Montags gegen neun Uhr trafen die drei Druiden vom EDK ein: Tau Rek war groß, kräftig und trug einen mächtigen roten Vollbart. Er sah eher wie ein gallischer Stammesfürst aus, denn wie ein Zauberer. Ismora Iulia, die einzige Frau, war runzelig und grau. Sie schien älter zu sein, als ihre beiden Begleiter zusammen und brachte außer einem röchelnden Atemgeräusch nicht viel zu Stande. Der dritte im Bunde entsprach dem gängigen Muggelklischee vom Druide: Antonio Didici war um die Einhundert Jahre alt, hielt einen mannshohen knorrigen Stock in der linken Hand und hatte schlohweiße meterlange Haare.
Snape kam sich in ihrer Gesellschaft doch wieder ziemlich jung vor. Er führte die Prüfungskommission in seinen Braukeller und reichte kleine Häppchen. Zwanghaft versuchte er sich in seichter Konversation, was ihm angesichts der Tatsache, wie sehr er so etwas verabscheute, überraschend gut gelang. Dabei hoffte er inständig, dass es bald halb zehn wurde, denn für seinen Geschmack hielten sich viel zu viele Menschen in seinem Haus auf.
Miss Pale kam dann zum Glück pünktlich die Treppe herunter gestiegen und zog die Blicke auf sich. Snape war angenehm überrascht von der dunkelgrünen, figurnah geschnittenen Robe, die sie trug und ihr sehr schmeichelte. Um die Hüfte trug sie einen geflochtenen Ledergürtel mit einer Holstertasche rechts. Da die Zunft der Zaubertrankmischer zumeist hutlos unterwegs war und ihre Haare zu kurz für ausgefallene Hochsteckfrisuren waren, hatte sie die kleinere Menge links von ihrem Seitenscheitel interessant am Kopf entlang eingeflochten. Sie sah in der Tat nicht nur sehr beflissen aus, sondern auch recht hübsch.
Die Prüfung selbst unterlag einem strengen Protokoll: Vorstellung durch den ausbildenden Großmeister mit dessen Glückwünschen; Erläutern der gestellten Praxisaufgabe durch den Lehrling und Erklären der geplanten Vorgehensweise; dann kam das eigentliche Brauen.
Zu Beginn wurde eine Probe des zu brauenden Trankes vorgelegt, um zu beweisen, dass die Rezeptur korrekt notiert und umgesetzt wurde – der Trank also wiederholt gebraut werden konnte und es sich nicht um ein Zufallsprodukt handelte. Miss Pale musste ihr Tun erklären und dabei immer wieder Zwischenfragen der Prüfer beantworten.
Snape stellte zufrieden fest, dass sein Schützling sich recht gut schlug. Nach etwas mehr als anderthalb Stunden, war der berauschende Pilztrank fertig und wurde in vier beschriftete Glaskolben gefüllt. Snape und jeder einzelne der Prüfkommission erhielt ein Röhrchen zur Untersuchung und Miss Pale durfte sich an den Tisch setzen, wo sie zwei Meter Pergament mit Fragen in neunzig Minuten zu bearbeiten hatte.
Derweil gingen die vier Beaufsichtigenden ihre einwandfreie Brauanleitung durch, untersuchten die verwendeten Zutaten und verglichen ihre eigenen Notizen untereinander. Snapes Meinung galt dabei am wenigsten, schließlich wurde ihm als Ausbilder eine gewisse Befangenheit unterstellt. Doch er hörte heraus, dass man die gestellte Aufgabe für durchaus anspruchsvoll und die angebotene Lösung für sehr überzeugend hielt.
Inzwischen hörte Severus das Geflüster der Druiden allerdings nur noch wie aus der Ferne. Sein Blick war auf Miss Pale gerichtet, die mit konzentrierter Miene über ihrer Prüfung saß. Sie erinnerte ihn stark an seine Zeit in Hogwarts. Ihre Feder wackelte eifrig hin und her, während sie ihre Antworten notierte.
Snape fand nun, dass er wirklich zufrieden sein konnte, Miss Pale als Studentin bekommen zu haben. Sie war über die Maßen talentiert und umgänglich. Eigentlich hatte er sich bisher nur selten über sie ärgern müssen und dass wollte schon etwas heißen, den prinzipiell ärgerte Snape sich ständig, wenn nicht über sich selbst, dann über andere Leute.
„Die Zeit ist um!", ließ Mr. Didici irgendwann verlauten und Miss Pale legte folgsam ihre Feder beiseite. Sie suchte den Blick ihres Großmeisters und lächelte zuversichtlich.
„Damit haben Sie es geschafft.", sagte Snape und trat neben sie an den Tisch. Das Pergament faltete sich und flog in Didicis Tasche.
„Miss Pale, erwarten Sie unsere Eule mit Ihrem Ergebnis nicht vor Ende nächster Woche. Sie verstehen sicher, dass wir außer Ihnen noch andere Lehrlinge zu prüfen haben…", sprach der weißhaarige Druide. „Selbstverständlich, Großmeister.", Miss Pale nickte. „Wer wird meinen Trank eigentlich probieren?", traute sie sich noch zu fragen.
„Die Trankproben werden nach Askaban gesandt und dort von Insassen getestet, die dann ihre Beobachtungen genau notieren müssen.", erklärte Tau Rek beiläufig.
Snape hob nur überrascht eine Augenbraue, doch Miss Pale rief entsetzt: „Das ist barbarisch!"
„Nicht wirklich…", statuierte Didici sofort. „Die Verbrechen, für die die Gefangen in Askaban einsitzen, sind weitaus bestialischer…Außerdem werden sie zur Teilnahme nicht gezwungen. Sie bekommen dafür kleine Privilegien, wie einen Tagespropheten oder einen neuen Haarschnitt. Früher war es freilich einfacher: wir kamen mit unserem Hauself zur Prüfung und die Studenten konnten direkt mitverfolgen, ob und wie ihr Trank am Elf wirkte.", er grinste dümmlich, während er der alten Zeiten gedachte. Doch Snape bemerkte, dass Miss Pale das überhaupt nicht unterhaltsam zu finden schien, denn ihre Miene verfinsterte sich immer weiter.
„Nun, wie dem auch sei…schon vor Jahren wurde es zum Trend, sich für die ‚schwächeren' Mitglieder der Zauberergemeinschaft stark zu machen…Eine Muggelstämmige schließlich hatte wohl besonders gute Kontakte zum Zaubereiminister und so wurden die neuen Rechte für Hauselfen durchgesetzt, obwohl die Elfen selber sich gar nicht schlecht behandelt vorgekommen waren…Tse. Naja…sei's drum-…"
„Die Hauselfen mussten erst lernen, was es heißt, einen eigenen Willen haben zu dürfen! Aber dank meiner Mutter trauen sich immer mehr von ihnen ihre Rechte auch einzufordern! Und auch ich würde mich jederzeit für sie einsetzen! Nicht weil es in Mode ist, sondern weil es moralisch richtig ist!".
Snape traute seinen Ohren kaum, verschwendete aber keine Zeit. „Miss Pale ist wohl etwas überarbeitet!", und zischelnd zu ihr, während er sie unsanft am Oberarm zur Treppe zog: „Machen Sie, dass Sie hier raus kommen, ehe Sie sich alles ruinieren!".
Er hatte alle Hände voll zu tun, die Wogen zu glätten, die Miss Pales augenscheinliche Frechheit aufgeworfen hatte, während sich in ihm selbst die Gedanken zu überschlagen drohten. Man widersprach Druiden vom EDK nicht einfach – schon gar nicht wenn man noch derart grün hinter den Ohren war, wie Miss Pale.
Letztlich schaffte Snape es, die Herrschaften davon zu überzeugen, dass Miss Pale einfach die Nerven durchgegangen waren und ihre Aussagen nach Beenden der Prüfung ja keinerlei Auswirkungen auf die Prüfung selbst haben dürften. Zum Glück mussten die Druiden recht bald zum nächsten Prüfling aufbrechen, sodass Severus seinen eigenen Geist sortieren konnte.
Konnte es denn ein Zufall sein, dass Miss Pales Mutter sich maßgeblich für Hauselfen eingesetzt hatte wie einst Hermine? Wie viele Muggelstämmige versuchten überhaupt etwas an der herrschenden Ordnung in der Welt der Zauberer zu ändern?
Snapes Gedächtnis rückte schließlich mit weiteren Indizien heraus, die sein Verstand akribisch gesammelt, jedoch nie ausgewertet hatte: die saubere und winzige Handschrift in den Notizen; der ausdauernde Enthusiasmus; die Wortwahl; die Mutter, die Vanitasse zu kennen schien und vor allem das Lachen, das ihm so vertraut vorgekommen war.
„Severus? Was ist denn nur los?", wurde Snape vom Gemälde-Dumbledore beim Nachdenken unterbrochen. Er war wieder einmal im Flur hin und her gelaufen, die Stirn von einer tiefen Falte zwischen den Brauen geteilt und seine Hände verkrampft zu Fäusten geballt. Das sprechende Bildnis beachtete er jedoch nicht weiter, sondern stürmte die Treppe zu den Schlafzimmern nach oben und hielt vorm Zimmer seiner Eltern. Sein Blut kochte förmlich, doch er versuchte sich zusammen zu reißen.
Denn wenn seine Schlüsse richtig waren, wovon er ausging, wollte er sich nicht noch einmal blamieren. Also atmete er sehr tief und klopfte schließlich an die Tür.
Gleich nach dem leisen „Herein!" trat er ein. Das Mädchen saß mit verquollenen Augen am Frisiertisch seiner Mutter und sah ihn gequält an. Sie sah zum ersten Mal ohne Scheu direkt in seine schwarzen Augen, denn sie hatte nichts mehr zu verbergen und er war einen Moment lang versucht, sich die Wahrheit in ihrem Kopf selbst zu suchen. Doch dann schloss er stattdessen die Zimmertür hinter sich und sagte: „Die Katze ist aus dem Sack, Miss."
„Ich hab's verbockt! So richtig! Wie unheimlich dämlich von mir!", sie nickte schluchzend.
„Was genau meinen Sie jetzt? Ihr äußerst unangemessenes Verhalten eben vor der Prüfkommission? Oder, dass Sie mich seit einem halben Jahr nach Strich und Faden belogen haben?", es gelang ihm, äußerlich ungerührt zu wirken.
„Beides…Es tut mir so leid, Sir, dass ich Sie enttäuscht und Ihr Vertrauen missbraucht habe!", man musste ihr hoch anrechnen, dass sie zwar weinte, aber Snapes Blick standhielt. „Meine Mom wird-…"
„Ich kenne Ihre Mutter, richtig?", fiel Snape ein. Seine Stimme war leise, aber fest.
Das Mädchen nickte. „Ja…"
„Wie heißen Sie wirklich?" Snape stand einfach da, sah auf seine am Boden zerstörte Schülerin und hielt sich mühsam davon ab, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.
„White…Serena White.", kam die leise Antwort.
„Der Name Ihres verstorbenen Vaters, nehme ich an?"
Sie nickte erneut. Er wollte die unausweichliche Frage einfach nicht stellen, wollte die Gewissheit noch ein wenig vor sich her schieben und so fragte er zur Ablenkung: „Wie kamen Sie auf Jean Pale?"
Serena sah ihn verdutzt an, ehe sie antwortete: „Pale als Synonym für White…und Jean ist der zweite Vorname meiner Mutter…"
„Die Idee war vermutlich von ihr?"
„Nicht wirklich…sie war zunächst dagegen…sie wollte Ihnen nichts vormachen, Sir…Sie bedeuten ihr sehr viel."
Das kam wie ein Stich von hinten ins Herz. Snape geriet ins Taumeln, fing sich aber sogleich wieder. Anders als beabsichtigt, war seine Stimme brüchig, während er sagte: „Packen Sie Ihre Sachen, Miss White. Sie reisen umgehend ab…ich will Sie hier nicht mehr sehen.". Damit drehte er sich um, riss die Tür auf und verschwand mit wehendem Umhang.
