Der Erzähler

James ist mit Lily auf dem Arm die Treppen hoch gerannt. Und er steht jetzt im Flur mit diesem komischen Muggel.

Der Mann fragt, ohne eine Spur von Verlegenheit: „Wollen Sie mich nicht in die Küche geleiten?"

Sirius kratzt sich langsam am Hinterkopf. Er fühlt sich unwohl.

"Ähm...ja...gut, folgen Sie mir."

Sirius führt den jungen Mann in die Küche. Der Mann schaut sich interessiert und neugierig um. Sirius kommt es vor, als sei dieser Mann ein Profi, in welchen Gebiet auch immer. Als hätte er das schon hundertmal gemacht, blickt er sich in der Küche um. Er scheint mit seinem Blick alles zu durchröntgen.

„Setzen Sie sich doch nach Draussen, Jake. Ich mache in der Zeit Ihren Tee".

Er sagt dies unnötig höflich.

Der Mann lächelt und sagt: „Ich sitze lieber in der Küche. Es ist noch gar nicht so warm draussen. Und zwischen diesen Felsen, na ja. Die Erbauer werden sicher ihre Gründe gehabt haben, ein solch grosses Anwesen zwischen zwei Felsen zu bauen".

Nun weiss Sirius entgültig, dass dieser Mensch, auch wenn er kein Muggel wäre, ihm zuwider ist.

„Das werden sie, ich weiss es nicht", sagt Sirius während der Mann die kurze Treppe zum unteren Teil der Küche hinunter geht.

„Sie wohnen also nicht hier", fragt der Muggel. Gerade begutachtet er mit seinem Blick die Kaffeemaschine.

„Nein, ich bin nur zu Besuch hier", antwortet Sirius.

„Wie sind Sie denn hier her gekommen? Ich meine es ist kein Auto vor dem Haus. Es ist hier eigentlich nie ein Auto vor der dem Haus".

Warum fragt dieser Muggel ihn so aus? Warum schaut er so interessiert und neugierig um sich? Ist er nur unverschämt neugierig oder ahnt er, dass James, Lily und er keine, für Muggel, normalen Menschen sind? Könnte es sein, dass er gar kein Muggel ist, sondern ein Spitzel Voldemorts? In diesen Zeiten würde ihn nichts mehr wundern. Ohne, dass er es beabsichtigt, denkt er an Andromeda. Er stockt und lässt das Glasgefäss, in dem Lily und James ihren Tee aufbewahren, fallen.

„Scheisse", murmelt Sirius.

Er bückt sich um die Scherben aufzulesen. Zu seiner Überraschung steht der Muggel auch auf und läuft zu ihm, um ihm zu helfen.

„Ist was mit ihnen", fragt er.

Auf einmal wirkt er weniger unsymphatisch. Ist er vielleicht schizophren?

„Ich bin nur übermüdet", antwortet er mehr zu sich selbst als zu dem Muggel.

Nach dem sie die Scherben aufgesammelt haben, sagt der Muggel: „Hier wird offener Tee benutzt, keine Teebeutel. Interessant, wie bei uns in Deutschland."

Sirius ist erstaunt.„Sie kommen aus Deutschland".

Nie hätte er gedacht, dass ein Muggel ihn interessieren könnte. Deutschland. Kein Land kennt die Zauberergemeinschaft weniger und kein Land ist berüchtigter, als dieses.

Rechtseitig erinnert er sich daran, dass dieser langhaarige, jetzt wieder misstrauisch ihn ansehenden, Mann ein Muggel ist. Muggel fragt man nicht aus. Eigentlich spricht man gar nicht mit ihnen und man hat erst recht keinen so nahen Umgangen zu ihnen. Eine krächzende Stimme kommt ihm in den Sinn: „Blutsverräter, Abschaum, dreckige Schlammblüter....Verräter von einem Sohn".

Nein er ist nicht wie sie. Er muss diesen Mann symphatisch finden. Er kann nichts dafür, dass er ein Muggel ist. Er ist nicht wie seine verfluchte Mutter. Sirius Black darf nicht wie seine verdammte Mutter sein.

Wie automatisch hat er den Tee, während er ihn Gedanken war, fertig gemacht. Er möchte gerade, ebenso automatisch vier Tassen aus einem Schrank holen, da kommt endlich James herunter. Der setzt sich zu dem Mann, der auch in Gedanken versunken zu sein scheint.

Der Mann fragt jedoch sofort: „Wie geht es ihrer Frau? Wo ist sie?"

„Es geht ihr gut. Sie ist im obersten Stock", antwortet James „sie nimmt gerade ein heisses Bad."

James bemüht sich nicht verklemmt zu sein, doch das gelingt ihm nicht. Er ist ebenso distanziert, wie Sirius. Der Mann verrenkt sich nun ein bischen, um durch den Rundbogen, der zum Wohnzimmer führt, einen Blick auf das Wohnzimmer zu werfen. James scheint so etwas nicht zu bemerken.

„Erzählen Sie doch mal was passiert ist.", fordert James den Mann auf.

„Hat Ihre Frau Sie denn nicht schon darüber aufgeklärt?"

Schon wieder stellt er eine Frage. Sirius ist diese ewige Fragerei irgendwie unheimlich. Er nimmt vier blau gepunktete Tassen und setzt sich zu den beiden Männern.

Auf einmal schreit Harry.

„Entschuldigen Sie", sagt James, auch etwas zu höflich „mein Sohn".

„Oh, dieser Junge, war Ihr Sohn. Wir sind Nachbarn und doch weiss ich nicht mal das. Merkwürdig. Wie alt ist er denn?".

Er muss diese Frage zu Sirius gestellt haben, denn James ist ja schon im Wohnzimmer, also antwortet Sirius knapp: „Fast ein Jahr".

„Sie scheinen die Familie gut zu kennen, sind sie öfters hier?"

Merkt dieser Mann nicht, dass seine ewige Fragerei ihm auf die Nerven geht? Sollte er ihm sagen, dass er endlich aufhören sollte mit seinen nervigen Fragen? Auf eine Diskussion mit diesem Mann hat er aber wirklich keine Lust. Es ist besser, wenn er nur das Nötigste sagt und wenn er so knapp und so missmutig antwortet, kommt dieser Idiot vielleicht selbst darauf, dass diese Fragerei unverschämt und nervig ist. Werden Muggel denn nicht erzogen?

„Ja", antwortet er also extra unhöflich.

Plötzlich hört er eine kleine Stimme sagen: „Irus"(Sirius ist ziemlich schwer auszusprechen, aber alle glauben, dass Irus Sirius bedeutet).

Harry watschelt langsam auf ihn zu, den lachenden James hinter sich.

„Ja, Irus, nimm deinen Patensohn auf den Schoss".

Sirius lacht. Er hebt Harry auf und nimmt ihn auf seinen Schoss. Harry jauchzt freudig. Harry ist immer noch der beste Gutlaunemacher.

Aber der grösste Spassabwürger fragt schon: „Er ist Ihr Patensohn? Sind Sie sein Bruder?".

Während der Mann fragt verrenkt er seinen Hals noch immer in Richtung Wohnzimmer.

James blickt Sirius mit hochgezogener Augenbraue an. Der zuckt nur leicht die Schultern.

James sagt schliesslich: „Er ist mein bester Freund und er ist Harrys Pate und fragen Sie ja nicht, ob er eine Affäre mit meiner Frau hat."

Sirius lacht laut. Nur James kann aus solch merkwürdige Fragen stellen. Nur James kann gleichzeitig witzig, ehrlich, direkt und beleidigend sein. Auch Harry lacht, obwohl er bestimmt nicht versteht um was es geht. Der Muggel lächelt kalt.

„Spass bei Seite. Erzählen Sie mir jetzt, was passiert ist. Meine Frau wollte nicht erzählen, was auch verständlich ist in ihrem Zustand".

Der Mann nickt. Wieder kommt es Sirius vor, als hätte er sich irgendwie verändert. Und jetzt weiss er auch was sich verändert hat, sein Blick. Sein Blick ist nicht mehr so unverschämt neugierig und misstrauisch.

Er beginnt mit seinem Deutschen Akzent – eigentlich ist es offensichtlich, dass der Mann aus Deutschland stammt. Diesen Akzent kann man eigentlich schlecht nicht als Deutsch deuten - : „ Ich kann nicht viel erzählen", beginnt er „ich bin spazieren gegangen. Ich ging entlang des Waldweges. Es ist war eigentlich ein glücklicher Zufall. Nur an einer Stelle kommt dieser Waldweg so nah an den Fluss, dass man jemanden im Wasser erkennen kann. Ihre Frau konnte nämlich nur leise nach Hilfe rufen. Der Strom ist so schnell und das Wasser so eisig, dass man immer wieder unter Wasser gezogen wird."

Sirius stutzt, kann man von kaltem Wasser unter Wasser gezogen werden, er unterbricht den Mann jedoch nicht, der nach seiner Ansicht ziemlich gut erzählen kann.

„Sie hat immer wieder Wasser geschluckt, so wie ich es gesehen habe. Als ich sah, dass da jemand im Wasser ist, bin ich natürlich schnellstens zum Fluss gerannt. Die Strömung war sehr stark. Was ich nun tat, tat ich deshalb in Lebensgefahr", der Mann dramatisiert ziemlich. Mit den Händen macht er überflüssige Gesten und sein Gesicht ist schauspielerisch verzogen. Ausserdem spricht er unnötigerweise sehr laut. Harry wirkt leicht verängstigt. Er klammert sich an Sirius. „Ich ging so nah, wie Möglich ans Wasser und nahm einen Stecken, an dem sie sich festhalten sollte. Ich stand auf glitschigen Steinen, was das ganze erheblich"– alles, was sich auf seinen lebensgefährliches Handeln bezieht und Wörter, wie sehr, erheblich, schnellstens oder stark betont er besonders laut und macht dabei besonders lächerliche Gesten, von denen er wahrscheinlich denkt, dass sie dramatisch wirken – „erschwert. Einmal bin ich sogar fast ausgerutscht. Ich streckte mich so weit ich konnte und schliesslich konnte Ihre Frau sich an dem Stock festklammern. Immer wieder hat die Strömung sie weggezogen. Ich konnte sie jedoch schliesslich rausziehen, was meine Kräfte in höchstem Ausmasse benötigte."

Er scheint seine Geschichte beendigt zu haben, mit sich und der Welt zufrieden – wahrscheinlich eher mit sich, ist dieser Mann nun auch noch in sich selbst verliebt? – streckt er sich auf seinem Stuhl. James scheint jedoch mit der Geschichte noch nicht zufrieden zu sein. Erwartungsvoll starrt er den jungen Mann an.

„Was ist", fragt dieser, der James' Blick auch gesehen haben muss.

„Was ist danach passiert, warum hatte Lily eine Decke?"

Sirius lächelt, nun ist James der, der fragt.

Der Mann denkt nur kurz nach, dann sagt er: „Ah ja, ich habe Ihrer Frau meine Jacke gegeben. Ich sagte ihr, sie solle hier warten, ich würde so schnell es geht wieder kommen. Dann bin ich so schnell ich konnte."– er erzählt wieder auf die gleiche Weise, genau so unterstreichend – „zu meinem Haus gerannt. Das Haus war ziemlich weit entfernt. Ich bin trotzdem so schnell gerannt, wie ich konnte. Ich war auch so schnell wieder mit einer Decke und einem Flachmann", er holt aus seiner Hosentasche tatsächlich einen Flachmann hervor „zurückgekommen. Sie hat ziemlich viel getrunken. Dann hat sie mir gesagt, wo sie wohnt und ich habe sie nach Hause begleitet."

Plötzlich fällt es Sirius, wie schuppen von den Augen. Er muss lachen. James und der Mann schauen ihn verwundert an.

„Entschuldigt", sagt er ernst.

Er hat sich wieder im Griff. Nur noch in sich hinein lacht er.

Der Mann ist kein Spitzel Voldemorts, er ist auch nicht misstrauisch, er hat auch nichts herausgefunden und er ist auch nicht wirklich eingebildet.

Er ist nur ein Schmarotzer. Aus dieser Situation will er Geld herausholen. Er hat nur darum die ganze Zeit gefragt, um herauszufinden, was sie für Leute sind, ob er sie berauben kann, ob sie Wertsachen haben, deshalb hat auch die ganze Zeit sich umgeschaut. Er hat das fälschlicherweise als Neugierde und als Misstrauen gedeutet.

Scheinbar hat er nun entschieden, dass es einfacher ist James und Lily dazu zu bringen ihm Geld für Lilys Rettung zu geben. Wahrscheinlich stammt er nicht mal aus dem Dorf. Merkwürdig, die Tatsache, dass dieser Mann, der, wie es ihm nun auffällt, ziemlich ärmlich gekleidet ist, ein Dieb und Räuber ist, macht ihn ihm auf einmal etwas symphatisch. Kleinkriminelle hatten für ihn schon immer eine gewisse Anziehungskraft.

Er schaukelt vergnügt Harry hin und her. Auch der jauchzt wieder vergnügt. Lily ist immer noch nicht zurückgekommen. Er muss James irgendwie zustecken, dass er dem Mann etwas Geld geben soll, damit er endlich geht. Er will mit James und Lily über den Vorfall reden, da gab es schliesslich immer noch ein Paar ungelöste Fragen.

Ungelöste Fragen. Das lässt ihn wieder an Andromeda denken. Er hört unwillkürlich auf zu schaukeln und er spürt tiefe Trauer in sich. Lily hatte Glück, dieser Tagedieb hat ihr das Leben gerettet. Sie hätte auch tot sein können. Lily auch noch tot, dass hätte er nicht verkraftet. Harry beginnt zu weinen.