„Und der dich behütet, schläft nicht."

(Elias)


Als die beiden wieder feste Form annahmen, zog Snape sofort seine Hand zurück. So schnell, als hätte sie sich während des Apparierens in heißes Öl verwandelt. Sie waren im Verbotenen Wald, wohl dem letzten Ort an dem sie mit ihm allein sein wollte. In Schottland regnete es nun aus Kannen. Die Schotten hatten etwa zehn verschiedene Wörter für Regenarten und sie unterhielten sich nicht aus Höflichkeit so viel über das Wetter, sondern weil das Thema wirklich interessant war.

Vor ihnen lag der See, und... dort stand eine graue, schmale Gestalt. Aufrecht und seltsam einnehmend. Das konnte doch nicht Harry sein? Normalerweise wäre sie auf ihn zugerannt, hätte ihn umarmt, ihm gesagt wie sehr er ihr fehlte. Hätte ihn gefragt, warum er sich nicht meldete, daß Ginny krank war vor Sorge. Aber etwas an ihm war anders, dieses „Etwas" hielt sie davon ab. Da war etwas hartes an seiner Haltung, seiner Ausstrahlung. Als ob man auf Aluminiumfolie beißt.

Sein Atem ging rasselnd, als hätte er Bronchitis.

'Harry!' rief sie stattdessen und erntete von ihm dasselbe knappe Kopfnicken, welches er Snape zudachte.

Dieser sah irgendwie gehetzt aus. Nun war Severus Snape nicht gerade ein Mann, von dem man guten Gewissens und klaren Kopfes behaupten konnte, er ruhe in sich, doch derart fahrig hatte sie ihn selten gesehen. Wieder machte sich keine Genugtuung in ihr breit.

'Portus,' sagte Harry leise, seinen Zauberstab auf ein Mobiltelefon gerichtet. Ob es wohl noch funktioniert? fragte Hermine sich zusammenhangslos. Harry bedeutete ihr und Snape, das Ding nun zu benutzen, natürlich nicht um zu telefonieren. Die drei berührten den Portschlüssel und wenige Sekunden später befanden sie sich in einem Raum. Einem kleinen Raum mit Kamin, einer Liege, einer Ledercouch, einem Regal mit einer kleinen Auswahl von Büchern und einer Ansammlung von gefüllten Phiolen.

'Legen Sie sich dort hin, Potter.' Harry gehorchte ihm sofort. Es war mehr als surreal.

Hermine fühlte sich gerade wie im falschen Film. Dieses Gefühl hatte sie des öfteren beschlichen, besonders nachdem sie ihren Brief aus Hogwarts bekommen hatte, (An Hermine Granger, das Zimmer mit den meisten Büchern) doch jetzt war es besonders gegenwärtig. Der Bruch, der in ihrem Leben stattgefunden hatte, als sie die Muggelwelt verließ, war für sie so extrem gewesen, daß sie manchmal glaubte, sie wäre mit elf Jahren fast gestorben, lag paralysiert in irgendeinem Institut in welches ihre Eltern sie gebracht hatten. Eine Einrichtung in der man seine kühnsten Phantasien ausleben durfte. Das sollte sie natürlich niemals jemandem erzählen.

Harry legte sich auf die Liege, übergab Snape den Elderstab und seinen eigenen. Er verzog das Gesicht als ob er Schmerzen hätte und seine Hand schnellte zu seiner Narbe. Hermine kannte diesen Gesichtsausdruck. Und ja, sie fürchtete ihn. So manches mal während sie sich mit Harry auf Horkrux-Jagd befunden hatte, hatte sie die Befürchtung gehabt, daß es sich hier um eine Verbindung handelte, die stärker wurde. Aber wieso starb die Verbindung nicht ab, jetzt wo Voldemort tot war?

Hermine trat an ihn heran. Er war blaß und hohlwangig, sah ungepflegt und krank aus. Und er jagte ihr fast noch mehr Angst ein als der hakennasige Mann dort, der Phiolen ordnete und in kleine Becher schüttete, die plötzlich aus dem Nichts auftauchten. Nun wußte sie auch, wo sie war. Hogwarts, siebter Stock, Raum der Wünsche.

Harry hustete ein bellendes, tiefes Husten und fluchte gleichzeitig.

'Das ist aber ein häßlicher Husten,' wußte Hermine zu sagen.

'Ja,' pflichtete Harry ihr bei und zum ersten Mal konnte sie wieder den Humor in den leuchtend grünen Augen sehen. 'Was ist eigentlich aus dem schönen Husten geworden den ich sonst hatte?'

Sie zwang sich zu einem Lächeln und griff nach seiner Hand, setzte sich. 'Wie geht es dir, Harry?'

Harry verzog den Mund zu einer Grimasse und sah aus, als könne er kaum die Augen aufhalten. 'Ich darf nicht mehr schlafen. Jedes Mal, wenn ich einschlafe, wache ich irgendwo anders auf. Um niemandem etwas zu tun, bin ich in Lupins altem Haus geblieben, der hat, äh hatte, einen Keller. Voldemort will über meinen Körper verfügen und ich kann ihn nicht...' seine Stimme brach und aus ihrem Augenwinkel nahm sie wahr, wie Snape sich näherte, lautlos, wie ein Schatten.

'Trinken Sie das,' befahl er. Und genauso gehorsam wie er sich auf dieses Bett gesetzt hatte, trank Harry nun das dickflüssige, übelriechende Gebräu, welches sie als Trunk des Friedens identifizierte. Danach schüttete Snape eine ganze Phiole des Tranks der Lebenden Toten in Harrys Mund. Dieser verzog den Mund, würgte ein wenig, lehnte sich zurück. Hermine hatte mittlerweile gelernt, daß die meisten Zaubertränke gar nicht bitter zu sein brauchten. Muggel fügten gewissen Pflegeartikeln Bitterstoffe zu, um kleine Kinder davon abzuhalten sie zu trinken, doch dies würde wohl nicht Snapes Motivation gewesen sein.

Harrys Augen schlossen sich. 'Sag Ginny, daß ich sie liebe, ja? Daß es mir leid tut.'

Sein Körper entspannte sich und Hermine wollte ihm die Brille abnehmen, doch im selben Augenblick schnellte die blasse Hand hoch, umklammerte die ihre. So kraftvoll, daß sie glaubte, er wolle ihr den Arm ausreißen.

'Relashio,' hörte sie Snape sagen und die Hand fiel wieder auf das Bett. 'Petrificus Totalus!' Harrys Körper erstarrte.

'Severus,' sagte Harry mit Voldemorts hoher, kalter Stimme und Harrys Gesicht verzog sich zu einem humorlosen Grinsen, dem Grinsen eines Irren. 'Und ich hatte gedacht, du hättest verstanden, daß es zwei Arten von Zauberern gibt. Diejenigen, die geboren sind um sich fortzupflanzen und diejenigen, die die Welt weiterbringen und für die die üblichen Gesetze nicht gelten. Wie dumm von mir anzunehmen, daß du vielleicht zur zweiten Sorte gehören könntest.'

Hermine runzelte die Stirn. Irgendwie hörten sich diese Worte an, als hätten sie auch von Dumbledore kommen können. In Bonbonpapier verpackt, natürlich.

'Silencio!'versuchte Snape, doch es gelang nicht. 'Ach Severus, ich dachte, du könntest das besser. Ich habe mich so in dir geirrt. Was ist eigentlich aus dem unsicheren, willigen Jugendlichen geworden, der so sehr bestrebt war, mir zu gefallen? Ist dieser Junge zu deinem Irrwicht geworden?' Harrys Augenfarbe wechselte von grün zu rot und nun schrie Hermine auf. Sie wünschte sich jetzt ihre wohlbekannte Geistesgegenwärtigkeit zurück, doch diese hatte sich wohl in den letzten Monaten genauso hinterhältig davongeschlichen wie es ihr flacher Bauch und ihr Beckenboden getan hatten.

Snape ging zu seinem Regal zurück, holte noch mehr vom Trank der Lebenden Toten. Hermine wußte, daß Snape ihm schon mehr als die vorgesehene Dosis gegeben hatte und protestierte.

'Er braucht jedes Mal eine höhere Dosis. Sein Körper entwickelt eine Resistenz,' belehrte Snape sie.

Hermine schüttelte den Kopf. 'Schlaftränke machen alle abhängig!' wetterte sie. Snape schnaubte verächtlich. 'Das wird wohl Potters kleinstes Problem sein.'

Harry war ruhig und betrachtete mit geneigtem Kopf und einem angedeuteten Lächeln den kleinen Schlagabtausch. Snape war in einem Satz bei ihm, bog seinen Kopf nach hinten, hielt ihm die Nase zu und leerte die Phiole. Endlich entspannte sich Harrys Körper und Hermine atmete auf.

'Setzen Sie sich,' befahl Snape und Hermine blickte zur Couch. Nein. Ein Tisch und zwei Stühle tauchten aus dem Nichts auf. In recht großem Abstand. Dieser Raum schien wohl auch subtile Wünsche zu berücksichtigen.

'Die Bücher welche Sie Dumbledores Büro entwendet haben, enthielten Informationen über Horkruxe. Liege ich da richtig?'

'Ich habe sie nicht gestohlen... Ein Aufrufezauber hat genügt und Dumbledore wollte, daß wir sie haben,' verteidigte Hermine sich hastig. Was fiel ihm überhaupt ein?

Snape beugte sich etwas vor und musterte sie.

'Albus informierte mich über die Tatsache, daß ein Stück der... Seele des Dunklen Lords in Harry Potter wohnt. Ich gehe davon aus, daß es sich hier um ein Versehen handelte.' Hermine war ein wenig überrascht. Er schien nicht viel zu wissen.

'Professor Dumbledore hat Sie nicht über Voldemorts Horkruxe unterrichtet?' fragte sie, nicht ohne einen Anflug von Hochmut in ihrer Stimme.

'Das freut Sie?' fragte Snape berechnend.

Hermines Blick wanderte zu Harry. 'Jaaa...,' sagte sie gedehnt. 'Ich kann vor lauter Glück kaum aus den Augen gucken.'

'Wenn Ihnen das Leben von Potter irgendetwas bedeutet, dann schlage ich vor, mich vollständig zu informieren.'

'Diese Verbindung...,' begann Hermine zögerlich.

'...ist keine,' unterbrach Snape sie. 'Per Definition bedeutet Verbindung, daß zwei oder mehr Aspekte miteinander verknüpft werden und in irgendeiner Weise mit einander kommunizieren, interagieren oder reagieren. Dies ist nicht mehr der Fall, seit dem Tod des Dunklen Lords. Wäre es nur eine Verbindung gewesen, dann wäre sie nach dem Tod den Dunklen Lords abgebrochen und abgestorben.'

Hermine machte eine resignierte Geste. 'Wenn Sie alles wissen, brauchen Sie mich nicht fragen.'

'Ich erwarte lediglich eine präzise Wortwahl.'

Eigentlich war ihr egal, was er erwartete, doch es ging um Harry. Sie zwang sich dazu, alle ihre Emotionen aus dem Weg zu räumen, sich von sich selbst abzuspalten und ihren kühlen, analytischen Verstand zu benutzen. Das war nicht ganz einfach, doch es funktionierte. Etwas in ihr war sicher, daß Snape wirklich daran lag, daß Snape die Welt, nein, vor allem sich selbst, vor einer neuerlichen Wiedergeburt von Voldemort bewahren wollte. Allerdings bezweifelte sie, daß ihn scherte ob Harry dabei draufging oder nicht.

'Voldemort hat seine Seele gespalten und in sieben Teile zerlegt,' begann sie. 'Er hat Gegenstände oder Lebewesen verwendet, um das abgespaltene Stück Seele zu erhalten. Das Tagebuch von Tom Riddle, einen goldenen Ring, welcher von Salazar Slytherin abstammt, ein Medaillon mit Slytherins Gravurzeichen, einen Trinkpokal, welcher Helga Hufflepuff gehört hat, das Diadem von Ravenclaw, Nagini...'

'... und Potter,' unterbrach er wieder.

Hermines Unterkiefer klappte herunter. Erst jetzt wurde ihr die wahre Tragweite dessen, was hier geschah, bewußt. Horkruxe konnten nur mithilfe von Dämonsfeuer oder Basiliskengift zerstört werden. Beides wäre tödlich für Harry.

'Ich gehe davon aus, daß alle anderen Horkruxe eliminiert worden sind?' fragte Snape.

'Ja.'

'Wie?' Er lehnte sich leicht vor.

'Harry hat das Tagebuch mit dem Basiliskenzahn erstochen, nachdem er den Basilisken im Kampf besiegt hatte...' Harry war damals zwölf gewesen. Plötzlich erschien ihr das alles sehr unrecht, doch sie fuhr fort; 'Ron hat das Medaillon mit dem Schwert von Gryffindor zerschlagen. Den Trinkpokal haben Ron und ich zerstört, mit einem Basiliskenzahn aus der Kammer des Schreckens. Den Ring hat Dumbledore zerstört. Das Diadem hat Crabbe verbrannt, als er ein Dämonsfeuer entfacht hat. Und Neville hat Nagini zerstückelt.'

In dem Dämmerlicht sah Snape plötzlich recht grau aus.

'Professor Dumbledore hat doch sicherlich noch andere Möglichkeiten gefunden um Horkruxe zu zerstören?' fragte Hermine hoffnungsvoll.

'Das hat er wohl,' antwortete Snape. Seine Stimme war so tief, dunkel, leise und bitter, daß sich ein Knoten in ihrem Magen bildete. 'Dumbledore hat mir aufgetragen, Potter davon zu unterrichten, daß er sich selbst zu opfern habe. Nur so hätte die Möglichkeit bestanden, ihn endgültig zu beseitigen. Weder Voldemort noch Potter waren dazu vorgesehen zu überleben.'

Hermines Kopf war ihr plötzlich zu schwer geworden und sie mußte ihn aufstützen.

'Professor Dumbledore hat von Ihnen verlangt, daß Sie Harry helfen sich umzubringen?'

Snape nickte.

'Und Sie haben es nicht getan?'

'Offensichtlich.'

Hermine preßte die Lippen aufeinander. Ihr Vertrauen in Dumbledore und somit in die gesamte Erwachsenenwelt schrumpfte weiter, bis auch der letzte Funken erlosch.

'Warum haben Sie nicht getan, was Dumbledore Ihnen gesagt hat?' fragte sie dennoch. 'Es lag wohl nicht an Ihrer tiefen Verbundenheit zu Harry.' Snape antwortete nicht, erhob sich, richtete seinen Zauberstab auf den blassen Jungen, der dort lag und schlief.

'Detrimentis Revelio!'

Harrys Körper glühte in goldenem Licht. Hinter seiner Stirn war ein dunkler Fleck, von dem aus sich spinnenartig Fäden durch den ganzen Körper zogen. Snapes Wortwahl, seine Ausführungen, seine Bewegungen waren kalt und mechanisch.

'Dies hier,' und er ließ ein Gebiet rot leuchten, welches direkt neben dem dunklen Fleck lag, 'Ist der präfrontale Kortex. Von hier aus werden die exekutiven Funktionen ausgeführt. Handlungsplanung, Impulskontrolle, emotionale Regulation, motorische Steuerung, et cetara. In wenigen Wochen wird dieses Gebiet vom Dunklen Lord kontrolliert werden.'

Wie konnte er so verdammt kalt sein? Wie konnte er? Es ging hier schließlich nicht um die Zubereitung eines besonders komplizierten Tranks, es ging um Harry Potter.

Hermine starrte ungläubig auf den großen Mann, der sie in diesem Augenblick an einen gewissen weißen Androiden erinnerte.

'Könnte man die... den Horkrux operativ entfernen?' fragte sie, schon ahnend, daß es eine dämliche Frage war.

'Dummes Mädchen,' sagte Snape ruhig, 'Das Gewebe ist nicht einmal fest.'

'Ein Trank vielleicht?'

'Nein.'

'Gibt es irgendeinen Zauberspruch?'

'Den Todesfluch.'

'Was weiß ich! Sie sind doch derjenige, der so in die Dunklen Künste verliebt ist. Sie hätten sich mal sehen sollen im Unterricht.'

'Vorsicht,' knurrte Snape und Verachtung und eine Spur von Ironie huschten über sein langes Gesicht.

'Ich nehme an, daß Dumbledore jetzt von Ihnen verlangt, Harry zu töten? Ich könnte mir keinen Besseren vorstellen.'

'Das ist der Plan. Ja. Es sei denn, Miss Granger, Sie strengen sich an und finden einen anderen Weg. Die Literatur liegt in Ihrem Haus und Dumbledore schien genug Vertrauen in Sie gehabt zu haben, um Sie sie öffnen zu lassen.'

Hermine blieb für einen Augenblick die Luft weg.

'Wie können Sie es wagen, mir die Verantwortung zu übertragen? Ich kenne mich mit den Dunklen Künsten nicht aus und ich verabscheue alles und jeden, der damit...'

Ein harter, böser Zug umspielte seine Lippen.

'Typisch Gryffindor.' Aus seinem Mund klang das Wort wie ein Unverzeihlicher. 'Sie wollen immer Unterschiede zwischen schwarz und weiß finden, die es in der Magie nicht gibt, wollen nur eine einzige klare Linie ziehen, weil Sie sie als Denkhilfe benötigen...' Er trat noch einen Schritt an sie heran. Snape hatte die Etikette des körperlichen Abstands nie verstanden.

Die Nähe, der Ton, ihr eigener Haß auf ihn wurden plötzlich zuviel. Instinktiv wollte sie nach ihrem Zauberstab in der Tasche ihres Umhangs greifen, doch bevor sie dazu kam, ihn zu verhexen, hielt er ihre Arme fest, drückte sie an die Wand hinter sich. Der Haken, an dem die Schutzhandschuhe gehangen hatten, die Snape noch immer trug, bohrte sich schmerzhaft in ihren Rücken. Schwarze Furcht raubte ihr die Luft. Es fühlte sich an, als würde er sie unter Wasser stuken.

'Laß mich los,' keuchte sie. Er starrte sie nur an, mit diesen unergründlichen, schwarzen Augen, die nicht lebten und nicht tot waren. Mit dem eisernen Griff seiner rechten Hand hielt er ihr beide Arme fest, seine linke Hand wanderte in ihren Umhang und für einen wahnsinnigen Augenblick war sie sich furchtbar sicher, daß er sich wieder an ihr vergehen würde.

'Ich werde Sie nicht anrühren, Granger,' entgegnete Snape und holte ihren Zauberstab aus ihrer Tasche, warf ihn auf den Boden. 'Ich hatte keine Wahl. Verstehen Sie nicht?'

Doch, sie verstand. Sie verstand, daß Snape immer nach Möglichkeiten suchte, die Verantwortung für sein Handeln auf jemand anderem abzuladen. Er hatte sie vergewaltigt. Bellatrix war schuld. Er hatte Harrys Familie zu Voldemorts Angriffsziel werden lassen. Pettigrew und Black waren schuld. Er würde Harry sterben lassen... oder ihn selbst töten. Und sie war schuld.

Da sie sich körperlich nicht von seinem Griff befreien konnte, mußte sie es verbal tun.

'Immer sind alle anderen verantwortlich, nicht wahr, Snape? Niemals Sie. Bei allem Marionettenspielen, Dumbledore wußte doch immer, wem er was zumuten konnte. Und Sie haben immer die Scheißjobs bekommen. Warum wohl?'

Der Griff lockerte sich etwas, das ermutigte sie. Jede Nacht, bevor sie einschlief, stritt sie sich in ihrem Kopf mit Snape, warf ihm so vieles vor und malte sich aus, wie sie ihn brechen könnte, so wie er sie gebrochen hatte. Die Worte strömten aus ihrem Mund, wie aus einem übervollen Gartenschlauch, an dem man endlich das Ventil aufgedreht hatte.

'Sie geben an, Harry immer beschützt zu haben? Vielleicht stimmt das sogar, dennoch haben Sie nie eine Gelegenheit ausgelassen, sein Leben noch ein wenig miserabler zu machen. Sie haben sogar so getan, als ob er die Konsequenzen des Todes seiner seiner Eltern, für den Sie verantwortlich sind, genossen hat. Haben Sie so ihre Entscheidungen vor sich selbst gerechtfertigt?' Endlich ließ er von ihr ab. Sie rieb ihr Handgelenk, auf dem sich nun rote und bläuliche Flecken abzeichneten. Er drehte sich weg.

Dann setzte sie sich wieder neben Harry, der wohl noch die nächsten Stunden schlafen würde. Snapes tiefe Stimme begann hinter ihr zu reden und ihre Nackenhaare stellten sich auf.

'Bellatrix Lestrange hätte alles getan, um die Informationen über dieses Schwert aus Ihnen herauszubekommen. Alles. Und nachdem Greyback mit Ihnen fertig gewesen wäre, wären Sie wahnsinnig gewesen und Sie hätten ihnen detaillierte Beschreibungen des... meines... Patronus gegeben. Alles andere hätten sie sich selbst zusammengereimt, Lestrange und ich waren zur selben Zeit Schüler und...' Er stockte. ' Ich hatte keine Wahl,' wiederholte er dann, wohl um es sich selbst einzureden. 'Sie hätten uns beide getötet. Und ich war unter der strikten Anweisung, meine Loyalität nicht preiszugeben.'

Sie atmete immer noch schwer, so als ob sie sich gerade mit jemandem duelliert hätte.

'Gut,' sagte sie leise. 'Ich werde Harry helfen und alles tun, damit er überlebt. Mißlingt es, ist es Ihre Schuld. Harry hätte niemals gewollt, daß sein Körper von Voldemort bessen wird, lieber wäre er gestorben. Dann werden Sie den Todesfluch sprechen und ich hoffe, daß der Anblick seiner toten, grünen Augen Sie ein Leben lang verfolgen wird.' Dann wechselte sie absichtlich vom Sie zum Du, denn sie wollte ihm wehtun. 'Und es wird trotzdem deine Schuld sein und dein Sohn wird irgendwann lernen, daß sein Vater nur ein mordender, vergewaltigender Todesser war.'

Sie nahm all ihren Mut zusammen um ihn anzusehen.

Dort stand nun ein Snape, der so aussah, als ob er vor wenigen Minuten ganz elendig zugrunde gegangen war.