Trotz der widrigen Umstände war die Zeit bei Círdan in Eglarest eine der schönsten, die Ereinion verlebte, denn der Schiffbauer gab sich alle nur erdenkliche Mühe, seinem Mündel die Anwesenheit angenehm zu gestalten.

Elloth und Ereinion lebten als Ehrengäste in Círdans Haus. Ereinions Tage waren geprägt von vormittäglichen Unterrichtsstunden bei den Hauslehrern, die Círdan für ihn beordert hatte. Zu Beginn floh Ereinion wie üblich vor seinen Lehrern, doch als Círdan schon nach wenigen Tagen davon Nachricht erhielt, rief er ihn zu sich zu einem Gespräch unter vier Augen. Tatsächlich schaffte er es, dem Jungen begreiflich zu machen, wie wichtig seine Ausbildung sei, damit sein Vater auf ihn zählen und er Fingon helfen könne, sein Volk zu schützen. Unabhängig davon, worin die Hilfe bestand, die Ereinion seinem Vater bieten konnte, machte dieses Argument einen sehr großen Eindruck auf den jungen Prinzen. Ab sofort lernte er mit neuem Eifer und sog das Wissen, das seine neuen Lehrer ihm vermittelten, förmlich in sich auf.

Der Unterricht dauerte bis zum Mittag an und umfasste Sprachkunde in Quenya und Sindarin, Geschichte und all die Aspekte der Politik, deren er kundig sein musste, ebenso wie er über die Völker Beleriands, ihre Geschichte und Gebräuche unterrichtet wurde. Die Mittage verbrachte Ereinion in der Regel mit seiner Mutter in den Gärten, die zu Círdans Haus gehörten, oder in der Stadt bei einem Spaziergang, wo sie all die exotischen Dinge bestaunten, die es auf den Märkten der Küstenstadt zu kaufen gab. Ereinion hatte in seinem Leben noch nie das Meer gesehen und diese unglaublich weite und riesige Fläche Wasser faszinierte ihn ungemein. Auch wenn es ein schmutziges Handwerk war, sah er oftmals den Fischern bei ihrer Arbeit zu und besah sich genauestens, was sie da aus dem Meer gefischt hatten. Oft ging er auch selbst an den Stränden entlang und sammelte Strandgut wie hübsche Steine, seltsam verdrehte Wurzeln und Muscheln, aus denen er oft Schmuck für seine Mutter bastelte.

Während der Nachmittage nahm sich Círdan so oft wie möglich Zeit für Ereinion und zeigte ihm zum Anfassen nahe, wie sein Volk lebte, zeigte ihm, dass nicht jeder in einem Palast lebte, sondern für sein Einkommen und das Essen auf dem Tisch arbeiten musste. Nicht selten flickten sie gemeinsam die Netze der Fischer und dann erzählte Círdan oftmals seinem Mündel, dass es später seine Aufgabe sein würde, all diese Leute zu leiten und zu schützen. Da schwieg Ereinion und vergaß diese Worte nie wieder. Als Gil-galad mich in seine Politik einführte, betonte er immer wieder, wie wichtig es sei, das eigene Volk zu kennen, zu wissen, wie jede der Bevölkerungsgruppen lebte. Nur dann könne man angemessen regieren. Zwar flickte ich mit meinen Onkeln nicht gleich Fischernetze, aber auch sie führten in meiner Kindheit schon lange ein für sie einfaches Leben. Auch ich weiß, wovon Gil-galad da sprach, denn ich wuchs mit dieser Erfahrung auf.

Nicht selten besah sich Ereinion mit Faszination die großen und kleinen Schiffe und Boote im Hafen von Eglarest. Es erfüllte ihn mit unbändiger Faszination, wie so ein großes und schweres Ding schwimmen und sich auch noch auf dem Wasser fortbewegen konnte. Manchmal, wenn ein besonders großes oder schönes Schiff anlegte, türmte er noch immer den Unterricht, um sich das Schiff aus nächster Nähe ansehen zu können, und wenn seine Lehrer ihn dann suchten, nutzte er die Verstecke, die Círdan ihm während seiner ersten Tage in Eglarest gezeigt hatte.

So vergingen einige Jahre und Ereinion wuchs zu einem selbstbewussten jungen Elb heran. Círdan wurde ihm in dieser Zeit beinahe so etwas wie ein zweiter Vater (obgleich Gil-galad mir gegenüber einmal sagte, dass er nie eine solche Bindung zu Círdan besessen hätte wie ich zu meinen Onkeln), denn sie unternahmen viel gemeinsam. Schon recht bald hatte Círdan seinem Mündel das Schwimmen im Meer beigebracht, und Ereinion liebte es. Alsbald war er kräftig genug, stundenlang in den strandnahen Gewässern rund um Eglarest zu schwimmen.

Círdan und Ereinion unternahmen ebenso gerne einmal gemeinsam Ausflüge in das Umland um Eglarest. Eine der Besonderheiten dieser Gegend waren die Salzgrotten, die in den Küstenklippen lagen. Dabei handelte es sich um vom Wasser ausgewaschene Grotten, die teils vom Meer durchspült waren. Über die Jahre hinweg hatten sich dicke Salzschichten an den Wänden abgelagert. Für die Falathrim waren diese Grotten Orte der Erholung, denn das Meersalz in der Luft war der Gesundheit sehr zuträglich und das sanfte Rauschen des Meeres der Entspannung. Ereinion schätzte diese Grotten sehr, insbesondere als er älter und nach und nach in seine Pflichten eingewiesen wurde, die er als Sohn des Hohen Königs zu erfüllen hatte, oder einfach nur, um Ruhe zu suchen und zu finden.

Ein anderes Ausflugsziel waren die Feuchtwälder, die der Nenning kurz vor seiner Mündung mäandernd und mit weit verzweigten Flussarmen durchzog. Auch diese Wälder waren nicht weit entfernt von Eglarest und ein beliebtes Naherholungsgebiet, die dichten Wälder waren urig und idyllisch. Obgleich die Falathrim diese Wälder oft aufsuchten, hatten sie keine Pfade angelegt, sondern nutzten ausschließlich die natürlichen Wasserwege. Da der Nenning hier im Schnitt gerade einmal einen Schritt tief war, nutzten sie flachgehende, lange Kähne, die sie mit Rudeln, langen hölzernen Stangen, durch die verschlungenen Fließe stakten. Es war eine sehr ruhige und sanfte Weise der Fortbewegung.

Aber natürlich war ein junger Elb wie Ereinion nicht nur an solch entspannenden Freizeitbeschäftigungen interessiert, sondern wollte vor allem Abenteuer erleben. Und so streifte er des Öfteren im Umland um Eglarest umher, stellten den Tieren nach (denn er wollte noch immer ein so großer Jäger wie sein Vater werden) und scheuchte die Seevögel im Riedgras auf. Manchmal verbrachte er Stunden in der Natur, mal allein, mal mit seiner Mutter oder Círdan, manchmal auch mit einigen anderen jungen Elben, mit denen er Freundschaft geschlossen hatte. Früh übt sich, was ein Meister werden will, denn ganz seines Erbes bewusst, eines Tages Soldaten im Kampf befehligen zu müssen, mache Ereinion sich kurzerhand zum Anführer dieser Bande junger Elben und führte sie in zahlreiche Schlachten gegen imaginäre Orks und anderen Ungetüme, die sie allesamt heroisch mit Stöcken niederrangen. Manchmal, wenn Ereinion von seinen Lehrern frei bekam, durften sie auch hin und wieder eine Nacht unter freiem Himmel verbringen, natürlich nie ohne Schutz. Trotzdem war dies stets ein besonderes Erlebnis für die jungen Elben.

Natürlich hatte Círdan auch nicht Ereinions Faszination für die Schiffe vergessen und so schenkte er Ereinion, als dieser zwanzig Jahre alt war, ein kleines Schiff und wies ihn in die Kunst der Navigation ein. Zu Beginn fuhren sie oft noch gemeinsam zur See, stets in küstennahen Gewässern, denn Ereinions erstes Schiff war nicht hochseetauglich. Bald hatte Ereinion genug Sicherheit gewonnen, um sein Schiff alleine zu navigieren, denn es war klein genug, dass es auch ein Einzelner handhaben konnte. Dann nahm er oft seine Mutter mit und sie fuhren tagelang an den Küsten entlang.

Trotz all der schönen Momente, die Ereinion in Eglarest verlebte, war doch stets die Sehnsucht nach Heimat und Vater präsent. Ihn trennten viele, viele Meilen von Fingon, zu viele, als dass sie sich einfach besuchen konnten, und das nagte all die Zeit an Ereinion und schmerze ihn sehr. Er wusste, dass sein Vater im Norden sein Reich als eines der letzten Bollwerke gegen Morgoth unter nicht geringen Risiken führte, und stets musste er an seinen Großvater denken, der weitab der Heimat in der Schlacht fiel. Ebenso wusste er auch um die Bedeutung dessen, dass Morgoth auf Fingons Kopf ein äußerst hohes Kopfgeld ausgesetzt hatte. In welcher Gefahr lebte sein Vater nur? In so mancher Nacht brachte die Angst um seinen Vater Ereinion um den Schlaf und nicht selten kam er dann mit Tränen in den Augen zu seiner Mutter ins Bett und versteckte sich unter ihrer Decke vor der dunklen Welt und den finsteren Gestalten in den Schatten, die dort nur ein Kind zu sehen vermochte. Seine Mutter war in diesen Tagen eine seiner wichtigsten Stützen in seinem Leben, sie gab ihm all den Trost und den Halt, den der junge Elb benötigte.

Und so schrieben Vater und Sohn sich in dieser Zeit viele Briefe. Ereinion berichtete seinem Vater, was er alles in Eglarest erlebte und wie schön es dort sei und natürlich, dass er Fingon vermisse. Und Fingon antwortete mit allerhand (erdachten) Abenteuern, die er im stets siegreichen Kampf gegen die Orks bestritt, damit sein Sohn keine Angst um ihn haben musste, ihm könne etwas zustoßen. Ereinion war noch immer jung genug, um all diese Geschichten für wahr zu nehmen, und tatsächlich halfen ihm die Geschichten seines Vaters über die Angst hinweg, die er um ihn hegte.

Aber natürlich schrieb Fingon all diese Geschichten nicht ohne Grund, denn Angband war nicht weit und der Krieg allgegenwärtig. Die Dagor Bragollach war noch lange nicht vergessen und die Gefahr erst recht nicht, die nun in Beleriand Einzug gehalten hatte.