten Burgruinen und deren dramatischen Flair. Vielleicht war es einfach eine passende Bühne für den geplanten Tod von Verrätern und anderen untreuen Gefolgsleuten. Harry war längst aufgefallen, dass diese Hinrichtungen immer häufiger wurden und das war nichts worüber er sich freuen konnte.

Denn es hieß, dass Voldemort immer mehr Zugang fand, so dass er es sich eher leisten konnte, unliebsame Gefolgschaft loszuwerden. Und irgendwo war es auch klar, dass dem so war. Denn auch die normale Bevölkerung hatte inzwischen bemerkt, dass die dunkle Macht in England immer mehr an Einfluss gewonnen hatte und so versuchte man sich und seine Liebsten damit zu schützen, indem man sich mit dem neuen Machthaber gut stellte. Nur dumm, dass Voldemort mit erschreckender Genauigkeit sagen konnte, wer ihm treu sein und wer sofort fliehen würde, wenn es hart auf hart kam.

Und diese Ratten schickte er zu ihm. Harry lachte leise in die dunkle Nacht hinein. Genau zum Richtigen. Frustriert schüttelte er seinen Kopf. Sollte es das sein? Seine Berufung? Müllabfuhr für Voldemort? Doch diese Frage hatte er sich in den letzten Jahren schon so oft gestellt, ohne dass er eine passende Antwort darauf gefunden hatte. Auf weiteres würde es nichts anderes für ihn geben, was sollte er denn schon groß tun?

Offen revoltieren? Er hatte es lange genug offen versucht, doch es hatte sich als dumm und aussichtslos herausgestellt. Der Erfolg steckte im Langfristigen, nicht im kleinen Sieg, der zu viele Opfer kostete. Doch er würde auch nicht weiter kommen, wenn er nur gegen die kleinen Fische vorging, denn so spielte er nur die natürliche Auslese für Voldemorts Truppen.

Aber für wirklich schmerzhafte Schläge fehlte es ihm an den Mitteln, sie würden ihm nicht gewährt werden und vor allem würde Voldemort schneller bescheid wissen als seine eigenen Leute. Er saß in der Falle, Voldemort hatte ihn still gelegt und das ohne einen Finger krumm zu machen. Eigentlich beeindruckend, wie sich alles so wahnsinnig zufällig gefügt hatte, vielleicht sollte er Voldemort das nächste Mal zu diesem Geniestreich gratulieren. Sollte er ihm denn überhaupt noch einmal begegnen.

Doch wahrscheinlich würde Voldemort sich den Triumph ihn getötet zu haben nicht entgehen lassen, auch wenn sein Ruhm inzwischen ein wenig abgeklungen war und er auch mal über die Straße gehen konnte, ohne dass ihn gleich jemand ansprach und ihn darum bat, ein Autogramm zu geben oder ein kleines Kind zu küssen. Als ob sein Kuss irgendwie Glück bringen würde.

Und endlich hörte er Schritte aus der Richtung in die Andrea gegangen war. Sehen konnte er sie erst als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, denn die schwarze Kleidung bildete in der Dunkelheit kaum wahrnehmbaren Kontrast. "Ich habe drei gefunden, der den du schon gekannt hattest war eingestürzt, die anderen beiden sind noch zu benutzen. Sie sind weiter von der Ruine entfernt.", erklärte sie und deutete wage in die Richtung aus der sie gekommen war.

Harry nickte und löste sich von der Wand. "Gut.", meinte er nur. Die Anspannung verhinderte, dass er eine längere Antwort als ein einziges Wort gab. Forschend musterte er Andreas Gesicht und suchte nach einem Anzeichen, dass auch sie es spürte, die Gefahr, die in der Luft lag, doch er musste sehen, dass nur Neugierde und leichte Erregung, wie zu jedem Einsatz, in ihrem Blick lag.

Vielleicht bildete er sich doch nur alles ein, vielleicht wurde er langsam alt und paranoid. Die Grenze zwischen extremer Vorsicht und Paranoia war ohnehin sehr schmal, vielleicht hatte er sie jetzt endgültig überschritten? Aber irgendwie konnte er das nicht glauben. Vielleicht hatte er auch einfach nur zu viel Stress und dann auch noch Malfoy der ungefragt wieder in seinem Leben aufgetaucht war, ohne Vorankündigung, ohne zu bedenken, dass er ihn eigentlich nie mehr wieder hatte sehen wollen.

"Ist alles in Ordnung? Bist du immer noch böse auf mich, weil ich zu spät gekommen bin?", fragte Andrea vorsichtig nach. Doch in ihrer Stimme schwang schon mit, dass sie bezweifelte, dass es wirklich daran lag. Harry schüttelte den Kopf. "Nein....", er zwang sich zu einem Lachen, "daran bin ich doch schon gewöhnt. Ich habe nur viel Stress in letzter Zeit.... du weißt ja wie es ist..."

Er wollte Andrea nichts von seinen Ängsten und Befürchtungen erzählen, denn er wüsste noch nicht einmal woran er sie hätte festmachen können. Außerdem wollte er sie nicht auch noch mit hineinziehen und verunsichern. Andrea war durch ihre Verspätung wahrscheinlich schon genug mit Adrenalin vollgepumpt, da brauchte es nicht auch noch die leise Stimme im Kopf, ob er nicht vielleicht doch recht hatte und irgendeine körperlose Gefahr wartete in der Ruine auf sie.

Auch die beiden anderen kehrten nach wenigen Minuten zu ihnen zurück und berichteten von den entdeckten Geheimgängen. Harry würde sie später in den Plan einzeichnen und ihnen die jeweilige Anzahl von Wächtern zuteilen. Das alles müsste noch heute Nacht geschehen. Er fragte sich, ob er in dieser Nacht überhaupt noch nach Hause zu Sam kommen würde, doch er bezweifelte es stark. Sam würde nicht begeistert sein, doch was sollte er schon tun, er konnte ja nicht einfach abhauen, nur weil sein Lebensgefährte meinte, er müsste ihn öfter zu Gesicht bekommen.

Und es wäre ohnehin nicht schlecht, wenn Sam ein wenig angepisst von ihm wäre, er hatte eh immer das Gefühl, dass Sam viel zu nett zu ihm war, wo er doch in Gedanken schon längst mit ihm Schluss gemacht hatte. Ob aus Gedanken je Realität werden würde, das wusste er allerdings jetzt noch nicht, wünschen würde er es sich eigentlich anders. Am liebsten wäre es ihm, wenn Sam von sich aus sagen würde, dass er ihn nicht mehr wollte.

Er schob alle Gedanken an Sam beiseite, denn hier auf der Arbeit hatte er auch in seinen Gedanken einfach nichts zu suchen. Er sollte eigentlich mit seinem Kopf hundertprozentig hier sein und nicht bei seinem Geliebten, nicht auszudenken wenn er eine Gefahr übersah, nur weil er gerade an seine ersehnte Trennung dachte. Aufmerksam lauschte er den Berichten der beiden anderen Teammitglieder und nickte an den Stellen, an denen es ihm passend erschien.

"Also gut, gehen wir rein. Wir teilen uns nicht auf, es wird jedes Zimmer gemeinsam betreten.", befahl er knapp, auch wenn er wusste, dass die anderen sich über eine solche Vorsichtsmaßnahme wundern würden. Aber er wollte einfach nicht riskieren, dass seine Befürchtungen Realität werden würden, denn er wollte keinen einzelnen von ihnen missen müssen. Ferdinand hob eine Augenbraue, sagte aber nichts, auch wenn man ihm deutlich ansah, dass er gerne einen Kommentar dazu abgegeben hätte.

Das Gras raschelte leise, als sie sich in ihrem kleinen Grüppchen zum Portal hin bewegten, das sie in die Burg führen würde. Harry befürchtete schon, dass es von mächtigen Verschluss- und Abwehrzaubern geschützt war, doch ein einfacher 'Alohomora' genügte überraschenderweise schon aus, um das Tor zu öffnen. Harrys Herz schlug höher, als sie vorsichtig und hinter einem starken Schutzschild verborgen die Empfangshalle betraten.

Im Inneren begrüßte sie absolute Dunkelheit. Ihre Schritte hallten viel zu laut im alten Gemäuer wider und rief unheimliche Echos hervor. Man konnte das leise Huschen von Mäusen und Ratten hören, vielleicht war es auch ein kleiner Fuchs, der hier Zuflucht vor Wind und Wetter gefunden hatte. Und da war noch etwas. Harry spitzte seine Ohren und lauschte angestrengt in die Dunkelheit hinein. Mit einer knappen Geste veranlasste er seine Mitstreiter stehen zu bleiben.

Es klang als würde eine Flüssigkeit auf Stein tropfen. Bestimmt war das Dach nicht mehr dicht. Natürlich, es konnte gar nicht mehr dicht sein, bestimmt die Hälfte davon hatte die Zeit schon vernichtet. Aber.... es hatte seit Tagen nicht mehr geregnet. Das ungute Gefühl in Harry stieg immer mehr an, mit jedem Schritt den sie weiter in das Gebäude hinein machten, und das Tropfen wurde in seinem Kopf zu einer Stimme der Warnung, die immer lauter wurde, bis sich schließlich zu einem unerträglichen Kreischen anstieg.

Harrys Hand zitterte leicht. Er konnte den Puls in seinen kalten Lippen spüren, wie er raste, als ob auch er ihn drängte, umzudrehen und so schnell es ging diesen verfluchten Ort zu verlassen. Es wäre dumm in der Eingangshalle Licht zu machen. Harry verzichtete so oft es ging darauf, denn jeder könnte sie sehen, aber sie niemanden, da ihre Augen im Fall eines Angriffes noch so ans Licht gewöhnt wären, dass sie in der Dunkelheit wie blind wären.

Doch er konnte nicht mehr. Er konnte nicht mehr ohne Licht sein, er musste wissen wo er war, wie es um ihn herum aussah und vor allem woher dieses verdammte Tropfen kam, das ihn fast in den Wahnsinn trieb. "Lumos!", wisperte er und war erschrocken, wie rau seine Stimme mit einem Mal klang und wie furchtbar laut sie widerhallte, obwohl er doch so leise gesprochen hatte.

Seine Mitstreiter keuchten auf, als das helle Licht sie blendete. "Du hättest uns wenigstens vorwarnen können....", murmelte Andrea. Harry rieb sich über die Augen, riss sie auf und versuchte sich zwanghaft schnell an das Licht zu gewöhnen. Als es seinen Augen endlich gelungen war, blieb ihm das Herz fast stehen.

Andrea neben ihm stieß einen leisen Schrei aus und hielt sich schnell die Hände vor den Mund. Harry starrte ungläubig auf das was sich vor ihnen zeigte. Leon, der sonst immer so schweigsam und ruhig war, keuchte erschrocken auf und wandte seinen Blick von dem furchtbaren Bild ab. Der jüngste der Runde, konnte es scheinbar nicht ertragen und sank wimmernd in sich zusammen.

Sie waren an Gewalt gewöhnt. Sie waren gewöhnt zu sehen, zu hören und zu riechen, wie jemand gefoltert wurde, auch an den Tod in Verbindung mit unheimlich großen Schmerzen, die jeden in den Wahnsinn treiben würde, hatten sie sich mittlerweile gewöhnt. Doch was sich ihnen hier bot, war viel schrecklicher, als das was Voldemort je getan hatte.

Fünfzig Meter vor ihnen ragte ein hoher Pfahl auf, der bestimmt über sechs Meter lang war. Er war oben angespitzt und über und über mit dunkelrotem, frischen Blut besudelt. Auf ihm steckte ein Mann. Der Pfahl war von seinem Unterleib bis zu seinem Hals durch seinen Körper getrieben worden und trat an der Stirn wieder hervor, bedeckt mit Blut und Hirnmasse. Der Körper war nicht bis zum Boden herab gerutscht, denn überhalb des Kopfes war eine Querlatte angebracht worden, an der man die Hände des Opfers mit mehreren dicken Nägeln festgenagelt hatte.

Aus den Wunden tropfte noch immer frisches Blut. Harry zwang sich genauer hinzusehen und nur so erkannte er, dass der Körper noch immer bebte vor unbändigem Schmerz. Ein gequältes Stöhnen zeigte ihm, dass er recht hatte, der Mann lebte noch. "Oh mein Gott.... es ist Trebond....", wisperte Andrea mit erstickter Stimme.

Und tatsächlich, als Harry das nächste Mal zu dem sterbenden aufblickte, erkannte er seinen Chef, der mit einem letzten, in seinen Ohren viel zu lauten, Stöhnen, sein Leben aushauchte.